Von Jürgen Klute

Corona hat hart zugeschlagen. In fast allen Ländern auf dem Globus. Auch das Europaviertel in Brüssel hat es heftig erwischt. Das europäische Parlament ist nicht nur das Haus der Abgeordneten. Von Montag bis Donnerstag fanden dort viele Aktivitäten statt. Konferenzen, kulturelle Veranstaltungen, Fachgespräche, Informationsveranstaltungen über Mitgliedsländer. Bis zu einem Dutzend und mehr meist kulturelle Veranstaltungen fanden in den frühen Abendstunden statt. Seit Beginn des ersten Lockdowns sind all diese Veranstaltungen eingestellt worden. Nur mehr Abgeordnete und die Mitarbeitenden im EP haben noch Zutritt zum Gebäude. Die Abgeordneten arbeiten selbstverständlich weiter. Aber zu großen Teilen finden Arbeitstreffen und Sitzung – Selbst Plenarsitzung – als Zoom-Konferenzen statt.

Auch Ländervertretungen und Lobbybüros haben regelmäßig zu Veranstaltungen unterschiedlichster Art eingeladen. Bis zum Beginn der Pandemie. Seit dem ruhen diese Aktivitäten ebenfalls. Und selbst die täglichen Pressebriefings der EU-Kommission finden nicht mehr als Präsenzveranstaltung statt. Ersatzweise werden die täglichen Infos per Email verteilt.

Während des Lockdowns ist in Belgien – wo immer es möglich ist – Homeoffice zwingend vorgeschrieben.

Hier kündigen sich tiefgreifende Änderungen in der Organisation der Arbeitswelt und unserer Gesellschaften an. Denn vieles wird nach dem Ende der Corona-Pandemie nicht wieder so werden, wie es war.

Das spüren schon jetzt die vielen kleinen Dienstleister und Freiberufler, die im Europaviertel vor Beginn der Pandemie das Rückgrat der vielen täglichen Aktivitäten bildeten.

Einer von ihnen ist Alexander Louvet. Er ist freier Fotograf, Video-Musiker und Maler. Er hat viele der Veranstaltungen mit seiner Kamera begleitet, hat Veranstaltungen fotografiert, kleine Videos gemacht für social media. Und er betreibt den Videochannel „Powershoots TV – Positive Energy in Europe“. Seit Jahren präsentiert er dort kurze Interviews mit EU-Politikerinnen und Politikern, befragt sie zu ihrem Arbeitsbereich und ihrer Haltung und Perspektive auf die Europäische Union. Sein Ziel ist es, ein positives Bild der Europäischen Union zu zeigen und an Bürgerinnen und Bürger zu vermitteln.

Durch Corona, bestätigt Alexander im Gespräch mit Europablog, habe sich alles drastisch und sehr schnell verändert. Das ganze EU-Viertel sei praktisch von einem Tag auf den anderen auf Null herunter gefahren worden. Es gäbe keinerlei Veranstaltungen mehr.

„Das betrifft nicht nur mich, sondern Tausende, die in irgendeiner Weise mit dem EU-Viertel zu tun hatten, wie Dolmetscher, Cateringanbieter, Hotels, jegliche Form von Veranstaltern“, führt er aus. Damit ist Alexander Louvet – wie vielen anderen auch – seine Existenzgrundlage verloren gegangen, die er sich in 20 Jahren in Brüssel aufgebaut hat. „Andererseits“, ergänzt er, „bleibt mein Netzwerk, das ich in der zeit aufgebaut habe, bestehen. Alle warten darauf, dass die Pandemie endet. Nur weiß niemand, wann es wirklich vorbei ist. So habe ich, wie viele andere, nach neuen Wegen gesucht, um diese Zeit zu überbrücken.“

Immerhin sorgt der belgische Staat relativ unbürokratisch und schnell – etwa im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland – für eine Kompensation des Verdienstausfalles zwar nicht aller, aber doch vieler Selbständiger. So erhielten zum Beispiel anspruchsberechtigte alleinstehende selbständige Künstler während des ersten Lockdowns eine Unterstützung von 1.290 Euro pro Monat. Als sich der zweite Lockdown abzeichnete, wurden die Hilfen bis zum 31. Dezember 2020 verlängert und aufgestockt (Quelle: Überbrückungsgelder für durch Corona geschädigte Selbständige bis zum Jahreswechsel verlängert. Flanderninfo vom 25.10.2020) Wer nicht zum Kreis der Anspruchsberechtigten gehört, ist allerdings – wie abhängig Beschäftigte – auf Arbeitslosengeld angewiesen.

„Wenn man wirklich professioneller Künstler ist,“ so der Kommentar von Alexander Louvet, „ist die Unterstützung eine kleine aber gute Überbrückungshilfe … nur gibt es in Belgien das Problem, dass es neben der föderalen Überbrückungshilfe noch regionale Komponenten gibt, die nicht national festgelegt sind. Da gibt es einige Unterschiede zwischen der flämischen, der französischen und der Brüssler Region gibt, da sich die Politiker der verschiedenen Regionen nicht einig sind.“ Andererseits muss man sehen, dass diese Überbrückungsgelder in Belgien als frei verfügbares Einkommen gezahlt werden, und nicht wie in der Bundesrepublik nur für Betriebskosten verwendet werden dürfen. Und der Zugang zu den Geldern zog bzw. zieht sich nicht über Wochen und Monate hin, sondern wurde sehr kurzfristig organisiert.

Das hat Alexander Louvet, der gebürtig aus St. Vith in Ostbelgien kommt, die Möglichkeit verschafft, dort während der Pandemie ein zweites Standbein neben seinem Brüssler zu entwickeln und vorzubereiten. Er hat die Zeit, die er normalerweise beruflich in Brüssel im Europaviertel verbracht hätte, genutzt, um sein Haus in St. Vith zu einem zweiten Arbeitsplatz (in Ergänzung zu seinem Brüsseler) umzubauen. Unter dem Namen „La Terrassa Villa St. Vith“ ist ein kleines kulturelles Zentrum entstanden, das zukünftige als Veranstaltungsort für kreative Foto-Session, für Workshops und auch für die Durchführung und Aufnahme von Interviews für „Powershoots TV – Positive Energy in Europe“ dienen soll. Außerdem gehören zu „La Terrassa Villa St. Vith“ Galerie-Räume. Neben realen Ausstellungen entwickelt Alexander Louvet dort eine digitale Ausstellungsplattform.

Neben seiner fotografischen Tätigkeit malt er auch selbst. Seit kurzem findet in „La Terrassa Villa St. Vith“ eine erste Ausstellung seiner Bilder statt (siehe Bildgalerie unten), teilweise auch bereits virtuell organisiert ist. Nach dem Ende der Pandemie will Louvet „La Terrassa Villa St. Vith“ verstärkt als alternativen Veranstaltungsort zu Brüssel anbieten für Leute, die nicht immer nur in Brüssel etwas machen wollen. St. Vith liegt in einer landschaftliche schönen Region Belgiens und ist relative schnell von Brüssel aus erreichbar. Deshalb will er seine Heimatstadt zukünftig über Ostbelgien hinaus mit seinen neue entwickelten Aktivitäten bekannter machen.

„Dazu habe ich auch“, ergänzt Louvet, „in diesen Zeiten sehr viel hinter den Kulissen gearbeitet und z.B. konkret mit der Ministerin für Kultur- und Tourismus der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Isabelle Weydmans, und dem Präsidenten des Kulturellen Komitees der Stadt Eupen, Albert Piel, gesprochen, um ihnen die Probleme der Künstler und Veranstalter näher zu bringen, um für Verständnis für deren Lage zu werben und um mit ihnen über neue Plattformen zugunsten aller zu sprechen.“

Und auch das Projekt „Powershoots TV – Positive Energy in Europe“ ist trotz Pandemie nicht ganz zum Erliegen gekommen. Im Oktober hat Alexander Louvet noch ein Interview mit Karl-Heinz Lambertz gemacht. Lambertz war von 2016 bis Anfang 2020 Präsident des Ausschusses der Regionen (AdR) bei der EU und ist jetzt Präsident des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Als engagiertem Vertreter einer Minderheit setzt sich Lambertz europaweit für die Rechte von Minderheiten ein. So gehörte er zum Organisationskreis der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“, die 2017/18 durchgeführt wurde und sich für die Absicherung von Minderheitsrechten auf EU-Ebene eingesetzt hat. Als Präsident des AdR verstand er sich als Brückenbauer zwischen den Regionen der EU und hat sich vor allem für die Stärkung der kommunalen und regionalen politischen Handlungsebene innerhalb der EU eingesetzt. In dem Interview mit „Powershoots TV – Positive Energy in Europe“, das auf Europablog unter dem Titel „Karl-Heinz Lambertz sieht die Zukunft der EU in den Händen der Kommunalpolitiker*innen“ veröffentlicht wurde, spricht Lambertz sowohl über die Corona-Krise als auch über die Zukunft der EU.

Vieles hat sich in diesem Jahr geändert. Und vieles wird anders bleiben als wir es aus der Zeit vor der Pandemie kennen. Aber – das macht Alexander Louvet mit seinem unbeugsamen Optimus vor – es wird weitergehen – mit der Pandemie und nach der Pandemie.

EU Art Gallery von Alexander Louvet

Titelbild: “La Terrassa Villa St. Vith” bei Nacht; © Alexander Louvet

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