Eindrücke aus Lyon vom July 2019

Beitrag von Jürgen Klute

In diesem Sommer war ich ein paar Tage in Frankreich in den Cérvennes, im Süden, auf einem ökologischen Bauernhof und habe dort ein paar Tage Ziegen gehütet und gemolken. Eine ganz andere Erfahrung als die üblich Alltagserfahrung.

Ich habe mal ausprobiert, ohne Auto nach Südfrankreich zu kommen. Mit Bus und den französischen Bahnen geht das sehr gut und extrem preisgünstig. Dauert halt nur etwas länger. So habe ich auf der Hinfahrt eine Nacht in Paris übernachtet. Und auf der Rückfahrt eine in Lyon.

Das erste, das mir aufgefallen ist, sind die wirklich gut funktionierenden und preisgünstigen Bahnverbindungen. Und die Bahnhöfe sind gepflegt. Und es gibt ausreichend Mitarbeitende, die man bei Bedarf ansprechen kann – nicht nur in Französisch.

Das zweite sind die Bio-Läden und Bio-Kaufhäuser, die sowohl biologische als auch regional produzierte Produkte anbieten. Selbstverständlich ohne Plastikverpackungen oder überhaupt ohne Verpackungen. Das ist eine völlig andere Welt als in der BRD.

Das beeindruckendste war allerdings Lyon. Was ich dort wahrgenommen habe, scheint mir auch aus linker Sicht interessant zu sein (und nicht nur aus grüner). Im Zentrum von Lyon gibt es das Geschäftsviertel Part-Dieu. Das war ursprünglich eine reines Geschäftsviertel ohne Wohnbebauung mit allen Problemen, die solche Viertel außerhalb der Geschäftszeiten haben.

Dieser Stadtteil wird komplett umgebaut. Das ist eine enorme Investitionsleistung, die privat und öffentlich erbracht und von öffentlicher Hand gestaltet und gesteuert wird. Der Umbau begann schon 2010. Er soll 2030 abgeschlossen sein.

Ziel des Umbaus ist es, aus dem reinen Geschäftsviertel wieder ein auch bewohntes Viertel zu machen. 2000 Wohnungen sollen neu entstehen. Dafür werden auch ein paar der alten Geschäftsgebäude abgerissen. Die Wohnbebauung soll eine Mischung aus Sozialwohnungen und höherpreisigen Wohnungen sein.

Die Verkehrsinfrastruktur soll deutlich verbessert werden – auch für Fahrrad, Roller und andere Alternativen zum Auto.

Der Bahnhof Part-Dieu – der größte Personenbahnhof Frankreichs – soll vergrößert werden um ein 12. Gleis (also keine Effizienzsteigerung durch Verringerung der Zahl der Gleise und Steigerung des Durchsatzes mittels verkürzter Haltezeiten wie in der BRD), damit der Bahnbetrieb noch reibungsloser läuft und die Reisenden ausreichend Platz haben. Es wird zudem eine neue Galerie für die Ticket-Schalter gebaut und eine neue Durchgangshalle, die nicht mit Geschäften vollgestopft wird, sondern die einen zügigen Durchgang zu den Bahnsteigen sichern soll. Außerdem gibt es in französischen Bahnhöfen grundsätzlich viel Raum, in dem Fahrgäste auf ihre Züge warten können (also keine Restaurants, sondern öffentliche Warteräume) und in dem du WiFi hast und viele Steckdosen für Handy und Laptop. Das ist selbst in Provinzbahnhöfen wie in Nimes so, meinem Zielbahnhof auf dem Weg in die Cérvennes.

Außerdem hat man bei dem Umbau im Blick, dass durch den Klimawandel die Städte mit besonders starken Temperaturanstiegen konfrontiert sind. Deshalb sollen 600 Bäume in Part-Dieu angepflanzt werden. Über ein vernetztes Bewässerungssystem sollen sie auch in Trockenzeiten mit ausreichend Wasser versorgt werden. Die Bäume dienen der Kühlung der Stadt. Und sie bieten natürlich auch Schatten für die Menschen in den Straßen.

Der Boden im Bereich des Stadtviertels soll so dick sein (z.B. über Tiefgaragen), dass er ohne Probleme das Anpflanzen von Grün erlaubt, ohne das Sträucher und Bäume vertrocknen.

Zudem gibt es noch ein weiteres Kühlsystem. Für eine der bestehenden Tiefgaragen muss das Grundwasser abgepumpt werden, damit die Garage nicht unter Wasser gerät ­– der Stadtteil liegt unweit der Rohne. Dieses Wasser soll zukünftig auch zur Kühlung des Stadtteils genutzt werden. Der Strom für die Pumpen soll aus umweltverträglichen Quellen kommen.

Das ganze läuft unter dem Thema Smart City. Der ökologische Aspekt steht aus klimapolitischen Gründen im Vordergrund. Aber soziale Aspekte spielen immerhin eine Rolle, wie beim Wohnungsbau. Es soll also kein Luxusghetto gebaut werden. Die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur (einschließlich ÖPNV – z.B. Elektrobusse, hochmoderne Straßenbahnen ohne Oberleitungen – gibt es teils schon in Strasbourg und Bordeaux –, etc.) hat eben auch eine soziale Seite. Der ÖPNV ist in Frankreich ehe deutlich günstig als in der BRD. Und auch der Ausbau von Verkehrsinfrastruktur für Fahrräder, Roller, etc. hat eine soziale Dimension. Diese Mobilitätsalternativen werden in Lyon (wie auch in Paris) intensiv genutzt.

Kommt man aus solch einem Stadtteil im Umbau (und auch anderen Teilen Frankreichs) zurück nach Deutschland mit all seinen Verhinderungsdiskussionen und seinen Bedenkenträgern, dann beschleicht einen das Gefühl, in eine völlig abgehängte Provinz zu kommen. In eine Provinz, in der nur noch kaputt gespart wird. Trotz der Konflikte um die Gelbwesten scheint mir Frankreich mittlerweile einen enormen Entwicklungsvorsprung vor Deutschland zu haben.

Vielleicht liegt das auch an der anderen politischen Struktur Frankreichs. Es gibt zwar mittlerweile auch die Regionen. Sie spielen aber bei weitem nicht die Rolle, die die Länder in der BRD spielen. Das heißt, für Politiker*innen gibt es nur zwei Profilierungsebenen: die nationale und die kommunale. Das scheint dazu zu führen, dass in Frankreich – zumindest in den Großstädten – auch Spitzenpolitiker engagiert sind. Das sieht man dann an der Entwicklung von Städten wie Lyon, aber auch Paris (mit der ökologischen Stadtpolitik von Anne Hidalgo als Bürgermeisterin der Innenstadt von Paris), Bordeaux und auch Straßburg. Ein weiterer Aspekt ist die mit großem Abstand bessere Ausbildung der Mitarbeitenden in den Verwaltungen in Frankreich, in den Spitzenpositionen durch die ENA. Da kommt die Bundesrepublik schlicht nicht mit.

Hier ein paar Zeitungsartikel zu Lyon (zwei aktuellere leider nur in Französisch):

Der Stadtumbau von Lyon entspricht sicher nicht in Reinkultur einem linken Projekt. Aber in dem Sinne, dass die öffentliche Hand den Prozess steuert, dass öffentliche Infrastruktur geschaffen wird und dass z.B. bewusst ein Anteil von Sozialwohnungen in einen solchen Innenstadtbereich gebaut wird (hier also kein Reichen-Ghetto entstehen soll), hat es schon linke „Farbtupfer“ und es hat einen deutlichen grünen Charakter. Und: Es ist ein zukunftsorientiertes, klimapolitisch relevantes langfristiges Investitionsprojekt.

In diesem Sinne kann dieses Projekt in Lyon eine Orientierung für eine linkere Stadtentwicklung- und Investitionspolitik sein.

Man muss sich nur einmal vorstellen mit Blick auf Lyon, was man in Berlin mit dem Umfeld des neuen Hauptbahnhofs hätte machen können, hätte man in Berlin solch kompetente Kommunalpolitiker*innen wie in Lyon oder Paris und entsprechende Stadtplanungsbehörden und Stadtplaner.

Titelbild / Fotos:  Jürgen Klute CC BY-NC-SA 4.0

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