Luise aus Fritz-Konstantin wohnt direkt neben dem Cranger Kirmesplatz. Das ist eigentlich ein trister Platz direkt am Südufer des Rhein-Herne-Kanals auf Höhe der Wanner Schleuse.

Doch einmal im Jahr, immer vom ersten Freitag im August an, verwandelt sich der Platz für zehn Tage zu einem quirligen und lautstarken Ort für Spaß und Vergnügen: Der Cranger Kirmes.

2019 findet sie vom 2. (Tag der offiziellen Eröffnung) bis zum 11. August statt. Mit rund vier Millionen Besucher*innen gehört die Kirmes zu den größten Volksfesten in Europa.

Offiziell ist es in diesem Jahr die 535. Cranger Kirmes. Ganz sicher ist das aber nicht (mehr dazu hier und hier). Ganz sicher ist aber, die die Cranger Kirmes nicht immer so groß war wie heute. Ursprünglich war die Kirmes ein Pferdemarkt, der regelmäßig am Laurentiustag am 10. August stattfand. Erst in neuerer Zeit ist daraus das heutige Volksfest geworden.

In diesem Jahr wird Luise aus Fritz-Konstantin zum ersten Mal in einem Kirmestagebuch den Verlauf der Krimes beschreiben. Eine so große Kirmes braucht Zeit zur Vorbereitung. Daher beginnt das Tagebuch schon ein paar Tage vor der Kirmes-Eröffnung.

Europa.blog wünscht viel Spaß beim Lesen und natürlich auch auf der Kirmes selbst!

8. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute musste ich als Anwohnerin noch mal richtig tapfer sein.

Die Kirmes ist seit dem Nachmittag so voll, wie noch nie in den letzten Tagen. Die Lautstärke steigt stetig. Die Gesangsdarbietungen hämmern einem ins Ohr.

Was so ein Feuerwerk alles ausrichten kann….

Und ich frage mich schon, was sowas wegen was eigentlich ausmacht. Kirmes ist doch trotz 15 Minuten Feuerwerk klasse, oder?

Aber da scheint irgendein psychologischer Faktor zu wirken.

Obwohl, trocken ist alles immer noch.

Nun denne:

Gleich geht´s loos, gleich geht’s loos!

Das Feuerwehr steigt in 5 Minuten!

Ich wünsche allen viel Spaß!

Es grüßt

Luise aus Fritz-Konstantin

7. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute mal kurz und knapp:

          die Kirmes läuft,

          der Bauch ist leer,

          da muss ich noch zum Lichte* her.

Luise aus Fritz-Konstantin

* Für die ohne Ortskenntnisse: Es geht um das Fischrestaurant Lichte auf der Krimes .

6. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

jetzt ist es offiziell: Zumindest am kommenden Donnerstag wird es ein Feuerwerk auf Crange geben! Die Feuerwehr hat´s erlaubt!

In welcher Weise sich die trockene Dürre rund um die Kirmes seit dem letzten Freitag verändert haben könnte? Das bleibt mir schleierhaft! In meiner Regentonne ist zumindest außer einer verdunsteten Pfütze nix dazu gekommen.

Hat die Feuerwehr denn doch dem Drängen der Massen, dem Ruf nach einem Feuerwerk nachgegeben? Will die Stadt den Umsatz der Schausteller und ihren eigenen Ruf retten?

Fragen über Fragen …

An der Problematik, ob ein Feuerwerk mit einer Stadt im Klimanotstand zu vereinbaren ist, daran scheiden sich die Geister, sowohl im Netz als auch bei Schaustellern und Kirmes- bzw. Feuerwerksfans.

Das mit dem CO2-Ausstoß halte ich dabei wirklich für eine nicht so begründete Sache. Wenn dafür vielleicht 100 BesucherInnen auf das Brötchenholen mit der Blechkiste verzichten würden, hätten wir das ausgeglichen. Aber das müssten sie dann auch machen! So ähnlich siehts mit dem Feinstaub aus.

Aber hin oder her: Erfreulich finde ich, dass sich immer mehr Menschen Gedanken machen, wie unsere Lebensgrundlagen gerettet werden können.

Dazu gehören sicherlich vernünftige gesetzliche Regelungen, das Überdenken des eigenen Konsumverhaltens, aber auch ein internationaler Systemchange, weg von der auf Profitstreben ausgerichteten Wirtschaftsweise.

Dumpfbackene Klimanotstands-Abstreiter-Idioten wie der Trump gehören weg von der Macht. Wer leugnet, dass sich die klimatischen Bedingungen gerade dramatisch verändern, gehört eigentlich nicht nur weg von der Macht – diese Menschen werden die Folgen nur noch aus ihrem Grab erleben dürfen –, sondern ins Gefängnis oder die Psychiatrie.

Gerade die jungen Menschen, die sich über die Fridays for Future Bewegung engagieren, müssen ernst genommen und unterstützt werden und nicht etwa mit Bußgeldern für ihr Fernbleiben aus der Schule belegt werden.

Wer dem folgt, hat anscheinend nichts dazu gelernt. Da folgt man vielleicht einer preußischen Tugend, die nach paragraphlicher Ordnung schreit, hat aber den Ernst der Lage nicht begriffen.

Nun denne, heute musste ich mal ziemlich Ernst werden.

Soll den Spaß an der Kirmes nicht trüben, aber Nachdenken und kritisches Hinterfragen hilft uns allen!

Es grüßt

Luise aus Fritz-Konstantin

5. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute war ein normaler Kirmestag. Die Kirmes nicht so richtig voll, was mir ganz gut gefiel, weil ich mich dann nicht durch die Menge durch kämpfen muss und langsam meine Wege zurücklegen kann. Den SchaustellerInnen gefällt so ein Tag eher weniger, weil sie nicht richtig Umsatz machen.

Auch die Temperaturen fand ich angenehm.

Morgen soll‘s ja dann auch noch regnen. Eher weniger gut für die Schausteller

Heute hatte ich einen schönen Abend beim Treffen der Ehrenamtlichen im Bayernzelt. . Besonders toll fand ich den Auftritt der Einradartisten. Mit Witz und Können konnten sie das Zelt begeistern.

Die Sambatruppe begeisterte das Publikum und der Lokalmatador Frank Lindner war echt gut gelaunt und steuerte einen Set nach dem anderen zur Freude von auf den Tischen tanzenden Menschen bei.

Man muss das nicht mögen, aber irgendwie hat es was, wenn sich so viele Menschen begeistern.

4. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

leider konnte ich heute nicht zum Kirmesgottesdienst. Wär echt gern dabei gewesen, zumal sich ja dort die Prominenz von Herne/Wanne-Eickel ein Stelldichein geben soll. Da darf ich eigentlich als Anwohnerin nicht fehlen, oder?

Ich hatte aber andere Verpflichtungen. Mann bzw. Frau und auch Pfarrerinnen und Pfarrer können eben nicht alles haben und mussten somit auf mich verzichten.

Da ich meine Blechkiste gestern auswärts stehen gelassen hatte, die Zeit eng wurde und die Bequemlichkeit mich überkam, denk ich: Bestellste doch mal ein Taxi.

Ich wählte ein mir bekanntes Wanner Taxiunternehmen an. Die wussten nicht so recht, wie sie zu meiner Haustür kommen könnten, so von wegen Kirmes.

Es war grad kurz nach 10 und ich dachte, da könnten sie sich wohl durch die Kirmes kämpfen, denn die fängt ja erst gegen 13 Uhr an. Außerdem gab ich ihnen noch den Tipp, dass es wohl ´ne Möglichkeit gibt übers Schwinggelände zu meiner Wohnstatt zu gelangen.

Aber ist doch eben nicht alles so einfach.

Nach 20 Minuten, kein Taxi da! Nach 25 Minuten immer noch. Also rief ich noch mal an. Mann rückmeldete mir, dass der Fahrer echt ein Problem habe, die Barriere nach Altcrange, dem Refugium am Kanal, dem Fleckchen am Rande der Milchstraße, der Sackgasse zu durchbrechen.

Na, da machte ich das Angebot, zum äußeren Schwingtor zu kommen.

Ich bzw. wir machten uns also mit den müden Knochen aus den vergangenen Tagen auf den Weg: Und dann war es – nach knapp 20 Metern – doch einfach da: Das Taxi!

Es gibt sie also doch, die engagierten Taxifahrer, die sich nicht so schnell abwimmeln lassen. Er hatte es geschafft, die Barriere nach Altcrange zu durchbrechen und mich – zumindest zeitlich – gerettet!

Warum man aber ein Taxi nicht einfach zu den Anwohnenden durchlässt, bringt mich ins Grübeln.

Nimmt man an, so ein Taxi würde sich knapp 3 Stunden vor dem Kirmesgetümmel einfach mal so nach Altcrange einschleichen, um vielleicht besondere Fahrten abzugreifen?

Oder ist es gar so, dass die Stadt an den Stressfaktor der PKW-Einwinkerinnen Altcrange/Schwing-Gelände denken? (Sie verstehen das Problem: Ein PKW ohne Anliegerausweis hat also kein Anliegen!).

Aber vielleicht ist es auch einfach nur der natürliche Sauberkeitsinstinkt, denn es könnte ja sein, das aus einem nicht-Anliegerregistierten PKW durch eine Konfettikanonade das Refugium „Altcrange“ verschlimmschönert wird!

Na ja, alles nicht irgendwie logisch für MEIN Hirn. Ist eigentlich auch egal, denn wie immer so oft: Es hat ja trotzdem alles hingehauen..

Jetzt wünsch ich uns allen noch einen schönen und problemlosen Kirmessonntag und bis bald:

Luise aus Fritz-Konstantin

3. August 2019

Klasse Cranger Umzug heute. Ganz besonders bemerkenswert: Rund um die Sterne vom Arbeitslosenzentrum. Die hätten für meine Begriffen ´nen Preis verdient. Auch der Beitrag von der Lebenshilfe, echt klasse.

Da verblassen die Wagen von den Profis von Poco und dergleichen irgendwie, obwohl ich auch denen den Spaß am Umzug nicht absprechen möchte. Aber die haben eben andere Möglichkeiten und Mitteln …

Aber unter vorgehaltener Hand sind die Preisträgerinnen wohl schon ausgemacht gewesen …

Nun gut, das Wetter war bestens. Nicht zu kalt, nicht zu warm, kein Regen. Obwohl der meinen Pflanzen echt gut getan hätte … Selbst der kleine Guss gestern hat nur ne Pfütze in meiner Regentonne hinterlassen. Einfach zu wenig.

Beeindruckt bin ich über das diesjährige Sicherheitskonzept. Die hässlichen Betonpöller, die Ausnahme hoch zehn signalisierten, sind weg, Gott sei Dank oder wem auch immer. Jetzt haben wir ´ne Slalomstrecke. Erinnert mich irgendwie an meine Motorradprüfung.

Besonders bemerkenswert sieht es aus, wenn ein Bus daher fährt, und ich mein jetzt ´nen normalen Bus, keinen Gelenkbus, das habe ich noch nicht gesehen.

Ob das alles jetzt richtig läuft, da muss man wohl Herrn Wennrich fragen. Jedenfalls hat Herr Wennrich wohl eine gelungene Präsentation gehabt.

Abber mal ganz ehrlich: 100-prozentige Sicherheit gibbett nicht. Mir kann auch morgen ein Ziegelstein auf den Kopf fallen und wer ist Schuld? Auf keinen Fall der Wennrich, aber möglicherweise der Friedrichs, is ja Planungsdezernent. Das wär doch mal ´ne Option. Weil, ich weiß eh nicht so richtig, was der eigentlich plant.

2. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute war es endlich soweit und die Cranger Kirmes, die ja schon gestern tobte, ist jetzt auch offiziell eröffnet. Der OB hat den Fassanstich hingekriegt. Der sogenannte Ehrengast Hubertus Heil sagte irgendwas. Und die Musikdarbietungen schieden die Geister.

Wir haben auf Crange ja schon einiges erlebt. Zum Beispiel DJ Ötzi, überhaupt nicht mein Fall – aber anerkennenswerterweise ein Profi, der´s drauf hat, die Menge zum Kochen zu bringen. Oder Heino – auch nicht gerade meine erste Wahl, aber kriegt‘s hin, die Menschen zu begeistern.

Mein persönlicher Favorit der letzten Jahre ist allerdings: Gildo Horn. Einfach unschlagbar. Wie der auf den Tischen tanzte, seinen nicht unbedingt attraktiven nackten Oberkörper zur Schau stellte und seine Schweißperlen in den Biergläsern verteilte, nicht unbedingt nett aber einfach grandios!

Von dieser Begeisterungsfähigkeit hatte die Boygroup Feuerherz eher wenig. Für `ne Disco vielleicht aber weniger für ne Kirmeseröffnung. Den holländischen Schlagerstar hab ich mir nach diverser Wartezeit erspart. Soll nicht so richtig klasse gewesen sein.

Bin mal gespannt, auf wen die Wahl im nächsten Jahr fällt.

Ansonsten: Das Sicherheitspersonal sah sehr adrett aus. Was einige Damen jenseits der 50 zu Phantasien brachte, noch mal 20 zu sein und am liebsten hätten sie den Jungs mal an den knackigen A… gepackt.

Crange hat jedenfalls für alle was.

Die ersten Schlägereien im Bayernzelt hat‘s auch schon gegeben. Aber das gehört wohl zu einem Volksfest dazu.

Auf friedliche Kirmestage.

Gruß

Luise aus Fritz-Konstantin

1. August 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute war es endlich soweit. Das Warten hat ein Ende! Die Kirmes ist los!

Aber eigentlich ist die offizielle Eröffnung ja erst morgen. Wenn der Oberbürgermeister das Fass ansticht.

Warum die Kirmes schon einen Tag vor der Eröffnung beginnt, bzw. die Kirmes eröffnet wird, wenn sie schon einen Tag gelaufen ist, das verstehe, wer will.

Hat mir bisher auch niemand anders schlüssig erklären können. Die einzige Möglichkeit: Das hat was mit Tradition zu tun. Und die muss man nicht immer verstehen.

Ich habe heute mal die Kirmeslinie vom HCR ausprobiert. Echt super! In 11 Minuten

von Crange nach Mitte oder umgekehrt.

Die Fahrer ausgesprochen freundlich, höflich und hilfsbereit, auch wenn es darum geht, 2 Rollies, einen Fahrgast mit Rollator und 2 Kinderwagen auf einmal auf zu nehmen. Inclusive mit nem Tipp für kostengünstigere Fahrmöglichkeiten über das 4-Stunden-Ticket.

Die Herne/Wanne-Eickler können echt freundliche Menschen sein!

Ein attraktiver ÖPNV mit schnellen Verbindungen, guter Taktung, freundlichem Personal: Da lass ich die Blechkiste doch gern stehen! Und da bin ich wohl nicht die Ausnahme. So kann dem Klimanotstand wirkungsvoll begegnet werden!

Warum kriegen wir das in Herne eigentlich nicht immer hin – nicht nur zur Kirmeszeit?

Zum Abschluss des Tages habe ich mir es natürlich nicht nehmen lassen, auch nach zu schauen, was auf dem Kirmesplatz los ist.

Sabbis Bude habe ich schon mal gefunden, aber er war leider grad unterwegs.

Insgesamt war es heute wohl ein Tag des Jungvolks, insgesamt auch nicht ganz so voll nach 22 Uhr.

Ich hab mich gefragt, woran kann das liegen? Ist das Geld noch nicht da? Sind die Älteren zu müde? Gibts Konkurrenzveranstaltungen? Warten alle auf die offizielle Eröffnung, sind sich der Tradition bewusst und trauen sich nicht vorher?

Manchmal hilft ja nachfragen. So auch hier. Und dann kam ich endlich drauf: Die meisten Älteren müssen morgen arbeiten. Die Jüngeren haben FERIEN! So einfach ist das.

Ja, morgen wirds wohl mehr Gedränge geben, weil: Thank God, it’s Friday!

Und dann wird die Kirmes ja auch ganz und wirklich und richtig eröffnet.

31. Juli 2019

Liebes Kirmestagebuch,

ich habe neue Neuigkeiten: Es gibt sie doch auf Schwing! Nein, nicht die Chinesen, aber die Arbeiter. Ich habe heute gleich mehrere von ihnen gesehen. Alle sehr sauber. Also doch noch kein Vorgeschmack auf die menschenleere Fabrik.

Apropos freie Fahrt für Anwohnende über das Schwing-Gelände: Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn ich durch das eine Tor hindurch gekommen bin und am anderen Ende nicht mehr rauskomme, weil ich meine Karte nicht vorweisen kann?

Muss ich dann in den endlosen Tiefen des Schwinggeländes untertauchen, mich verstecken bis die Kirmes vorbei ist? Auch der Torsteher wusste heute keine Antwort darauf.

Ansonsten verlief der Tag auf Crange sehr professionell.

Wieder mal kreiste ein Hubschrauber. Ich bin jetzt der Überzeugung, der filmt das Ganze.

Haben die eigentlich mal nach meinen Filmrechten gefragt. Man stelle sich vor, wenn ich oder mein Freund leicht bekleidet auf dem Balkon stehen und der fliegt einfach über uns hinweg. Kaum vor zu stellen, was der da aufnehmen und was der weiter verbreiten kann.

Die Wasserbahn ging in den Probebetrieb. Frage: Was für einen Sinn macht es, leere Wagons nicht nur die eine sondern auch viele andere Runde drehen zu lassen? – Wie übrigens auch an jedem anderen Kirmestag etwa eine Stunde vor Kirmesbeginn? Könnte man da nicht mal Prominente und andere Bedürftige oder dergleichen zur Probefahrt einladen, so ganz auf lau? Ansonsten doch irgendwie eine Verschwendung, oder?

Ach ja und dann noch die Sirene. Ich guck gerade im TV die Rettungsflieger und da geht ´ne Sirene los. Ich denk, das ist im Fernsehen. Irgendwie musste ich noch meine Ziggis von oben holen und merk: Das kommt von draußen, hier vor Ort!

Was kann los sein? Kirmesalarm? Alle ganz schnell Türen und Fenster schließen, ab in den Keller? Irgendeine Ansage kam dann auch über irgendwelche Lautsprecher – ich glaub von der Schleuse. Aber die hab ich nicht verstanden, weil der Fernseher war zu laut. Und als ich den leiser gestellt hatte, war die Ansage weg … Alles blieb ruhig. Ich also auch. Hab dann später gehört, dass das ein angekündigter Probealarm war.

Naja, das mit dem Sirenenkonzept überzeugt mich jetzt nicht wirklich. Weil wenn ich regelmäßige Probealarme höre, weiß ich doch gar nicht, wann‘s ernst ist. Soll ich jetzt immer so lange warten, bis Endwarnung gegeben ist, bevor ich in den nächsten Bunker oder in den Keller gehe? Und wenn der Ernstalarm ausgerechnet zur Probealarmzeit kommt? Wer soll sich da noch auskennen?

Übrigens waren die ersten Soundchecks der Musikanbietenden schon sehr beeindruckend. Echt gute Bässe. Die Scheiben schwirren. Ich mach das Fenster mal zu und stell den Fernseher lauter …

Ansonsten hatte ich heute echt nette Begegnungen mit den Schaustellern, sowohl bei der Verleihung des Schausteller-Awards im Rathaus als auch beim Schaustellerabend am Bootshaus. Nur eines: Ottos Einladung zum Achterbahnfahren werde ich nicht annehmen. Nix für ungut, aber da krieg ich schon vom Zugucken feuchte Augen …

Es grüßt

Luise aus Fritz-Konstantin

derzeit wohnhaft in Crange

30. Juli 2019

Liebes Kirmestagebuch,

jetzt dauert es nicht mehr lang und die Kirmes geht los. Heute verlief alles recht ruhig auf dem Platz. Moderne Technik machts möglich. Bauanweisungen über Lautsprecher, so klappt das alles. Und ich kann vom Balkon alles mit verfolgen, sowohl optisch als auch akkustisch: Echt spannend!

Ein Segen ist echt der Anwohnerausweis. So kann ich problemlos übers Schwinggelände raus aus Altcrange, dem Refugium am Kanal, dem Fleckchen am Rande der Milchstraße, der Sackgasse …

Gleichzeitig bekomm ich sozusagen noch eine kostenlose Betriebsbesichtigung. Betonpumpen, wohin das Auge blickt. Da stehen Millionen, wenn nicht Milliarden rum. Alle schön weiß und sauber. Die Betriebshallen: Wie geleckt!

Ein Vorzeigebetrieb und das in einem chinesischen Unternehmen! Waren wir Deutschen nicht bisher die Weltmeister: In Sachen Ordnung, Pünktlichkeit und dergleichen? Was haben die von uns alles gelernt?

Chinesen hab ich da allerdings noch nicht gesehen.

Ich war ja mal in China. Da war das ganz anders. Überall jede Menge von den Chinesen. Teils mit Mundschutz. Weiß jetzt auch nicht so genau, warum die getragen werden. Zum Schutz vor Umweltverschmutzung? Um andere vor sich selbst zu schützen? Oder einfach, weils inn ist? Die Mundschutzmodelle sind dort echt futuristisch.

Eigentlich habe ich auf dem Schwinggelände heute überhaupt keinen gesehen, außer natürlich die Torsteher.

Eine menschenleere Fabrik? Der Blick in die Zukunft? Vielleicht macht die Belegschaft ja auch gerade einen Betriebsausflug: Nach China?

Den Job, den die Torsteher dort machen, stell ich mir ziemlich öde vor. Aber nett sind sie.

Manchmal glaube ich allerdings, dass sie auch sehr einsam sind. Gerne kommen sie mit einer ins Gespräch. Beim Ein- und Ausfahren weist mich der eine immer darauf hin, wann er das Tor schließt. Er will mich eben informieren, will, dass ich Bescheid weiß … Auch wenn er sich wiederholt …

Ich denke, morgen bring ich denen mal ein Stück Kuchen vorbei oder so und steig aus meiner Blechkiste aus und halte mal ein Schwätzchen.

Dass der eine aus Dortmund kommt, nun ja, geschenkt. Zecken sind auch nur Menschen..

29. Juli 2019

Liebes Kirmestagebuch,

heute war ein lauter Tag auf Crange. Gedängel, Geklopfe, Motorengeräusche: Eben das Übliche. Aber dann noch ein Hubschrauber. Der kreiste mehrfach. Keine Ahnung, ob jemand entlaufen ist oder einfach nur Fotos geschossen wurden. Irgendwie fühlt frau sich da schon im Ausnahmezustand.

Aber: Ist ja bald Kirmes.

Gut, dass die Anwohnenden jetzt tagsüber ohne Verzögerungen über Schwing fahren können.

Nur, ab 20 Uhr ist Schluss mit lustig. Da sind kreative Lösungen gefragt, um nach Hause zu kommen. In der einen Schneise steht das Riesenrad. In der anderen ein abladender LKW. Aber Cranger Tor ist heute offen! Muss man eben nur wissen. Naja die vielen Schaulustigen sind genervt. Wenn ich mit der Blechkiste mit meinem Einkauf nach Hause will. Ich abber auch.

Altcrange ist ein Refugium, eine Insel am Rande der Milchstraße, eine Sackgasse.

Nur das wissen viele nicht.

Jeden Tag versuchen v.a. Fahrradfahrende den Weg als Abkürzung zur Schleuse. Und müssen umkehren. Ist halt Sackgasse.

Anders geht es regelmäßig Gruppen oberkörperfreier Männer. Die laufen in Richtung Sackgasse vorbei. Und kommen nicht zurück.

Irgendwie seltsam. Werden sie verschluckt?

Erst dachte ich: Da haben Stadt und BIMA für Altcrange nen Deal gemacht. Wär doch ne gute Idee Wanderarbeiter im leer stehenden Haus duschen oder gar schlafen zu lassen.

Dann bin ich dem als Investigationspolitikerin nachgegangen.

Sie springen gekonnt über Zäune. Handtücher dabei. Und kommen nicht zurück.

Da muss eine unbekannte Badestelle sein.

Aber: Freies Baden für Alle!

So, liebes Tagebuch. Für heute mach ich erst mal Schluss. Ich kümmere mich jetzt um den Hartz IV-Report und die anderen hässlicheren Dinge dieser Welt.

Und freu mich auf die Cranger Kirmes!

28. Juli 2019

Liebes Kirmestagebuch,

Kein Eröffnungsfeuerwerk! Ganz schön doof!. Einfach zu trocken alles drum rum.

Da hätte die städtische Wasserversorgung doch mal was tun können. Statt nur Straßenbäume, warum nicht Crange wässern? Das wärs doch wohl gewesen. Nich nur die Anwohner*innen hätten sich gefreut. Aber darauf sind die Herrschaften nicht gekommen.

Nun ja: Ich denke, die Klimaaktivisten in der SPD haben daran gedreht! Die wollten das nicht auf sich sitzen lassen: Klimanotstand nur symbolisch. Jetzt gibts eben konkrete Maßnahmen. Deswegen kein Feuerwerk. Egal, was das Volk will.

Denn wir wollen Feuerwerke! Haben ja sonst nix zu lachen.

Und: Das mit dem CO2-Ausstoß zieht echt nicht. Wusste ich auch nicht: So ein Feuerwerk stößt was so was aus wie ein PKW auf 200 km. Hab ich aus dem Internet. Und die müssen das ja wissen. Also Pillepalle was den CO2-Ausstoß angeht.

Bi´s sind ja in Herne angesagt. Vielleicht sollte ich auch eine gründen. Für die Feuerwerke auf Crange. Für das Nachholen: Also nächstes Jahr 6. Das wär doch der Hammer! Und wir hätten es denen da Oben mal richtig gezeigt.

Nun gut, also dies Jahr kein Feuerwerk. Mann kann nich alles haben.

Jetzt freu ich mich schon mal auf das Gemisch der Gerüche der Kirmes. Gebratene Mandeln, Bratwürstchen, Bier, Urin und Schweiß der Menschenmassen, den munteren Verkehr drum rum.

Das ist Leben! Das ist Individualität! Das ist Kultur! Wenn Tausende aus der Region zu uns kommen: Nach Crange!

Wir sind Crange! Zumindest einmal im Jahr Weltmeister sein.

Sei dabei: Sei Crange!

27. Juli 2019

Liebes Kirmestagebuch,

noch 4 Tage, dann ist es endlich soweit und die fünfte Jahreszeit in Wanne beginnt: Die Cranger Kirmes.

Ich kann es gar nicht mehr erwarten. Jeden Tag schaue ich nach, wie weit die Kirmes ist.

Schon seit letzten Montag sind 3 Aufbaukantinen offen. So gibts täglich was zu essen, auch wenn zu Hause keine*r kocht. Weil wir haben Urlaub.

Der Ritter macht immer den Anfang. Da kriegt man schon seit Anfang Juli was auf die Gabel und ins Glas.

Aber Kirmes fängt erst am 1. August an und keinen Tag früher.

Die Hecke habe ich diesem Jahr nicht mehr geschnitten gekriegt. Die Schausteller waren einfach einen Morgen da. Na, macht nichts. Wenn sie wieder wech sind, hab ich nicht mehr so viel zu schneiden…

Dass ich jetzt nicht mehr aus dem Gartentor rauskomm, ist auch nicht so schlimm. Weitere Wege sind gut für die Gesundheit, sagt meine Mutter immer. Schade, dass ich nicht mit dem Auto vors Gartentor fahren kann. Aber da ist ja jetzt alles voll.

Endlich ist auch die Wasserbahn angekommen. Sie wird GERADE aufgebaut. Eigentlich sollte es jetzt regnen, aber der Wettermann oder -frau oder der Wetterrechner bzw. die -rechnerin – jetzt aber Schluss mit der Genderkacke – hat sich wohl vertan. Wo kann ich mich beschweren?

Wär schon schön, wenn es regnen täte. Alles ist schon ganz trocken. Dann wär auch erst mal Ende mit Gedängel, Geklopfe, Motorengeräuschen und so.

Aber bald ist ja Kirmes.

Die letzten Tage waren sehr heiß. Muss ganz schön anstrengend gewesen sein, für die Aufbauleute. Der Steinmeister hat dann für alle eine Dusche installiert. Ist doch schön, dass sich Besucher und Schaustellerinnen dort erfrischen können. Denn die Kirmes fängt ja erst nächsten Donnerstag an.

Dieses Jahr gibt es ein neues Fahrgeschäft auf Crange. Die Petersburger Schlittenfahrt! Ein Glück, dass die noch einen Termin frei hatten! Und da kann der Küchenmeister schon mal für den Cranger Weihnachtszauber sondieren. Die Leute in Herne sind echt clever.

Außerdem macht so eine Schlittenfahrt in der Hitze kühle Gefühle 😉

Vielleicht hat ja die Wildwasserbahn im Dezember auch noch einen Termin frei. Ich mein so für den Andersrumeffekt.

Liebes Kirmestagebuch, ich mach jetzt erst mal Schluss. Ich setzt mich in den Garten: Zum Lauschen der Aufbaugeräusche. Und ein Bier nehm ich auch mit. Scheiß was auf Sportschau.

Denn bald ist Kirmes.

Titelbild und Fotos: Jürgen Klute CC BY-NC-SA 4.0

… ist ein Projekt von Europa.blog. Hier haben junge, nicht mehr ganz so junge und alte Männer und Frauen und alle dazwischen, die Europa erfahren (wollen) – geographisch, kulinarisch, kulturell, wirtschaftlich, politisch – die Möglichkeit, ihre Beobachtungen und Erfahrungen zu teilen.

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