Edith Cavell und Gottfried Benn, der als Stabsarzt bei ihrer Hinrichtung im Oktober 1915 zugegen war

Edith Cavell und Gottfried Benn, der als Stabsarzt bei ihrer Hinrichtung im Oktober 1915 zugegen war

Vor hundert Jahren stand das Ende des 1. Weltkrieges kurz bevor. Doch in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik spielt der 1. Weltkrieg kaum eine Rolle. Ganz anders in Belgien und Großbritannien.

In Deutschland wird die Erinnerung an den 1. Weltkrieg überlagert durch die Zerstörungen des 2. Weltkriegs und durch den Holocaust. Anders als der 2. Weltkrieg fand der 1. Weltkrieg nicht auf dem Territorium des Kaiserreiches statt, sondern in den Nachbarländern.

Noch im öffentlichen Gedächtnis erinnert werden die mörderischen Schlachten von Verdun, Sedan und an der Marne. Dass der 1. Weltkrieg in Belgien – vor allen auf den flandrischen Schlachtfeldern – nicht weniger mörderisch und brutal war, ist in Deutschland kaum noch bekannt.

Weil das so war, ist die Erinnerungskultur an den 1. Weltkrieg in Belgien viel stärker ausgeprägt. Und weil an den Schlachten in Flandern viele britische Soldaten beteiligt waren, ist die Erinnerung an diesen Krieg auch in Großbritannien noch sehr präsent. Die roten Klatschmohnblüten (engl.: Poppies) sind ein auch noch heute oft zu sehendes Erinnerungssymbol an das sinnlose Sterben auf den flämischen Schlachtfeldern. Das Symbol geht zurück auf das Gedicht „In Flanders Fields“ des kanadischen Armeearztes John McCrae. Er schrieb dieses Gedicht nach der Beerdigung eines Freundes, der 1915 fiel (siehe Kasten).

Ein in Belgien und Großbritannien bis heute unvergessenes Opfer dieses Krieges ist die englische Krankenschwester Edith Cavell (1865 – 1915), die bereits vor Beginn des Krieges nach Brüssel gekommen war, um dort die Ausbildung von Krankenschwestern zu organisieren. Sie wurde wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten am 11. Oktober 1915 von einem deutschen Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am darauf folgenden Tag, am 12. Oktober 1915, in Brüssel durch Erschießen vollstreckt.

In Belgien und Großbritannien wird Edith Cavell bis heute als Märtyrerin und Nationalheilige geehrt. Viele Straßen, Plätze und Krankenhäuser tragen ihren Namen. In der Bundesrepublik ist Edith Cavell hingegen so gut wie unbekannt. Deshalb nimmt Europa.blog ihren 103. Todestages, der in das Jahr des 100 Jahrestages des Endes des 1. Weltkrieges fällt, zum Anlass, einen Artikel von Jan Kurlemann, der an Edith Cavell erinnert und der erstmals am 11. Oktober 2015 auf Belgieninfo.net veröffentlicht wurde, erneut zu veröffentlichen. Da der deutsche Arzt und Dichter Gottfried Benn als Armeearzt bei der Hinrichtung von Edith Cavell anwesend war, hat Jan Kurlemann seinen Beitrag über Edith Cavell mit Gottfried Benns Zeit in Brüssel verknüpft.

In Ergänzung zu diesem Artikel veröffentlicht Europa.blog zeitgleich einen Beitrag von Hugo Lüders, der einen kritischen Blick auf die Rolle von Edith Cavell wirft: “Edith und die Spione – Untersuchungen zur ‘Zweiten Edith Cavell'”.

Beitrag von Jan Kurlemann

Wer kennt nicht den Namen der Edith-Cavell-Klinik in Brüssel? Die englische Direktorin einer Schwesternschule in Brüssel, die im Ersten Weltkrieg von der deutschen Besatzungsmacht hingerichtet wurde, gab ihr ihren Namen. Fast unbekannt ist es, dass der deutsche expressionistische Dichter Gottfried Benn bei der Hinrichtung als Militärarzt Dienst tat. Es geschah am 12. Oktober vor 100 Jahren.

Edith Cavell, eine hochqualifizierte englische Krankenschwester, wurde 1907 nach Brüssel eingeladen, um dort nach dem Vorbild von Florence Nightingale eine Schule für Krankenschwestern zu leiten, die ein Diplom erwerben wollten. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Schule in ein Rotkreuz-Lazarett umgewandelt. Soldaten aller Nationalitäten fanden dort Hilfe. Auch nach dem deutschen Einmarsch in Brüssel durfte die „feindliche Ausländerin“ dort weiter wirken.

In der Klinik wurden nicht nur verwundete und erkrankte Soldaten gepflegt, sondern auch versprengte alliierte Soldaten versteckt und mit falschen Papieren über Gent durch die neutralen Niederlande nach England geschleust. Vermutlich aufgrund einer Denunziation wurde das Netzwerk aufgedeckt und man verhaftete zahlreiche Personen, unter ihnen Edith Cavell.

Ein seltsames Kriegsgerichtsverfahren

Brand Whitlock, der Geschäftsträger der neutralen USA, der die britischen Interessen im besetzten Belgien vertritt, erfährt zunächst nichts über die Verhaftung. Verteidiger haben keinen Aktenzugang, und sie dürfen nicht mit ihren Mandanten sprechen. Am 7. September 1915 tritt das Kriegsgericht im Saal des Senates in Brüssel zusammen. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Ihren Verteidiger, den Brüsseler Anwalt Sadie Kirschen, sieht Edith Cavell vor Gericht zum ersten Mal. Sie gibt ihre Taten zu. Am 11. Oktober wird Edith Cavell nach Kriegsrecht wegen Hochverrats (Zuführung von Soldaten in feindliche Länder in der Absicht, dem Feind zu helfen oder den deutschen Truppen zu schaden) zum Tode durch Erschießen verurteilt. Die Vollstreckung soll früh am nächsten Morgen stattfinden.

Enclos des Fusillés, Bruxelles – Im Hintergrund der Ort der Erschießungen | Foto: Jürgen Klute

Nur durch Zufall erfährt die US-Vertretung von dem Urteil und der bevorstehenden Hinrichtung. Noch am selben Abend wird den deutschen Stellen ein Gnadengesuch vorgelegt, das der diplomatische Vertreter Spaniens für den erkrankten Brand Whitlock begründet. Er bittet auch um Aufschub der Hinrichtung. Der Militärgouverneur als Gerichtsherr hält jedoch die Vollstreckung für unabdingbar und lehnt jeden Aufschub ab.

Gottfried Benn gleichzeitig in Brüssel

Der Mediziner Gottfried Benn stammte wie Edith Cavell aus einem protestantischen Pfarrhaus. Während seiner Tätigkeit als Pathologe in Berlin veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Morgue“ und erregte damit Aufsehen. Zu Kriegsbeginn wurde er eingezogen und nach dem Einmarsch in Brüssel dort als Arzt eingesetzt. Seine Haupttätigkeit war die Gesundheitskontrolle von Prostituierten und die Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Prosastücke mit dem Arzt „Rönne“ im Mittelpunkt, die er in Brüssel schrieb, haben autobiografische Elemente. Mit dem Kriegsgerichtsprozess gegen Edith Cavell hatte er nichts zu tun.

Internationale Tagung über Gottfried Benn in Brüssel

Benn gehörte zur deutschen literarischen Kolonie, die sich während des Ersten Weltkrieges in Brüssel aufhielt.

Grund genug, um hier eine Internationale Tagung unter dem Thema „Gottfried Benn, Anthropologie und Ästhetik zu veranstalten. Veranstalterin war die frankophone Katholische Universität Löwen (UCL) in Kooperation mit dem Brüsseler Goethe-Institut. Prof. Dr. Antje Büssgen , Professorin für deutsche Literatur leitete die Tagung, die Germanistinnen und Germanisten von Jerusalem bis Oxford, von Rostock bis Louvain-la-Neuve zusammenführte. Prof. Dr. Hubert Roland, ebenfalls von der Université Catholique de Louvain, stellte den Zusammenhang her zwischen Benns Brüsseler Erlebnissen. „Ich war Arzt in einem Prostituiertenkrankenhaus – Gottfried Benns Selbstinszenierungen in autobiographischen Texten“ lautete sein Thema. Wie er belegte, sind Benns Angaben über seinen Aufenthalt in Belgien, auch über die Hinrichtung von Edith Cavell teils widersprüchlich. Andere Angaben konnten bisher nicht verifiziert werden. Teil der Literatur sind sie in jedem Falle.

Die Hinrichtung Edith Cavells und Benns Bericht

Dr. Gottfried Benn hat Dienst, als Edith Cavell am frühen Morgen des 12. Oktober 1915 zur Richtstätte, dem „Tir National“ in Schaerbeek gebracht wird, wo heute der Brüsseler Fernsehturm steht. Der deutsche evangelische Gefängnisgeistliche Le Seur begleitet sie auf ihrem letzten Weg. Die beiden Hinrichtungspelotons erschießen sie und Philippe Baucq, einen belgischen Architekten, der einem anderen Netzwerk als sie angehörte.

Zeitgenössische Zeichnung der Hinrichtung von Edith Cavell

Gottfried Benn stellt ihren Tod fest, drückt ihre Augen zu und legt sie in den Sarg. Heimlich wird sie beigesetzt. Berichte über einen deutschen Offizier, der sie mit der Pistole erschossen hätte, nachdem sie zusammengebrochen sei, weist Benn später zurück: “Sie war noch während des Rufes Feuer unbezweifelbar tot.“ Das wird von Le Seur bestätigt. Gottfried Benns Biograph Helmut Lethen, der selbst an der Tagung teilnahm, zitiert Benns Beschreibung der Hinrichtung in seinem Werk „Der Sound der Väter – Gottfried Benn und seine Zeit“(2006).

Reaktionen

Der deutsche Kaiser, der von dem Todesurteil nicht unterrichtet worden war, missbilligte es. Das Verfahren vor den Kriegsgerichten wurde geändert: Gnadengesuche konnten im Falle der Verurteilung von Frauen an die höhere Instanz eingereicht werden und wurden meist dem Kaiser vorgelegt. Die Hinrichtung von Edith Cavell rief einen weltweiten Sturm der Entrüstung hervor. In Großbritannien, wo es trotz Krieges keine Wehrpflicht gab, wuchsen die Meldungen zum Militär sprunghaft an. Für das Imperial War Memorial wurden zwei Ereignisse für Propagandazwecke genutzt – die Hinrichtung Edith Cavells und die Versenkung der „Lusitania“.

Nach dem Kriege wurde Edith Cavells Leichnam exhumiert, unter großer Beteiligung der Bevölkerung aus Belgien nach England gebracht und an der Kathedrale von Norwich beigesetzt. Ihr ausgestopfter Hund Jack stand im Imperial War Museum in London. Die Webseite zeigt heute nur noch eine Vitrine mit Erinnerungsstücken. Auch die Akten über Verhaftung, Prozess und Hinrichtung Edith Cavells sind im Besitz des Museums. Alle zwei Jahre gedenkt ihr Heimatort Swardeston im Herbst der „Heldin von Norfolk“.

Benns Rückkehr nach Deutschland

Unter unklaren Umständen wurde Benn 1917 aus dem Militärdienst entlassen. Er ließ sich in Berlin als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten nieder und führte sein Leben lang eine literarisch-medizinische Doppelexistenz. Die Produktion des Films „Dawn“ über Edith Cavell, der die unwahre Episode der Erschießung durch einen Offizier enthielt, veranlasste Benn 1928 für eine Zeitung einen detaillierten Artikel über die Hinrichtung zu schreiben. Er respektierte Edith Cavell als „die kühne Tochter eines großen Volkes“. Mit der Kälte, die schon seine „Rönne“-Prosa charakterisiert hatte, schrieb er. “Sie hatte als Mann gehandelt und wurde von uns als Mann bestraft. Sie war aktiv gegen die deutschen Heere vorgegangen, und sie wurde von diesen Heeren zermalmt. Sie war in den Krieg eingetreten, und dieser Krieg vernichtete sie.“

Der belgische Autor Pierre Mertens thematisierte 1987 in seinem Roman „Les éblouissements“ (Deutsche Fassung: Der Geblendete) Benns Bezug zu Edith Cavell, aber auch seine anfängliche Unterstützung des Nationalsozialismus, die mit dem Publikationsverbot 1938 endete.

Denkmäler

Eine Gedenkstätte in Brüssel (Schaerbeek), der „Enclos des Fusillés“ in der Nähe des Fernsehturms erinnert an die Hingerichteten beider Weltkriege, auch an Edith Cavell. Sie und ihre Freundin Marie Depage, die mit der „Lusitania“ unterging, zeigt ein Denkmal, das in Brüssel (Uccle) an der Ecke der beiden Strassen steht, die ihre Namen tragen. In der Nähe des Trafalgar Square in London steht ein Denkmal für Edith Cavell, und in Kanada ist ein Berg nach ihr benannt.

Enclos des Fusillés, Bruxelles | Foto: Jürgen Klute

Jan Kurlemann ist langjähriges Redaktionsmitglied von Belgieninfo.net und “gelernter” Brüsseler. Er hat Jura studiert und nach seinem Abschluss bis zu seiner Pensionierung als Beamter beim Europäischen Parlament in Brüssel gearbeitet. Zudem ist Jan Kurlemann Amateurhistoriker.

Weitere Beiträge von Jan Kurlemann zum Thema 1. Weltkrieg auf Belgieninfo.net

In Flanders Fields

In Flanders’ fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place: and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
We are the dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved and were loved, and now we lie
In Flanders’ fields.
Take up our quarrel with the foe;
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high,
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders’ fields.

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