Beitrag von Vesna Caminades

Liebe Leserinnen, liebe Leser!
„Selbst wem Tiere wurscht sind, dem können Menschen nicht egal bleiben. Das Problem ist komplex, die Konsequenz ist simpel: Wir brauchen ein nachhaltigeres Nahrungsmittelsystem, mit keinem oder kaum Fleisch und vielen Pflanzen auf dem Teller.“

Eine interessante Aussage. Etwas ironisch, wenn man von „wurscht sein“ liest, in einem Zusammenhang, wo es um Fleischindustriebetriebe geht. Wohin möchte ich Sie mit diesem Beitrag mitnehmen? In eine Dimension wo es um intensive Fleischproduktion geht, Coronavirus, einem Bestseller, Personen, die Tiere schlachten und dabei genauso wenig wert sind wie die Lebewesen, die sie umbringen und zerstückeln. Na ja, ich gebe es zu, das wird kein lustiger Artikel, dafür aber ein lehrreicher und hoffentlich interessanter – also auf geht’s!

Ich bin gerade dabei einen Bestseller zu lesen „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Wie gesagt, ich bin beim Lesen, doch bereits die ersten Seiten bieten Theorien, die Tierliebhabern die Haare zu Berge stehen lassen können. Allerdings hat Safran Foer eine enorme Recherchearbeit an den Tag gelegt, welche diese Theorien, eher wie Provokationen eines sich zurückhaltenden Aktivisten klingen lassen. Auf jeden Fall lesenswert, um den eigenen Horizont zu erweitern, als Allesesser, Vegetarier oder auch Veganer. Hier einige Kostproben aus der deutschen Taschenbuchversion (Fischer TaschenBibliothek):

Seite 47: „Der Verzehr von Hunden hat eine stolze Tradition. Grabstätten aus dem 4. Jahrhundert nach Christus enthalten Darstellungen, wo Hunde zusammen mit anderen Tieren geschlachtet werden. (…) Das sinokoreanische Zeichen für „gut und angemessen“ (yeon) heißt wortwörtlich übersetzt „gekochtes Hundefleisch ist lecker“.“

Seite 48: „Die Chinesen haben jahrhundertelang spezielle Hunderassen gezüchtet („chow chow“ bedeutet auf Chinesisch „gut gebraten“)

Seite 49: „In Amerika werden Abermillionen Hunde und Katzen, die in Tierheimen eingeschläfert werden, Futter für unsere Nahrung. (Es werden doppelt soviel

Hunde und Katzen eingeschläfert wie adoptiert.) Doch vergessen wir einfach diesen uneffizienten und grotesken Zwischenschritt. Dadurch werden wir keine Barbaren. Wir lassen sie ja nicht länger leiden als unbedingt nötig. (…)“

Dieses Buch ist interessant, weil es die Entwicklung vom Fleisch(fr)esser bis zum Vegetarier nachvollzieht und insbesondere auf die Frage eingeht: warum behandeln wir Tiere, wie wir das tun – auch beim Umbringen? Und hier nun die Parallele zum Buch: Vor mehreren Wochen ist die Panik rund um das Coronavirus in Deutschland, genau genommen in Gütersloh, wieder aufgeflammt. Dabei ging es um 2.000 Infizierte, die in ein und demselben Fleischproduktionsbetrieb arbeiten.
Was ist dabei so besonders? Warum hat dies plötzlich so viel Aufsehen erregt? Schlicht und einfach, weil man sich auf einmal gefragt hat, warum gibt es in so einem Umfeld so viele Infizierte? Stimmt etwas mit den Hygienevorkehrungen nicht? Gibt es überhaupt solche?

Da wurden Untersuchungen durchgeführt und wie durch Zufall entdeckte jemand, dass die ArbeiterInnen in solchen Intensivbetrieben unter den ärgsten sanitären Bedingungen vegetieren. Warum „vegetieren“? Ganz einfach: diese Leute arbeiten dort, stundenlang, zusammengepfercht, ohne entsprechende Hygienevorschriften einzuhalten, schlecht bezahlt, müssen schnelle Leistung erbringen – somit ohne jegliche Rücksicht auf die Lebewesen, die sie schlachten, zerstückeln und ausbluten lassen; außerdem leben sie aber oft auch am Arbeitsort, wobei die Lebens- und Wohnverhältnisse nicht viel besser sind. Warum das alles? Damit wir ja ein super billiges Fleisch kaufen können. Welche eine Überraschung? Sind wir uns da sicher? Woher kommen denn all die super billigen Angebote, hoch qualitatives Fleisch zu einem irrsinnig tiefen Preis. Sind wir alle solch großartige Schnäppchenjäger oder spielen wir einfach das große grausame Spiel der Intensivfleischbetriebe mit, wobei wir scheinheilig an das tolle Glück glauben, wenn wir Filet zu einem Spottbilligpreis erwerben?

Hier ein Video von PETA zu einer Undercover-Untersuchung in einem Fleischproduktionsbetrieb (schwer verdaubar). Da darf es einen nicht weiter wundern, wenn solche Personen, die selbst ärger als Abschaum der Gesellschaft behandelt werden, nicht besonders viel Tierlieben, Mitgefühl und Mitleid an den Tag legen. Wen interessiert es unter solchen Umständen noch, ob das Kalb, das stundenlang in der Hitze ohne Wasser und Futter transportiert wurde, mit dem Bolzenschuss effektiv tot ist oder nicht? Ob es an einem Bein baumelnd noch bei Bewusstsein ist, wenn man ihm die Haut abreißt und die Kehle aufschlitzt, damit das Vieh (nicht das Tier oder gar das Lebewesen) bei vollem Bewusstsein ausblutet? Wen interessiert das, wenn man am Abend mit Flöhen, mit halb leerem Magen, zu mehreren auf einem Haufen schlafen gehen muss?

Diese Zustände gibt es aber nicht nur in Deutschland, sondern in verschiedenen Orten rund um den Globus. Lateinamerikanischen Fleischindustriearbeiter, die gestreikt haben, um auf deren Lebens- und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen, haben wohl den ersten Schritt gemacht, um einen Hilfeaufruf zu lancieren.
Im Anhang dieses Artikels finden Sie eine Reihe von interessanten Artikeln, die diese Situation sehr gut beschreiben und dabei auch einige Zeit zurück in die Geschichte gehen.

Bemerkenswert finde ich auch die Aussagen des Moraltheologen Martin Lintner, der unter anderem meint, man dürfe Tiere nicht einfach zu Mitteln reduzieren und es sei essentiell, ein nachhaltiges Denken einzuführen.

Es ist sehr wichtig, dass man über diese Zustände und Gegebenheiten spricht und schreibt, damit darüber diskutiert wird. Die Moral? Das nächste Mal, wenn Sie oder Bekannte Fleisch einkaufen und dabei das „Beste+Billigste“ suchen, halten Sie einen Moment inne und berücksichtigen Sie bitte, was das mit sich bringt, wenn SIE den billigsten Preis zahlen. Den richtig teuren Preis zahlt unterm Strich nämlich jemand anders mit vier oder zwei Beinen.

Dies ist auch ein Aufruf, verstärkt in Richtung Kreislaufwirtschaft und Ökosystem zu denken. Nicht nur das sehen, was uns in dem bestimmten Augenblick betrifft, sondern etwas weiter schauen und bedenken, ob man nicht diesen Teufelskreis durchbrechen kann. Wie? Indem man weniger, aber dafür etwas teurer und seltener kauft. Natürlich ist die Frage: ist so eine Umstellung unserer Gewohnheiten machbar? Oder stößt da unsere (vermeintliche) Tierliebe auf unsere Magenliebe? Warum müssen gerade wir damit beginnen, etwas zu ändern, wir sind ja nur ein Tropfen im endlosen Meer … Übliche Entschuldigung – übliche Antwort: Ja, jeder Tropfen ist enorm wichtig! Daher stellen wir uns auf die Hinterfüße und tun wir endlich etwas, jeder mit seinem Rhythmus, aber tun wir es! Am besten noch, wir bringen unseren Kindern bei, gleich im Respekt für Tier und Natur allgemein zu leben! Danke für jede kleinste Änderung, die Sie vornehmen und bewirken, bei sich und bei anderen! IAMA

Links zum Artikel

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

Zu den weiteren Artikeln von Vesna Caminades zum Thema Tierschutz und Tierrechte bitte hier klicken!

Titelbild: Porkcamp 2011 | Foto: lietz.photo CC BY-NC-ND 2.0 via FlickR

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