Beitrag von Bernhard Clasen, Kiew

Nach einem Besuch des türkischen Staatschefs Recep Erdoğan in Kiew am Montag geht unter türkischen Oppositionellen in der Ukraine die Angst um. Sie fürchten, dass man ihnen vorwirft, Mitglied der Gülen-Bewegung zu sein und sie somit als mutmaßliche Terroristen an die Türkei ausliefert.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski kündigte am Montag ein entschiedenes Vorgehen gegen die in der Türkei verbotene Gülen-Bewegung an. Selenski beauftragte den ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU, Lehranstalten und Schulen der Gülen-Bewegung in Augenschein zu nehmen. Dies erklärte Selenski bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Montag Nachmittag in Kiew.

Er habe lange mit Erdoğan über dieses Thema gesprochen, er wisse, dass dieses Thema schon zu einem anderen Zeitpunkt zwischen der Ukraine und der Türkei besprochen worden wäre.

„Heute haben wir konkrete Fakten von Präsident Erdoğan erhalten, es gibt konkrete Namen. All diese Informationen habe ich dem SBU übermittelt“ zitiert die Ukrajinska Prawda den ukrainischen Präsidenten. Gleichzeitig erinnert die Ukrajinska Prawda daran, dass die Türkei schon im September 2018 die Auslieferung von fünf türkischen Staatsbürgern gefordert hatte, die sie der Gülen-Bewegung zurechnet.

Offiziell hatten bei dem Treffen der Staatschefs der Ukraine und der Türkei wirtschaftliche Interessen im Vordergrund gestanden. „Wir haben das ehrgeizige Ziel“ so Präsident Selenski auf einer Pressekonferenz, „den bilateralen Handelsumsatz auf 10 Milliarden Dollar zu steigern.“ Dieser liegt derzeit bei vier Milliarden Dollar. In Kiew versprach Recep Tayyip Erdoğan in der Ukraine für 500 krimtatarische Familien Häuser zu bauen.

Nach dem Treffen mit Erdoğan hatte Selenski Interesse an aserbaidschanischem Gas geäußert, das über die Transanatolische Pipeline TANAP in die Türkei geliefert wird.

Dieser Besuch von Erdoğan erschreckt türkische Oppositionelle in der Ukraine. Oppositionelle fürchten, dass man ihnen eine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung vorwirft und sie dann als angebliche Terroristen an die Türkei ausliefert.  Die Gülen-Bewegung gilt in Europa und den USA nicht als terroristisch. Doch in der Türkei wirft man ihr eine Mitwirkung am Umsturzversuch vom Juli 2016 vor. Türkische Oppositionelle werden als mutmaßliche Gülen-Anhänger verfolgt, in aller Welt.

Gegenüber dem Europablog äußerte der seit 2005 in der Ukraine lebende oppositionelle türkische Journalist Yunus Erdogdu, dessen Schwester in München lebt, Angst, nun selbst an das Erdoğan-Regime ausgeliefert zu werden.

Das Portal „strana.ua“ berichtet von einer schwarzen Liste von in der Ukraine lebenden oppositionellen Türken, deren Auslieferung das Erdoğan-Regime fordert.

Es spricht einiges dafür, dass auch Yunus Erdogdu auf der schwarzen Liste steht.

„Ich wollte Photos vom Erdoğan-Besuch in Kiew machen. Doch ich habe keine Akkreditierung erhalten. Das ist mir in der Ukraine noch nie passiert.“ so Erdogdu zu Bernhard Clasen.

Am 17. Juli 2018 hatte das ukrainische Internet-Portal „strana.ua“ eine Liste von fünf in der Ukraine lebenden Staatsbürgern veröffentlicht. Damals stand Yunus Erdogdu an der fünften Stelle. Da zwei türkische Staatsbürger auf der Liste inzwischen in einem anderen Land Asyl bekommen haben, geht Erdogdu davon aus, nun an dritter Stelle der schwarzen Liste zu stehen.

Titelbild / Fotos: Der Journalist Yunus Erdogdu bei einer Pressekonferenz in Kiew direkt neben dem ukrainischen Präsidenten Volodimir Selenski.| Foto: privat, 10.10.2019

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