Ende Mai 2022 habe ich eine Fahrradtour durch Brüssel gemacht mit Studierenden der Evangelischen Fachhochschule Freiburg. Ziel war es, einen Eindruck vom aktuellen Stand des Umbaus Brüssels zu einer fahrradfreundlichen Stadt zu bekommen. Dieser Umbau ist Teil der Energie- und Verkehrswende der Region Brüssel, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Auf dem am Brüsseler Kanal gelegenen Thurn- und Taxis Gelände (dem Ursprung des europäischen Postwesens) hatten wir die Gelegenheit bei strahlender Sonne uns mit Pieterjan Desmet zu treffen, dem Sprecher der Verkehrsministerin der Region Brüssel Elke Van den Brandt (Groen). Er erzählte über die politische Vorbereitung und den bisherigen Verlauf der Umsetzung der Verkehrswende in Brüssel. Dabei kam er immer wieder auf Tactical Urbanism (taktische Urbanistik) als einem wichtigen methodischen Element der praktischen Umsetzung von Maßnahmen zur Verkehrswende zu sprechen. Da mir dieser Begriff bisher nicht begegnet war, habe ich nach der Radtour angefangen, Informationen zu Tactical Urbanism zu suchen. Im deutschsprachigen Bereich des Internets war nicht viel dazu zu finden. Anders sieht es im englischsprachigen Teil aus. Dort stieß ich schnell auf den 2015 von Anthony Garcia und Mike Lydon veröffentlichten Band „Tactical Urbanism – Short-term Action for Long-term Change“ mit einem Vorwort von Andrés Duany. Und auf ein im Februar 2017 von Robert Steuteville unter dem Titel „Great idea: Tactical urbanism“ veröffentlichtes Interview mit den beiden Autoren, in dem sie erklären, was es mit Tactical Urbanism auf sich hat und wie sich diese Methode zum new urbanism verhält. Das Interview erschien auf dem Portal CNU Journal (CNU = Congress for the New Urbanism). Robert Steuteville ist Herausgeber und Chefredakteur des CNU-Journals. Da der als Tactical Urbanism bezeichnete Ansatz bisher im deutschsprachigen Raum kaum rezipiert wurde, veröffentlicht Europablog hier eine deutschsprachige Übersetzung dieses Interviews. Die Übersetzung und Veröffentlichung des Textes einschließlich der Veröffentlichung der enthaltenen Fotos auf Europablog erfolgt mit freundlicher Zustimmung von Robert Steuteville. Zur englischsprachigen Originalversion der Interviews geht es hier.

Der neueste Trend in der Stadtgestaltung und -planung zielt darauf, Planung und Gestaltung vom Papier in einen realen Lebensraum zu verlagern und Ideen in der Praxis zu testen. Diese Art von Planung macht Spaß, ist praxisnah und überzeugt viele Menschen.

Robert Steuteville, 16. Februar 2017


Zur Feier des kommenden „CNU 25.Seattle“ präsentiert „Public Square“ (öffentlicher Raum) die Serie „25 Great Ideas of the New Urbanism“ (25 großartige Ideen des New Urbanism). Die Ideen wurden von den „New Urbanists“ entwickelt und beeinflussen bis heute Städte, Gemeinden und Vororte. Die Serie soll diejenigen inspirieren und herausfordern, die im nächsten Vierteljahrhundert auf lebenswerte Stadtquartiere hinarbeiten.

Zwischen der Planung und der Verwirklichung der Vorstellung von einer lebenswerten Stadt gibt es eine Phase, in der Ideen in der realen Welt getestet werden, und genau darum geht es bei Tactical Urbanism [1]. Temporäre Fahrradwege und öffentliche Räume, Verkehrsberuhigung für einen Tag oder einen Monat, bunte Fußgängerüberwege, die Umwandlung von Parkplätzen in Pop-up-Parks – solche Aktivitäten finden in ganz Amerika statt. Die für die Umsetzung genutzten Techniken und Strategien werden als Tactical Urbanism bezeichnet. Dieses Konzept sorgt dafür, dass städtebauliche Planungsvorhaben nicht mehr nur auf Papier oder in Konferenzräumen stattfindet und ist zu einer der aufregendsten Trends in der heutigen Stadt- und Verkehrsplanung geworden.

Der Herausgeber von Public Square (öffentlicher Raum), Robert Steuteville, interviewte Anthony Garcia und Mike Lydon, die Chefs von „Street Plans“ und Co-Autoren des Buches „Tactical Urbanism: Short-Term Action for Long-Term Change“, und sprach mit ihnen über diesen Trend.

Mike Lydon und Anthony Garcia; Foto: privat


Steuteville: Könnt ihr die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen Tactical Urbanism und New Urbanism (Neuer Urbanismus) beschreiben?

Lydon: Tactical Urbanism ist eigentlich eine Methode zur Realisierung und Förderung einzelner Projekte im Rahmen größerer New-Urbanism-Projekte. Tactical Urbanism ist eine Denk- und Handlungsweise, die es schon sehr lange gibt. Frühe Beispiele finden sich in Seaside, wo temporäre Gebäude, Märkte und öffentliche Räume genutzt wurden, um das öffentliche Interesse und die Vitalität zu steigern. Es ist eine gute Chance für die Menschen, sich an Veränderungsprozessen zu beteiligen, die für den Erfolg langfristiger Projekte entscheidend sind. Meiner Meinung nach ist es also ein Instrument. Es ist ein Teil des New Urbanism. Das war es eigentlich schon immer, und das sollte es auch in Zukunft bleiben.

Garcia: Ich glaube, der große Unterschied ist, dass man mit Tactical Urbanism wirklich etwas errichten will – es haucht den Ideen, die wir auf dem Papier entwickelt haben, Leben ein. Tactical Urbanism entspringt der Idee, dass überschaubare und erfahrbare Gemeinden das sind, was wir eigentlich schaffen sollten, und Tactical Urbanism ist ein Weg, auf dem wir dieses Ziel am besten erreichen können. Taktischer Urbanismus verkürzt den normalen Planungsprozess (Charrette) und nutzt ihn auf eine Art und Weise, die den meisten Menschen, die eben keine New Urbanists sind, in der Regel nicht bewußt ist. Dennoch ist der Grundsatz „Teste, bevor du investierst“ mit einem Planungsprozess (Charrette) vergleichbar, denn man macht einen Entwurf nach dem anderen, um zu einer Lösung zu kommen. Der Stadtplaner Victor Dover nennt das: „Vorschlagen und entsorgen“. Bei der Charrette [2] geht es darum, diese Ideen auf Papier zu bringen. Unsere Arbeit geht jedoch noch einen Schritt weiter und sagt: „Warum beim Papier aufhören? Warum nach dem Zeichnen von Plänen aufhören? Lass uns das Vorhaben doch einfach probeweise realisieren und sehen, ob es funktioniert.“

Steuteville: Ihr sagt, dass das Konzept bereits eine Geschichte hat, aber niemand hat doch vor 50 oder 100 Jahren diese Bezeichnung benutzt. Weshalb ist also dieses Konzept erst jetzt mit einem Begriff versehen worden?

Lydon: Viele der zugrundeliegenden Ideen wurden schlicht isoliert umgesetzt. Es ist wirkungsvoll, eine Idee sehr schnell in die Tat umzusetzen, und egal, ob sie scheitert oder Erfolg hat, allein der Gedanke, etwas zu tun, erscheint aus den verschiedensten Gründen radikal oder seltsam bzw. entspricht nicht der Art, wie Projekte normalerweise entwickelt werden. Es gibt viele Beispiele für die Aktionen auf Straßen oder Plätzen oder dafür, dass Menschen Dinge ohne Erlaubnis gemacht haben, die dann zu nachhaltigen und genehmigten Veränderungen auf politischer Ebene oder durch konkrete Projekte führen. Es gibt eine faszinierende Geschichte dieser Form des Protests aus den 60er und frühen 70er Jahren. Als wir vor ein paar Jahren unser Buch schrieben, war es uns sehr wichtig, diese Geschichte zu berücksichtigen und zu zeigen, dass die Idee des Tactical Urbanism nicht neu ist. Das Neue ist eigentlich nur dieser Begriff, der all diese unterschiedlichen Projekte miteinander verbindet, die mehr oder weniger denselben Grundgedanken haben. Solche Projekte sind heute ganz selbstverständlich in aufstrebenden Städten in Schwellenländern. In den Favelas oder auch in ganz normalen Stadtvierteln sehen wir, wie Raum wieder in Beschlag genommen wird, wie man Räume nutzt, die das sind, wie man Dinge ausprobiert und wie man mit geringem Risiko kleine Projekte und Vorhaben durchführt, die, wenn sie erfolgreich sind, eine nachhaltige Wirkung haben.

Garcia: Die Aktivisten nennen sich selbst nicht Tactical Urbanists. In den Favelas machen sie es einfach so. Wir haben den Begriff geprägt, aber man findet ihn im Laufe der Entwicklung aus dem gleichen Grund nicht verwendet, aus dem man auch den Begriff New Urbanism nicht verwendet. Es ist einfach die Art, wie man Dinge gemacht hat. Bisher es gab einfach keinen Grund, dieses Konzept als etwas Eigenständiges herauszustellen, aber jetzt gibt es diesen Grund.

Steuteville: Wie erklärt ihr euch, dass dieses Konzept in Städten und Gemeinden in den Vereinigten Staaten und im Ausland so viel Anklang gefunden hat und findet?

Lydon: Die Menschen haben genug von konventionellen Planungsprozessen. Menschen haben keine unbegrenzte Lust, zu öffentlichen Versammlungen zu gehen. Mit der Methode des Tacktical Urbanism wird das Handeln direkt in die Hände der Menschen in einer Stadt übertragen – in die Hände der Stadtangestellten, der Stadtverwaltung und der Bürgerinnen und Bürger. Das ist ein wirkungsvoller Ansatz, in dem es um die Umsetzung geht und nicht darum, über etwas zu reden oder etwas abstrakt zu planen. Die Methode ist sehr handlungsorientiert und kostengünstig. In der Regel macht es sehr viel Spaß, mit einer Gruppe von Menschen einen konkreten Raum zu verändern. Dieser Handlungsansatz hat tatsächlich viel Aufmerksamkeit und Begeisterung hervorgerufen. Das macht einen Teil seines Reizes aus.

Photo by Megan Sebeck

Steuteville: Ich war gerade bei der Jury für die Charter Awards [3] und es gab einen Wettbewerbaufruf für Tactical-Urbanism-Projekte. Etliche der eingereichten Projekte befassen sich mit Straßen. Gibt es einen besonderen Grund, der Tactical Urbanism gerade für Straßenprojekte interessant macht?

Garcia: Es gibt zwei Gründe, warum Straßen für uns einfacher zu handhaben sind. Wie ich gerade erwähnt habe, ist ein Gebäude eine komplexere Sache. Komplexere Objekte sind schlicht komplizierter zu handhaben. Aktionen auf der Straße sind dagegen einfacher zu bewerkstelligen, und ein e Straße ist ein Ort, an dem wir uns als New Urbanists wohl fühlen. Eine Straße lässt sich leicht umgestalten. Bedauerlich ist, dass wir unsere Straßen umbauen müssen, weil sie so schrecklich gestaltet wurden und noch heute genauso schrecklich sind. Ich glaube, das ist eine Erkenntnis, die wir als New Urbanists gewonnen haben: Gebäude können nur eine begrenzte Wirkung erzielen. Sie können nur einen gewissen Anteil des Problems lösen. Dabei ist das, was zwischen den Gebäuden passiert, genauso wichtig. Den Konflikt um Häuser verlieren wir. Die Menschen sehen daher Straßen als die wichtigste Konfliktlinie an, und deshalb sehen wir immer mehr Projekte, die sich mit Straßen befassen.

Lydon: Es gibt hier noch eine eigentumsrechtliche Ebene, richtig? Wir können eventuell eine Genehmigung bekommen, um Straßen umzubauen, oder behaupten, dass wir als Steuerzahler Eigentum an den Straßen haben, doch bei Gebäuden und Grundstücken geht es um Privateigentum. Wenn du einen gutwilligen Grundstückseigentümer hast, ist die Sache sehr einfach. Wir können natürlich auch ganze Häuserblöcke mit öffentlichen Wegerechten ausstatten in Zusammenarbeit mit den Städten. Und wie Tony schon sagte, hat es in den letzten Jahrzehnten in den amerikanischen Städten an öffentlichem Raum gemangelt, und zwar aus all den Gründen, die die New Urbanists thematisiert haben. Die Umgestaltung der Straße ist deshalb das Wichtigste für unsere Arbeit.

Steuteville: Was sind die erfolgreichsten und/oder innovativsten Tactical-Urbanism-Projekte, die derzeit durchgeführt werden?

Garcia: Ein ziemlich innovatives Projekt, das gerade läuft, ist Biscayne Green. Dabei handelt es sich um einen Autobahnmittelstreifen, der direkt in die Innenstadt führt und aus einer Reihe von Parkplätzen besteht. Die Stadtentwicklungsbehörde hat einen Zuschuss von der Knight Foundation erhalten, um zwei der Parkplätze in Gemeinschaftsflächen zu verwandeln. Der innovative Aspekt ist, dass wir den Biscayne Boulevard, unsere Hauptstraße hier in Südflorida, die direkt an der Bucht entlang führt, umgestaltet haben, um Parkmöglichkeiten auf der Straße zu schaffen. In diesem Zusammenhang haben wir auch mit dem Florida Department of Transportation (FDOT) ausgehandelt, dass wir Fußgängerüberwege mit einem künstlerischen Design anlegen dürfen, was bis dahin nirgendwo im Bundesstaat Florida erlaubt war, so dass dieses Experiment nicht nur ein Projekt zur Umwandlung von Parkplätzen in Parks ist, sondern auch einen Fußgängerüberweg umfasst. Außerdem gibt es eine separate Busspur. All diese taktischen Projekte (tactiacl projects) sind miteinander verknüpft. Betrachtet man sie im Zusammenhang, dann bilden sie ein ziemlich großes Unterfangen, das sich in dem Sinne zu entwickeln beginnt, wie wir es uns vorgestellt haben.

Ein Pop-up-Park auf einem Parkplatz am Biscayne Boulevard. Quelle: Street Plans

Lydon: Wir haben gerade ein Projekt im Nordwesten von Arkansas abgeschlossen, bei dem wir mit drei Städten zusammenarbeiten sollten. Eine gemeinnützige Organisation war zusammen mit der Walton Family Foundation unser Auftraggeber. Unsere Aufgabe bestand darin, Pop-up-Fahrradwege zu entwickeln, die einen Monat lang bestehen bleiben sollten. Das war u.a. deshalb interessant, weil wir noch nicht viele Maßnahmen hatten, die so lange dauerten. Das Beste daran war, dass unsere Partner in den Kommunen, vor allem die Stadtplanungsämter, anfangs skeptisch waren und sich mit dieser Idee nicht so recht anfreunden konnten. Heute würde ich sagen, dass Tim Conklin, unser Ansprechpartner, einer der besten Tactical Urbanists ist, die wir kennen. Er hat begriff, worum es geht, und sein Entwicklungsprozess hat sich vor unseren Augen abgespielt.

Steuteville: Was war so überzeugend an eurer Arbeit mit den Regierungspartnern, dass ihr ihre Einstellung ändern konntet?

Garcia: Es lag nicht an dem, was wir getan haben. Es lag an dem, was er getan hat, daran, dass er sich die Hände schmutzig gemacht hat. Michael, erzähl doch mal die Geschichte.

Lydon: Nun, zunächst einmal möchte ich kurz den Kontext des Projekts beschreiben. Es ging darum, drei geschützte Radwege zu schaffen, die strahlenförmig in ein Wegenetz eingebunden sind. Das Projekt hat ein 35 Meilen langes, erstklassiges Wegenetz im Nordwesten von Arkansas geschaffen. Das Problem war jedoch, dass es keine direkte Verknüpfung des Radwegs mit dem Stadtzentrum gab. Daher bestand die Aufgabe darin, geschützte Radwege zu bauen, die die wichtigsten Ziele einschließlich der Innenstadt mit dem Radweg verbinden. In dem Moment, in dem Ansprechpartner das Absperrband in der Hand hielt und es zusammen mit dem Bürgermeister auf den Asphalt legte, schaute er auf und sagte: „Okay, Leute, das ist ziemlich cool. Ich hab’s kapiert.“ Das ist der „Aha“-Moment. Es hat etwas Kraftvolles, das Spaß macht und die Zusammenarbeit fördert, wenn man ein Projekt tatsächlich gemeinsam realisiert, ganz anders als nur etwas auf Papier zu zeichnen oder an einer öffentlichen Sitzung teilzunehmen. Der nächste Schritt im Rahmen dieser Denkweise besteht darin, Bürgergruppen, gemeinnützigen Organisationen und Stadtverwaltungen das Recht zu geben, genauso zu handeln. In Burlington Vermont haben wir herausgefunden, dass wir diese Elemente miteinander verknüpfen können, damit Unternehmen und Organisationen diesen Ansatz verfolgen und schon sehr früh mit der Umsetzung von Planungen beginnen können. Auf diese Weise kommt man sehr schnell vom Plan zur Tat, vom Papier auf die Straße. In Burlington gab es an einem Wochenende vier Demonstrationsprojekte, an denen sich Tausende von Menschen beteiligten und die für viel Begeisterung sorgten. Es war ein Pilotprojekt für ein Genehmigungverfahren und eine Richtlinie, die die Stadt verabschiedet hat und die es Organisationen nun ermöglicht, taktische Veränderungen (tactical changes) vorzunehmen, unabhängig davon, ob wir dabei sind oder nicht. Es sind örtliche Gruppen, die sich an die Stadt wenden, um nach einem klaren Verfahren Genehmigungen für eine Reihe von Projekten und Interventionen im öffentlichen Raum und auf der Straße einzufordern. Das ist das allererste Mal, dass eine Gemeinde oder eine Stadt in den Vereinigten Staaten so etwas gemacht hat, soweit wir wissen.

Eine taktische Veranstaltung in Burlington, bei der ein Teil der Straße genutzt wird. Quelle: Street Plans

Steuteville: Wisst ihr, ob jemand dieses Programm weiterverfolgt und in Anspruch genommen hat?

Lydon: Die erste Organisation, die sich daran beteiligte, war Local Motion. Das ist eine landesweite Interessengruppe in Vermont, die ihren Sitz in Burlington hat. Nach der Annahme der neuen Regelung im letzten Herbst haben sie sich einen Wagen mit Material besorgt, mit dem sie durch die Stadt oder den Bundesstaat fahren können, um dort Pop-up-Projekte durchzuführen. Sie haben ihn jetzt ausgestattet und fangen an, herumzufahren, aber die eigentliche Umsetzung wird erst im Frühjahr und Sommer stattfinden. Und wir sind gerade dabei, den Masterplan für die Stadt Burlington fertigzustellen. Der Plan soll noch in diesem Winter offiziell genehmigt werden.

Steuteville: Was für Materialien befinden sich denn in dem Wagen?

Lydon: Pflanzkästen, Verkehrskegel, Absperrband, Werkzeuge – also Dinge wie Scheren, Farbe, Pinsel, Holz –, die zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden können. Das Materialpaket wird ständig weiterentwickelt, abhängig davon, was das aktuelle Projekt gerade erfordert.

Steuteville: Ich möchte euch noch zu zwei Punkten etwas fragen, die meiner Meinung nach von zentraler Bedeutung sind. Zunächst zum Ausprobieren. Ihr probiert Dinge nur für eine kurze Zeitspanne. Wie wichtig ist das Konzept des Ausprobierens und das Sammeln von Zahlen davor, währenddessen und danach, um ein konkretes Vorhaben untermauern zu können?

Lydon: Das ist sehr wichtig, weil es hilft, eine Geschichte zu erzählen und die Menschen zu überzeugen, sich ein Projekt zu zueigen zu machen und sich dafür zu engagieren. Du belegst den Erfolg eines Projektes durch reale Bilder von Menschen, die einen Raum nutzen, durch Nutzerzahlen, durch öffentliche Bewertungen, durch Vergleiche von Unfallzahlen oder was auch immer der Maßstab sein mag.

Garcia: Allein, dass wir das Projekt realisiert haben, ist ein Prüfstein. Das ist ein Beleg für die Wirksamkeit des Vorhabens. Ein Machbarkeitsbeleg in Echtzeit.

Steuteville: Die andere Frage, die ich euch stellen will, betrifft die Haftung. Ich bin mir sicher, diese Frage hört ihr sehr häufig. Es gibt immer wieder Bedenken, eine Straße oder einen Platz zu verändern. Wie wichtig ist die Haftungsfrage und welche Rolle spielt sie?

Garcia: Wir versuchen, uns nicht zu sehr auf den Haftungsaspekt zu fokussieren, denn der ist ein Teil dessen, was uns überhaupt erst diese Probleme beschert hat. Der ständige Fokus auf die Haftung und die Frage, wer verklagt werden könnte, hat dazu geführt, dass unsere Straßen auf der Basis eines kleinsten gemeinsamen Nenners entworfen wurden.

Lydon: Das ist ein häufiges Problem, aber wir können es ziemlich einfach lösen. Wenn wir etwa über Änderungen einer Vorfahrt sprechen, machen wir zumeist etwas mit Materialien, die bereits von der Abteilung für öffentliche Arbeiten oder der Verkehrsbehörde verwendet werden. Die Nutzung von Materialien wie Straßenkegel und Absperrband gehört zur normalen Arbeitsweise bei Bauprojekten. Wir nehmen also diese Hilfsmittel, kombinieren sie neu und verwenden sie für einen anderen Zweck, nämlich für Testzwecke.

Mitarbeiter der Behörden sind oft bereit, die Haftung für ein Projekt zu übernehmen, wenn es genehmigt ist. Ich denke, zu einem Problem kann die Haftung bei Projekten werden, die nicht von der Stadt genehmigt wurden. Diese Projekte können dann in Guerilla-Manier durchgeführt werden. Wenn du etwas mitten in der Nacht ohne Genehmigung der Ingenieure machst, dann musst du natürlich bereit sein, die Haftung dafür zu übernehmen. Die große Ironie ist jedoch, dass bei den meisten Projekten Konstruktionen und Materialen verwendet werden, die die Straßen grundsätzlich sicherer machen. Das ist der Grund, warum bei Hunderten, wenn nicht Tausenden von Pilot- und Demonstrationsprojekten nach der Methode des Tactical Urbanism rund um den Globus noch nie jemand auf unseren Straßen verletzt oder getötet wurde.

Steuteville: Was unterscheidet Gemeinden, die Tactical Urbanism anwenden, von denen, die es nicht anwenden? Könnt ihr mir sagen, weshalb Tactical Urbanism in einigen Orten zur Anwendung kommt und in andern nicht?

Garcia: In der Regel gibt es eine organisierte Gruppe von Menschen, die sich für Tactical Urbanism interessieren – im Idealfall sowohl im Rathaus als auch außerhalb des Rathaus, etwa in einer Bildungseinrichtung oder eine Bürgerinitiative. Wenn man diese beiden Gruppierungen zusammenbringt, ist das sehr wirkungsvoll, da dann von beiden Seiten politische Rückendeckung kommt. Solche Gemeinden haben in der Regel ein höheres Bildungsniveau und möglicherweise ein höheres Einkommen. Eine der Herausforderungen bei Tactical Urbanism ist, dass Freiwillige erforderlich sind, die Zeit haben, um solche Projekte zu verwirklichen. Es gibt also eine unausgesprochene Voraussetzung, nämlich die Möglichkeit einer engagierten Gemeinschaft. Allerdings gibt es auch viele Projekte, bei denen dies nicht unbedingt der Fall ist. Es gibt etliche Gemeinden, die unzureichend ausgestattet sind und die Tactical Urbanism als ein Mittel nutzen, um Dinge kostengünstig zu realisieren, um Impulse zu geben und Fortschritte in vernachlässigten Stadtvierteln zu erzielen. Und ich denke, wir sollten etwas mehr Energie und Zeit darauf verwenden, wie dieses Instrument in solchen Stadtvierteln eingesetzt werden kann. Tactical Urbanism ist ein hervorragendes Insturment, um politische Aufmerksamkeit und Ressourcen für die Umsetzung von Ideen zu mobilisieren.

Steuteville: Oft ist es ein städtischer Ort, ein urbaner Ort, an dem Tactical Urbanism angewendet wird. Gibt es diese Methode auch in den Vororten?

Lydon: Wir haben auch in Vororten gearbeitet. Der Grund dafür, dass wir Tactical Urbanism eher in städtischen Bereichen antreffen, ist eine Frage der Größe. Man hat in Vororten nicht den städtischen Rahmen, um den öffentlichen Raum zu gestalten, so dass es schwieriger wird, ein solches Projekt zu anzustoßen. Wir haben an solchen Projekten gearbeitet, doch ehrlich gesagt ist es in Vororten schwieriger, erfolgreich zu sein, weil man dort nicht so leicht ein Gefühl für den richtigen Maßstab bekommt.

Steuteville: Aber wahrscheinlich bräuchten Vororte Tactical-Urbanism-Projekte doch sogar dringender.

Garcia: Dem stimme ich zu. Wo sich Tactical Urbanism und New Urbanism treffen, sind die Maßnahmen, die du vor Ort durchführst, um die Politik, die Flächennutzungsplanung und die gesetzlichen Bestimmungen zu beeinflussen, damit die Zeichnungen und Entwürfe tatsächlich umgesetzt werden. Wenn du also ein großes brachliegendes Gelände aktivierst, zeigst du Interesse und Bedarf sowie die Realisierbarkeit von Ideen. Es ist ein Instrument, das Grundstückseigentümern, Unternehmen und dem Führungspersonal von Städten zeigen kann, dass etwas tatsächlich machbar und realisierbar ist.

Steuteville: Ich habe diese Woche gehört, dass die allgegenwärtige Ingenieursmentalität das größte Problem in Amerika in Bezug auf bebaute Gebiete ist. Könnt ihr erkennen, dass Tactical Urbanism mittlerweile als Methode von den Verkehrsministerien akzeptiert und auch angewendet wird?

Lydon: Ja, langsam. Ich meine, dass die Ideen, die von fortschrittlichen Ingenieursabteilungen, Verkehrsministerien und öffentlichen Bauämtern kommen, allgemein viel öfter akzeptiert werden. In den Großstädten zeigt sich das ganz deutlich. Es ist Kampf, der unser gesamtes Berufsleben durchzieht. Aber wir sehen, dass das Institut für Verkehrsingenieure Artikel über Tactical Urbanism veröffentlicht. Wir sehen, dass immer mehr Städte den NACTO Street Design Guide [4] als Standard übernehmen. Wir sehen, dass dies häufig mit einem Generationswechsel einhergeht. Viele unserer Projektpartner sind in unserem Alter, zum Beispiel die jungen Verkehrsdirektoren in Städten wie New Haven. Es wird einige Zeit dauern, bis diese Entwicklung bis in die Spitzen dieser Abteilungen vordringt und die Standards an der Basis verändert. Diese Entwicklung haben wir meines Erachtens den Verkehrsingenieuren der New Urbanists zu verdanken, denn sie haben schon seit 35 Jahren auf dieses Ziel hingearbeitet.

Steuteville: Wie sieht die Rolle des Tactical Urbanism im nächsten Jahrzehnt aus und wo und wie kann dieser Ansatz am effektivsten zum Einsatz kommen?

Garcia: Ich denke, wir sollten anfangen, die öffentlichen Bauämter zu durchdringen. Genau dort soll unser Tactical Urbanism angewandt werden. Ich denke, es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Mitarbeiter der Stadtverwaltung diese Idee übernehmen, so wie die Mitarbeiter der Stadtplanung den New Urbanism übernommen haben, der in den letzten 20 Jahren einen entscheidenden Beitrag zum Aufschwung und zum Wandel geleistet hat.

Lydon: Das ist einer der Hauptgründe, warum wir im Dezember den Tactical Urbanists‘ Guide to Materials geschrieben haben, der von der Knight Foundation finanziert wurde. Wir haben darin eine Reihe von Workshops entworfen, in denen die Ingenieure mit den Planern und den Aktivisten an einen Tisch gebracht werden sollen. Die Idee ist, dass wir all diese Leute in einem Raum zusammenbringen, um einen Workshop zu einem Problem zu veranstalten, bei dem Tactical Urbanism angewendet werden kann. Wir haben nur Städte ausgewählt, die alle Voraussetzungen erfüllt haben, um voranzukommen. Diese Städte können sich damit vertraut machen, dass sie mit diesem Ansatz viel mehr erreichen können. Der Anwendungsbereich geht weit über die Sicherheit auf den Straßen hinaus, aber das ist ja auch der Grund für die Erstellung des Leitfadens und für seine Verankerung in den öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsministerien im ganzen Land. In diesem Leitfaden betrachten wir drei verschiedene Zeitspannen. Wir befassen uns mit den Materialien und den Designüberlegungen für kurzfristige, zwischen einem und sieben Tage dauernden Projekte, für mittelfristige Projekte mit einer Laufzeit von einem Monat bis zu einem Jahr und für Projekte, die zwischen einem Jahr und fünf Jahren dauern.

Steuteville: Gibt es noch etwas, das ihr noch ergänzen wollt?

Garcia: Für unsere Leser*innen möchte ich deutlich machen, dass Tactical Urbanism eine Bewegung der New Urbanists ist, über die wir bereits zu Beginn gesprochen haben. Die Methode hat ihre eigenen Ansätze und Zielgruppen, aber ich denke, sie ist aus dieser größeren Bewegung heraus entstanden, in der wir ausgebildet wurden. Wir denken, dass Tactical Urbanism eine wirkungsvolle Ergänzung zum Werkzeugkasten der New Urbanists ist. Was in der ganzen Diskussion um Tactical Urbanism vielleicht untergeht, ist die Tatsache, dass es einen Plan gibt, der das, was du tust, untermauert. Wir unterscheiden Guerilla Urbanism von Tactical Urbanism anhand der Existenz eines Planes.

Lydon: Es ist überaus wichtig, dass die Menschen verstehen, dass die besten Projekte diejenigen sind, die mit einer langfristigen Perspektive verbunden sind. Wenn du ein singuläres Projekt nicht mit einer langfristigen Perspektive verknüpfst, ist es nicht taktisch. Es trägt dann nicht zur Erreichung eines weitergehenden Zieles bei.

Hinweis: CNU-Praktikant Benjamin Crowther hat bei der Erstellung dieses Interviews und Artikels mitgeholfen.

Übersetzung: Jürgen Klute


Anmerkungen

[1] Der Begriff „Tactical Urbanism“ lässt sich mit „taktische Urbanistik“ übersetzen. Da es m.W. keine gebräuchliche deutsche Übersetzung des Begriffs gibt und die deutsche Bezeichnung „taktischer Urbanismus“ wenig aussagekräftig ist, wird in dieser deutschen Fassung des Interviews auf eine Übersetzung des Begriffs verzichtet. Der Begriff „Tactical Urbanism“ nimmt bewusst Bezug auf den Begriff „New Urbanism“ (Neue Urbanistik). Das Verhältnis zwischen beiden Konzepten wird im Interviews erläutert. Zu den Begriffen siehe auch die entsprechenden Wikipedia-Einträge: Tacitcal Urbanism (EN) und New Urbanism [Anm.d.Ü.]

[2] Das Charrette-Verfahren ist eine öffentliche Planungsmethode zur Stadt- und Regionalentwicklung mit direkter Beteiligung der Bürger. Es wird seit den 1990er Jahren vor allem in den USA angewendet. Quelle: Wikipedia-Artikel „Charette-Verfahren“. [Anm.d.Ü.]

[3] Die Charter Awards sind eine Auszeichnung, die vom CNU vergeben werden. Mehr dazu auf der CNU-Webseite. [Anm.d.Ü.]

[4] NACTO = National Association of City Transportation Officials (Nationale Vereinigung der städtischen Verkehrsbeamten). NACTO ist ein Zusammenschluss von 89 großen nordamerikanischen Städten und Verkehrsbetrieben, die sich zum Austausch von Ideen, Erkenntnissen und Praktiken im Verkehrsbereich zusammengeschlossen haben und gemeinsam nationale Verkehrsfragen angehen. Der NACTO Urban Street Design Guide ist hier einsehrbar. [Anm.d.Ü.]

Links zum Artikel

Titelbild: Eine vorübergehende geschützte Fahrradspur in Burlington, Vermont, angelegt im Rahmen eines taktischen Projekts. Quelle: Street Plans

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