Von Jürgen Klute

Hitzewellen, wie wir sie aktuell erleben, sind als solche nicht neu. Wie Klimawissenschaftler wie Stefan Rahmstorf und Volker Quaschning sagen. Neu ist die Häufigkeit und die Heftigkeit der Hitzewellen.

Was eine Hitzewelle bedeutet, habe ich in diesem Juli (2022) selbst erfahren können auf einer Reise nach Coimbra in Portugal. Dort stiegen die Temperaturen zeitweilig auf deutlich über 40ºC. Selbst für einen touristischen Besuch ist soviel Sonne und Hitze eine Herausforderung. Denn durch die sehenswerte hügelige Altstadt dieser alten portugiesischen Universitätsstadt zu streifen, wird bei über 40ºC zu einer deutlich spürbaren körperlichen Belastung. Als Tourist habe ich selbstverständlich die Möglichkeit, mir jederzeit ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen zu suchen und den Streifzug durch die Stadt zu beenden, wenn mir danach ist.

Ganz anders sieht das aus für die Menschen, die in der Region leben und hier arbeiten. Und das sind nicht nur Jobs in klimatisierten Büros, denen die Menschen in Coimbra nachgehen. Schaut man von einem schattigen Platz dem Treiben auf den Straßen zu, dann entdeckt man schnell, dass da Menschen die Straßen reinigen, auch Straßen reparieren, das Menschen Häuser errichten, dass Männer und Frauen Busse durch die Stadt lenken, dass in den Eiscafés, den Restaurants und Bars Frauen um Männer hin und her rennen, um die Gäste zu bedienen, sie mit kühlenden Getränken zu versorgen in dieser Gluthitze.

Und plötzlich schießt einem die Frage durch den Kopf, wie diese Frauen und Männer das aushalten, in dieser Hitze körperlich hart zu arbeiten und dem vorgegebenen Arbeitsrhythmus einen ganzen Arbeitstag lang zu folgen.

Bewegung, also auch körperliche Arbeit, lässt bekanntermaßen die Körpertemperatur ansteigen. Die reguläre menschliche Körpertemperatur beträgt knapp 37ºC. Steigt die Körpertemperatur durch körperliche Aktivitäten, dann wird die überschüssige Temperatur an die in der Regel kältere Lufttemperatur abgegeben und es kommt zu einem Temperaturausgleich. Bei den Temperaturen der aktuellen Hitzewellen in Europa, die deutlich oberhalb der menschlichen Körpertemperatur liegen, funktioniert dieser Temperaturausgleich ja irgendwann nicht mehr.

Es wird immer wieder – vollkommen zurecht – darauf hingewiesen, dass Hitzewellen, wie wir sie jetzt erlebt haben und erleben, insbesondere für Kleinkinder und für ältere Menschen lebensbedrohlich sind. Aber wie sieht es denn mit Menschen aus, die in einer solchen Hitze körperlich arbeite müssen? Sind sie nicht auch stark gefährdet? Ich erinnere mich an den Anfang meiner beruflichen Laufbahn. Ich habe damals, 1987, ein sechsmonatiges Praktikum auf einer Steinkohlenschachtanlage im Ruhrgebiet absolviert, auf der Zeche Fürst Leopold in Dorsten. Dort wird es mitunter auch sehr warm. In heißen Betriebspunkten schwitzt man ebenfalls stark und muss sehr Flüssigkeit während der Schicht, die in diesen Punkten von acht auf sieben Stunden verkürzt ist, zu sich nehmen. Viel Flüssigkeit heißt, vier bis fünf Liter. Ich habe damals gelernt, dass der Körper bei diesem enormen Flüssigkeitsumsatz auch sehr viele Mineralien durch das Schwitzen verliert. Deshalb bekamen die Leute, die in heißen Betriebspunkten arbeiteten, auch Trinkwasser zur Verfügung gestellt, dass mit entsprechenden Mineralien angereichert war. Denn der massive Verlust dieser Mineralien führt auf Dauer zu körperlichen Erkrankungen. Natürlich, eine Hitzewelle vergeht nach ein paar Tagen. Aber sind die Belastungen für die Menschen, die in dieser Hitze körperlich arbeiten müssen, nicht auch ein gesundheitliches Risiko? Sicher spielt dabei das Alter, die gesundheitliche Verfassung, die Kondition, etc. auch eine Rolle. Aber nicht alle, die in dieser Hitzewelle arbeiten müssen, sind jung und körperlich fit.

Wo ich ich drauf hinaus will: Gewerkschaften haben immer auch ein wachsames Auge auf die konkreten Arbeitsbedingungen in den Betrieben und deren gesundheitlichen Belastungen. Dafür stehen Projekte wie „Decent Work“ der ILO oder „Gute Arbeit“ der IG Metall bzw. des DGB und natürlich das Thema Arbeitsschutz insgesamt.

Wenn nun die Hitzewellen in Häufigkeit und Intensität zunehmen, wie KlimawissenschaftlerInnen übereinstimmend sagen, dann entstehen hier für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neue beruflich Gesundheitsrisiken. Das Lieferando Workers Collective Berlin hat sich in diesem Sinne am 19. Juli 2022 mit einem Post auf Instagram zu Wort gemeldet:

„Heute 35ºC, morgen 38ºC. @Lieferando, wann wird der Betrieb eingestellt? Wir fahren 8 h Schichten in der prallen Sonne, zwischendurch Treppen hoch und runter rennen, die ganze zeit im Stress durch Vorgesetzte, Bonussystem und die Angst, gekündigt zu werden [Emoji] Das ist gefährlich!“

Die DGB-Jugend Baden-Württemberg forderte am 21. Juli 2022 – ebenfalls auf Instagram:

„Arbeiten in dieser Hitze?! DGB fordert einen besseren Schutz der Beschäftigten!“

Zumindest punktuell ist das Thema bei ArbeitnehmerInnenvertretungen angekommen. Die weitergehende Frage ist m.E. aber, ob Gewerkschaften sich vor diesem Hintergrund nicht zu Vorreitern einer Klimapolitik machen müssen, die zu einem schnellst möglichen Ausstieg auf der fossilen Energiegewinnung führt. Denn langfristig können ArbeitnehmerInnen vor den Folgen der Klimaerwärmung geschützt werden, wenn sie gestoppt wird. Aus meiner Sicht gehören die ArbeitnehmerInnen mit zu den gesellschaftlichen Gruppen, die am stärksten durch die Klimaerwärmung gefährdet und betroffen sind. Wer sich nicht in ein klimatisiertes Büro zum Arbeiten zurückziehen kann, der ist den kommenden Hitzewellen unmittelbar ausgesetzt mit allen gesundheitlichen Folgen.

Aus dieser Perspektive ist für mich nicht nachvollziehbar, dass von Teilen der Gewerkschaften, der SPD und der Linken noch immer ein Widerspruch von Klimapolitik und Sozialpolitik konstruiert wird. Dieser konstruierte Widerspruch hat eine lange Tradition in der Bundesrepublik. Er wird von den Teilen der Wirtschaft, die von der fossilen Energiegewinnung profitieren, befeuert. Im Interesse eines kurzfristigen Arbeitsplatzschutzes sind die entsprechenden dieser Argumentation der Wirtschaft gefolgt. Aber sie handeln damit nicht im Interesse der von ihnen vertretenen ArbeitnehmerInnen.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) ist in diesem Punkt den Gewerkschaften in der Bundesrepublik ein paar Schritte voraus. Auf einer der großen Klima-Demos in Brüssel vor der Pandemie, am 24. Mai 2019, hing ein großes Transparent am Gebäude des EGB in Brüssel mit der Aufschrift: „No Jobs on a dead Planet – Workers support climate action“ („Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten – Arbeiter unterstützen Klimaschutzmaßnahmen“).

Die Konsequenz aus einer solchen Einsicht kann für die Gewerkschaften nur sein, sich zum Vorreiter einer wirksamen Klimapolitik zu machen und sich dafür zu engagieren, dass die finanziellen Lasten einer solchen Politik sozial gerecht verteilt werden, dass also die, die mehr betragen können auch tatsächlich mehr beitragen als die, die das nicht können.

Gewerkschaften haben traditionell den Anspruch, sich auch für gute Lebensbedingungen von ArbeitnehmerInnen außerhalb der Werksmaueren und jenseits der Altersruhestandsgrenze einzusetzen. Mit diesem Hinweis will ich den Blick noch etwas ausweiten. Wie eingangs erwähnt, gehören Kleinkinder und ältere Menschen zu denen, die besonders durch Hitzewellen gefährdet werden. Diese Auflistung ist m.E. um körperlich arbeitende Menschen zu erweitern. Aber auch dann ist die Auflistung noch nicht vollständig. Menschen in wirtschaftlicher Armut und wohnungslose Menschen sind eine weitere Gruppe, die Hitzewellen weitgehend schutzlos ausgeliefert und dem entsprechend gefährdet sind.

Theoretisch trifft eine Hitzewelle alle Menschen, egal ob arm oder reich. Praktisch macht es aber einen großen Unterschied, ob Menschen über geringe oder über große wirtschaftliche Ressourcen verfügen. Auch das ist schon lange bekannt. In exemplarischer Weise hat das Eric Klinenberg in seinem Artikel „Autopsie eines mörderischen Sommers in Chicago“ analysiert, der in der Ausgabe von Le Monde diplomatique (DE) vom 15.08.1997 erschien. Klinenberg untersucht in diesem Artikel die sozialen Wirkungen der mörderischen Hitzewelle vom Juli 1995 in Chicago und zeigt gut fundiert auf, dass die Wirkungen der Hitzewelle sozial sehr ungleich sind. Denn wer über ausreichende wirtschaftliche Ressourcen verfügt, kann sich anders gegen eine Hitzewelle schützen als die, die nur über geringe Ressourcen verfügen. Klinenberg belegt diese ungleiche Wirkung anhand von Statistiken.

Aus dieser Analyse ergibt sich, dass Menschen mit geringen wirtschaftlichen Ressourcen auf eine gute und wirksame Klimapolitik angewiesen sind. Sonst werden sie schnell zu Opfern der Klimererwärmung. Deshalb ist Klimapolitik per se Sozialpolitik!

Die Konsequenz daraus kann nur sein, dass sich Gewerkschaften und linke Parteien ihrer klimapolitischen Verantwortung endlich bewusst werden. Gewerkschaften vertreten im Wesentlichen die Interessen und Anliegen von ArbeitnehmerInnen. Für andere verletzlich Gruppen der Gesellschaft, wie arme, erwerbsarbeitslose, alte und wohnungslose Menschen sehen sich Gewerkschaften nicht vorrangig zuständig. Für diese Gruppen sehen sich vor allem die Wohlfahrtsverbände als Sprachrohr und stellvertretende Interessenvertretung. Auch sie müssen sich ihrer klimapolitischen Verantwortung bewusst werden im Blick auf die Menschen, für die sie zu sprechen beanspruchen.

Klimapolitische Verantwortung heißt konkret, sich dessen bewusst zu werden, dass ein erheblicher Teil der Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen nicht in der Lage ist, sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation selbst vor Hitzewellen (und auch andere Formen von Extremwetterlagen infolge des Klimawandels) schützen zu können. Für diese Menschen gibt es aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation keinen Widerspruch zwischen Klimapolitik und Sozialpolitik. Weil sie nicht über die wirtschaftlichen Mittel verfügen, sich selbst vor den Folgen der Klimaerwärmungen schützen zu können, ist für sie Klimapolitik zugleich immer auch Sozialpolitik. Ihnen kann nur ein schneller Stopp des Klimawandels helfen und gesellschaftliche Vorkehrungen zum Schutz vor Hitze und anderen Extremwetterlagen, die angesichts des Fortschrittes des Klimawandels kurzfristig nicht mehr zu verhindern sind.

Klimapolitische Verantwortung für Gewerkschaften, linke Parteien und Wohlfahrtsverbände heißt also, sich gemeinsam zum Vorreiter einer wirksamen Klimapolitik zu machen und dafür einzutreten, dass die Kosten und die arbeitsmarktpolitischen Folgen, die mit einer wirksamen Klimapolitik verbunden sind, gesellschaftlich gerecht – also nach dem Leistungsvermögen und dem Grad der Verantwortung für die Klimaerwärmung – verteilt werden.

Links zum Beitrag

  • Hitze in Deutschland: So rettet man Menschenleben. Wenn Hitze herrscht, muss die Bevölkerung schnell geschützt werden. Deutsche Kommunen könnten viel dafür tun, in anderen Ländern ist man längst weiter. Eine Analyse von Corinna Schöps und Stephan Reich | Die Zeit, 25.07.2022

  • Klimaforscherin über Umgang mit Hitze: „Mehr Hitzetote als Verkehrstote.“ Trotz steigender Hitzetage, fehlt es an Aktionsplänen mit konkreten Vorgaben. Henny Grewe spricht über die medizinischen Folgen für Menschen. das Interview führte Nick Reimer | taz, 24.07.2022

  • SEXUELLE GEWALT – Daten aus 20 Jahren zeigen: Klimawandel führt zu mehr Gewalt gegen Frauen. Im Chaos nach Extremwetterereignissen nimmt Gewalt gegen Frauen zu, wie eine große Überblicksstudie zeigt. Auch Homosexuelle sind betroffen. Von Tanja Traxler | Der Standard, 18.07.2022

  • Hitze: Mindestens neun Millionen Menschen durch Hitze gefährdet. Hitze ist für Millionen alleinstehende Ältere und vorerkrankte Menschen lebensbedrohlich. Aber weder Bundesregierung noch Kommunen kümmern sich um diese Risikogruppen. Von Katarina Huth, Annika Joeres und Gesa Steeger | Die Zeit, 14.07.2022

  • Autopsie eines mörderischen Sommers in Chicago. Jeden Winter fallen Menschen der Kälte zum Opfer, etwa weil sie keine Wohnung haben. Vor zwei Jahren jedoch starben in Chicago Hunderte während einer Hitzewelle: ohne Strom und Wasser, verbarrikadiert in den eigenen Wohnungen, weil sie sich in den gefährlichen Vierteln nicht auf die Straße trauten. Ein „natürlicher“ Tod? So beteuerten die Medien nach zwei Mitleidssätzen über die unglücklichen Umstände. Doch die Opfer von gestern und von morgen brauchen nicht so sehr gnädigere Temperaturen oder bessee Wetrvorhersagen. Was sie umbringt, sind Armut und ethnische Segregation. Wichtiger als die metereologischen sind die soziologischen Erkenntnisse. Die Auswirkungen des Wetters geben Auskunft über den Zustand der Welt, die wir errichtet haben. Von Eric Klinenberg | Le Monde diplomatique, 15.08.1997

Titelbild: Jürgen Klute CC BY-NC-SA 4.0

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