Von Frederik D. Tunnat

Der Krieg, den Russlands amtierender Präsident Putin, den man ehrlicherweise besser Diktator auf Lebenszeit nennen sollte, gegen die Ukraine vom Zaum brach, hat wie viele Ereignisse eine historische Entsprechung.

Während Putin mit diesem Krieg erreichen will, einen vormaligen Staat der untergegangenen Sowjetunion gegen dessen Willen, mittels militärischer Gewalt, sozusagen „heim ins Reich“ zu holen, als Auftakt zur Wiedererrichtung eines russischen Imperiums von Putins Gnade; muss die angegriffene Ukraine ihre seit 30 Jahren bestehende, vom Budapest Memorandum international garantierte Selbständigkeit gegen die russische Aggression verteidigen.

Eine vergleichbare Konstellation ist uns aus der europäischen Geschichte bekannt: die des Angriffs des damaligen Spanischen Weltreichs unter Philipp II. auf die Sieben Vereinigten Niederlande.

Heute wie damals haben wir es mit einem militärisch hochgerüsteten Imperium zu tun, das in seinem inneren Kern jedoch überaus marode war, so wie es Russland heute ist. Während Spanien seinerzeit von geltungs- und verschwendungssüchtigen Aristokraten regiert wurde, die ähnlich wie Putin und die ihn umgebenden russischen Oligarchen ihr Land ausplünderten und sich dessen Reichtümer aneigneten, baute das spanische Weltreich, wie das heutige Russland, darauf, Rohstoffe zu exportieren, und, statt in den Aufbau einer inländischen Industrie zu investieren, Fertigprodukte und Dienstleistungen in großem Umfang zu importieren. Das sorgte nicht nur im damaligen Spanien für eine Unwucht in der Handelsbilanz – wie im heutigen Russlands von Diktator Putin – sondern es bescherte Spanien seinerzeit gleich drei Staatsbankrotte binnen 40 Jahren, wie der Ukraine-Krieg Russland seinen zweiten Staatsbankrott binnen gut 30 Jahren bescheren wird.

Zu Beginn des von Spanien ausgelösten Krieges gegen die Niederlande, waren die äußeren Umstände zu Ungunsten des Angegriffenen noch wesentlich dramatischer, als aktuell im Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine. Immerhin verfügte Spanien damals über ein Reich, in dem praktisch die Sonne nie unterging, besaß die mittel- und südamerikanischen Goldminen, die unerschöpfliche Reichtümer ins Land pumpten, ähnlich wie heute russisches Gas und Öl. Außerdem unterstanden dem spanischen König zahlreiche Länder mit zusammen über 70 Millionen Menschen, während die Niederlande gerade einmal knapp 1,5 Millionen Einwohner zählten. Insofern konnte Philipp II. seinerzeit eine gewaltige Armee aufbieten, die alles in allem ungefähr so viele Köpfe umfasste, wie die Niederlande Einwohner besaßen. Zu Recht stellt der Historiker Michael North die Frage: „Wie konnte ein solch kleines Land mit weniger als eineinhalb Millionen Einwohnern und ohne natürliche Reichtümer im 17. Jahrhundert, einer allgemeinen Krisenzeit, zur führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen?“. Denn tatsächlich legten die Niederländer, während sie um ihr Leben und ihre staatliche Existenz gegen Spanien kämpften, wie aktuell die Ukraine gegen Russland, ein wirtschaftliches Wachstum hin, das seinesgleichen in der Geschichte sucht.

Was 1568 ausbrach und erst 1648 im Westfälischen Frieden endgültig geregelt wurde, mithin 80 Jahre lang währte, war ein Krieg, bei dessen Ausbruch Niemand einen Cent auf die Niederländer gewettet hätte, aber jeder davon überzeugt war, dass Spaniens König Philipp II. den Sieg binnen Kurzem davon tragen würde. Dies die nächste frappierende Parallele zum aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Obwohl hier die Bevölkerungsrelation nur 1:3, die militärische zu Kriegsbeginn ungefähr 1:5 betrug, während sich die Niederländer im 16. Jahrhundert einer mehrere hundert Prozent überlegenen Macht gegenüber sahen, berichten die Chroniken, dass nicht Philipp II. als Sieger aus dem von ihm angezettelten Krieg hervor ging, sondern die davidsgleichen, kleinen Niederlande, denen es nicht nur gelang, binnen 80 Jahren Spanien völlig zu besiegen, sondern das spanische Imperium als führende Handels- und Weltmacht abzulösen.

Dieser historischen Tatsachen sollte sich Diktator Putin, der gern in der russischen Geschichte herumschwurbelt und sie nach eigenem Gusto umdeutet und interpretiert, sehr bewusst sein. Es existieren weitere Beispiele in der Geschichte, bei denen sich die vermeintlichen Goliathe, die innerlich maroden Imperien, wegen eines unbedeutenden, kleinen Gegners krachend endeten: Persien musste gleich zwei existentielle Niederlagen gegen ein kleines griechisches Heer bzw. Flotte hinnehmen; römische Legionen wurden sowohl von Hannibal wie von Arminius, besser bekannt als Hermann der Cherusker, besiegt; eine verhältnismäßig kleine Armee unter Pharao Ramses II. ermöglichte diesem  die Vorherrschaft der Hethiter zu brechen, die nach der Schlacht bei Kadesch Frieden mit Ägypten schließen mussten, ein Frieden, der 50 lange Jahre währte.

Was macht nun den oben gewählten Vergleich zwischen dem Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden und dem zwischen Russland und der Ukraine vergleichbar? Nun, in beiden Fällen ging die Aggression von diktatorischen Herrschern eines tatsächlichen oder vermeintlichen Imperiums gegen einen weit unterlegenen Gegner aus. Hatten die europäischen Beobachter 1568 geglaubt, der spanische Feldzug gegen die Bauern und Fischer der Niederlande werde ein mehrwöchiger Spaziergang, der mit dem Sieg Spanien enden würde, so war sich Diktator Putin und das Gros der Welt, einschließlich NATO, EU, USA sicher, binnen ein, zwei Wochen sei die Ukraine besiegt und in russischer Hand.

Weit gefehlt, beide Male. Die freiheitsliebenden Niederländer gaben sich als Antwort auf den Angriff ihres bisherigen Herrschers und Königs, Philipp II, eine republikanische Verfassung, im Gegensatz zum vorherrschenden Absolutismus in Europa. Die Ukrainer, die bereits drei Jahrzehnte den Unterschied zwischen einem abhängigen Vasallenstaat unter russischer Knute und einer selbstbestimmten Freiheit lebten, waren und sind, wie seinerzeit die republikanischen Niederländer, wild entschlossen, ihre individuelle, demokratische Freiheit und die durch Wahlen legalisierte Souveränität ihres Landes mit ihrem Leben gegen den angreifenden Diktator Putin und sein korruptes, unterdrückendes Herrschaftssystem Russland zu verteidigen.

Ein wenig geschichtliches Wissen hätte vermutlich um den 24. Februar 2022 manchen Politiker und Beobachter nach dem russischen Angriff auf die friedliche Ukraine davon abgehalten, zu erwarten, dass der gewählte und legitime Präsident des Landes, Zelensky, sich ins Ausland begeben würde, und sein Land und seine Einwohner Diktator Putin überlassen würde. Sie hätten zudem erkennen können, dass ein vom Freiheitswillen beseeltes Volk, dass um seine Existenz und die Souveränität des eigenen Landes kämpft, eine völlig andere Motivation mitbringt, als gewaltsam gedrungene, schlecht ausgebildete und uninformierte russische Soldaten.

Der ukrainische Präsident hat seine historische Entsprechung in Wilhelm I. von Oranien, dem sein Eintreten für die berechtigten Anliegen seines Landes und Volkes den Ehrentitel „Vater des Vaterlands“ eintrug. Als entschlossener Verteidiger seines Landes und dessen Anliegen, war Wilhelm I. der erste politische Anführer der Niederlande, dessen Nachkommen bzw. nahe Verwandte noch heute ihr Land repräsentieren – nicht länger als politisch Handelnde, doch als Repräsentanten einer konstitutionellen Monarchie, dem Königreich der Niederlande.

Sind es heute federführend die Vereinigten Staaten von Amerika, die selbst aus dem Kampf mit einem Imperium und dessen König, nämlich England unter Georg III., hervorgingen; die die Ukraine in ihrem Kampf gegen das diktatorische Russland unterstützen – erstaunlicherweise im Verein mit dem Vereinigten Königreich England – so war es seinerzeit vielfach England, dass den niederländischen Underdogs half, bevor die Niederlande zur Konkurrenz wurden, die daraufhin von England und seinen Flotten bekämpft wurde.

Vergleichbar dem taktischen Geschick und der strategischen Schläue der Niederländer in ihrem Freiheitskampf gegen das übermächtige Spanien, versteht es die deutlich kleinere, mit weit weniger Material und Waffen ausgestattete Ukraine, den für übermächtig und unbesiegbar gehaltenen russischen Armeekoloss nicht nur aufzuhalten, sondern an verschiedenen Fronten erfolgreich zurück zu schlagen. Putins russische Armee hat sich längst als Scheinriese erwiesen, der auf tönernen Füssen steht und dem bereits nach fünf Monaten die Soldaten wie das Material, von den gescheiterten Strategien ganz zu schweigen, ausgehen.

Insofern kann am Schicksal des spanischen Königs Philipp II. und seines einstigen Weltreichs abgelesen werden, wie sich Putins persönliches Schicksal und das seines tönernen Russlands entwickeln wird: Russland wird besiegt werden, es wird bankrott sein, es wird sich durch den selbst angezettelten Krieg für Jahrzehnte auf das Niveau eines Dritte, wenn nicht Vierte Welt Staats zurück geworfen sein. Es wird sich auf die eine oder andere Weise seines Verführers und Diktators Putin samt dessen Clique entledigen, und es wird einen schmerzvollen Frieden akzeptieren müssen, der Osteuropa für mehrere Jahrzehnte einen Frieden der Ermattung und des Wiederaufbaus gewährt.

Hoffentlich wird Russland die Chance seines zweiten Zusammenbruchs, sein zweites, grandioses Scheitern dazu nutzen, sich endgültig aus seiner barbarisch-diktatorischen Vergangenheit zu lösen, und der freien, demokratischen und friedlich-offenen europäischen Staatengemeinschaft anschließen, auf Basis ihrer freiheitlichen Prinzipien – etwas, das bereits nach Gorbatschow und Jelzin hätte stattfinden können, jedoch vom Usurpator Putin und seiner raffgierigen Oligarchen-Clique vereitelt wurde.

Die Ukraine unter ihrem aktuellen Präsidenten hat allen Grund auf einen ähnlich positiven Ausgang des ungleichen Kampfes gegen Russland zu hoffen, wie er einst den Vereinigten Niederlanden oder den USA vergönnt war. Slava Ukraine.

Titelbild: Battle of Gibraltar 1607 by Cornelis Claesz van Wieringen (Public Domain Mark 1.0)

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