Der Daphne-Caruana-Galizia-Preis für Journalismus 2023 geht an ein griechisch-deutsch-britisches Konsortium für die Recherche zum Untergang des Flüchtlingsboots „Adriana“ mit über 600 Toten.

Das griechische investigative Medium Solomon, die Rechercheagentur Forensis, das Rechercheformat STRG_F der ARD und die britische Tageszeitung The Guardian brachten gemeinsam ans Licht, wie die Handlungen der griechischen Küstenwache zum Untergang der Adriana beitrugen. Auch zeigten sie Ungereimtheiten in den offiziellen Angaben der griechischen Behörden auf. Das Schiffsunglück vor Pylos war der tödlichste Untergang eines Flüchtlingsboots in der jüngeren Geschichte.

Die Preisverleihung fand im Daphne-Caruana-Galizia-Pressesaal des Europäischen Parlaments in Straßburg statt. Daran teil nahmen neben Parlamentspräsidentin Roberta Metsola auch die für den Preis zuständige Vizepräsidentin Pina Picierno und die Vorsitzende des Berliner Presse Clubs Juliane Hielscher als Vertreterin der 28-köpfigen unabhängigen europaweiten Jury.

Parlamentspräsidentin Metsola erklärte: „Jedes Jahr ehren wir das Andenken an Daphne Caruana Galizia mit einem Preis, und erinnern eindringlich an ihren mutigen Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit. Weltweit werden Journalisten wegen ihrer Arbeit angegriffen, doch mutig trotzen sie den Versuchen, sie zum Schweigen zu bringen. In diesem beharrlichen Kampf für die Wahrung der Pressefreiheit und des Medienpluralismus in Europa und weltweit ist dieses Parlament ein standhafter Verbündeter.“

Bei der Preisverleihung im Namen des prämierten Konsortiums äußerte Iliana Papangeli von Solomon: „Das tragische Geschehen hat uns dazu veranlasst, die sogenannten europäischen Werte und die Haltung der EU zum Schutz menschlichen Lebens in Frage zu stellen – ungeachtet von Pass, ethnischer Zugehörigkeit, Gender, Behinderung oder sozialem Stand. Unsere gemeinschaftliche Recherche hat aufgedeckt, wie brutal und einschränkend die Migrationspolitiken der EU tatsächlich sind, was schlussendlich zu einem enormen Verlust an Menschenleben geführt hat.“

Vom 3. Mai bis zum 31. Juli dieses Jahres hatten mehr als 700 Journalistinnen und Journalisten aus den 27 Mitgliedstaaten ihre Beiträge eingereicht. Aus den zwölf Beiträgen, die in die engere Wahl kamen, wählte eine Jury den Gesamtsieger.


Der preisgekrönte Beitrag

Das Konsortium untersuchte die Ereignisse rund um den Untergang des Fischdampfers Adriana. Das Flüchtlingsboot war am 14. Juni dieses Jahres rund 50 Seemeilen vor der Küste von Pylos im Südwesten Griechenlands gekentert. Mehr als 600 Flüchtlinge, die einige Tage zuvor in Libyen in See gestochen waren, verloren bei dem Unglück ihr Leben.

Im Rahmen der Recherche befragte das Konsortium über 20 Überlebende. Die Journalistinnen und Journalisten hatten auch Einblick in Gerichtsdokumente und Unterlagen der Küstenwache. Sie fanden heraus, dass Möglichkeiten zur Rettung nicht genutzt und Hilfsangebote nicht angenommen wurden. Die Aussagen der Überlebenden deuten außerdem darauf hin, dass Abschleppversuche der griechischen Küstenwache zum Untergang des Flüchtlingsboots führten. Die Küstenwache wiederum bestritt, versucht zu haben, das Boot abzuschleppen.

Die verhängnisvolle Nacht wurde von Forensis mit einem interaktiven 3D-Modell der Adriana nachgestellt. Die Simulation beruht neben Daten aus dem Logbuch der Küstenwache und der Aussage ihres Kapitäns auch auf Flugrouten, Seeverkehrsdaten und Satellitenbildern sowie auf Videos von Schiffen, die sich in der Nähe aufhielten, und anderen Quellen.

Folgende Teams waren an der Arbeit zu dem Beitrag beteiligt:

Für Solomon: Stavros Malichudis, Iliana Papangeli, Corina Petridi

Für Forensis: Stefanos Levidis, Christina Varvia, Georgia Skartadou, Andreas Makas, Ebrahem Farooqui, Dimitra Andritsou, Peter Polack, Eyal Weizman, Jasper Humpert, Miriam Rainer, Salma Barakat, Zac Ioannidis, Elizabeth Breiner

Für Strg_F (ARD): Armin Ghassim, Sulaiman Tadmory, Timo Robben, Sebastian Heidelberger

Für The Guardian: Giorgos Christides, Katy Fallon, Lydia Emmanouilidou und Julian Busch


Über den Preis

Der Daphne-Caruana-Galizia-Preis wurde vom Präsidium des Europäischen Parlaments im Dezember 2019 zu Ehren der maltesischen Enthüllungsjournalistin und Bloggerin ins Leben gerufen. Daphne Caruana Galizia hatte sich dem Kampf gegen Korruption verschrieben. 2017 war sie bei einem Autobombenanschlag getötet worden.

Jedes Jahr um den 16. Oktober – den Tag ihrer Ermordung – werden mit dem Preis herausragende journalistische Leistungen ausgezeichnet, mit denen die Prinzipien und Grundwerte der Europäischen Union gefördert und verteidigt werden. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichstellung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte.

Der Preis steht allen professionellen Journalistinnen und Journalisten sowie Journalistenteams offen – die Staatsangehörigkeit spielt dabei keine Rolle. Eingereicht werden können journalistische Beiträge, die von Medien in einem der 27 Mitgliedstaaten der EU veröffentlicht oder ausgestrahlt wurden. Mit dem Preis soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie wichtig professioneller Journalismus ist, um Freiheit, Gleichstellung und Chancen für alle zu sichern.

Die unabhängige Jury besteht aus Presse und Zivilgesellschaft aller 27 Mitgliedstaaten sowie einer Vertreterin bzw. einem Vertreter der Internationalen Journalisten-Föderation.

Mit dem mit 20 000 EUR dotierten Preis zeigt das Europäische Parlament, dass es sich für Enthüllungsjournalismus und Pressefreiheit starkmacht.

Im Oktober 2021 ging der Daphne-Caruana-Galizia-Preis an das Journalistenteam rund um das Pegasus-Projekt des Konsortiums Forbidden Stories.

Vergangenes Jahr – im Oktober 2022 – wurde eine Koproduktion von Découpages / Arte G.E.I.E. für einen Dokumentarfilm über den russischen Einfluss in Afrika mit dem Preis ausgezeichnet.


Wer war Daphne Caruana Galizia?

Daphne Caruana Galizia war eine maltesische Enthüllungsjournalistin, Bloggerin und Korruptionsbekämpferin. Sie berichtete eingehend über Korruption, Geldwäsche und organisiertes Verbrechen, aber auch über den Handel mit Staatsbürgerschaft und die Verwicklung der maltesischen Regierung in die Affäre um die Panama-Papiere. Dafür wurde sie eingeschüchtert und bedroht. Am 16. Oktober 2017 starb sie bei einem Autobombenanschlag. Die Skandale rund um die Ermittlungen der Behörden im Mordfall Daphne Caruana Galizia führten zum Rücktritt von Ministerpräsident Joseph Muscat. Das Europäische Parlament äußerte im Dezember 2019 heftige Kritik an den Ermittlungspannen und forderte die Kommission zum Handeln auf.

(Pressedienst des Europäischen Parlaments)

Titelbild: Award Ceremony Daphne Caruana Galizia Prize for Journalism 2023; © European Union 2023 – Source : EP

 

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