Von Bernhard Clasen

Vor 38 Jahren als Junge auf die Welt gekommen und Vater von zwei Kindern, ist es Ekaterina Messorosh leid, ihren Übergang zum anderen Geschlecht vor fünf Jahren zu verbergen. Seit vielen Jahren geht die St. Petersburgerin regelmäßig zum Blutspenden. Doch nach ihrem „Übergang“ war damit erst mal Schluss. Die Ärzte wollten nicht das Blut einer Person „aus einer Risikogruppe“. Doch Katharina hat den Spieß einfach umgedreht. Sie ging an die Öffentlichkeit, gab Journalisten Interviews und prangerte die Diskriminierung durch die Ärzte an. Schließlich war es denen peinlich, in der Öffentlichkeit als diskriminierend dargestellt zu werden. Inzwischen darf Ekaterina wieder Blut spenden. „Mir ist es wichtig, klarzumachen, dass mein Übergang nicht mein Problem ist, sondern das Problem vieler Mitmenschen.“

Anders als die meisten russischen will Messorosh die Prozedur einer Eintragung des neuen Geschlechts nicht auf sich nehmen. Sie behält ihren Pass mit männlichem Vornamen. „Wenn jemand Probleme mit meinem Männernamen hat, dann ist das nicht mein Problem.“ Und außerdem habe sie keine Lust, einer Kommission von wenig wohlmeinenden Medizinern ihre Identität erklären zu müssen.

Haß kennt die studierte Chemiker und Programmierer der russischen „LGBT-Hauptstadt Sankt Petersburg“, die jeden Sonntag Vater der zwei Kinder ist, die bei der Mutter leben, das Angebot, bei Interviews anonym zu erscheinen, grundsätzlich ablehnt, zur Genüge. Besonders schwer sei das Leben für Transgender in der Provinz, in Studentenwohnheimen und in der Übergangszeit, berichtet sie. Sie kenne eine Frau, die in dieser Zeit vier Mal überfallen worden ist.

Zunächst hatte sich Ekaterina in einer kleinen Gruppe von Aktivisten für Transgender in St. Petersburg eingesetzt. Doch nachdem der Staat sie gezwungen habe, sich als „ausländischer Agent“ registrieren zu lassen, hätten sie ihre Organisation aufgelöst und arbeiten nun informell als Initiativgruppe weiter. Man unterstützt Transgender in praktischen und juristischen Fragen. Immer wieder komme es vor, dass Paare nach der Geschlechtsumwandlung eines Partners mit der Begründung, in Russland gebe es keine gleichgeschlechtlichen Ehen, zur Scheidung gezwungen würden. Das aber ist rechtswidrig, berichtet sie. Eine Ehe darf nicht gegen den Willen der Beteiligten getrennt werden. „Das wissen viele Beamte nicht oder wollen es nicht wissen.“ Viele Paare würden dem Druck nachgeben und sich scheiden lassen.

Im Alltag hat man, so berichtet die in Moskau lebende 21-jährige Anna, keine Probleme, wenn man aussieht wie ein Mann oder eine Frau. Die Probleme beginnen, wenn man mit Institutionen, insbesondere dem Militär, zu tun hat. Sie war in der Zeit, in der sie noch “männlich” im Pass stehen hatte, bei der Musterung als “Päderast” und “Perversling” beschimpft worden. „Beim Militär werden Transgender als Menschen zweiter Klasse behandelt.“
Gays in Tschetschenien: ständige Angst vor Kadyrows Schergen und den eigenen Verwandten

Seit Februar sind Salech Magamadow (20) und Ismail Isajew (18) in einem tschetschenischen Gefängnis. Beide werden vom russischen LGBT-Netzwerk betreut und beide sind in der Haft gefoltert worden.

Am 4. Mai berichtet das Portal Kavkaz-uzel.eu, nun sei den beiden Besuch von ihren Verwandten im Gefängnis verboten worden. Und das ist derzeit die einzige gute Nachricht, die von den beiden aus Tschetschenien an die Öffentlichkeit gelangt.

Warum ist das eine gute Nachricht?

Im Februar diesen Jahres waren die beiden Brüder, die aus Tschetschenien nach Nischnij Nowgorod geflohen waren, von Polizisten in ihrer Wohnung verhaftet und nach Tschetschenien verschleppt worden. „Ihnen droht Lebensgefahr“ hatte das russische LGBT-Netzwerk auf seinem Internetportal lgbtnet.org im Februar Alarm geschlagen.

Ekaterina Messorosh, Vater von zwei Kindern. | Foto: privat

Salech Magamadow und Ismail Isajew sind Administratoren des Telegram-Kanals „Osal Nach 95“ (auf deutsch: „leere Menschen“). Die Betreiber verstehen sich als Atheisten, kritisierten immer wieder moslemische und tschetschenische Traditionen, zeigen häufig das christliche Kreuz und LGBT-Symbolik. Im April 2020 waren sie zusammen mit 25 weiteren Jugendlichen festgenommen worden. In der Haft wurden sie gezwungen, Textstellen des Koran, die Biographie von Achmat Kadyrow, dem Vater des amtierenden tschetschenischen Republikchefs Ramsan Kadyrow, die tschetschenische und die russische Hymne auswendig zu lernen. Dort waren sie auch, so berichtet die Menschenrechtsorganisation Memorial, in einem Gebäude der Streifenpolizei in Grosnij gefoltert worden. David Isteev vom russischen LGBT-Netzwerk geht gegenüber dem Portal svoboda.org davon aus, dass die sexuelle Orientierung der beiden ihre Situation noch weiter erschwert habe.

Das erste Mal war Isajew im August 2019 festgenommen worden, wegen seiner Homosexualität. Eine Woche lang sei er an einem unbekannten Ort festgehalten und mißhandelt worden. Dann habe ihn seine Mutter freigekauft, berichtet die Nowaja Gaseta.

Im Juli 2020 hatte das russische LGBT-Netzwerk Salech Magamadow und Ismail Isajew nach ihrer Freilassung geholfen, von Tschetschenien nach Nischnij Nowgorod zu fliehen, wo sie sich anschließend gemeinsam in einer Wohnung einmieteten.

Am 23. März hatte die tschetschenische Polizei, so berichtet das Portal daily.afisha.ru, 23 Verwandte der beiden vorübergehend festgenommen. Was bei diesen „Gesprächen“ mit den Verwandten gesagt worden ist, ist nicht bekannt. Wenig später, am 30. März, wendet sich das „Russische LGBT-Netz“ erneut an die Öffentlichkeit. Man fürchte wieder um das Leben der beiden, so das Netzwerk. Dieses Mal drohe die Gefahr von Verwandten, die sich mit einem „Ehrenmord“ von dem Ruch, etwas mit Homosexualität zu tun zu haben, befreien wollten, so das LGBT-Netzwerk. Wenige Tage später wurden die beiden in ein anderes Gefängnis gebracht, um sie vor einem Mord zu schützen.

Nach ihrer Inhaftierung im April, so Memorial, hatten die tschetschenischen Behörden von Magamadow und Isajew eine Zusammenarbeit erwartet. Um dieser zu entgehen, waren sie nach Nischnij Nowgorod geflohen.

Angeblich sollen die beiden mit dem radikalen islamistischen Widerstand zusammengearbeitet haben. Ein absurder Vorwurf angesichts der religionskritischen Haltung der beiden. Diese hätten, so Elena Milaschina in der Nowaja Gaseta, u.a. mit Photoshop den Koran, Schweinefleisch und Fäkalien auf einem Bild vereint.

„Inländische Fluchtalternative“

Der Fall von Magamadow und Isajew zeigt drei Dinge:

Öffentlichkeit hilft. Nachdem der Fall der beiden in den Medien hohe Wellen geschlagen hatte, wurden sie in der Haft nicht mehr gefoltert. Ja der Staat handelt und versucht, die beiden vor einem „Ehrenmord“ zu schützen. Sogar die offizielle russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa hat sich für die beiden eingesetzt.

Es gibt keine inländische Fluchtalternative. Deutsche Migrationsbehörden streiten nicht ab, dass die Menschenrechtslage in Tschetschenien verheerend ist. Doch bei Ablehnung von Asylgesuchen verweist man gerne auf eine „inländische Fluchtalternative“. Wer in Tschetschenien verfolgt werde, könne ja in eine andere Region Russlands umsiedeln, so viele deutsche Behörden und Entscheider in Asylverfahren. Der Fall der beiden Gays aus Tschetschenien zeigt, dass diese Annahme mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Magamadow und Isajew sind keine Einzelfälle. Die Verfolgung sexueller Minderheiten ist in Tschetschenien an der Tagesordnung. Schon 2017 hatte die Nowaja Gaseta von über hundert tschetschenischen Gays, die wegen ihrer Orientierung inhaftiert seien, berichtet. Drei von diesen seien in der Haft getötet worden, möglicherweise gebe es aber noch weitere Opfer, so Elena Milaschina von der Nowaja Gaseta.

Hinweis

Am Montag, den 17.5.2021, halten Mitglieder von Quarteera e.V., einer Organisation russischsprachiger Lesben, Schwuler, Bisexueller, Trans*-Personen und ihrer Freunde in Deutschland und Amnesty International eine Mahnwache für Salekh Magamadov, Ismail Isaev und Julia Tswetkowa um 15 Uhr vor der russischen Botschaft in Berlin (Unter den Linden 63) ab.

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Titelbild / Foto: privat

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