Dr. Franziska Tanneberger ist Leiterin des Greifswald Moor-Centrums. Als Co-Vorsitzende des „Zukunftsrats MV“ wirkte sie an den Empfehlungen für ein nachhaltiges, digitales und gemeinwohlorientiertes Mecklenburg-Vorpommern (MV) mit. Sie ist aktive Unterstützerin der neugegründeten und offenen Initiative „Zukunftshandeln MV“. Interview von Peter Scherrer.

Peter Scherrer: Klimaschutz als Staatsziel – klingt gut, aber wie geht das konkret für MV?

Franziska Tanneberger: Klimaschutz kann nur funktionieren, wenn wir wissen, wo unsere Emissionen herkommen. Dazu gibt es verlässliche Zahlen, die aber die wenigsten kennen. Kein Wunder – man findet sie bisher auch nicht auf der Website des zuständigen Ministeriums. Die Landwirtschaft und landwirtschaftliche Moornutzung machen 42 Prozent aller Treibhausgasemissionen in MV aus. Die Energieerzeugung und der Verkehrsbereich sind weitere große Quellen von CO 2 .

Seit 1991 sind die Emissionen in MV nicht gesunken. Um diese Emissionen endlich wirksam zu senken, müssen wir bei den größten Emittenten sofort beginnen. Das sollte auch den neu gewählten Landtagsabgeordneten immer bewusst sein.

Peter Scherrer: Wie sollte ein Landesklimaschutzgesetz aussehen?

Franziska Tanneberger: Ein neuer Entwurf für ein solches Gesetz muss sich klar auf die bei uns in MV wesentlichen Quellen der Treibhausgase beziehen. Da kann man sich z.B. am Gesetz für Schleswig-Holstein orientieren, die haben eine ähnliche Ausgangsposition wie wir in MV.

Drei Punkte sind wichtig. Erstens brauchen wir klar terminierte Reduktionsziele für die im Land relevanten Sektoren. Das ist insbesondere der Landnutzungssektor. Zweitens muss die Landesregierung Maßnahmenpläne verbindlich beschließen, die dann auch durch den Landtag bestätigt und kontrolliert werden.

Es muss geregelt werden, was passiert, wenn diese Ziele nicht erreicht werden. Zu oft war es in den vergangenen Jahrzehnten der Fall, dass beschlossene Ziele nicht erreicht wurden. Das funktioniert jetzt aber mit dem Klima nicht mehr – das können wir uns nicht mehr leisten.

Und ein dritter Punkt ist die Vorbildrolle der öffentlichen Hand. Auf allen öffentlichen Gebäuden und Flächen muss Klimaschutz umgesetzt werden, durch Einsparung, Photovoltaik und eben auch Wiedervernässung. Auch alle Vergaberichtlinien müssen Klimaschutz integrieren.

Peter Scherrer: MV hat gewählt, was muss sofort angepackt werden?

Franziska Tanneberger: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat angekündigt, dass MV bis 2040 klimaneutral sein soll. Das finde ich großartig und gehe davon aus, dass sofort nach der Bildung einer neuen Landesregierung alle vorhandene Kompetenz aus den Behörden, der Wissenschaft und gesellschaftlichen Gruppen beraten wird, wie wir die Zielmarke 2040 gemeinsam erreichen. Die Staatskanzlei könnte dies koordinieren – Stichwort Klimaschutz als Staatsziel.

In den bereits gelieferten Empfehlungen des Zukunftsrates sind viele konkrete Maßnahmen für MV beschrieben. Wichtig ist nun klare Zuständigkeit, politische Verantwortung und Personal für die Senkung der Emissionen – nicht nur im Bereich Energiewirtschaft, sondern ebenso bei Landnutzung und Landwirtschaft. Viele Beschäftigte in den Behörden, aber auch Landwirte wollen den Klimaschutz im Bereich Landnutzung vorantreiben. Dazu müssen nun die Strukturen geschaffen werden. Eine Moorklimaschutzagentur wäre nur ein Beispiel dafür.

Franziska Tanneberger | Foto: Peter Scherrer

Das Thema muss in der Fläche präsent sein, das kann man nicht von Schwerin aus machen. Ein Beispiel für mehr Bürgernähe ist, dass in Greifswald im Oktober eine Moormanagerin in der Stadtverwaltung ihre Arbeit aufnimmt. Sie wird sich konkret mit den Moorflächen im städtischen Eigentum befassen. Wir brauchen viel mehr Menschen, die sich mit dem Thema Klimaschutz vor Ort beschäftigen und dann auch ansprechbar sind.

Peter Scherrer: Was bedeuten Moore für MV?

Franziska Tanneberger: Menschen in MV haben über Jahrhunderte mit den Mooren gelebt, weil 12 Prozent unserer Landfläche, in Vorpommern sind es sogar fast 20 Prozent, eben Moore sind. Moore gehören also zu unserer Kultur.

Über Jahrhunderte hat man gegen die Moore angekämpft, weil man sie trockenlegen und beackern wollte. Aber das Moor hat auch Rohstoffe geliefert. Denken sie nur an die Schilfflächen und die rohrgedeckten Häuser. Das nasse Moor der Zukunft bietet Naturschutzflächen, aber auch Wirtschaftsflächen, auf denen wir Baumaterialien, Verpackungsmaterialien und Energieträger herstellen können.

Peter Scherrer: Die Initiative Zukunftshandeln MV fordert eine Transformation zur Nachhaltigkeitsökonomie. Was bedeutet das für die Land – und Forstwirtschaft?

Franziska Tanneberger: Die Initiative Zukunftshandeln MV haben wir als eine offene Plattform gegründet, um auf Basis der Empfehlungen des MV-Zukunftsrates ins Handeln zu kommen. Menschen, die in der Agrar- und Forstwirtschaft arbeiten, sind ebenso wie alle anderen an der Mitarbeit interessierten Bürgerinnen und Bürger herzlich eingeladen, mitzuwirken.

Ein wichtiges Thema in MV sind regionale Warenkreisläufe. Das, was in der regionalen Landwirtschaft erzeugt wird, sollte auch in der Region vermarktet werden. Gerade in den touristischen Gebieten gibt es eine große Nachfrage nach regionalen Produkten. Da gibt es noch ein großes Potenzial.

Weiterhin die Transformation der Landwirtschaft auf Moorböden. Die Hälfte des Grünlandes liegt auf Moorböden und wird der Boden entwässert, so verschwindet der Torf und die Bewirtschaftung ist eben nicht nachhaltig. Hier muss auf eine nachhaltige, sozusagen „nasse“ Landwirtschaft umgestellt werden.

Bei der Forstwirtschaft haben wir ganz viele Ansprüche an unsere Wälder. Bäume binden viel CO 2 und deshalb müssen wir gesunde und dichte Wälder bewahren und schaffen. Das bedeutet auch einen Rückgang im Einschlag und gerade die alten Bäume gilt es zu erhalten. Leider haben wir derzeit die Situation, dass die entwässerten Moore fast doppelt so viel CO 2 freisetzen, wie der gesamte Wald bindet. Hier können und müssen wir ansetzen!

Titelbild / Foto: Franziska Tanneberger | Foto: © Peter Scherrer

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