Zum Tod des russländischen Anti-Atom-Aktivisten Raschid Alimow (St. Petersburg) am 17. Dezember 2020

Von Bernhard Clasen

Der russländische Anti-Atom-Aktivist Raschid Alimow (40) ist tot. Er hinterlässt seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn. „Atemnot, eine weitere virusbedingte Lungenentzündung, Covid19“ sind, so die Sterbeurkunde, die Todesursachen.

Dass Raschid auch von Covid19 betroffen war, hatte er mir im November am Telefon berichtet. Aber das Ganze sei so tragisch nicht, er müsse sich einmal täglich in einer Klinik ambulant kurz behandeln lassen und dann könne er wieder nach Hause, hatte er mich beruhigt. Sorgen machte ich mir erst, als er Anfang Dezember ins Krankenhaus kam. Über Facebook verfolgte ich die Beobachtungen der FreundInnen von Raschid, die sich in einer eigenen Facebook-Gruppe zusammengetan hatten. Irgendwann hatte ich das Gefühl, er ist über den Berg, das Schlimmste hat er hinter sich. Umso mehr erschrak ich, als ich dann am 18. Dezember von seinem Tod hörte.

Raschid Alimow | Foto: privat

Zwei Tage nach seinem Tod telefonierte ich mit seiner Frau. Olga berichtete, dass es wenige Tage vor seinem Tod klar war, dass er Covid nicht überleben werde. Zunächst seien 60 Prozent seiner Lunge zerstört gewesen, dann 70 und dann über 90 Prozent, berichtete sie.

Noch gut erinnere ich mich an mein letztes Treffen mit ihm. „Hier ist das Zimmer, in dem du die nächsten Tage schlafen wirst“ erklärte mir freudestrahlend Raschid Alimow im August letzten Jahres, als ich für die taz zu den Lokalwahlen in St. Petersburg recherchierte. Und dann deutete er sichtlich stolz auf eine kleine Tüte mit Sand. „Das habe ich gerade aus Archangelsk mitgebracht. Dort hat es ja einen Unfall gegeben beim Testen von Atomwaffen und natürlich waren wir sofort da und haben Bodenproben mitgenommen.“ Leicht sei es nicht gewesen, die Bodenproben nach St. Petersburg mitzunehmen. „Jetzt muss ich nur noch ein Labor hier in Petersburg finden, die mir das Ganze analysieren.“ sagte er und schob nach: „doch das wird dieses Mal schwierig werden. Wenn es um ´normale´ Umweltzerstörung geht, arbeiten die gerne mit mir zusammen. Doch hier geht es um Militär und um neue Atomwaffen, da sind die sehr vorsichtig.“

Nicht immer war es Raschid Alimow gelungen, Bodenproben von verstrahlten Gebieten nach St. Petersburg zu schmuggeln. Als 2006 Gerüchte von einer Atomkatastrophe im Gebiet Swerdlowsk die Runde machten, machten sich Raschid Alimow und Wladimir Slivjak von Ecodefense auf den Weg in die geschlossene Stadt Lesnoj. Doch als die beiden dort Bodenproben mitnehmen wollten, wurde dies von Vertretern des staatlichen Atomkonzerns Rosatom verhindert.

Auch wenn er im St. Petersburger Büro von Greenpeace arbeitete, liebte es Raschid, draußen vor Ort zu arbeiten. Wohin auch immer Raschid reiste, immer hatte seinen Geigerzähler dabei. Er war in der Nähe von Tscheljabinsk, besuchte Dörfer, die von der Atomkatastrophe der Plutoniumfabrik Mayak von 1957 verstrahlt waren, er war in Tschernobyl gewesen. Als im Herbst 2013 30 Greenpeace-AktivistInnen aus aller Welt vom russischen Grenzschutz verhaftet worden waren, reiste Raschid mit anderen Greenpeace-Aktivisten nach Murmansk, um dort die Unterstützung für die in Murmansk Inhaftierten zu koordinieren. Er überbrachte den Inhaftierten Pakete, kümmerte sich um die Anwälte.

Seit 14 Jahren war er regelmäßig bei Atomkraftgegnern im Münsterland und im Wendland zu Besuch. Bevor 2009 Atomtransporte vom nordrhein-westfälischen Gronau über St. Petersburg nach Sibirien gingen, war Alimow auch in Gronau unter den Protestierenden. Gemeinsam mit Atomkraftgegnern aus dem Münsterland hatte der gut deutsch sprechende Mitarbeiter von Greenpeace Russland die Proteste in Deutschland unterstützt. Er sprach auf Veranstaltungen in Deutschland und ließ sich in Russland bei Protestveranstaltungen gegen den Import von deutschem Atommüll verhaften.

Foto: privat

Es ist Raschid und seinem Freund und Kollegen Wladimir Slivjak genauso wie den Atomkraftgegnern aus dem Münsterland zu verdanken, dass der Export von Uranmüll aus Gronau 2009 gestoppt wurde. Und als diese Transporte Ende 2019 wieder aufgenommen wurden, protestierte auch Raschid Alimow wieder gegen diese Transporte, im Münsterland und im Hafen von St. Petersburg. Lange konnte er im Dezember 2019 indes nicht auf dem Petersburger Hauptbahnhof mit seinem Anti-Atom-Plakat stehen. Ziemlich schnell wurde er von unauffälligen Herren in Zivil zum Verhör gebeten.

Raschid war nicht nur Aktivist. Er war auch Ideengeber. Wenn andere ratlos und hoffnungslos waren, wusste er immer weiter, hatte noch einen Vorschlag, machte seinen Mitstreitern mit seinem ruhigen, selbstironischen Humor Mut.

Doch wie jetzt weiter, Raschid? Ich komm dich mal besuchen, in St. Petersburg an deinem Grab.

Stimmen aus der russischen und deutschen Umweltbewegung (in alphabetischer Reihenfolge)

Dirk Bannink, Amsterdam:

„Ein sehr traurige Nachricht. Rashid was a proud member of our team of #radiation experts. A very intelligent, brave and kind man. We will miss him dearly. Our thoughts are with his family.”

Dirk Bannink engagiert sich seit Jahrzehnten gegen die Atomenergie, auch besonders gegen Urenco und daher auch gegen die Uranmüllexporte von Urenco nach Russland.

Aktiv ist er bei der Stichting (Stiftung) Laka – Documentatie- en onderzoekscentrum kernenergie, Amsterdam (Dokumentations- und Forschungszentrum Atomenergie). (Englischsprachige Webseite von Laka)

Dirk hatte (für aka) maßgeblich die Konferenz “50 Jahre Urenco” (29.2.20) in Almelo organisiert.

Irene Brauer, Geschäftsführendes Mitglied des Vorstands der Marion Dönhoff Stiftung:

“Mehrere Jahre lang hat die Marion Dönhoff Stiftung die Aktivität des Umweltschützers Raschid Alimow, in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Münsterland, unterstützt. Das hat dazu beigetragen, die Kontakte zwischen deutscher und russischer Umweltbewegung trotz eines zunehmend schwierigen politischen Umfelds nicht nur zu erhalten sondern auch zu vertiefen.

Diese zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit hat nicht nur in umweltpolitischer Hinsicht viele Erfolge mit sich gebracht. So wurde u. a. der Informationsaustausch vertieft, Atommülltransporte von Deutschland nach Russland wurden gestoppt und die deutsche Öffentlichkeit wurde für deutschen Atommüll in Russland sensibilisiert.

Auch für 2020 wurden Raschid Alimow und seine Freunde zu gemeinsamen Aktivitäten wieder nach Deutschland eingeladen. Diese Reise musste jedoch wegen der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie auf 2021 verschoben werden.

Nun erhalten wir die Nachricht vom frühen Tod Raschid Alimows, der in St. Petersburg seiner Covid19-Erkrankung erlegen ist. Seine Stimme wird fehlen.”

Udo Buchholz, Gronau, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU):

„Die Nachricht von Raschids Tod ist eine sehr traurige Nachricht und sie ist kaum zu glauben. Raschid hat sich gegen die Gefahren der unsichtbaren Radioaktivität engagiert und ist jetzt an den Folgen einer tückischen Viruserkrankung gestorben – ebenfalls eine unsichtbare Gefahr.

Ich hatte mehrfach mit Raschid in Gronau Kontakt. Wiederholt hat er hier die Proteste gegen die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage und die damit verbundenen Uranmülltransporte von Gronau nach Russland unterstützt. Es ist kaum zu glauben, dass diese langjährige Zusammenarbeit plötzlich nicht mehr möglich ist. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freundinnen und Freunden in Russland und anderswo.“

Matthias Eickhoff, Sofa Münster (Sofortiger Atomausstieg):

„Raschid hat mit uns gemeinsam mehr als 14 Jahre lang gegen die Uranmüllexporte von Gronau nach Russland gekämpft.

In all den Jahren war er oft in Deutschland, hat auf Demos u. a. in Gronau, Ahaus, Lingen und Krümmel gesprochen und hat an vielen Konferenzen teilgenommen, um die Vernetzung zwischen der deutschen und russischen Anti-Atom Bewegung voranzubringen. Viele von euch haben ihn persönlich kennengelernt.

Zuletzt war Rashid im November 2019 im Münsterland, um an den Protesten gegen einen Uranmüllzug von Gronau nach Russland teilzunehmen. Rashid war total glücklich, dass dieser Zug mehrere Stunden im Wald von Metelen angehalten wurde. Im Januar war er dann mit Vladimir Slivyak im Bundesumweltministerium, um Staatssekretär Flasbarth 70 000 Unterschriften aus Russland gegen diese Uranmüllexporte zu überreichen.“

Alexej Kiseljow, Leiter des Programmes zu toxischen Stoffen von Greenpeace Russland:

„Ohne Raschid gäbe es heute in St. Petersburg Müllverbrennung. Dass die öffentlichen Hearings zur Müllverbrennung abgesagt wurden, der Investor das Interesse verloren hatte und der Gouverneur das Projekt letztendlich abgelehnt hat, ist vor allem Raschid zu verdanken. … Raschid war nie fanatischer Atomkraftgegner. Er bevorzugte immer vorsichtige und korrekte Formulierungen. Ein echter Greenpeacer der alten Schule.

Das Atomthema ist sehr schwierig und eine undankbare Sache. Es ist kaum möglich, hier Strahlenopfern zu helfen. Zu ungleich sind die Kräfte verteilt, zu schwerfällig das System. Und gerade Raschid hat es geschafft, mit diesem Abgrund von Trauer und Ohnmacht zu arbeiten und den Menschen Hoffnung zu geben.“

Arshak Makichyan, Fridays for Future, Moskau:

„Ohne Leute wie Raschid gibt es keine schöne Zukunft für Russland. Die ökologische Bewegung wird sich an Raschid erinnern und wird seine Sache fortsetzen.“

Alisa Nikulina, Umweltaktivistin, Moskau:

„Raschid hatte gleichzeitig eine Leichtigkeit und eine Prinzipientreue. Ach würden wir nur lernen, dies so zu tun, wie du es gemacht hast.“

Andrey Ozharovsky, Anti-Atom-Aktivist aus Russland:

Kennengelernt haben wir uns 2004. Damals war Raschid Redakteur des Portals Bellona.ru, Ich war gerade aus Murmansk nach Petersburg gekommen, als ich für vier Stunden vom FSB verhört wurde. Im Office von „Bellona“ habe ich Raschid darüber berichtet und er hat sofort einen Artikel dazu gemacht. Und wenig später folgte mein Text über die Gefahren des AKW Kola, wieder war Raschid mein zuständiger Redakteur.

2007 kamen die Atommülltransporte aus Deutschland. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit Raschid über die Gleise am Hafen von St. Petersburg gelaufen bin und wie wir die Waggons aus Deutschland gesucht haben. Uns war klar, dass wir für unsere Aktionen Bildmaterial brauchten. Und Raschid hat sie als erster entdeckt. Hier das Video aus dieser kalten Nacht. Es zeigt Raschid, wie er sich vor die Waggons stellte und die Radioaktivität maß. 6,8 microSV/h(*) hat er gemessen. Und ein Transparent hochgehalten. So haben wir gegen den Import von Atommüll gekämpft und gewonnen.

(*) Aktualisierung vom 20.12.2020: Die Zahl wurde zunächst fehlerhaft wiedergegeben: 6,8 mSV/h statt 6,8 microSV/h.

Vor drei Wochen war ich wieder in St. Petersburg. Gemeinsam wollte ich mit Raschid herausfinden, ob sich im Umfeld des AKW von St. Petersburg Radioaktivität messen lässt. Doch Raschid war schon krank. Schrecklich, mein Freund ist an Covid gestorben.“

Violetta Rjabko, Leiterin der Medienabteilung von Greenpeace Russland:

„Raschid war ein sehr prinzipieller und konsequenter Kämpfer gegen die Atomenergie. Ich wußte immer: Raschid wird mir immer Antworten geben auf meine Fragen.“

Franz-Josef Rottmann, Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau:

„Die Nachricht von Raschids viel zu frühen Tod ist ungeheuerlich. Seine großen Verdienste für den internationalen Umweltschutz unter sehr widrigen Verhältnissen sind sehr zu schätzen.

Raschid war ja mehrfach in Gronau und hat Aktionen unterstützt. Gut erinnern kann ich mich zum Beispiel an seine Teilnahme an einem Protestcamp in Gronau gegen die Urananreicherung im Jahr 2011. Im Rahmen der Campaktivitäten hatte auch ein Gespräch zwischen Mitgliedern verschiedener deutscher und russischer Initiativen mit der Geschäftsleitung der Urananreicherungsanlage stattgefunden. In einer Pressemitteilung hieß es damals dazu: „Raschid Alimow aus St. Petersburg von der russischen Organisation Öko-Perestroika wies die Urenco-Geschäftsführung auf gravierende Probleme bei der Lagerung des aus Deutschland angelieferten Urans hin. Er bezog sich auf Unterlagen der russischen Aufsichtsbehörde `Rostechnadsor´. Diese mit dem TÜV vergleichbare Behörde hat in ihren Jahresberichten wiederholt vermerkt, dass die Lagerung des abgereicherten Urans nicht den Sicherheitsvorschriften entspreche.“

Ich werde Raschid nicht vergessen. Die Aktiven der Gronauer Anti-Atomkraft-Bewegung trauern mit Raschids Angehörigen.

Foto und Pressemitteilung von 2011

Kerstin Rudek, Anti-Atom-Aktivistin aus Dannenberg:

„Im Wendland haben wir die Nachricht von Rashid Alimovs Tod mit großer Erschütterung aufgenommen. Wir haben Rashid als einen sehr reflektierten Menschen kennengelernt, der es stets vermochte, die gemeinsame Sache unseres Kampfes für eine Welt ohne Atomkraft in das Zentrum unseres Austausches zu stellen. So haben wir ihn bei den Castor-Protesten in Gorleben in Erinnerung und von zahlreichen Konferenzen, Demos und Aktionen überall in der ganzen Republik. Rashid war ein außergewöhnlich empathischer Mensch, sanft mit uns Kolleg*innen aus der Umwelt- und Klimabewegung und entschlossen im Ziel: Rashid stand konsequent jederzeit für den internationalen Atomausstieg ein. Unser Anliegen ist es, sein Vermächtnis in seinem Sinne voranzutreiben, das ist vermutlich das angemessenste Andenken, dass wir ihm bewahren können. Unser herzliches Mitgefühl gilt Rashids Familie, seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn. Wir sind in Gedanken bei Euch und trauern mit Euch um einen liebevollen und klugen Zeitgenossen, der viel zu früh aus unser aller Mitte gerissen wurde. Wir sind dankbar, Rashid gekannt zu haben und ihn unseren Freund zu nennen.“

Elena Sakirko, Leiterin des Energie-Programmes von Greenpeace Russland:

„Raschid war einer der ersten, mit denen ich zu tun hatte, als ich bei Greenpeace anfing. Das war in Murmansk, wo 30 unserer Kollegen inhaftiert waren. Wir hatten eine Unterstützergruppe in Murmansk. Wir kümmerten uns um die Anwälte, übergaben den Inhaftierten Briefe, Lebensmittel, Kleidung. Ich war Dolmetscherin, Raschid koordinierte die UnterstützerInnen.“

Wladimir Slivyak, Co-Vorsitzender von Ecodefense:

„2007 hat sich Raschid unserer Kampagne gegen den Import von Atommüll angeschlossen und wurde der Organisator der Proteste in St. Petersburg, wo die Schiffe mit dem Müll anlandeten. …
Raschid war einer der wichtigsten Personen der russischen Antiatombewegung, er war kompromissloser Aktivist, stand immer zu seinen Prinzipien, wenn es um die Verteidigung von Dingen ging, die für die Gesellschaft wichtig sind.

Das was passierte ist, ist unumkehrbar. Aber die Erinnerung an unseren geliebten Freund wird weiterleben. Und wir werden weiterhin das tun, was wir mit ihm gemacht haben – in Erinnerung an ihn.“

Heinz Smital, Greenpeace Deutschland

„Wir sind traurig und betroffen von diesem frühen und sinnlosen Tod. Mit Rashid Alimov ist ein Freund und Mitstreiter gegen Atomkraft und andere Umweltzerstörung gestorben. In zahlreichen Projekten, so z.B. im rund um die rechtswidrigen Atommüllexporte aus der Brennelementefabrik URENCO in Gronau nach Russland haben wir oft und sehr gerne mit ihm zusammen gearbeitet und gekämpft. Wir werden seine Beharrlichkeit, und seinen Mut, seine Freundlichkeit und seinen hintergründigen Humor sehr vermissen und trauern zusammen mit seinen Lieben in St. Petersburg.”

Titelbild: Raschid Alimow und Bernhard Clasen | Alle Fotos: privat

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