Beitrag von Vesna Caminades

[Update: 07.08.2020]

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Eier sind gesund, gehören zur Küche wie der Fisch zum Wasser und sind von Kuchen und Kaiserschmarrn gar nicht wegzudenken. Viele unter uns gehen dabei ethisch vor und kaufen Eier von Freilandhennen. Das sind Hennen, die – der Logik nach wenigstens ein paar Stunden pro Tag – das Tageslicht sehen. Ganz im Gegensatz zu den übrigen Hennen, die im Käfig ohne Sonnenlicht geboren, aufgezogen, ausgenutzt und umgebracht werden – wenn sie nicht vorher das Glück haben, aus anderen Gründen zu sterben.

Dabei ist der Weg zwischen Geburt und Tod sehr unterschiedlich je nach Huhn. Legehennen und „Hobbyhennen“, nennen wir sie einmal so, haben unterschiedliche Lebenserwartungen. Eine Hobbyhenne, die wie ein Haustier gehalten wird, kann sieben in manchen Fällen sogar 10 Jahre alt werden. Legehennen sterben im Durchschnitt nach vier, oft schon nach drei Jahren; nicht aber, ohne vorher die Hölle durchgemacht zu haben. Übertreibe ich? Dann sehen Sie sich dieses Video von Animal Equity zur Hühnerhaltung an.

Wie bin ich auf die Idee gekommen, meinen heutigen Artikel den Eiern zu widmen? Die sind doch harmlos, da man die Freilandhennenversion erwerben kann und somit ist unser Gewissen „rein“. Leider nein, nicht rein. Hier ein recht witziges Video „Öko mit Uke“, welches auf lockere Art und Weise einen recht traurigen, aber auch sehr lehrreichen Inhalt vermittelt. So unter anderem:

40 Millionen männliche Küken werden pro Jahr in Deutschland eliminiert, weil sie keine Eier legen und weniger Fett ansetzen, daher sind sie unrentabel.

40 Millionen männliche Küken werden pro Jahr in Deutschland eliminiert, weil sie keine Eier legen und weniger Fett ansetzen, daher sind sie unrentabel.

40 Millionen männliche Küken werden pro Jahr in Deutschland eliminiert, weil sie keine Eier legen und weniger Fett ansetzen, daher sind sie unrentabel.

Nach dem dritten Mal, dass Sie diesen Satz lesen, haben Sie wahrscheinlich realisiert, worum es bei diesem Artikel geht. Eiverzehr hat Konsequenzen. Hier können Sie nachlesen, wie man den Kodex auf dem einzelnen Ei entziffern kann, um zu verstehen, wie die Henne gehalten wurde.

Grob ausgedrückt, könnte man sagen, wenn Sie Eier essen, gibt es also verschiedene Abstufungen des Leidens, welches Sie den Hühnern zufügen:

  • Käfighaltung (Kodex 3)
  • Bodenhaltung (Kodex 2)
  • Freilandhaltung (Kodex 1)
  • Bio- Ökohaltung (Kodex 0 – oder die Henne hat beim Lotto gewonnen, denn die einzige Methode, bei der die Schnäbel der Hennen nicht abgeschnitten werden, ist eben die Ökohaltung).

Eierkonsum hat somit zwei negative Folgen: Kupieren des Schnabels und Tötung der männlichen Küken sobald sie geboren werden – ohne natürlich die Frage aufzuwerfen, wie die Legehennen gehalten werden.

Und wenn wir uns nun der Frage widmen würden „Was wird aus den männlichen Küken, die nicht Eier legen“?

Laut dem deutschen Tierschutzgesetz dürfen Tiere nicht ohne einem „vernünftigen Grund“ umgebracht werden. Hier eine sehr interessante Seite „Tierschutz in der Schule“, wo dies im Detail erklärt wird – für Kinder. Deutsche Tierschützer hatten die Angelegenheit des Küken-Mords bis vor das Bundesgericht gebracht, um ein Urteil zu erwirken, welches die Tötung aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu einem vernünftigen Grund erklärt. Leider hat die Industrielobby gewonnen. Das bedeutet, das Kükentöten ist grundsätzlich zu vermeiden, doch erlaubt, bis nicht Methoden entwickelt werden, die eine frühzeitige Identifizierung männlicher Küken erlaubt. Hier die genaue Erklärung dazu.

Anders ausgedrückt: es werden weiterhin weltweit ca. 7 Millionen Küken täglich vergast, verschreddert oder durch Köpfen eliminiert – täglich. Hier Wikipedia:

In Deutschland werden jährlich 45 Millionen Eintagsküken geschreddert oder vergast; das sind über 126.000 Tiere täglich. In der Schweiz werden jedes Jahr rund 3 Millionen männliche Küken getötet. In der Europäischen Union waren es 2014 330 Millionen getötete Eintagsküken. Weltweit sind es jährlich etwa 2,5 Milliarden Küken. Das sind fast 7 Millionen Eintagsküken täglich.

Wenn ich richtig gerechnet habe, dann sind das ca. 291.000 pro Stunde – 4.860 Küken pro Minute und 81 Küken pro Sekunde. Gerade in diesem Augenblick, wo Sie den Satz fertiggelesen haben, sind ca. 800 Küken umgebracht worden; weltweit natürlich, dann klingt das schon weniger schlimm. Oder?

Erlauben Sie mir einige Textpassagen aus diesem Wikipedia-Artikel und dem Peta-Artikel zu zitieren, ich kann es nämlich nicht so sachlich ausdrücken:

In der Regel wird die Geschlechtsbestimmung von Küken, das Sexen, bereits am ersten Lebenstag durchgeführt. Dies ist möglich durch die Inspektion der Genitalien, jedoch bei kommerziellen Zuchtlinien einfacher durch bewusst gezüchtete phänotypische Geschlechtsunterschiede (zum Beispiel unterschiedliche Federlänge an den Flügeln). Die männlichen Küken werden als „Bruderhähne“ oder „Bruderküken“ bezeichnet.

Die männlichen Küken legen keine Eier, und Tiere dieser Zuchtlinien setzen auch weniger Brustfleisch an als Tiere, die für die Broilermast optimiert sind. Ihre Aufzucht als Masthähnchen ist daher weniger rentabel. (Sollte Ihnen der Begriff nicht geläufig sein, Broiler ist das Brathähnchen)

Das Töten von Eintagsküken erfolgt üblicherweise durch Ersticken oder durch Zerschreddern. Beim Ersticken wird CO2 in Behälter mit einigen hundert Küken eingeleitet. Innerhalb von Sekunden tritt Bewusstlosigkeit ein und der Tod erfolgt innerhalb von wenigen Minuten durch Sauerstoffarmut im Blut.

N.B. das klingt nahezu positiv, die Küken sterben ohne sich dessen bewusst zu werden …

In der Schweiz ist das Töten, bei dem Küken lebendig übereinander gestapelt werden, untersagt, was einem praktischen Verbot der CO2-Erstickung gleichkommt. Jedoch werden nach wie vor die meisten Küken vergast.

In der Massenproduktion in den Vereinigten Staaten erfolgt nach einem Video der Tierschutzorganisation Animal Equality die Tötung unter anderem auch durch das Abschneiden des Kopfes.

Im restlichen Europa unterliegt das Töten Normierungen (Verordnung (EG) Nr. 1099/2009): Küken dürfen nicht älter als 72 Stunden sein und die Maschinenleistung eines Schredders (auch Kükenmuser genannt) muss ausreichen, um eine große Zahl von Tieren unverzüglich zu töten. Im Falle des Kohlendioxids muss die Gaskonzentration mindestens 40 % CO2 betragen.

N.B. warum wohl nicht älter als 72 Stunden? Hängt das vielleicht damit zusammen, dass die Küken eine Nahrungsreserve von eben genau 72 Stunden haben und danach gefüttert werden müssten?

Unverzügliche Tötung: was heißt das konkret? Innerhalb einer – zwei – zehn oder mehr Sekunden? Unterbindet dies das Leiden des Kükens? Oder gehen wir davon aus, dass ein Küken zu klein ist, um zu leiden?

Alternativen zum Kükenvernichten:

Vermeiden lässt sich die Tötung, indem die Geschlechtsbestimmung schon im Hühnerei erfolgt und männliche Küken nicht ausgebrütet werden (Ovo-Geschlechtsbestimmung). Ein praxistaugliches Verfahren hat die Firma Seleggt entwickelt. Allerdings kann die Geschlechterbestimmung erst am achten Tag, wo die Entwicklung des Embryos schon relativ weit ist, mit einer hohen Trefferquote erfolgen.

Tierschützer fordern eine Rückkehr zum Zweinutzungshuhn, bei dem weibliche Tiere als Legehennen aufgezogen und männliche Küken für eine spätere Fleischnutzung gemästet werden können.  Legeleistung und Fleischansatz korrelieren jedoch negativ miteinander, weshalb solche Rassen uneffektiver wären. (N.B. uneffektiv = unrentabel, also als Lösung auszuscheiden). Wer glaubt aber wirklich, dass die männlichen Küken sich darauf freuen, nicht sofort vergast zu werden, sondern zusammengepfercht groß gezogen zu werden, um dann Monate später trotzdem unter Panik und Schmerzen stundenlang transportiert und letztendlich grausam geschlachtet zu werden? Gibt es wirklich jemanden, der sich so etwas einbildet? Dann würde ich als Küken doch lieber gleich für die Eliminierung selbst durch Köpfen optieren.

Die Gretchenfrage zum Schluss ist aber: was geschieht mit diesen „entsorgten“ Küken? Irgendwo müssen sie doch landen. Surprise, surprise:

Getötete Eintagsküken werden zum Teil als Tierfutter für Greifvögel und Reptilien verwendet und von Großhändlern tiefgefroren angeboten.[24] Laut einem Bericht des Spiegels 2011 werden jedoch teilweise Tottiere von den Brütereien in den Hausmüll entsorgt, was auch der Prämisse des Tierschutzgesetzes Tötung ohne Grund widerspräche. Kritisiert wurde diesbezüglich, dass tierische Kadaver in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt entsorgt werden müssten.[25] Das hessische Umweltministerium verlautbarte 2014, dass in Hessen „inzwischen sämtliche männliche Küken nicht mehr geschreddert und entsorgt, sondern mit Gas getötet und komplett als Tierfutter genutzt werden.“ So sollen sie etwa auch an Tierparks oder an Halter von Greifvögeln und Schlangen gehen. Ebenso wird von Vertretern des sogenannten BARFing die Verfütterung von Eintagsküken an junge Hunde und Katzen empfohlen. In der Schweiz gelten aus kommerziellen Gründen getötete Eintagsküken als tierische Nebenprodukte der Kategorie 3. Die entsprechende Kategorie findet etwa Verwertung als Tierfutter oder in Biogas- und Kompostierungsanlagen.

Stehen Biohühner besser da? Hier können Sie einiges dazu nachlesen.

Ob Sie Eier konsumieren oder nicht, würde ich Sie trotzdem ersuchen, diese beiden Videos anzuschauen. Wie immer, ich fordere niemanden auf, etwas anzuschauen, wenn ich es vorher nicht selber angeschaut habe. Das erste Video ist im Vergleich zum zweiten eher harmlos. Bei beiden geht es um die Vernichtung der männlichen Küken. Wir befinden uns in einer Legehennenzuchtfabrik. In der Nacht sind 180.000 Küken geschlüpft, 90.000 davon werden den nächsten Tag nicht erleben. „Nachschlüpfer“ werden automatisch ohne Selektion eliminiert, da sich ein „Sexen“ also die Überprüfung des Geschlechts nicht auszahlt. Alles dreht sich um die Rentabilität. Man sieht Küken in Kisten gehäuft: Kisten, die gut einen Meter hoch sind (man kann sich also vorstellen, dass die letzten Küken am Kistenboden von den oberen zerdrückt werden). Sie kommen auf ein Fließband und es wird in Sekundenschnelle das Geschlecht identifiziert. Weiblich kommt in eine Kiste, männlich bleibt auf dem Fließband, um in einen Trichter zu fallen, der in die Vergasungskammer führt. Die Vergasung dauert 30 Sekunden; Wissenschaftler sprechen von Panik, Schmerzen, Atemnot. Schließlich sieht man, wie jemand die toten Küken, diese kleinen leblosen Körper mit einem Besen zusammenkehrt, wie Schmutz am Boden und wiederum in Kisten gibt. Was anschließend mit ihnen passiert, haben Sie schon weiter oben erfahren.

Das Schlimme dabei ist, dass Personen diese kleinen Küken in die Hand nehmen, irgendwo an einem Bein, einem Flügel, Kopf, und in Sekundenschnelle über deren Leben und Tod entscheiden. Sie haben wortwörtlich deren Leben in ihrer Hand.

Aus all diesen Gründen, kann ich es einfach nicht akzeptieren, wenn mir jemand vorwirft „Warum isst du denn keine Eier? Du übertreibst nun wirklich, das ist doch bedenkenlos.“ Nein, ist es nicht. Ich sage zu solchen Personen, esst euer Ei während ihr das Video anschaut, wie die Hennen gehalten werden und wie die Küken aussortiert und vernichtet werden. Und lasst euch das Ei schmecken.

Zum Schluss erlauben Sie mir bitte eine Überlegung: Küken und Lämmer sind beides Babys, die wir auf grausame Art und Weise um deren Leben bringen. Wir unterbinden ihnen die Möglichkeit, zu erfahren, was es bedeutet, Mutterliebe zu erfahren. Und wir trauen uns, diese beiden Tiere als Zeichen des Osterfestes zu gebrauchen?

Wer einen Versuch starten möchte, kann auf eine eierlose Ernährung umsteigen. Ich habe eben eierlose Mayonnaise gekostet, produziert auf der Basis von Reis. Meines Erachtens sehr gut. Schließlich überlegen Sie sich bitte auch eines:  wenn es immer heißt, männliche Küken sind unrentabel, dann heißt das, dass Konsumenten nicht bereit sind, mehr zu zahlen. Das bedeutet, dass im Grunde genommen, wir als VerbraucherInnen über das Leben dieser 80 Küken entschieden haben, die gerade eben in dieser Sekunde eliminiert wurden. Für all diese kleinen Wesen, bitte, wagen Sie einen Versuch mit eierlosen Produkten! Danke – IAMA

Weitere Links zum Artikel

  • Hier ein weiteres Video zur Eierproduktion (keine unangenehmen Szenen)

  • Das Aussortieren der männlichen Küken findet auch vor der Erzeugung von Bio-Junghennen statt; dies allerdings nicht im Biobetrieb, sondern in der Brüterei, die in aller Regel nicht der Biokontrolle unterliegt. Erst ab Lieferung der Küken an den Biobetrieb wird das Tier zum Biotier.

  • Besonders interessant finde ich diesen Vorschlag: Alternative zum Kükentöten, die männliche so lange züchten, bis sie das Doppelte an Gewicht zugelegt haben, um dann geschlachtet zu werden. Da werden sich die Gockel aber freuen! 

    Die einzige Hoffnung für Millionen von Hennen, Küken, Hühner allgemein bleibt der gesunde Hausverstand und das Mitgefühl der Konsumenten. Wenn wir als Verbraucher endlich die Augen aufmachen wollen und begreifen, dass sich hinter unseren Eiern so enorm viel Tierleid versteckt, dann besteht Hoffnung. Es stimmt, manch einer von uns hat das Glück, einen Bauernhof neben sich zu haben, wo man Eier von glücklichen Hennen beziehen kann. Doch ehrlich zugegeben? Wie viele von uns können wöchentlich aufs Land fahren, um sich mit Eiern einzudecken?

  • Gefälschte Eier – Wie uns die Industrie austrickst | SWR betrifft, 22.032018

    [Update: 07.08.2020]

Titelbild: Eieren verven by Vincent van Dam CC BY-NC-ND 2.0 via FlickR

Fotogalerie:

Foto 1 (von oben): Newborn is comming | by fs999 CC BY-NC-ND 2.0 via FlickR

Foto 2 (von oben): Küken | by GreenConnect Images CC BY-NC 2.0 via FlickR

Foto 3 (von oben): Glucke mit Küken | by Mareike Kranz CC BY-ND 2.0 via FlickR

Foto 4 (von oben): Küken | by Alexander Russy CC BY 2.0 via FlickR

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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