Beitrag von Vesna Caminades

Liebe Leserinnen und liebe Leser von IAMA,

ich lege mir regelmäßig Zeitungsartikel zurecht, um dann darüber Artikel zu verfassen. Letzthin liest man Vieles über Schweinefleisch. Hier ein Auszug aus einem der aktuellsten Beiträge:

“Es handelt sich um einen der schlimmsten Fälle dokumentierter Tierquälerei in Spanien: Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat Rechercheaufnahmen aus einer Schweinefarm in Nordspanien veröffentlicht. Sie scheinen wie aus einem Horrorfilm: entstellte, sterbende und blutende Tiere, die bei lebendigem Leib gegessen werden, dazu überall verwesende Körper, Ratten, Maden und Fliegen. Tiere aus diesem Betrieb endeten in einem Schlachthof, von dem aus deutsche Lidl-Märkte regelmäßig im Rahmen der »spanischen Wochen« mit Salami-Produkten beliefert werden.” (Quelle)

Berührt das jemanden? Seien Sie ehrlich: Sie öffnen den Link, lesen den Artikel und haben sicher Mitleid mit den Tieren. Doch wie viele unter Ihnen werden anschließend definitiv auf Schweinefleisch verzichten? Ich will gar nicht raten. Das soll auch keine Anschuldigung sein, sondern lediglich eine Feststellung. Persönlich stimmt mich das aber traurig. Und wütend. Denn ich kann mich in jene Menschen einfühlen, die vielleicht sogar ab sofort etwas ändern wollen. Selbst wenn sie nicht ab sofort vollständig auf Schweinefleisch verzichten, so wollen sie wenigstens einen mutigen Schritt unternehmen und Bioschweinefleisch kaufen. Abgesehen davon, dass Bio nicht automatisch eine in Gold gegossene Garantie für Tierwohl und Respekt gewisser Standards ist – besteht da noch ein viel größeres Problem. Genau, der finanzielle Aspekt. Viele Personen kommen kaum bis ans Ende des Monats, ohne schon auf Halbweg in den roten Ziffern zu stecken. Glauben Sie wirklich, dass so ein Mensch sich den Luxus leisten kann, Bio-Preise zu zahlen? Das soll wohl ein Witz sein. Selbst vegane Gerichte sind “sau”teuer. Und ehrlich gesagt, sind sie manchmal so voll gepumpt mit künstlichen Aromen etc. dass sie unverzehrbar sind. Aber das ist wohl ein anderes Kapitel. Möglichst viel Fleisch, zum besten und niedrigsten Preis. Vor allem, wenn die Festlichkeiten wie Weihnachten nahen, da muss doch alles umso günstiger sein, damit ja viel konsumiert wird Gewinn über alles. Kann es wirklich sein, dass sich der Mensch nicht bewusst wird oder bewusst werden will, dass Tiere LEBEwesen sind, mit Gefühlen und Empfindungen?

Doch selbst, wenn der “Mensch” sich dessen bewusst wird – was nützt das? Entschuldigen Sie mich, aber ich bin heute wohl etwas pessimistisch drauf. Denn effektiv denke ich mir, wir haben Krieg an mindestens zwei Orten in der Welt und bald überfliegen wir die entsprechenden Schlagzeilen in den Tageszeitungen, denn es handelt sich – leider – um Standardnachrichten. Die nicht mehr so richtig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie zu Beginn. Doch wie immer – man darf nicht alle in einen Topf werfen. Es gibt noch so viele gute Menschen, die sich tagtäglich auch unter Risiko des eigenen Lebens, für die Tiere einsetzen. Da sind aber auch Personen, die anders ticken.

Mir ist kürzlich etwas für mich Schockierendes passiert. Da ist eine Person in meinem engeren Bekanntenkreis – ich will natürlich keine Namen nennen. Diese Person hat ein zweijähriges Kind. Es ist allgemein bekannt, dass ich vegan bin. Es stimmt außerdem, dass ich nicht radikal versuche, alle um mich herum zu veganisieren. Doch, es gibt auch für mich Grenzen. Kommt diese Person nicht eines Tages und knallt mir ins Gesicht: “Übrigens wir hatten einmal darüber gesprochen, dass ich mit meiner Tochter auf einer Streichelfarm war. Und du hattest gefragt, ob sie mit zwei Jahren bereits versteht, dass dieses Schwein und diese Ente, die sie da herumlaufen sieht, dieselben sind, die sie isst.” Ich hatte mir effektiv die Frage gestellt, weil es mich einfach interessiert, wie ein Kind überlegt und fühlt. “Ich wollte dir nur sagen, dass sie sehr wohl versteht, dass diese Ente dasselbe Tier, das sie isst und es ist ihr egal”. Sie können sich vorstellen, dass ich daraufhin etwas blöd drein geschaut habe. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Denn es hat mich nicht so sehr erschreckt, dass ein so kleines Kind, kein Mitleid mit einem Tier haben kann. Nein, es war eher der triumphierende Ton in der Stimme dieser Person. Und das finde ich, ist unverständlich. Und solange solche Überlegungen herrschen, ist der Weg zu einer respektvollen Behandlung selbst von Tieren, die zum Verzehr bestimmt sind, sehr lange und steil. Wissen Sie, ich werde nie vergessen, wie ich eines Abends von der Pferdekoppel heimging und einen Wagen mit Anhänger vorbeifahren sah. Da war eine der drei Kühe darauf angebunden, die ich jeden Tag in der Nachbarweide gegrüßt hatte. Sie brüllte und da war Panik in ihrem Schreien. Und was noch schlimmer war, die anderen Kühe schrien ebenfalls. Bildete ich mir das ein? Vielleicht. Ich glaube eher nicht, aber ich bin ja vegan. Also werde ich wohl übertreiben. Aber diese Kuh habe ich am nächsten Tag nicht mehr gegrüßt. Sie wurde zum Schlachter transportiert.

Ich habe vor kurzem auf einer Natura 2000-Veranstaltung mit einer Tierärztin gesprochen. Wir hatten uns eigentlich beide dieselbe Frage gestellt: was wäre, wenn man mit Schülerinnen und Schülern wenigstens einmal in einen Schlachthof gehen würde? Sie wissen schon, eine Exkursion. Oje! Was sage ich denn da! Wie kann ich es nur wagen, so was zu denken. Das ist ja makaber. Ach ja? Das ist makaber? Weshalb denn? Weil ein Kind sieht, wie ein anderes “Kind” problemlos und kaltblütig umgebracht wird? Weil ein Kind, das psychologisch und emotionell noch nicht verarbeiten kann ? Und Jugendliche? Wäre es bei ihnen in Ordnung? Schlimm, wie kann ich nur menschliche Kinder und Jugendliche mit Tier”kindern” vergleichen? Sollte ich nicht, tue ich aber. Und noch einmal. Es soll nicht die gesamte Welt auf Biegen und Brechen veganisiert werden. Aber meines Erachtens sollten – immer entsprechend dem Alter – bestimmte Aspekte des Alltags vermittelt werden. Und nicht wer weiß wie verschönert und kaschiert. Nein, Schnitzel ist Schnitzel und Milch ist Milch und Ei ist Ei. Und die werden nicht durch Automaten im Supermarkt produziert, sondern auf Kosten von Lebewesen. Die man vielleicht am Wochenende vorher noch gestreichelt hat. Genauso sollten Kinder und Jugendliche aber auch mit dem Thema Tierversuche konfrontiert werden. Natürlich immer mit Hilfe von Lehrmaterial, das dem Alter entspricht. Und dieses gibt es effektiv. Sie können sich vielleicht an mein Interview erinnern, mit “Ärzte gegen Tierversuche” .

Und wenn ein wenig mehr Allgemeinwissen auch dieser Art vermittelt wird, gibt es dann früher oder später eine Generation, der man nicht mehr predigen muss, “bitte keine Gänseleber und keine Hummer zu Weihnachten” oder aber “keine Geschenke aus Leder” und “möglichst Kosmetika ohne Tierversuche”. Und – es gibt Alternativen, wenn man will. Sie wissen schon, meine üblichen Artikel zu Weihnachten, meine Klassiker. Bitte reden Sie mit Freunden und Familie darüber – Danke IAMA

Titelbild: Pig by Like the Grand Canyon CC BY-NC 2.0 via FlickR

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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