Beitrag von Vesna Caminades

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

Der Frühling ist voll im Gange, die Natur wacht um uns herum auf. Die Tage werden länger und wärmer. Klarerweise lassen sich das unsere gefiederten Freunde nicht zweimal sagen. Und schon geht’s auf mit dem Brüten.

Ich saß eines Abends in meiner Küche und sah im Hof draußen eine Amsel – schwarz, also ein Männchen – aufgeregt hin und her springen. Da dachte ich mir: was der nicht tut, um die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich zu lenken. Nun ja, das war’s, der ist weiter hin und her gesprungen und ich hab nicht länger darauf geachtet. Eigenartig schien mir nur, dass er es direkt vor der Schnauze meiner Katze tat, die allerdings zum Glück hinter dem Fenster saß.

Am nächsten Morgen musste ich früher ins Büro, also bin ich frühzeitig aufgestanden, habe Hunde und Katzen versorgt und war zeitlich top dran. Da sitzt wieder meine Katze und fixiert einen Punkt in der Luft. Na ja, was tun? Ich habe natürlich in die selbe Richtung geschaut, den selben Punkt fixiert, irgendwo oben in der Nähe der Dachrinne. Da ist übrigens ein Netz aufgespannt, um zu verhindern, dass meine Katzen Geier Sturzflug zum Nachbarn springen. Also, mein Blick ruht auf eine dunkle Kugel in diesem berüchtigten Netz. Ach, Blätter, dachte ich. Da habe ich genauer hingeschaut und diese Kugel hatte etwas Spitzes – ein Schnabel. Du lieber Himmel ein Vogel. Und nicht irgendein Vogel … Ein Baby! Deshalb hat meine Katze so interessiert geglotzt. Spurt hinauf in den ersten Stock, von dort raus aufs kleine Dach, natürlich wie ein Ninja denn ausrutschen wollte ich nicht. Ich musste ja früher zur Arbeit …

Da sehe ich dieses kleine Dingsda zusammen gekauert im Netz. Das war es also. Am Vorabend war der Amselvater aufgeregt hin und her gesprungen, weil er den Kleinen nicht erreichen konnte. Nun, Panik total: was tun mit so einem kleinen Federball, der mich mit solchen Kulleraugen anstarrt und dabei seinen Schnabel enorm weit aufreißt? Cool down. Ich habe also zunächst den kleinen Kerl gefasst, aus dem Netz gehievt und dann in den kleinen Innenhof gelegt, wo ich ihm einen Kübel mit einem Stoff hingestellt habe. Der ist natürlich nach zehn Sekunden rausgesprungen und Volldampf zwischen die Büsche. Na super! Und ich muss zur Arbeit.

Also sofort das Vogelauffangzentrum in Anderlecht anrufen. Dort sind immer sehr nette Freiwillige, die gute Auskünfte geben. Leider aber, das letzte, das ich in dem Moment hören wollte: LASSEN SIE DIE NATUR MACHEN. Wenn Sie sehen, dass die Eltern dort sind und dem kleinen zu essen geben (übersetzt: wenn sie dauernd mit Würmer etc. angeflogen kommen), dann heißt das, dass sie sich darum kümmern. Außerdem meinten sie, Vögelbabies könne man problemlos anfassen auch ohne Handschuhe, denn Vögel hätten nicht so einen ausgeprägten Geruchssinn wie andere wilde Tiere. Nun, das waren wohl seit langem meine ärgsten nächsten 72 Stunden.

Die Natur machen lassen bedeutet: wenn es regnet, kalt ist und windig, nichts tun, um den Kleinen irgendwie zu schützen. Das war wohl das Schlimmste für mich. Natürlich habe ich Papier auf die Fenster gegeben, damit die Eltern meine Katzen nicht sehen konnten. Das bedeutet aber auch, mit vier Katzen im Haus auf den Hof verzichten, in den sie gewöhnlich rausgehen können. Rebellion total! Da meine Nerven langsam am Ende waren, habe ich auch noch im Internet Hilfe gesucht. Und NABU hat da eine sehr gute Seite.

Übrigens, das Bild hier ist identisch mit dem Kleinen, den ich gefunden habe. Einziges kleines Detail: am nächsten Tag waren plötzlich zwei Babies bei mir im Hof! Als ich links und rechts ein gefiedertes, ziependes Dingsda gesehen hab, hätte mich fast der Schlag erwischt. Zwei Babies!! Na ja, LASSEN SIE DIE NATUR MACHEN. Aber nach 72 Stunden und unzähligen Flügen der Eltern, sind meine beiden gefiederten Freunde anscheinend flügge geworden. Ich war außer mir vor Freude. Sie waren nicht mehr da und meine Katzen merkten anscheinend auch nichts.

Was ich daraus gelernt habe? Es ist wahr, dass man die Natur walten lassen muss. Ich hätte eingreifen können, wie einige Wochen vorher bei der kleinen Turteltaube. Dieses Baby habe ich kurzerhand eingepackt und ins Vogelzentrum gebracht, da es die Nacht draußen verbracht hatte und keine Spur der Eltern war.

Aber die Natur ist wunderbar. Sie hätten die beiden Vogeleltern sehen sollen: unermüdlich hin und her geflogen, sie haben ihre eigene Angst überwunden und sind in den Hof hinunter gesprungen, weil ja die Kleinen ziemlich mobil waren und sich versteckten. Vor allem aber, sind diese Babies so stark. Sowohl die Mini-Amseln, wie auch die Mini-Turteltaube haben mindestens eine Nacht in Kälte und Regen verbracht und überlebt. Genau wie eine Babytaube, die ich Monate vorher gefunden hatte. Oder, die eher mich gefunden hatte. Ich hatte am Abend, bei meinem üblichen Gassigehen mit den Hunden eine Holztaube, ein Baby gesehen. Was soll ich aber mit zwei Hunden und einem Taubenbaby tun? Also habe ich gemeint: sei stark, am nächsten wird es wohl schon weggeflogen sein.

Dachtest du dir! Ich hatte dieses gefiederte Ding ca. 500 Meter entfernt nahe der Kirche im Gebüsch gesehen. Am nächsten Morgen um fünf Uhr saß dieser kleine Kerl vor meinem Haus!! Ich konnte meinen Augen nicht glauben. Dieses Baby hätte in alle Richtungen gehen können. Nein, es saß vor meinem Haus. Also habe ich es kurzerhand eingepackt und ab ins Vogelauffangzentrum. Die haben mich mittlerweile zur Dauerkundin auserkoren …

Das alles hat mich gelehrt, aufmerksamer zu sein. Mich über solche Momente zu freuen, dankbar zu sein, dass ein kleiner Vogel sich fangen läßt oder flügge wird. An das Wunder der Natur zu glauben. Ich weiß, Sie fragen sich seit Beginn des Artikels: wo bleibt die Veganer-Predigt? Die kommt schon, keine Angst. Wissen Sie, ich denke mir, wenn wir uns die Zeit nehmen, die Natur zu beobachten, dann lernen wir auch sie zu lieben, zu respektieren. Vor allem auch bezogen auf Tiere. Wenn wir Tiere lieben, richtig lieben, dann respektieren wir sie auch. Respekt bedeutet, keinen Schaden zufügen wollen, und sogar, sie beschützen wollen. Ein Leben mit einem Tier kann Vieles beibringen. Aber auch simpel und einfach, Tiere in der freien Wildbahn zu beobachten. Und wenn wir lieben, dann kann es nicht sein, dass wir aus Lust akzeptieren, dass ein Leben auf qualvolle Art und Weise vernichtet wird, damit wir einen Teil davon als Steak, Joghurt, Omelett oder Sushi vorgesetzt bekommen. “Ich liebe Tiere, aber Fleisch schmeckt so gut.” Respekt ist Respekt. Liebe ist Liebe. Da gibt es keine Umwege. Entweder oder. Bitte reden Sie mit Freunden und Familie darüber – Danke IAMA

Titelbild: Jorbasa-Fotografie CC BY-ND 2.0 via FlickR

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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