Von Frederik D. Tunnat

Es ist nur 7 Wochen her, da verfasste ich den Artikel „Am Horizont droht Trump und Putin ante portas“. Inzwischen ist eine Menge passiert, was meine schlimmsten Befürchtungen langsam aber sicher grausame Realität werden lässt.

So gelang es Trump, ohne ein offizielles Amt im Senat oder Repräsentantenhaus der USA auszuüben, die Republikaner in beiden Häusern zu einem Kotau vor sich zu zwingen: Trump zwang wider besseren Wissens seine Parteifreunde, sowohl dringend erforderliche Militärhilfe für die Ukraine wie für Israel ebenso zu verweigern, wie ein Grenzabkommen, dass die ausufernde, ungeregelte Einwanderung in die USA in kontrollierbare Bahnen gelenkt hätte. Außerdem gelang es ihm, seinen Prozess wegen des Aufstands am 6. Januar in Washington zu stoppen, sodass dieser kaum beginnen wird, bevor Trump erneut ins Weiße Haus einzieht, von wo er dann die Angelegenheit mit einem Federstrich endgültig beenden wird. Der Supreme Court der USA, die letzte legale Hürde für Trumps inzwischen kaum noch abwendbaren Wahlsieg im November, signalisiert bereits, ebenfalls vor Trump und seinen aufrührerischen Anhängern kapitulieren zu wollen. Statt die juristisch kaum abweisbaren Äußerungen des Obersten Gerichts des Bundesstaats Colorado zu nutzen, Trump eine Grenze aufzuzeigen, scheinen die obersten Richter der USA nur nach einer gesichtswahrenden Lösung für ihr eigenes Überleben zu suchen. Sie werden Trump nicht nur nicht stoppen, sie ermöglichen ihm den Durchmarsch durch die letzte Instanz.

Wir werden daher mit inzwischen an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen diktatorischen Präsidenten der USA bekommen, der im zweiten Anlauf nicht nur umfassende Rache an all jenen plant, die ihn, seine Majestät Trump seiner Meinung nach beleidigt, nicht unterstützt, bekämpft haben. Er wird die USA auf ein Niveau mit den Diktaturen Chinas und Russlands und Nordkoreas zwingen. Er wird die Nato beerdigen, den atomaren Schutzschild der USA aus Europa abziehen und ohne mit der Wimper zu zucken, Europa Putin und seinem stalinistisch-hitlerschen ausgerichtetem Russland in den Rachen werfen. Die Bundeswehr wird Putin daran nicht hindern können, da sie aktuell mehr auf dem Papier, denn real existiert. Vor Putins Zugriff vermutlich sicher die beiden europäischen Atommächte Frankreich und England.

Damit geht mein, unser aller Zeitalter, das von einem nahezu 80 zig jährigem Frieden in Europa geprägt war, mit Pauken und Trompeten vor die Hunde, anders ausgedrückt: unter!

Dieser Tage fühle ich mich stärker als je zuvor an Heinrich Mann und seine Memoiren „Ein  Zeitalter wird besichtigt“ erinnert. Mann nahm darin die Geschichte Europas, beginnend mit der Französischen Revolution über Napoléon und das 19. Jahrhundert, hin zum wilhelminischen Deutschland, in den Fokus. Sehr kenntnisreich, die Mechanismen klar durchschauend und beschreibend, die Beginn und Fall der Weimarer Republik markierten, sowie den als Zeitzeuge durchlebten Aufstieg Hitlers und dessen Nationalsozialismus. Manns Buch endet mit seinen leidvollen Erfahrungen als Emigrant in den USA, sowie seinem prophetischen Ausblick auf die absehbare vollständige Zertrümmerung des Großdeutschen Reiches.

Wir, d.h. sie, die Leser, wie ich, werden aktuell Zeugen davon, wie ein psychisch kranker Mann, der statt ins Weiße Haus unbedingt in eine gute Psychiatrie gehörte – wie weiland Hitler und Stalin – Gelegenheit erhält, all das, was nach dem letzten Weltkrieg an Demokratie, Wohlstand und Sittlichkeit aufgebaut wurde, binnen kurzer Zeit zu zertrümmern.

Unser so oft während der vergangenen Jahrhunderte geschundenes Europa, das in seinem westlichen Teil beginnend, nach 1990 auf den östlichen Teil ausgreifend, einen Zustand der Einigkeit und des Wohlstands erreicht hat, der einzigartig ist in seiner langen, wechselvollen Geschichte, steht wieder davor, mit Krieg und Zerstörung überzogen zu werden, steht davor, durch einen nahezu geistesgestörten Machthaber, der sich als Reinkarnation früherer Zaren mit geradezu göttlichem Auftrag sieht, wieder einmal willkürlich geteilt unter eine diktatorische Herrschaft gezwungen zu werden. Trump der andere Geistesgestörte von jenseits dem Atlantik wirft seinem Kumpel im Geiste Putin dabei den Ball vor die Füße.

Vor zwei Tagen nahm ich im winterlichen, bitterkalten Vilnius Abschied von einem nahezu 97 Jahre altem litauischen Greis, dessen Leben mein wie große Abschnitte des Lebens von Heinrich Mann umfasste. Geboren 1927 nahe Novo-Syventsyani, im damals polnisch okkupierten Teil Litauens, weshalb nicht Vilnius, sondern Kaunas damals als Hauptstadt fungierte, wuchs gezwungenermaßen zweisprachig auf: mit Litauisch als seiner Muttersprache und Polnisch, als Sprache der Besatzer.

Mit acht Jahren verlor er seine Mutter, sodass sich die Großeltern seiner annahmen. Der Vater ergab sich dem Suff und fiel folglich für seine beiden Söhne aus.

Die abgebildete Karte zeigt das seinerzeit zu einem Drittel besetzte Litauen, wie die heutige von Russland mit Krieg überzogene Ukraine nahezu ein Drittel ihres Staatsgebiets an die russischen Angreifer verloren hat.

Als der erwähnte Greis zwölf Jahre alt war, teilten Hitler und Stalin Osteuropa unter sich auf, weshalb die Sowjetunion 1939 den östlichen Teil Polens besetzte. Sie überließen das zwischen 1919 bis 1939 polnisch besetzte Gebiet Litauen, zwangen dessen Regierung jedoch, sich der Sowjetunion politisch zu unterwerfen. 1941, der Greis war damals 14 Jahre alt, besetzte Hitlers Nazi-Wehrmacht Litauen und das Baltikum, auf dem Weg nach Leningrad und Moskau. Der Junge musste die Verfolgung, Deportation und Tötung des jüdischen Teils der litauischen Bevölkerung miterleben, darunter Bekannte und Freunde von ihm.

Ganze drei Jahre währte die Besatzung durch Deutschlands Nazis, dann eroberten Sowjettruppen das Baltikum und somit Litauen. 1944 endete die seit 1939 ohnehin nur noch auf dem Papier existente kurzzeitige Unabhängigkeit Litauen, indem das Land von Stalin als Litauische Sowjetrepublik einverleibt wurde. Der litauische Widerstand versuchte, in der Hoffnung auf Unterstützung durch England und die USA, bewaffnet Widerstand gegen die Sowjetarmee zu leisten. Nach fünf Jahren waren die Freiheitskämpfer entweder getötet, oder fielen Stalins landesweiter grausamer Deportation zum Opfer. Stalin ließ ab 1949 hunderttausende Litauer, ganze Familien und Familienverbände nach Sibirien in Straflager verschleppen, wo Zehntausende von ihnen umkamen.

Der Greis, 1945 achtzehn Jahre alt geworden, wurde statt nach Sibirien in die Sowjetarmee gezwungen. Weit hinter dem Ural leistete er seine dreijährige Militärzeit ab. Was er von dieser für ihn bedrückenden, grausamen Zeit berichtete, klang für meine Ohren ungemein grausam. Doch was den nach Sibirien verschleppten Litauern widerfuhr, war ungleich grausamer.

Zurück in der Sowjetrepublik Litauen, zog der junge Mann in die neue Hauptstadt Vilnius, weil dort zahlreiche neue Fabriken und Häuser gebaut wurden, um das bis dahin fast rein agrarische Litauen zu industrialisieren. Er wünschte sich eine Familie. Dazu war es nötig, zunächst einige Jahre hart zu arbeiten, unter heute ungemütlichen Arbeitsbedingungen, um etwas Geld ansparen zu können, ein paar Auszeichnungen einzuheimsen, die halfen, als jung gebackener Held der Arbeit, eine Neubauwohnung in einem Plattenbau zugeteilt zu bekommen, und dadurch eine Familie gründen zu können.

Es fand sich eine hübsche, gebildete Frau, aus einer zu Sowjetzeiten nicht sehr angesehenen Intellektuellenfamilie. Vater und Brüder der Braut waren Ärzte geworden, anders als der als Rechtsanwalt arbeitende Vater. Ärzte wurden auch zu Sowjetzeiten gebraucht, weshalb man bei ihnen über die Bildung und das Herkommen aus einer bourgeoisen Familie hinwegsah. Die Frau des Greises hatte studiert und arbeitete in der Bibliothek von Vilnius. Im Lauf der Jahre stieg sie zur Leiterin auf, während der Held der Arbeit sich zu einem Maschinen- und Werkzeugspezialisten entwickelte, dessen Rat ständig gesucht wurde, da die Maschinen im Sowjetimperium oft stillstanden und einer Reparatur bedurften.

Nun wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, in die alles beherrschende Partei einzutreten. Doch der Greis, der aus einer einfachen, aber sehr gottesfürchtigen Familie stammte, wollte mit der Partei schon deshalb nichts zu tun haben, damit er ab und an heimlich an den verbotenen, untersagten Gottesdiensten, die konspirativ stattfanden, teilnehmen konnte. Die herrlichen alten Kirchen, von denen Vilnius voll ist, waren entweiht, und dienten auf Stalins Befahl als Lager für Kohlen, Kartoffeln und andere Dinge.

Doch trotz seiner Weigerung, sich von der allgegenwärtigen Partei vereinnahmen zu lassen, war sein Expertenrat als Maschinist in ganz Litauen und den angrenzenden Sowjetrepubliken gefragt. Daher gab sich die Partei zufrieden, bestand jedoch darauf, den Held der Arbeit gemäß der Vorstellungen eines Arbeiter- und Bauernstaats zu fördern. So kam es, dass der gute Mann, obwohl kein Parteimitglied oder Kader, Urlaubsgutscheine für sich und seine Familie erhielt, die zu Sowjetzeiten nur den Parteimitgliedern und der Nomenklatura vorbehalten waren.

Da im gewaltig maroden Sowjetreich Korruption blühte und gedieh, kam der Greis unbeabsichtigt, dank des vielen zugesteckten Geldes, der vielen Rubel, zu einem für Sowjetverhältnisse annehmbarem Wohlstand. Er erhielt Land außerhalb Vilnius zugeteilt, auf dem er eine Datscha baute, mit Material von den Baustellen des staatlichen Baukombinats, das jedoch für einen gefragten Maschinisten auf wundersame Weise von den Baustellen der Stadt in seinen Garten wanderte. Natürlich ignorierte er die zahllosen Bauvorschriften, unterkellerte die Datscha und baute sie ein paar Quadratmeter größer als erlaubt. Doch der Bauaufseher sah großzügig darüber hinweg.

So gingen die Jahre des Sowjetimperium ins Land. Gorbatschow kam an die Macht, dann Jelzin, dann flog das, was mal eine Weltmacht gewesen war auseinander. Litauen ergriff die Chance und wurde 1990 unabhängig. Doch noch standen zehntausende russische Soldaten im Land. Am 13. Januar 1991 ließ Moskau sein Militär mit Panzern ausrücken und zum Fernsehturm von Vilnius fahren, um die Sender abzuschalten und so die Meinungshoheit zurückzuerlangen. Halb Vilnius war auf den Beinen und die Mutigsten versammelten sich am Fuß des Fernsehturms, um die Panzer und Soldaten daran zu hindern, die freie Meinungsäußerung erneut zu unterdrücken.

Der Greis war zwar inmitten der friedlichen Menschenmenge, die sich mit ihren Körpern den russischen Panzern in den Weg stellten, doch glücklicherweise nicht an jener Stelle, in die drei Panzerfahrer, die die Nerven verloren, hineinfuhren. Insgesamt 14 Demonstranten starben, doch schließlich zogen sich die Soldaten und Panzer zurück in ihre Kasernen. Die ersten freien und unabhängigen Wahlen in Litauen konnten am 8. Februar 1991 stattfinden. Von knapp 85 Prozent der litauischen Wähler entschieden sich überwältigende 90,5% für die Unabhängigkeit ihres Landes.

Der Greis weinte Freudentränen, als ein Land im August 1991 von westlichen Ländern anerkannt wurde und seine Unabhängigkeit damit offiziell wurde. Ein misslungener Putsch in Moskau gegen Gorbatschow hatte dafür gesorgt, dass sich der Westen mutig genug zeigte, die jungen aufkeimenden Demokratien in Osteuropa zu unterstützen. Ein misslungener Putsch fand auch in den USA statt, vor drei Jahren. Der Initiator und heimliche Dirigent der Ereignisse in den USA, Donald Trump, lebt noch immer auf freiem Fuß, ja ist dabei, sich erneut an die Macht zu bringen.

Statt nach der Unabhängigkeit in den wohlverdienten Ruhestand zu wechseln, drehte der Greis, seinerzeit junge 64 Jahre alt, noch einmal richtig auf. Aus der Konkursmasse der untergegangenen Besatzungsmacht sicherte er sich eine Maschine zum Herstellen von Schuhen und ein Stück Wald vor den Toren der Großstadt. Mit der Maschine stellte er selbst Schuhe her, die während dieser gesellschaftlichen und politischen Umbruchphase Litauens selten gegen Geld ihren Besitzer wechselten, aber gegen eine Menge Tauschgüter.

Der Greis brachte es im jungen, unabhängigen Litauen zu einer schönen, für litauische Verhältnisse geräumigen Wohnung von 80 qm, kaufte und schenkte seiner Tochter eine kleine Wohnung, und sparte, nachdem sich die Schuhe gegen Geld verkaufen ließen, bevor die Konkurrenz mit ihren Filialen das Land überzog und den Greis arbeitslos machte, ein kleines Vermögen an, das nun, nach seinem Tod seinen Enkeln und der Tochter zugutekommt.

Er starb als geachteter Mann, freier Bürger eines unabhängigen demokratischen Landes, Mitglied der EU und Nato, am Vorabend einer Entwicklung, die schnell dazu beitragen kann, dass all das, was sich seit 1991 entwickelte, endet. Denn exakt in Litauen erwartet die Nato, so es zu einem von Russland und seinem Diktator Putin ausgelösten Krieg kommt, den ersten Angriff. Die heraufziehende Gefahr war dem Greis bewusst, weshalb er die letzten Monate noch häufiger in die Gotteshäuser von Vilnius ging, um für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Landes und für eine freiheitliche, demokratische Zukunft für seine Enkel und Urenkel zu beten.

Auf der Trauerfeier hielt ein litauischer Jude, enger, langjähriger Freund des Greises, eine ergreifende Rede. Der Jude, Schriftsteller und früher hochrangiger Beamter in einem Ministerium nach der Unabhängigkeit, fiel vor ca. 12 Jahren einer antisemitischen Rufmordkampagne zum Opfer. Eine Tochter von ihm hat einen Israeli geheiratet und lebt in Tel Aviv. Sollte Litauen ein weiteres Mal seine Unabhängigkeit an Russland verlieren, dann, so gestand mir der Mann, wird er, trotz hohen Alters, seiner Tochter nach Israel folgen. Fraglich nur, ob Israel, wenn Trump dem Land die Unterstützung der USA ebenso entzieht, wie der Ukraine, überhaupt noch eine Zufluchtsstätte für Juden aus aller Welt sein kann?

Wohin wir auch blicken, welches Individuum wir betrachten: Es zeigt sich, wie existentiell und dramatisch unser aller künftiges Schicksal von zwei Menschen abhängig sein wird, die statt an die Schalthebel der Macht zweier Atom-Supermächte, in die Psychiatrie gehören. Unser Zeitalter, das des friedlichen demokratischen Europas kommt an sein Ende, Trump und Putin werden dafür sorgen, erst gemeinsam, später sicher gegeneinander. Man kennt derartige Kämpfe und Wendungen vom unseligen Verhältnis zwischen Hitler und Stalin. So oder so, keine rosigen Aussichten für unser aller Zukunft.

Titelbild: KnitSpirit_CC_BY-NC-ND_2-0 via FlickR

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