Interview von Vesna Caminades

Frau Abgeordnete Metz, Sie haben in verschiedenen Ausschüssen des Europäischen Parlamentes Erfahrung gesammelt so unter anderem in den Bereichen Industrie und Forschung, öffentliche Gesundheit und Landwirtschaft, wobei auch immer ein beträchtlicher Zusammenhang zum Thema Tierwohl besteht. Welchen Stellenwert haben Tiere auf EU-Rechtsebene?

Die europäischen Verträge, die rechtliche Basis der Union, erkennen ja theoretisch die Tiere als „fühlende Wesen“ an, deren Bedürfnisse in allen Bereichen der EU-Politik berücksichtigt werden müssen. Ausnahmen gibt es für religiöse Riten, Kulturelle Traditionen und regionales Erbe. Das zeigt ja schon klar, dass die Pflicht die Bedürfnisse der Tiere zu respektieren nicht absolut ist. Um ehrlich zu sein, bin ich mir durch meine Erfahrung im Europarlament auch noch von einer anderen, sehr wichtigen, aber ungeschriebenen Ausnahme bewusstgeworden: für die meisten gehen Profit, Wirtschaft und eigener Komfort über Tierwohl. Nur nicht an den Stangen rütteln und die gängige Haltungsformen oder überhaupt die Ausbeutung von Tieren hinterfragen.

Tilly Metz | Foto: privat

Man muss jedoch sagen, dass es auch rechtliche Bemühungen gibt, die Lage zu verbessern. Die Europäische Union verfügt in der Tat über zahlreiche Tierwohlverordnungen und -Richtlinien, zu bestimmten Tieren (z.B. Legehennen, Kälber) oder zu bestimmten Bereichen ihrer Nutzung (z.B. der Transport, die Schlachtung). Es gibt jedoch noch viele Lücken in der Tierschutz- und Tierwohlgesetzgebung (z.B. zu Masthühnern, Milchkühen, Kaninchen und Fischen) und auch die bereits bestehenden Regeln sind oft zu schwach um die Tiere wirklich zu schützen. Zudem werden diese Regeln nicht genügend kontrolliert und es bestehen kaum oder gar keine Sanktionen.

Längst hinfällig ist ein umfangreiches europäisches Tierschutzgesetz, das gewährleistet, dass die Würde der Tiere überall in Europa sichergestellt wird. Kontrollen müssen effizienter und Strafen härter werden. Als erster Schritt in diese Richtung fordere ich, zusammen mit gleichgesinnten Europaabgeordneten, eine neue europäische Strategie für Tierwohl, da die letzte bereits seit 2015 abgelaufen ist.

Werden Tiere jemals als Wesen mit Rechten anerkannt werden, damit sie zum Beispiel nicht von der Tradition wie im Falle des Foie Gras überrollt werden?

Fakt ist: momentan werden in der EU noch jedes Jahr Milliarden Tiere gehalten um getötet und gegessen oder getragen zu werden. Recht auf ein artgerechtes und leidfreies Leben haben sie als fühlende Wesen trotzdem. Das steht ja so auch im Lissabon-Vertrag der EU. In der Praxis sieht es leider größtenteils anders aus, da sogenannte Nutztiere in der industriellen Haltung, und vor allem in der Massentierhaltung, zu bloßen Rohstoffen degradiert und ihre Bedürfnisse nur beachtet werden, wenn es irgendwie rentabel ist.

Praktiken, die absolut nicht notwendig sind und mit dem Wohl der Tiere einfach nicht vereinbar sind, so wie die Zwangsfütterung, das Halten von Tieren für ihren Pelz oder die Nutzung exotischer Tiere in der Unterhaltungsbranche, haben, meiner Meinung nach, in einem fortschrittlichen und humanen Europa nichts verloren.

Foto: privat

Dass von heute auf morgen nicht alle EU-BürgerINNEN vegan sein werden, damit müssen auch wir Tierschützer uns leider abfinden. Die Zunahme von Sensibilisierungskampagnen, vermehrtes Outreach durch Aktivisten und das Verbreiten von Undercover-Bildern haben in den letzten Jahren jedoch mehrere Öffentlichkeitsdebatten losgelöst. Vor allem jüngere Generation sind immer mehr im Bilde über das was da hinter geschlossenen Türen passiert und wollen eine Änderung des Systems, wenn nicht sogar ein Ende der Ausbeutung von Tieren.

Man sagt immer, das Recht hinke der Gesellschaft nach. Ich setze mich im Europaparlament dafür ein, dass wir punkto Tierschutz und Tierrecht in den nächsten Jahren den gesellschaftlichen Vorsprung rechtlich aufholen werden.

Am 20. Mai hat die Europäische Kommission das sogenannte „Frühlingspaket“ veröffentlicht, darunter auch die Strategie vom Hof zum Teller, die Biodiversitätsstrategie und die jährliche Strategie für nachhaltiges Wachstum. Die „wettbewerbsfähige Nachhaltigkeitsstrategie“ sieht die Wirtschaft im Dienste von Mensch und Erde. Im gesamten Text wird kein einziges Mal das Wort „Tier“ verwendet – außer in Worten wie beispielsweise „profitiert“, „börsennotiert“, „investiert“. In der Biodiversitätsstrategie wird viermal von Tieren gesprochen, in der „Hof zum Teller-Strategie“ ca. 26 Mal. Welche Chancen ergeben sich angesichts einer Landwirtschaft, die zunehmend Massenproduktion anbietet, um preislich konkurrenzfähig zu sein?

Die Bäuerinnen und Bauern die das Tierwohl respektieren haben die Mitbürger:innen auf ihrer Seite. Laut Eurobarometer wollen mehr als 80% der EU-Bürger:innen mehr Tierwohl. Zudem denke ich, je mehr die Öffentlichkeit über das Leiden der Tiere in der Massentierhaltung erfährt, je kleiner wird die Bereitschaft der Konsumenten zum Tierleid beizutragen. Die Einführung von einheitlichen Erkennungszeichen zur Haltungsform, so wie es sie schon für Eier gibt, könnte einen Mehrwert schaffen, und zwar für die Landwirte die ihre Tiere artgerecht halten.

Natürlich muss der Preis auch stimmen, Tierwohl darf nicht zu einem Luxusprodukt werden. Deswegen ist die Verteilung öffentlicher Gelder im Rahmen der Agrarpolitik so wichtig. Welche Form der Agrikultur und der Tierhaltung wollen wir eigentlich fördern und für den Konsumenten erschwinglich machen? Es ist doch absurd europaweit Milliarden Euros in die Massentierhaltung zu stecken, und dann zu bedauern, dass diese Produkte so billig für den Konsumenten sind, während Bio-Produkte zum Beispiel dementsprechend teurer sind.

Im Rahmen der Reform der EU-Agrarpolitik setze ich mich deswegen für ein Umdenken in der Tierhaltung ein: weniger Tiere, bessere Haltungsbedingungen. Gängige Haltungssysteme müssen hinterfragt werden. Nur Formen der Tierhaltung, die das Wohl der Tiere garantieren können und Betriebe, die sich an hohe Tierschutzanforderungen halten, sollen gefördert werden. Wie kann es sein, dass EU-Gelder an Betriebe verteilt werden bei denen die Kastration ohne Betäubung oder das Verstümmeln von Schnäbeln oder Schwänzen zum Geschäftsmodell gehört?

Die Strategie vom Hof zum Teller enthält zwar einige gute Ansätze, umgeht aber weitgehend das Problem der Massentierhaltung, oder traut sich zumindest nicht es direkt anzusprechen. Einige Ziele, wie die 50% weniger Antibiotika in der Tierhaltung bis 2030, sind dann doch interessant, weil sie die Massentierhaltung indirekt in den Zwicker nehmen. Wie kann man sonst tausende Tiere auf engstem Raum, auf kargen Böden und ohne Zugang zu frischer Luft halten?

Am 20. Mai war Welt-Bienentag. Wie viele Erwachsene wissen das überhaupt? Wie viele Kinder ahnen darüber hinaus, dass Bienen wertvoll und nicht nur gefährliche Insekten sind, die man umbringen muss, damit sie uns nicht stechen? Sehen Sie Möglichkeiten, um auf breiter Basis das Fach „Tierwohl“ in den Unterrichtslehrplan der Mitgliedstaaten aufzunehmen – selbst, wenn die Europäische Union keine direkte Kompetenz diesbzgl. hat?

Aufklärung zum Thema Tierwohl, aber auch Informationen zum Verlust der Biodiversität und dem Klimawandel sollte ein fester Bestandteil der Ausbildung zum kritischen und verantwortungsvollen Bürger/In sein sollten.

Die EU hat zwar in der Tat keinen direkten Einfluss auf die Schulprogramme in den Mitgliedstaaten, kann jedoch Empfehlungen im Bildungsbereich geben und natürlich eigene Sensibilisierungskampagnen organisieren und finanzieren. Interessant ist ja zum Beispiel, dass die EU jedes Jahr Millionen von Euros ausgibt für die gratis Verteilung von Milch in Schulen und für Werbung von europäischen Tierprodukten, in Drittstaaten, aber auch in der EU selbst. Dieses Geld könnte man sicherlich besser und vor allem nachhaltiger einsetzen, wie wäre es zum Beispiel mit einer EU-weiten Kampagne für Schulkinder zum Thema Tierschutz und Biodiversitätsschutz?

„End the cage age“ Bürgerinitiative – was ist der Status quo und wie wird das weiter gehen?

Im Laufe des letzten Jahres haben über1,6 Millionen EU-BürgerINNEN unterschrieben: sie wollen einen endgültigen Ausstieg aus der Käfighaltung. Ich war, zusammen mit luxemburgischen Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen, aktiv an der Sammlung von Unterschriften beteiligt, und habe dabei live miterleben können, dass Tierwohl für so viele MitbürgerINNEN ein Herzensthema ist. Das macht Hoffnung und gibt Kraft. Am 2. Oktober 2020, World Day for Farmed Animals, wird die Bürgerinitiative offiziell an die Kommission übergeben, der Ball liegt dann bei ihr, da sie innerhalb von 3 bis 6 Monaten antworten muss. Gefordert wird in der Bürgerinitiative ein rascher Ausstieg aus der Käfighaltung. Dies sollte direkt, durch neue Regeln für die Haltung und indirekt stattfinden, durch eine Umverteilung der Gelder der Gemeinsamen Agrarpolitik. Die EU darf einfach keine Käfighaltung mehr finanzieren.

Tierversuche – sind sie heutzutage noch notwendig? Was macht die EU, um Alternativen zu fördern? Kann die EU sie zur Pflicht in der Forschung machen?

Tierversuche in der Kosmetikindustrie sind ja in der EU bereits verboten. Dennoch bleibt viel zu tun, zum Beispiel in der Chemikalienprüfung. Ich setze mich bereits seit Jahren, und jetzt natürlich im Europaparlament, für einen progressiven Ausstieg aus Tierversuchen insgesamt ein, auch durch eine starke Förderung der Initiativen.

Tilly Metz | Foto: privat

In der medizinischen Forschung müssten Tierversuche theoretisch dort wo es bereits Alternativen gibt ja bereits verpflichtend durch diese ersetzt werden. Die hier geltende europäische Richtlinie 2010/63 erkennt das Prinzip der 3 R an: Replacement, Reduction, Refinement. Jedoch wissen Experten, dass diese Prinzipien momentan nicht genügend umgesetzt werden. ForscherINNEN die sich aktiv für Alternativen zu Tierversuchen einsetzen, berichten, dass sie oft wirklich kämpfen müssen um selbst diesen Weg wählen zu können und auf viel Widerstand und Vorurteilen bei ihren Kollegen treffen. Vor allem in der freien Forschung scheint es noch immer ein Mentalitäts- und Traditionsproblem zu geben: „Das ist eben so und war schon immer so“. Dass die meisten Tierversuche überhaupt sinnlos sind und in wissenschaftliche Sackgassen führen, während Alternativen wie Computersimulationen oder Organ-Chips riesiges Potential für nützliche Forschung bergen, das haben oder wollen viele noch nicht hören.

Auf europäischem Level tut sich zwar Einiges, so gibt es zum Beispiel ein sehr engagiertes Referenzlaboratorium für Alternativen zu Tierversuchen, eine europaweite Priorität scheint der Ausstieg aus den Tierversuchen jedoch im Moment noch nicht zu sein. Erschwert wird der Fortschritt auch durch ein sogenanntes Huhn und Ei Problem: damit mehr Tierversuche ersetzt werden können müssen mehr Alternativen entwickelt und vor allem zugelassen werden. Wenn es aber keine aktiven Bestrebungen gibt, Alternativen zu fördern, dann bleiben Tierversuche weiterhin weit verbreitet, lassen wenig finanzielle Mittel für die Förderung und das Einsetzen von Alternativen und bestärken die traditionellen Positionen die darauf beharren, dass es keine richtigen Alternativen gibt.

Bei einem virtuellen Treffen im Juni 2020, habe ich, als Präsidentin der Arbeitsgruppe zu Tierversuchen der Intergruppe für Tierwohl, den zuständigen Kommissar, Herrn Sinkevicius, auf diese Probleme angesprochen und die Einführung einer weitsichtigen Ausstiegsstrategie gefordert. To be continued …

Reduzierung von Nutztiertransporten und die Förderung von mobilen Schlachthöfen – warum werden heutzutage noch Nutztiere lebend in oft unkontrollierten und schlimmsten Verhältnissen von Europa stundenlang in Nicht-europäische Länder, wie zum Beispiel Israel, transportiert? Was macht die EU dagegen?

Zum Thema Tiertransport gibt es ausnahmsweise einmal eine sehr positive Nachricht: im Juni hat das europäische Parlament für die Erstellung eines einjährigen Untersuchungsausschusses zum Thema Tiertransporte gestimmt und zwar mit einer beeindruckenden Mehrheit. Angesichts der vielen Hinweise auf ein Versagen der europäischen Kommission und der Mitgliedsstaaten diesbezüglich, wird dieser Untersuchungsausschuss, von dem ich zu meiner großen Freude Mitglied bin, ab September dieses Jahres die Umsetzung und Einhaltung der Tiertransportverordnung genauer unter die Lupe nehmen.

Denn, wie sie bemerkten, sind die Zustände im Bereich Tiertransport teilweise richtig entsetzend und werden gefühlt immer schlimmer. Ein erster Punkt ist natürlich die Kontrollen zur Einhaltung der bestehenden Regeln zum Schutz der Tiere beim Transport (EU-Verordnung1/2005) zu verbessern: die Kontrollen sind zu selten und die Strafen zu lasch, vor allem für Wiederholungstäter. Hier wird der Untersuchungsschuss genau hinschauen und feststellen ob vonseiten der zuständigen Behörden genug und richtig gehandelt wurde.

Eine zweite Etappe wird dann die Erarbeitung präziser Empfehlungen sein, bei der wir sicherlich über die bestehenden Regeln hinausgehen werden. Sie haben da zum Beispiel etwas sehr Wichtiges angesprochen: den Transport von Lebendtieren in Drittstaaten. Für mich ist diese Quälerei einfach unverständlich und nicht hinnehmbar. Die Ursachen für die Zunahme dieser Transporte sind vor allem agrarpolitisch und wirtschaftlich: die Gemeinsame Agrarpolitik fördert die Überproduktion von billigen Tierprodukten, die dann in einer neoliberalen Wirtschaftslogik in Drittstaaten verscherbelt wird.

Und auch innerhalb der Europäischen Union gibt es einen wahren Schlachttourismus, für ein paar Cent Gewinn mehr pro Tier werden dann einfach ein paar hunderte Kilometer an die Strecke zur Maststätte oder zum Schlachthaus hinzugefügt. Alternativen, wie der Transport von toten, gekühlten Tieren, werden als zu teuer abgetan.

Allgemein sollte die Transportzeit auf maximal 4 Stunden Fahrzeit begrenzt und der Transport von Jung- oder geschwächten Tieren, die nicht selbstständig Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen können, einfach verboten werden. In dem Sinne ist es natürlich notwendig, regionale Schlachtstätten und mobile Schlachteinrichtungen, sowie regionale Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen zu fördern.

Warum liegt Ihnen das Thema „Tierwohl“ am Herzen und wie setzen Sie sich sonst noch dafür ein? 

Als Aktivistin und als Politikerin ist eigentlich der Leitfaden all meiner Bemühungen die Bekämpfung aller Formen von Ausbeutung und Machtmissbrauchs.

Ricky & Avenzo | Foto: privat

Das besondere Bedürfnis Tiere zu schützen war bei mir einfach schon immer da: schon als Kind habe ich Würmer und Schnecken von der Straße aufgehoben und sie in Sicherheit aufs Gras gelegt, damit sie nicht zertretet oder überfahren werden. Es gab also bei mir eine gewisse angeborene Sensibilität, über die glaube ich die meisten Kinder verfügen, aber die mit der Zeit und durch den Kontakt mit Tieren weiter gestärkt wurde.

Ich bin nun seit fast 10 Jahren Vegetarierin, versuche mich immer mehr vegan zu ernähren, und frage mich jetzt wie ich so lange diese Tiere verzehren konnte obwohl ich sie doch liebte. Ich glaube diesen internen Prozess, dieses Aufwachen, machen immer mehr Menschen durch und obwohl es nicht einfach ist, ist das Gefühl einer Kuh oder einem Schwein wieder ohne Schuldgefühl in die Augen schauen zu können, unbezahlbar.

Im Europarlament bin ich nun Vizepräsidentin der Intergruppe für Tierwohl, Präsidentin der Arbeitsgruppe zu Tieren in der Wissenschaft und Mitglied des Untersuchungsausschusses zu Tiertransporten, welcher im September offiziell ins Leben gerufen werden wird. Solange wie ich in der Politik bleiben kann, werde ich mich konsequent für die Tiere einsetzen. Und für die Zeit danach habe ich auch eine Vorstellung, man könnte fast sagen, einen Kindheitstraum: meinen eigenen Gnadenhof eröffnen.

Zur Person …

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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Titelbild:  STS Schweizer Tierschutz CC BY 2.0 via FlickR

Andere Foto: privat

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