Von Bernhard Clasen

Nach sechs Monaten Ermittlungen hat das Russische Staatliche Ermittlungskomitee am 30. November Anklage gegen den linken Oppositionspolitiker und Vorsitzenden der „Bewegung für einen neuen Sozialismus“ Nikolaj Platoschkin (Jahrgang 1965) erhoben.

Ihm wird eine Verletzung von Artikel 212.1 (Anstiftung zur Beteiligung an Massenunruhen) und 207.1 StGB RF (Verbreiten von Falschinformationen) vorgeworfen.

Seine Weggefährtin Anschelika Egorovna Glaskowa fühlt sich bei dieser Anklage an die Hochzeit des stalinschen Terrors von 1937 erinnert. „Offensichtlich will man ihn in Haft setzen, weil das von oben so angeordnet ist“ erklärte Glaskowa gegenüber dem Europablog. „Im nächsten September sind Wahlen für die Staatsduma angesetzt und da will man offensichtlich eine Kandidatur von Platoschkin verhindern.“

Grund zur Angst vor einem Kandidaten haben Russlands Machthaber. Platoschkina hatte 2019 bei den Nachwahlen zur Staatsduma mehr als doppelt so viele Stimmen wie die Kandidatin der Putin-Partei „Eines Russland“ geholt. Und das ausgerechnet im fernöstlichen Chabarowsk, der Metropole, in der die Menschen seit Monaten gegen die Machthaber demonstrieren.

Am 2. Juni hatte er angekündigt, für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen. Am 4. Juni kam die Polizei für eine Hausdurchsuchung in seine Wohnung. Seit 4. Juni ist Platoschkin im Hausarrest. Und dies bedeutet für den herzkranken Politiker, dass er keine Spaziergänge unternehmen darf, keinen Kontakt zu seiner Lebensgefährtin haben darf, auch Notarbesuche nicht erlaubt sind. Deswegen können Anschelika Glaskowa und Nikolaj Platoschkin ihre Partnerschaft nicht mit einem Trauschein registrieren.

Nichts in Platoschkins Werdegang weist darauf hin, dass er einmal Wortführer einer außerparlamentarischen Opposition werden würde. Nach seinem Abschluss der Fakultät für Internationale Beziehungen und einem weiteren Abschluss für diplomatisches Führungspersonal des russischen Außenministeriums war er bis 2006 als Diplomat tätig. Platoschkin, der neben Tschechisch auch Deutsch und Englisch spricht, arbeitete in russischen Botschaften in Deutschland und den USA, außerdem auch im Außenministerium in Moskau. Die Armut, die er außerhalb von Moskau gesehen hatte, machte ihn zu einem erbitterten Gegner von Wladimir Putin.

Titelbild / Fotos: Sie entstammen alle aus dem privaten Archiv von Nikolaj Platoschkin, zeigen ihn Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre als sowjetischen und russischen Diplomaten in Berlin.

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