Von Frederik D. Tunnat

Was wir, als Zuschauer via TV oder Internet und Streamingdiensten, letzte Woche Mittwoch, um konkret zu sein, am 6. Januar 2021, erleben mussten – anzusehen hatten – scheint noch immer so unwirklich, unfassbar, wie schwer zu beschreiben: US-amerikanische Bürger sammeln sich, durch Aufrufe des amtierenden Präsidenten veranlasst, am Tag der Bestätigung der Wahl des gewählten neuen Präsidenten Joe Biden in Washington, lassen sich durch Hasstiraden, Lügen und Verschwörungstheorien des abgewählten Präsidenten Trump und seiner Hofschranzen aufhetzen, marschieren zum Kapitol, dem Sitz des Repräsentantenhauses wie des Senats, um dieses Herz ihrer Demokratie zu stürmen, da ihr Idol, der abgewählte Präsident Trump, ihnen dies subtil aufgetragen hatte. Das Ziel war nicht mehr und nicht weniger, als eine legal durchgeführte, abgeschlossene, demokratische Wahl nachträglich zu stehlen, ihr Ergebnis zu Gunsten des Wahlverlierers umzukehren, indem die versammelten, gewählten Vertreter des Volks durch Trumps Mob gezwungen werden sollten, die verfassungsmäßig vorgeschriebene Prozedur der Zertifizierung im letzten Moment anzuhalten, und zu Gunsten des mit fast acht Millionen mehr Stimmen besiegten Wahlverlierers Trump zu ändern.

Seither stellt sich, neben der Frage nach den technischen Mitteln, die es dem Demagogen Trump ermöglichten, mit seinen Anhängern zu kommunizieren, sie zu beeinflussen und zu lenken – den sozialen Medien wie Twitter und Facebook – vornehmlich die Frage, wie es geschehen konnte, dass ein hergelaufener, halbseidener, schlecht beleumundeter Geschäftsmann eine solche Faszination auf 88 Millionen Follower und 74 Millionen Wähler entwickeln konnte?
Die Antwort liegt, wie so oft, in der Geschichte. Vor ziemlich exakt 100 Jahren, um genau zu sein, nach den Ereignissen, die sich im Spätherbst 1917 im russischen St. Petersburg ereigneten, man nennt sie die Kommunistische Revolution, gab es schlagartig, dank aktiver Unterstützung der damaligen deutschen Regierungs- und Militärführung – diese hatten Lenin aus seinem Exil in der Schweiz in einer Geheimmission durch Deutschland über Schweden nach Russland geschleust – eine neue politische Bewegung, als deren Gründer die ebenfalls Deutschen Friedrich Engels und Karl Marx anzusehen sind, den Kommunismus.

Diese neue politische Bewegung rief ähnlich große Begeisterung bei großen Teilen der Bevölkerung in zahlreichen Ländern Europas – nicht nur in Russland – wie der ganzen Welt hervor, wie der Trumpismus in den gegenwärtigen USA. Doch wo immer sich eine starke Bewegung formiert, ereignet sich nahezu zwangsläufig (das Naturgesetz von Aktion und Reaktion) eine Gegenbewegung. Das war vor 100 Jahren nicht etwa die noch recht unbedeutende Demokratie, sondern der Faschismus. Wohin diese furchtbare Gegenbewegung führte, ist uns bekannt. Bekannt ist auch, dass sich die kommunistische Bewegung schnell zu einer Diktatur verhärtete, deren Herrscher jener berüchtigte Stalin war, der nahezu 20 Millionen Menschen im eigenen Herrschaftsbereich malträtierte und vernichtete.

Dennoch übte die kommunistische Bewegung zunächst, ab 1920, eine enorme Faszination gerade auf Intellektuelle Europas, wie der ganzen Welt aus. Es waren weniger ihre frühen Führungsfiguren Lenin und Trotzki, die sich schnell ideologisch entzweiten, um einem lachenden Dritten, einem menschlich ähnlich hohlen, narzisstisch-egozentrischem Führer wie Trump, nämlich Stalin, das Feld überlassen zu müssen. Stalins Verbrechen, seine finstere, diktatorische Art vergraulte schließlich mehr und mehr intellektuelle Anhänger des Kommunismus, spätestens zu Beginn bis Mitte der 1930er Jahre.

Einer dieser Anhänger des Kommunismus war Arthur Koestler, ein in Budapest zur Zeit der Donau-Monarchie geborener Ungar. Dennoch wuchs er in einem deutschsprachigem Elternhaus auf und schrieb, bevor er sich wegen der Nazis ins englische Exil begeben musste, stets auf Deutsch. Koestler schrieb, nachdem er sich wegen Stalin und dessen Methoden und Verhaltens vom Kommunismus distanziert hatte Folgendes: „Ein Glaube wird nicht durch sachliche Überlegungen erworben … Ein Glaube läßt sich nicht „erwerben“, er wächst wie ein Baum … Jeder echte Glaube ist kompromisslos, radikal … So kommt es, daß jeder echte Glaube den Gläubigen gegen seine soziale Umwelt aufbegehren läßt … Die Hingabe an eine Utopie und die Revolte gegen eine „verderbte“ Gesellschaft sind also die beiden Pole, welche die allen militanten Glaubensbekenntnissen eigene Spannung erzeugen“.

Was Koestler vor rund 90 Jahren über seine damalige Begeisterung für die kommunistische Idee schrieb, kann man umso mehr auf die aktuellen Verhältnisse des Trumpismus in den USA, aber auch auf Europa und seine aktuellen gesellschaftlich-sozialen Probleme übertragen werden, da den politischen Bewegungen vor 100 Jahren nahezu identische Ursachen wie heute zu Grunde lagen. Koestler fährt fort: „Ein beträchtlicher Teil des Mittelstandes war … ruiniert worden. Es war dies der Anfang vom Untergang Europas. Durch die Auflösung der mittleren Gesellschaftsschicht kam der unheilvolle Polarisierungsprozeß in Gang … Die verarmten mittleren Stände wurden zu Rebellen der RECHTEN oder der LINKEN, eine soziale Völkerwanderung … Diejenigen, die ihren Absturz nicht zugeben wollten … gingen zu den Nationalsozialisten … Die andere Hälfte wandte sich nach links“.

Für mich klingt das, was Koestler schreibt in hohem Maß vertraut, so, als wäre es auf die aktuelle Situation in den USA wie Europa bezogen. Zu Trumps glühenden Anhängern und Verehrern gehören die sozialen Verlierer der ehemaligen Mittelschicht der USA. Bei uns in Deutschland und Europa gehören die ehemaligen DDR Bürger wie die sozialen Verlierer des Westens zu den bevorzugten Wählern und Unterstützern jeglicher rechter, neofaschistischer Couleur, die in Parteien wie der AfD oder Bewegungen wie Pegida fröhliche Urstände feiern.

So entsetzlich die Ereignisse des 6. Januar in Washington waren, oder jene der Erstürmung des Reichstags in Berlin am 30. August 2020; sie sind sichtbare Zeichen einer entstehenden revolutionären Bewegung innerhalb der Bevölkerungen der USA wie Deutschlands, mit dem Unterschied, dass sich der amtierende Präsident der USA als Bilderstürmer und angeblicher Vertreter der Interessen der armen Leute an die Spitze der Bewegung setzte, und den Sturm auf die demokratischen Institutionen orchestrierte, während der Protest in Deutschland noch nur von Randgruppen ausgeht, denen eine entsprechende Führungs- oder Gallionsfigur noch fehlt.

Während die demokratische Partei in den USA in zweifacher Hinsicht damit begonnen hat, den Trumpismus aktiv zu bekämpfen – einmal, indem ein erneutes Impeachment-Verfahren gegen Trump eingeleitet wurde, zweitens, indem sich der gewählte Präsident Biden anschickt, die sozialen Ursachen für das Aufbegehren großer Bevölkerungsteile der USA zu beseitigen, scheint mir, als hätte die politische Kaste Deutschlands noch nicht einmal ernsthaft verstanden, was da bereits an die Pforten des Reichstags klopfte, und was, verstärkt durch die Pandemie, aber besonders das Ausbluten des deutschen Mittelstands nach 1990 und verstärkt nach 2004 auf die Gesellschaft zurollt. Obwohl deutsche Revolutionäre fast immer eher zur Revolution getragen werden mussten, als sie selbst aktiv auszulösen, scheint mir, dass sich das potentielle revolutionäre Personal der deutschen Gegenwart gewandelt hat, und sehr wohl aktiv für ihre Anliegen kämpft. Sollte es ihnen nun noch gelingen, eine Führungsfigur ähnlich eines Trump zu finden, dann sehe ich mehr als nur Ungemach auf Deutschland und damit die gesamte EU zukommen.

Vor diesem Hintergrund sollten sich die Parteien, speziell die CDU/CSU, mehr als gründlich überlegen, ob sie mit dem mühsam neu aufgewärmtem Führungspersonal in den kommenden, entscheidenden Wahlkampf gehen sollten, oder ob es nicht sinnvoller wäre, unverbrauchte und wirklich geeignete Personen aufzustellen. Ich vermute jedoch, dass dies nach den Jahren der Merkel Agonie schwer möglich sein wird. Die aktuelle Tragik der deutschen Politszene: auch auf Seiten der anderen politischen Parteien scheint aktuell kein überzeugendes Personal verfügbar zu sein.

Insofern befürchte ich, dass wir in naher Zukunft in Deutschland im Ergebnis – unter anderen Vorzeichen – ähnliche Vorkommnisse pseudo-revolutionärer Natur zu verzeichnen haben werden, wie wir sie letzte Woche in den USA ansehen und ertragen mussten.

Titelbild: Trump | by IoSonoUnaFotoCamera CC BY-SA 2.0 via FlickR

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Links zum Beitrag

Seth Abramson hat am 09.01.2021 in einem Thread auf Twitter die Rede von Donald Trump vom 06.01.2021 analysiert und herausgearbeitet, wie geschickt Trump den Angriff auf das Capitol orchestriert hat. Er hat sogar versucht, die Sicherheitskräfte in den Angriff einzubinden. Allerdings hat das US Militär deutliche von Donald Trumps Vorgehen und dem Angriff auf das Capitol eindeutig distanziert, wie der Spiegel am 12.01.2021 berichtete.

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