Von Frederik D. Tunnat

Obwohl die Abkürzung PISA für „Programme for International Student Assessment“ steht, sieht es zunehmend so aus, als sei der Begriff tatsächlich vom schiefen Turm zu Pisa abgeleitet, denn ähnlich dem mittelalterlichen Turm, der sich im Lauf der Jahrhunderte so bedenklich neigte, dass man sich vor einigen Jahren entschloss, ihm eine aufwändige Hydraulik zu spendieren, mit deren Hilfe sich der Neigungswinkel stabilisieren und korrigieren lässt, so erweist sich die seit zwei Jahrzehnten ausgeführte PISA-Studie ebenso anfällig für eine gefährliche Schieflage, in diesem Fall von Bildungssystemen, wie dem in Deutschland.

Als ich die diesjährigen Studienergebnisse las, fiel mir eine Äußerung meines ehemaligen Deutschlehrers ein, die ich seinerzeit für abwegige, ungerechtfertigte Propaganda hielt, ausgesagt einzig, um unsere mangelnde Motivation anzuspornen. Besagter Lehrer behauptete nämlich damals – im Jahr 1969 – um unsere Leistungen in Deutsch und in Mathematik stünde es erbärmlich. Mein Lehrer verstieg sich gar zu der entrüstenden Aussage, eine Schülergeneration vor uns, also die Kriegsgeneration, hätte als Hauptschüler fundierteres Wissen und tiefere Lernkenntnisse gehabt, als wir Mittelstufenschüler. Mich erboste diese nicht beweisbare Behauptung derart, dass sie sich mir tief ins Gedächtnis einbrannte. Dass mir stets, wenn ich, wie gerade in der Pisa-Studie, vom wissenschaftlich dokumentierten Leistungsverfall deutscher Schüler lese, die Bemerkung meines geschätzten Lehrers einfällt, ist kein Zufall. Es zeigt, dass lange bevor – nicht ohne Grund – begonnen wurde, mittels Studien a la Pisa, das Leistungsniveau europäischer Schüler zu erfassen, um es vergleichbar mit Schülerleistungen weltweit zu machen, der inzwischen bewiesene Leistungsabfall einsetzte.

Langjährigen Lehrkräften, wie dem zitierten, der sich, als besagte Aussage fiel, bereits auf eine zwanzigjährige Erfahrung als Lehrer beziehen konnte, fiel bereits in den späten 1960er Jahren auf, dass und was sich beim Vermitteln des Schulstoffes bei seinen Schülern veränderte, wie er an den sich verschlechternden Noten im Klassen- wie Schuldurchschnitt ablesen konnte.

Die „Medizin“ der letzten drei, vier Jahrzehnte, den signifikanten Leistungsabfall aller Schüler, durch die Bank und durch sämtliche Schultypen, dadurch kaschieren zu wollen, indem das Leistungs- und speziell das Benotungssystem permanent nach unten „angepasst“ wurde, weshalb inzwischen Leistungen, die früher mangelhaft oder gar ungenügend waren, von heutigen Lehrkräften aus diversen Gründen, darunter der Vermeidung von Stress mit Eltern und Schülern, als befriedigend oder gar gut bewertet werden, ganz so, als falle das Leistungsdefizit nicht spätestens anlässlich der Abschlussprüfungen, beim Abitur oder in den Anfangssemestern der Universitäten und Fachhochschulen unweigerlich auf, darf als gescheitert angesehen werden.

Aus meiner Sicht sind eine Reihe von Faktoren für die eingetretene, schwarz auf weiß nachlesbare Bildungsmisere verantwortlich. Ein ausschlaggebender Aspekt liegt nicht bei Schulen und Lehrern, sondern innerhalb der Familien. Die weich gespülten Methoden, mit denen Eltern mehrheitlich ihre Sprösslinge groß werden lassen, sind augenscheinlich nicht wirklich hilfreich und förderlich. Statt eines ausgewogenen Leistungsanspruchs und -denkens, in Bezug auf die Lernleistungen der Kinder, wird diesen vielfach vermittelt, der geliebte Mittelpunkt der Welt zu sein, dessen selbst geringste oder unzureichende Leistungen in den Himmel gelobt werden. Statt erzieherische Leitplanken vorzugeben, innerhalb deren Kinder ihr Verhaltensrepertoire ausprobieren und festigen können, werden sie, wie weiland die armen Kinder in Summerhill, sich und ihren unausgegorenen Emotionen selbst überlassen. Dass sich die angeblich tolerant und völlig frei, ohne jeglichen Zwang durch Vorgaben Erwachsener „erzogenen“ Summerhill-Kinder als junge Erwachsene bitterlich bei ihren Eltern und Erziehern über diese Form der Nichterziehung beschwerten und anmahnten, statt grenzenloser Freiheit eben jener begrenzenden Leitplanken bedurft zu haben, um sich kindgerecht entwickeln zu können, scheint heutigen Eltern, wie der vorhergehenden Generation, „entfallen“ zu sein, oder schlicht als Bildungslücke im eigenen Erziehungskosmos zu fehlen.

Während Kinder der sogenannten Bildungselite Deutschlands aus diversen Gründen und Motiven heraus um die erforderlichen Leitplanken ganz oder weitgehend gebracht werden – aus falsch verstandener Kinderliebe und ideologischen Gründen – ist es bei dem seit drei, vier Jahrzehnten zunehmendem Drittel der Kinder aus migrantischen Elternhäusern deren religiös oder ideologisch bedingte Bildungsferne, die diesen Kindern enorme Lernprobleme mit auf den Weg gibt.

Doch jenseits des nach wie vor essentiellen Elternhausparts im Zusammenhang mit Erziehung und Schule, kann die fatale Entwicklung in deutschen Lehrer- und Schulkreisen während der letzten 50 Jahre nicht ignoriert werden.

Wurde beispielsweise meine Nachkriegs-Generation noch teilweise im Zweischichtenbetrieb unterrichtet, was meint, dass Lehrer speziell im Grund- und Hauptschulbereich, damals Volksschule genannt, die jedes Schulkind bis zum Übergang auf weiterführende Schulen durchlaufen musste, so er/sie nicht ab dem 6. Lebensjahr einem Internat anvertraut war, was jedoch üblicherweise erst im Alter von 10 bis 12 Jahren passierte. Angesichts der geburtenstarken Jahrgänge, der aktuell in Rente gehenden Generation, und dem mindestens ebenso großen Lehrermangel kurz nach dem Krieg, griffen Politik und Kultusbehörden damals zur einzig möglichen Alternative gegen uneingeschulte und nicht unterrichtete Kinder: sie betrieben die Schulen im Schichtbetrieb. Morgens wurde eine Hälfte der Schüler, bei Klassenstärken zwischen 30-40 Schülern, von denselben Lehrern unterrichtet, die am Nachmittag die andere Schülerhälfte unterrichtete. Diese Situation stellte nicht nur die Lehrer vor enorme Herausforderungen, auch für Schüler war es nicht unproblematisch, sich am Nachmittag unterrichten zu lassen, statt spielen zu können. Dennoch erzielte dieses aus der absoluten Not geborene Modell vorzeigbare Erfolge. Das absolute Gros der Schüler lernte zuverlässig Lesen und Schreiben, konnte am Ende der Grundschule mit den Grundrechenarten ebenfalls zuverlässig umgehen, beherrschte das kleine Einmaleins, verfügte über lesbare Schönschrift. Die acht bis zehn Prozent, die bei dem damaligen strikt leistungsorientierten System durch den Rost fielen landeten auf der Sonderschule. Der Rest war es gewohnt, dass Leistung erwartet wurde, und es für mangelnde Leistung entsprechende Noten gab, die zuhause in der Regel schmerzhafte Diskussionen nebst handfester Reaktionen zeitigten. Ich möchte betonen, dass es in meiner Familie verpönt war, körperlich zu strafen oder in irgendeiner Weise handgreiflich gegenüber Kindern zu werden. Obwohl mir folglich die „Motivation“ und Erfahrung der körperlichen Strafe fehlte, anders als dem Gros meiner damaligen Mitschüler, waren wir ungeschlagenen Kinder deshalb nicht weniger leistungsorientiert und motiviert als die zu diesem Zweck verprügelten. Das Nonplusultra für das damalige Elternhaus waren die noch üblichen Noten für das Betragen in der Schule, sowie die Entwicklung von Handschrift und den Lesefortschritt.

Die Lehrer, auf deren Schultern diese enorme, über ca. sechs bis acht Jahre anhaltende Ausnahmesituation ruhte, waren ungleich schlechter bezahlt, als die Pädagogen seit den 1980er Jahren. Ich erinnere einen Lehrer, der uns mindestens einmal pro Monat erzählte, wie sehr er sich ärgere, Lehrer geworden zu sein, statt Bergmann, wie viele seiner ehemaligen Mitschüler. In den 1960ern bis Mitte der 1970er Jahre verdienten bestimmte Handwerker, eben Bergleute, Autoschrauber etc. deutlich mehr als Lehrer. Diejenigen, die damals Lehrer wurden, waren es aus innerer Überzeugung und pädagogischer Veranlagung. Nicht wie die Lehrer, die in den 70er und 80ern studierten und teils bis heute Dienst tun. Unter ihnen befindet sich bereits eine beträchtliche Anzahl solcher Lehrer, die keine „Berufung“ zum Lehramt verspürten, sondern wegen Verbeamtung, langer, bezahlter Ferien und relativ viel Freizeit diesen speziellen Beruf ergriffen.

Wir haben es folglich aktuell mit einer wachsenden Anzahl an Lehrkräften zu tun, deren Motive, diesen Beruf zu ergreifen, weit abseits pädagogischer Berufung und schon gar nicht pädagogischer Begabung liegt. Dies hatte und hat erhebliche Auswirkungen auf die Art, wie sie unterrichten und was sie ihren Schülern vermitteln. Dieser neue Lehrertyp setzt völlig andere Prioritäten als frühere echte Pädagogen: ihnen ist ihre Freizeit, besonders ihre Urlaubszeit, heilig. Ihre Lehrtätigkeit erleichtern sie sich durch zugekaufte, fertige Konzepte engagierter Kollegen, die sich ein Zubrot als Schulbuchautoren verdienen. Wer ohne eigenes Konzept und selbst erarbeitete Materialien seinen Unterricht bestreitet, lustlos bis unmotiviert, dringt naturgemäß nicht sonderlich durch zu seinen Schülern. Dies die andere Wurzel der gegenwärtigen Malaise.

Der dritte und mittlerweile überaus erhebliche Aspekt für miserable PISA Ergebnisse liegt im und am Bildungsföderalismus der Bundesrepublik. Prinzipiell müsste ein föderales System kein Manko sein, doch seit den 1970ern entdeckten die Parteien Deutschlands mit wachsender Begeisterung die Möglichkeiten, die ihnen speziell durch die einstmals 11, heute 16 Kultusministerien zur Verfügung stehen. Ähnlich Stalin, der das Schul- und Bildungssystem Russlands in Sinn und Interesse seiner Ideologie und Partei umbaute, verfolgten die verschiedenen CDU/CSU, SPD, FDP geführten Koalitionsregierungen in ihren Bundesländern stets auch sorgfältige Vorsorge um künftige Wähler. Sie ließen bei jedem Regierungswechsel, ohne Rücksicht auf vor- und nachher, noch auf Nachbarbundesländer, neue Lehrpläne und Richtlinien erarbeiten, die stets das politische Weltbild der führenden Regierungspartei spiegelten und sich kaum um die tatsächlichen Belange der Schüler und Schulen scherten. Wie schwer sich die parteischwangeren Kultuspolitiker selbst mit geringsten Kompromissen tun, zeigt die Arbeit der Kultusministerkonferenz und deren mangelhafte Zusammenarbeit mit dem Bundesbildungsministerium. Hinzu kam, je nach parteipolitischem Gusto, die Präferenz für bestimmte Methoden, pädagogische Sackgassen-Lösungen, das permanente Ummodeln von Schultypen, Klassen, Richtlinien für Lehrer usw. Das Ganze, wie gesagt, seit 1990 16 Mal, bei sagen wir durchschnittlich 4 Regierungswechseln im Lauf von 33 Jahren, macht abenteuerliche 64 pädagogisch-politische Umstrukturierungen innerhalb Deutschlands, Gewurstel, rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln, Hü und Hott usw. innerhalb des bundesdeutschen Schulsystems. Kein Wunder dass dann solche PISA Ergebnisse erzielt werden!

Das Dreigestirn aus föderaler Kultuspolitik, Lehrkräften, wie Eltern – Letztere auch als Wechselwähler – haben gemeinsam, mit unterschiedlichen Anteilen, zum durch PISA dokumentierten Leistungsabfall beigetragen. Nur gemeinsam und konzertiert, sprich aufeinander abgestimmt, sowie mit konsequentem Zurückschneiden des föderalen, parteipolitisch orientierten Bildungswildwuchses, durch Verlagerung gewisser Kompetenzen auf die Bundesebene, wird sich an der Misere etwas verbessern. Ohne dass die heutigen Eltern das Helikoptern und überbehütende Betreuen einstellen, dem Ausmaß der sogenannten Sozialen Medien nebst Nutzung von Handy, PC etc. etwas Einhalt gebieten, wird es kaum zu ernsthaften Fortschritten schülerseits kommen. Ferner bedarf es, im Rahmen einer reformierten Einwanderungsgesetzgebung, endlich klar formulierter Vorgaben und Anforderungen an Einwanderer, wie: die deutsche Sprache zu erlernen, sich auf dem Boden des Grundgesetzes und unserer demokratischen Ordnung zu verhalten, sowie im erforderlichen Maß bei der Erziehung und schulischen Bildung der eigenen Kinder mitzuwirken, statt diese Aufgabe an eine überforderte Bürokratie und den Staat zu delegieren.

Dafür sehe ich allerdings Rabenschwarz, bei der gegenwärtigen Verfasstheit der Bundes- und Landesregierungen, der im Land um sich wabernden Wokeness und den realitätsfernen Politikern, wie der sie tragenden Parteien.

Dabei ließe sich, mit Anleihen an die dramatischere Situation in den 50ern und 60ern, der aktuelle Lehrermangel locker mittels eines zeitweiligen Schichtsystems an Schulen beheben, bis innerhalb von 6-8 Jahren neue, zusätzliche Lehrer ausgebildet werden. Das seit Jahrzehnten nicht mehr angewandte Dienstrecht für Beamte eröffnet Politik und Kultusbehörden alle notwendigen Möglichkeiten, eine solche Lösung ohne lange Diskussion und Zerreden umzusetzen. Doch da sich das Gros unserer Landes- wie Bundespolitiker längst aus unzähligen verbeamteten Lehrern speist, dürfte die Bereitschaft, den eigenen Berufsstand dergestalt zu fordern, nicht vorhanden sein.  Also auf zur nächsten, noch niederschmetternden PISA Runde, auf das der daraus entstandene schiefe Bildungsturm endlich einstürze. Spätestens dann, wenn es bereits zu spät ist, wird bildungspolitisches Handeln unbedingt erforderlich sein.

Titelbild: Pisa tower, by Ed Weber CC_BY 2.0 DEED via FlickR

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