Von Frederik D. Tunnat

Oh, Deutschland, meine ferne Liebe,
Gedenk ich deiner, wein ich fast!
Das muntre Litauen scheint mir trübe,
Das leichte Volk wird mir zur Last.

Nur der Verstand, so kalt und trocken,
Herrscht in dem witzigen Vilnius –
Oh, Narrheitsglöcklein, Glaubensglocken,
Wie klingelt ihr daheim so süß!

Höfliche Männer! Doch verdrossen
Geb ich den art’gen Gruß zurück. –
Die Grobheit, die ich einst genossen
Im Vaterland, das war mein Glück!

(Text unter Verwendung Heinrich Heines 1839 verändert)

Verfolgt man, aus dem Ausland, so wie ich, als freiwilliger Exilant, was aktuell in Ampel-Deutschland nicht vor sich geht, sich alles nicht ereignet, oder wie sich was ereignet, landet man unweigerlich – früher oder später – bei Heinrich Heine, dem berühmten deutschen Exilanten des 19. Jahrhunderts, der sich aus seinem französischen Exil in Paris an seinem voller Hass-Liebe vermisstem Deutschland abarbeitete.

Seit einigen Jahren, während der ich im freiwilligen Exil in Litauen lebe, ergeht es mir ähnlich. Die deutschen Probleme und Befindlichkeiten berühren mich, treiben mich um, da es mir halt noch immer am Herzen liegt, das Land, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, dessen frühe bundesrepublikanische Verfasstheit und Struktur mich prägte und formte. Umso mehr leide ich, wie weiland Heine, an den aktuellen deutschen Verhältnissen, die das Land erneut zum kranken Land Europas, wenn nicht gleich der ganzen Welt, machen.

In diesem Zusammenhang fällt mir immer stärker auf, dass Deutschland und die Deutschen, seine Medien, Politiker und Meinungsforscher eine überaus erotische Affinität zu jeglicher Form von Statistik haben. Fast kein Tag vergeht, an dem man nicht lesen, hören oder sehen kann, wie abgrundtief die Umfragewerte der aktuellen Ampel-Koalition gesunken sind, während die Neo-Nazis fröhliche Urstände feiern, ja sich aktuell gar anschicken, wie weiland 1933 Hitler, handstreichartig das politische System zu kapern und eine Bundeskanzlerin stellen wollen, die vermutlich, kaum an der Macht, den neuen, diesmal weiblichen Führerkult ausrufen wird.

Abseits der desaströsen politischen Umfragewerte, wird in Deutschland permanent alles und Jeder vermessen und in eine Statistik gepresst: da nimmt die Mittelschicht dramatisch ab, die Armut erreicht Weimarer Niveau, Superreiche besitzen praktisch – je Statistik 90 oder gar 95% der Republik, während das Heer der Habenichtse, also 95% der Deutschen praktisch nichts besitzen, außer Schulden. Mal stehen hunderttausende Wohnungen, besessen von gierigen Spekulanten, leer, obwohl Millionen Menschen dringend eine Wohnung suchen. Da kommt die gesamte Bautätigkeit praktisch zum Erliegen, weil die Regierung stümperhaft an einem neuen Heizungsgesetz herumwerkelt, bei dem es weniger um ernsthafte Lösungen zur Behebung der Klimakrise geht, denn um handfeste Politik und Symbolik für eine vergleichsweise geringe politische Klientel.

Da werden bereits die ersten apokalyptischen Reiter ausgesandt, dergestalt, dass Rentner, die das enorme Pech hatten, nach einem Leben voller Arbeit, Plackerei und Sparens, sich entweder eine große Mietwohnung oder gar ein Eigenheim zu sichern – da sie so dumm waren, als junge Menschen drei oder gar fünf Kinder in die Welt zu setzen, heutige Steuerzahler, um nun von selbst ernannten Experten unhöflich vor die eigenen Tür, bzw. Wohnung oder Haus komplimentiert zu werden, da heutige Migranten mit ihrem enormen Kindersegen, oder von Hartz IV oder Mindestlohn dahin vegetierende Familien, ebenfalls mit großem Kindersegen, jene Wohnungen und Häuser dringend benötigen, während die Alten sich erdreisten, einen langen Lebensabend in ihren eigenen vier Wänden verleben zu wollen.

Gerade Letzteres mutet für Menschen hier in Litauen mehr als seltsam an. Hier, wo je nach Statistik – jede ist halt nur so gut wie Derjenige, der sie gefälscht hat – 89 bis 94 % aller Menschen über Wohneigentum verfügen, sprich in der Regel eine Wohnung oder ein Häuschen ihr eigen nennen. In der Realität sieht es allerdings so aus, dass in den meisten litauischen Familien ein paar Wohnungen, nebst ein bis drei, vier Häusern existieren, da die eine oder andere Oma und Opa verstorben sind, und deren altes Haus auf dem Land, deren Plattenbauwohnung sich inzwischen auf Kinder oder Enkel vererbt hat.

Ein derart gut mit Immobilien ausgestattetes Land kann zahllose Diskussionen aus dem fernen Deutschland, in denen es darum geht, Eigentümer zu enteignen, Wohnungsmieter vor die Tür zu setzen, nur schwer bis gar nicht nachvollziehen. Auch die gespenstische Diskussion um geplante und tatsächlich gebaute Wohneinheiten, die aktuell, monströs aufgebläht vom neuen Heizungsgesetz, nahezu zum Erliegen kommende Bautätigkeit in Deutschland, kann wackeren Litauern nur ein müdes, mitleidiges Lächeln ins Gesicht treiben.

Hier geht man mit der Bauerei und den Klimaschutzvorgaben der EU wie der eigenen Regierung stattdessen pragmatisch um. Mittlerweile werden hier in Litauen nahezu keine privaten Wohnhäuser mehr unterkellert. Das spart! Sollte man mal den Deutschen nahelegen. Ferner reagieren die litauischen Bauherren auf die Kostenexplosion der Baumaterialien, indem sie den Grundriss ihrer Häuser verkleinern. Oder sie verzichten auf den Dachausbau, jedoch nie darauf, sich den Traum vom Eigenheim trotz Inflation, Preisexplosion vermiesen zu lassen. Den teuren deutschen Baufirmen zeigen Litauer einfach einen Vogel, indem sie nahezu sämtlich ihre Häuser selbst, eventuell gemeinsam mit Familienmitgliedern, selbst bauen. Das spart ungemein. Ich habe in der Nachbarschaft, ca. 300 Meter entfernt, beobachtet, wie ein einziger, wackerer junger Litauer binnen vier Jahren allein ein schmuckes Einfamilienhaus hochgezogen hat. Das hängt damit zusammen, dass Litauer ja weniger verdienen als Deutsche. Folglich werden sie, falls sie bei einer Bank um eine Hypothek anfragen, oft negativ beschieden, obwohl hier noch nicht einmal eine Schufa existiert. Also lösen die Litauer auch dieses Problem pragmatisch. Sie sparen ihr überwiegend schwarz verdientes Geld aus Zweit- und Drittjobs und kaufen davon Material, wenn genug Geld beisammen ist. Dann wird wieder am Haus gewerkelt, bis das Material verbraucht ist. Man wartet, bis erneut Geld für neues Material beisammen ist usw. Deshalb ziehen sich zahlreiche hiesige Bauprojekte privater Bauherren über Jahre, in der Regel 3-5 Jahre in die Länge, haben jedoch hinterher den Vorteil, dass die Bauherren mitsamt Familie in einem schuldenfreien, weil bereits voll bezahltem Haus wohnen. So löst der Großteil der Litauer, die neu bauen, trotz all der Auflagen und Probleme, die auch Deutschlands Bauindustrie umtreiben, mit pragmatischen, simplen Lösungen ihr Problem.

Sollte bei diesen Ausführungen nicht in vielen, wenn nicht sämtlichen deutschen Köpfen ein enormes inneres Klingeln anheben? Weshalb stellt Jedes und Alles in Deutschland ein Problem dar, für dessen Lösung die Deutschen ihre Regierung, den Staat, kurzum Andere verantwortlich machen, während in einem kleinen, grundsätzlich ärmerem Land wie Litauen sehr praktische Lösungen gefunden werden, von dem Einzelnen?

Apropos Schufa, dem geheimnisumwittertem Score und dem Umgang der Banken mit den Informationen der Schufa, die eher der Kaffeesatzleserei ähneln, denn tatsächlich belastbaren Fakten. Ich will das an meinem eigenen Beispiel verdeutlichen. Nach einem vollkommen schufakonformem Leben, weist mein persönlicher Basis-Score einen unglaublichen Wert von 99,34% auf. Damit sollte ich eigentlich zu jenen Kunden gehören, für die jedwede Bank den roten Teppich ausrollen sollte, so dieser Kunde, bedingt durch welche Umstände auch immer, um ein Darlehen nachsuchen würde. Doch weit gefehlt. Der ganze Schufa-Score Hokuspokus erweist sich nämlich angesichts eines der deutschen K.O. Kriterien als völlig unsinnig: da ich inzwischen 70 Jahre alt bin, erscheint deutschen Banken, selbst meiner Hausbank, bei der ich seit 25 Jahren mein Konto führe, ihr Risiko trotz eines traumhaft guten Scorewerts als zu risikoreich, mir ein paar zehntausend Euro zu leihen. Ob und wie litauische Banken reagieren würden, vermag ich nicht zu sagen, da ich dort kein Konto führe. Doch vermutlich würde man auch in diesem Fall pragmatischer und flexibler reagieren, als deutsche Banken, denen ein lebenslang aufgebauter exzellenter Scoringwert wegen Altersdiskriminierung halt nichts wert ist.

Noch ein paar Merkwürdigkeiten, in Bezug auf deutsche Statistiken und deren Auslegung bzw. Interpretation treiben mich, als Exildeutschen, um: so behauptet die vom Auswärtigen Amt und dem Bundesfinanzministerium erarbeitete Statistik nach wie vor, die Lebenshaltungskosten in Litauen seien 25 bis 30% geringer als jene in Deutschland. Tatsächlich haben sich binnen der letzten zehn Jahre die Durchschnittsverdienste beider Länder rasant angenähert. Während die Einkommen in Deutschland, speziell im Niedriglohn und der Leiharbeit stagnierten bzw. real zurück gingen, erhöhten sich die Einkommen in Litauen im Durchschnitt seit 2009 jedes Jahr zwischen 10 bis 15%. Zeitgleich übertrafen die Zuwächse bei den Mietpreisen und Immobilien die angeblich rasante Entwicklung in Deutschland erheblich. Beigefügte kleine Statistik (sie stammt von der EU Statistikbehörde) beweist es.

Unschwer abzulesen: die Mieten stiegen in Deutschland gerade mal um 25%, in Litauen dagegen um 160%; die Hauspreise legten in Deutschland um 80% zu, in Litauen um 145%.

Die Inflation der letzten beiden Jahre, nach der Pandemie, beträgt 18-21% in Litauen, in Deutschland 6-10%. Wie also die offiziellen deutschen Statistiken ein derart unrealistisches Bild zeichnen können, ist mir schleierhaft. Die einzige Erklärung: der Staat fälscht seine Statistiken, da diese Einfluss darauf haben, wie viel Unterhalt z. B. ausländische Väter an ihre deutschen Frauen oder Kinder zu zahlen haben, bzw. um wie viel deutsche Behörden Leistungen ins Ausland kürzen können – mit Verweis auf die offiziell falsche Statistik.

Mit all den Unmengen an Statistiken, die in Deutschland täglich, wöchentlich, monatlich erstellt und medienwirksam unters Volk gebracht werden, wird aktiv Lobbyarbeit und Politik betrieben. Es wird den Menschen Sand in die Augen gestreut, sie werden gezielt und bewusst manipuliert, damit Interessengruppen, aber auch Politik und Staat sich weiterhin auf unrealistische Daten und Fakten berufen können. Diese Diskrepanz, zwischen dem, was behauptet wird und dem, was Realität ist, lässt sich, das zeigen die aktuellen Umfragewerte, nicht länger verbergen. Ein Großteil der Menschen in Deutschland fühlt sich zu recht betrogen und in die Irre geführt. Daher wenden sie sich aus Protest oder Verzweiflung den Neo-Nazis in Form von AfD etc. zu.

Ich kann den aktuell Regierenden, als ein kritisch Beobachtender aus dem Ausland, nur dringend anempfehlen, sich endlich ehrlich zu machen, ihre Klientelpolitik zu beenden, und sich den tatsächlichen Nöten und Problemen weiter Teile der Deutschen zuzuwenden, diese angehen und pragmatisch zu lösen. Andernfalls sehe ich, dass sich ein Szenario wiederholen wird, dass sich vor 90 Jahren im damaligen Deutschland der Weimarer Republik abspielte und in einer beispiellosen Katastrophe endete. Um es erneut mit Heinrich Heine zu sagen: Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht.

Titelbild: Bundestag by Gastarbeiter CC BY 2.0 via FlickR

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