Beitrag von Nick Malkoutzis

Fehler zu machen gehört zum Journalismus. In der Eile, Artikel online zu bekommen, kann etwas falsch gehört, falsch geschrieben, falsch interpretiert und dann von den Redakteuren übersehen werden. Wie der amerikanische Journalist und Medienanalyst Jack Shafer vor einigen Jahren sagte: “Journalisten müssen nicht in eine Box mit der Aufschrift “Halbwahrheiten und Anspielungen” eintauchen, um Fehler zu machen: Dinge zu vermasseln ist seit langem integraler Bestandteil der Berichterstattung bei aktuellen Nachrichten, unabhängig davon, wie gut die Standards einer Nachrichtenorganisation sind….”

Vielleicht wird das Aufkommen von maschinellem Lernen und KI-gestütztem Journalismus diese Probleme weitgehend beheben. Aber bis ein KI-Redakteur Ihre Abendnachrichtensendung präsentiert und eine Maschine Agenturnachrichten schreibt, und wir sehen, welche Genauigkeit dies mit sich bringt, sind wir an das fehleranfällige System gebunden, das wir derzeit haben.

Die Fragen, die in der Zwischenzeit von Bedeutung sind, sind, warum Fehler gemacht werden und ob und wie sie korrigiert werden. Die Antworten auf diese beiden Fragen sagen uns viel über den Zustand einer bestimmten Einrichtung oder die Standards des Journalismus im allgemeinen.

Ein Beispiel dafür ist die Art und Weise, wie ein Interview des griechischen Finanzministers Euklid Tsakalotos mit CNBC von einigen lokalen Medien aufgegriffen wurde. Die Diskussion enthielt eine Reihe interessanter Elemente, von denen einige eine politische Debatte erforderten, wie etwa der Punkt, dass Tsakalotos zugab, dass das Ziel eines Primärüberschusses von 3,5 Prozent des BIP, das seine Regierung mit den griechischen Gläubigern vereinbart hat, zu hoch ist.

Doch schon bald nach dem Interview, das am Donnerstag ausgestrahlt wurde, tauchten auf griechischen Nachrichten-Websites Geschichten auf, wonach Tsakalotos vorgeschlagen hatte, dass es “wahrscheinlich” sei, dass die (konservative Partei; A.d.Ü.) Neue Demokratie die nächsten Wahlen gewinnen würde. Viele Redaktionen machten dies zu ihrer Top-Story. Zweifellos ist der Finanzminister eines Landes, der sagt, dass seine Partei die in einigen Monaten anstehenden Wahlen verlieren würde, überall in den Top-Nachrichten. Es war also nicht verwunderlich, dass die lokalen Medien mit dieser Meldung groß raus kamen. Es gab nur ein Problem: Tsakalotos hat so etwas nie gesagt.

Tatsächlich zeigt das Video des Interviews und die Abschrift des Gesprächs zwischen dem Finanzminister und der CNBC-Reporterin Silvia Amaro deutlich, dass er sich auf die Frage nach dem hypothetischen Szenario des Sieges der Neuen Demokratie bei den nächsten Wahlen von einer solchen Möglichkeit distanziert hat: “Ich glaube nicht, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sie an die Macht kommen werden, aber für den unwahrscheinlichen und unglücklichen Fall, dass sie an der Macht sind, natürlich”, antwortete er.

Natürlich muss Tsakalotos Sichtweise auf das Ergebnis der nächsten Wahlen mit Vorsicht betrachtet werden, zumal SYRIZA der Neuen Demokratie mit einigem Abstand folgt. Als Politiker wird er wahrscheinlich keinen unvoreingenommenen Blick auf die Aussichten seiner Partei werfen. Er würde sagen, es ist unwahrscheinlich, dass die Opposition gewinnt, nicht wahr?

Aber genau deshalb wäre es eine gute Idee, ihn dazu zu bringen, zuzugeben, dass SYRIZA keine große Chance hat, die Wahlen zu gewinnen, die im Oktober anstehen, obwohl viele erwarten, dass sie bereits im Mai stattfinden. Als die Meldung also in Griechenland online ging, wurde sie von einer Webseite nach der anderen aufgegriffen, darunter die größten und etabliertesten Redaktionen des Landes.

Nachdem sich die Nachricht verbreitet hatte, gab die Neue Demokratie eine Erklärung heraus, die auf der falschen Interpretation dessen basierte, was Tsakalotos sagte, und “dankte” ihm dafür, dass er erkannt hatte, dass die Konservativen die Parlamentswahlen gewinnen werden. Die Medien begannen dann, die Reaktion der Neuen Demokratie zu verbreiten, und der Kreis schloss sich.

Das Interessante dabei ist, dass selbst wenn wir einen unbeabsichtigten Fehler unterstellen, wie zum Beispiel, dass ein Journalist das Zitat falsch verstanden hat, der von der ersten Website gemacht wurde, die die Nachricht von Tsakalotos veröffentlichte, dass ein Wahlsieg der Neuen Demokratie “wahrscheinlich” sei, die Tatsache, dass der Fehler von so vielen anderen Redaktionen und dann auch von der Oppositionspartei ohne Nachfragen aufgegriffen wurde, auf einen vollständigen Systemabsturz hinweist.

Es deutet darauf hin, dass sich die Beteiligten zu keinem Zeitpunkt gefragt haben, ob es wirklich sein kann, dass der Finanzminister in einem Interview, nicht “out of record”, mit einem internationalen Sender einräumt, dass seine Partei auf dem Weg zu einer Wahlniederlage ist. Auch während des Prozesses der Verbreitung der Meldung im griechischen Internet (sie wurde auch von den Rundfunkmedien aufgegriffen) scheinen sich nur wenige gefragt zu haben, warum Tsakalotos im selben Moment gesagt haben sollte, dass es “wahrscheinlich” ist, dass die Neue Demokratie die nächsten Wahlen gewinnt und dass das eine “unwahrscheinliche und unglückliche Eventualität” wäre (der zweite Teil seiner Antwort wurde von den griechischen Medien korrekt übersetzt).

Tsakalotos ist dafür bekannt, dass sein Griechisch eigenwillig ist und dass er in der Vergangenheit für Verwirrung mit seinen Kommentaren gesorgt hat. Sein Englisch ist jedoch meist sehr gut. Aber selbst wenn es sich um einen Fall von unklarer Tonwiedergabe oder unklarem Ausdruck handelte, hätte jeder, der das Gesagte nachprüfen wollte, dies bei CNBC tun können. Das Transkript war am selben Morgen verfügbar, an dem das Interview ausgestrahlt wurde.

Dennoch scheint es, dass nur wenige, einschließlich der Neuen Demokratie, an eine nochmalige Überprüfung der Aussage dachten ( oder dies wollten). Vielleicht war es ein Fall von selektivem Hören. Bei einer Meldung von solcher Tragweite ist das jedoch eine Vernachlässigung beruflicher Standards.

Fehler-Korrektur

Dies zeigte sich auch daran, wie die meisten dieser Redaktionen auf die Erkenntnis reagierten, dass Tsakalotos von ihnen falsch zitiert worden war. Einige haben die Meldung weder gelöscht noch angepasst, andere haben sie noch stundenlang stehen lassen, einige haben den Titel und die Teaser angepasst, während in einem Fall sogar behauptet wurde, dass die verworrenen Worte des Finanzministers die Ursache waren, aber keine Redaktion hat eine klare Korrektur veröffentlicht. Eine transparente Darstellung gab es kaum. Nur wenige Medien berichteten und gaben zu, dass ein Fehler gemacht worden war, obwohl der Führer der Neuen Demokratie, Kyriakos Mitsotakis, auf eine umständliche Weise eingestand, dass seine Partei irregeführt worden sei.

Man kann das so beurteilen, dass ein politischer Zweck erreicht wurde (es wurde der Eindruck erweckt, dass ein hochrangiges Mitglied der Regierung glaubt, dass seine Amtszeit gezählt ist) und dass in dieser Hinsicht die Medien, von denen viele eng mit den politischen Parteien in Griechenland verbunden sind, ihre Ziele erreicht haben.

Selbst wenn wir die Möglichkeit ausschließen, dass es absichtlich zu einem unfairen Spiel kam, deutet die zögerliche Art und Weise, in der ein Großteil der Medien auf einen so offensichtlichen Fehler reagiert hat, darauf hin, dass zumindest wenig Rücksicht auf den Leser/Betrachter/Hörer genommen wird. Wie eingangs erwähnt, gehören Fehler zum Beruf – selbst die größsten und erfahrensten Nachrichtenredaktionen und Agenturen mussten peinliche Korrekturen oder Entschuldigungen vornehmen, nachdem sie Dinge falsch verstanden hatten oder irregeführt worden waren.

Aber auch das Eingeständnis und die unmissverständliche Behebung von Fehlern gehören zum Job. Damit soll die Transparenz gefördert werden und gleichzeitig das Vertrauen der Leserschaft und des Publikums. Einige griechische Redaktionen, die ihren Fehler nicht zugeben wollten, erklärten, dass sie sich wenig Gedanken über Genauigkeit und Rechenschaftspflicht machen und dass ihre Interessen woanders liegen.

Für jeden, der die griechische Medienlandschaft kennt, ist das keine Überraschung. Der jährliche Digital News Report des Reuters Institute, der 37 Länder auf der ganzen Welt untersucht, ergab, dass 44 Prozent der Griechen angaben, schon mal einer vollständig erfundenen Meldung zum Opfer gefallen zu sein, knapp unterhalb des Spitzenreiters in dieser Kategorie – der Türkei. Nur 26 Prozent der Griechen bekundeten Vertrauen in alle Nachrichtenquellen, die zweitniedrigste unter allen untersuchten Ländern.

Eine Branche, die viele talentierte, fleißige Mitarbeiter beschäftigt, die unter schwierigen Bedingungen auf hohem Niveau arbeiten, wird durch Systemfehler erschüttert. Die Diskussion über die Ursachen dafür ist eine ganz andere Debatte, aber was der Fall des Interviews mit Tsakalotos deutlich gemacht hat, ist, dass die Medien ihre grundlegenden Funktionen zumindest nicht richtig ausführen. Bevor wir über gefälschte Nachrichten sprechen, sollten wir erkennen, dass wir bereits jetzt unter dem schwerwiegenden Fall schlecht recherchierter Nachrichten leiden.

Der obige Artikel erschien ursprünglich am 22.02.2019 unter dem Titel “Bad News” auf MacroPolis. Die Übersetzung des Artikels sowie deren Veröffentlichung auf Europa.blog erfolgt mit Zustimmung von Nick Malkoutzis.

Übersetzung: Jürgen Klute

Titelbild: Euclid Tsakalotos (M) | Foto: Andrej Klizan CC0 1.0

Autoreninfo

Nick Malkoutzis | Foto: privat


Nick Malkoutzis ist Journalist und lebt und arbeitet in Athen. Einige Jahre war er stellvertretender Chefredakteur der englischsprachigen Online-Version der griechischen Tageszeitung Kathimerini.

Heute betreibt er mit einer kleinen Gruppe von Journalist*innen das englischsprachige griechische Webportal MacroPolis.

Nick Malkoutzis auf Twitter: @NickMalkoutzis

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