Von Jürgen Klute (Text) und Alexander Louvet (Fotos)

Der Krieg in der Ukraine lässt Bilder von der Terrorherrschaft des IS in Syrien und im Irak in unserer Erinnerung verblassen. Ich ziehe übrigens den Gebrauch der Abkürzung „IS“ der ausgeschriebenen Version „Islamischer Staat“ vor, da der Islam als Religion genauso wenig terroristisch ist wie das Christentum, das Judentum, die jesidische Religion und andere Religionen. Von Mitte 2014 bis 2017 (Irak) und 2019 (Syrien) überzog der IS die beiden Länder mit seinem Terrorregime. Einen traurigen Höhepunkt erfuhr der IS-Terror im August 2014. Der IS griff damals die Sindschar-Region an, das zentrale Siedlungsgebiet der Yeziden.

Während der Besetzung der Region ermordeten die IS-Angehörigen etwa 12.000 Menschen, darunter rund 6.000 Yeziden. Viele Einwohner retteten sich vor dem IS, in dem sie in die höheren Regionen des Sindschar-Gebirges flohen. Dort waren sie allerdings ohne Wasser und Nahrung und ohne medizinische Versorgung eingeschlossen. Mit der Hilfe kurdischer YPG/YPJ-Kämpferinnen konnten sie sich dem Zugriff des IS entziehen. 185.000 der damals Geflohenen leben bis heute in Flüchtlingslagern. Etwa 100.000 sind zurückgekehrt in die Sindschar-Region. 2.760 Menschen – überwiegend Frauen und Kinder – werden noch vermisst oder gefangen gehalten als Sklaven. Viele Frauen und Mädchen wurden von IS-Angehörigen entführt und sexuell missbraucht.

Etwa 1.100 Yeziden sind im Rahmen eines speziellen Projektes zur Unterstützung besonders verletzlicher Frauen und Kinder nach Deutschland gekommen. Dort erfahren sie eine fachlich qualifizierte Begleitung zur Aufarbeitung ihrer Traumata. Insbesondere das Land Baden-Württemberg hat sich im Rahmen dieses Projektes engagiert und rund 1.000 YeszidInnen aufgenommen. Insgesamt sind seit 2015 etwa 75.000 Yeziden nach Deutschland gekommen.

2015 hat das US Holocaust Memorial Museum diese Verbrechen des IS an den Yeziden als Genozid, als Völkermord eingestuft. Ein Jahr später hat sich der UNO-Untersuchungsausschuss dieser Einstufung angeschlossen. Das waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Anerkennung dieser Verbrechen des IS als Völkermord an den Yeziden.

Von 2018 bis 2021 war der stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen Karim A. A. Khan KC Sonderberater und Leiter des Untersuchungsausschusses der Vereinten Nationen zur Förderung der Rechenschaftspflicht für von Da’esh/ISIL in Irak begangene Verbrechen (UNITAD). UNITAD wurde gemäß der Resolution 2379 (2017) des Sicherheitsrats eingerichtet, um die Bemühungen um Rechenschaftspflicht für von Da’esh/ISIL begangenen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zu fördern.

Im Mai 2021 bestätigte Karim vor dem UN-Sicherheitsrat, dass es ausreichend Beweise gäbe, um von einem Völkermord zu sprechen und um den IS für die von ihm begangenen Kriegsverbrechen strafrechtlich zu verfolgen. (Quelle: ICC/IPC)

Nach Artikel II der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom 9. Dezember 1948 wir ein Genozid folgendermaßen definiert:

In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

(b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;

(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;

(d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;

(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

Warum aber wurde gerade an Yeziden ein solches Verbrechen begangen? Selbstverständlich gibt es für einen Völkermord – genauso wenig wie für jeden anderen Mord – ein Entschuldigung. Dennoch stellt sich die Frage nach dem Verstehen, weshalb ausgerechnet die Yeziden Opfer dieses Verbrechens wurden. Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick die Geschichte der Yeziden nötig. Sie leben seit Menschengedenken in Mesopotamien in Sindschar, einer abgelegen Region mit Bergen und Ebenen. Bis über 6.000 Jahre lässt sich ihre Geschichte zurück verfolgen. Eine Besonderheit ist ihre Religion. Sie glauben an einen Gott und eine Schar von sieben heiligen Engel. Darüberhinaus haben sie Elemente aus der zarathustrischen Religion, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam in ihre Religion integriert. Dieser für Religion eigentlich nicht ganz ungewöhnliche Synkrestimus wurde von ihren Nachbarn immer wieder als Häresie und als Teufelsanbeterei gedeutet. Infolgedessen wurden die Yeziden im Laufe ihrer Geschichte wiederholt zu Opfern von Pogromen und Verfolgung. Der vom IS zu verantwortende Genozid an den Yeziden reiht sich diese lange Leidensgeschichte ein.

Obgleich also mittlerweile ausreichend Beweise von relevanten Institutionen für einen Völkermord vorgelegt wurden, wurden bis heute erst, so heißt es in der Ausstellung, zwei Täter aus den Reihen des IS zur Rechenschaft gezogen. Während also die Täter weitgehend unbehelligt leben können, leiden die Überlebenden des Genozids bis heute an den erlittenen Trauma oder werden nach wie vor an unbekannten Orten gefangen gehalten. Während dessen wurde die Erinnerung an dieses Verbrechen in den öffentlichen Diskussion längst überdeckt von aktuellen Kriegen und Krisen.

Um diesem Vergessen entgegenzuwirken hat Ryan D’Souza mit einem Team von elf Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen eine Ausstellung entwickelt. Die weiteren Mitglieder seines Teams stellen sich auf der Webseite des Projektes vor.

Wie D’Souza in einem Gespräch sagte, hat ihn erschüttert, dass nach all den Jahren der Untersuchungen und Beweissicherung noch immer keine systematische Strafverfolgung der Täter erfolgt.

Nobody’s listening – das ist der Titel der Ausstellung. Niemand hört zu – so die deutsche Übersetzung. Um das Weghören und das Schweigen zu durchbrechen ruft die Ausstellung die furchtbaren Ereignisse aus dem Jahr 2014 in Erinnerung.

Die reale Ausstellung – es gibt auch eine virtuelle Version der Ausstellung – besteht aus vier Elementen: Auf Texttafeln, die in englischer und arabischer Sprache verfasst sind, wird die Geschichte des Genozids erzählt. Eine deutsche Übersetzung, so D’Souza, soll noch folgen.

Worte können nur einen Teil der Geschehnisse wiedergeben. Deshalb werden die Texttafeln durch eine Fotoshow ergänzt. Sie zeigt die karge Gebirgslandschaft, in die viele Yeziden vor dem IS geflüchtet sind. Und sie zeigt die Menschen auf der Flucht.

Texte und Fotos geben die Fakten, die äußeren Dinge wieder, aber eben nicht das innere Erleben. Das spiegelt sich in einer Sammlung von Gemälden. Gemalt wurden sie, so D’Souza, sowohl von yezidischen KünstlerInnen also auch von KünstlerInnen, die nicht zur Gruppe der Opfer gehören.

Zur yezidischen Kultur gehört ein Brauch, an bestimmten Bäumen farbige Bänder zu hängen, die mit Wünschen und Hoffnungen verknüpft sind. In Anlehnung an diesen Brauch gehört zu der Ausstellung ein kleiner aus Holz nachgebildeter symbolischer Baum. Die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung sind eingeladen, auf Papierkarten mit wenigen Worten ihre Eindrücke von der Ausstellung aufzuschreiben und sie mit farbigen Bändern an die Äste des Baumes zu hängen. Viele Besucherinnen sind dieser Einladung gefolgt.

Die Ausstellung Nobody’s listening ist eine Wanderausstellung. Sie hat ihren Weg begonnen im Museum „ZKM | Zentrum für Kunst und Medien“ in Karlsruhe. Dort war sie vom 2.Oktober 2021 bis zum 23. Januar 2022 zu sehen. Vom 6. bis 28. Oktober 2022 hat die Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der EU in ihren Räumen in Brüssel die Ausstellung gezeigt. Es ist bemerkenswert und verdient Anerkennung, dass die Landesregierung Baden-Württemberg mit dieser Ausstellung eine klare Position zu diesem Völkermord bezogen hat und dazu beiträgt, dass das Leiden der Betroffenen Gehör findet und die Verbrechen des IS nicht vergessen werden und straflos bleiben. Von Brüssel wird die Ausstellung weiterziehen in die USA. Dort, so sagte D’Souza, soll sie auch in Schulen gezeigt werden.

Webseite der Ausstellung: Nobody’s listening

Fotogalerie

Fotos: Alexander Louvet

Titelbild und Fotogalerie zeigen Fotos von der Vernissage der Ausstellung in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg an der Rue Belliard in Brüssel. Alle Fotos: Alexander Louvet

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