Beitrag von Vesna Caminades

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Ich hoffe, Sie haben das neue Jahr bestmöglich begonnen. Wir alle hoffen, dass es ein positives und vor allem gesundes 2021 wird. Im Dezember hatte ich Kontakt mit der Gründerin einer sehr schönen Initiative, wo es darum geht, weltberühmte Köchinnen und Köche darin zu unterstützen, vegetarische und vegane Gerichte in deren Menü aufzunehmen. Ein sehr interessantes Marketing-Konzept, welches natürlich indirekt auch Tierwohl unterstützt. Allerdings hegte diese Dame etwas Bedenken, von IAMA interviewt zu werden, da IAMA vornehmlich über Themen schreibt, die mit Misshandlung und Vernachlässigung von Tieren zusammenhängen. Nun ja, das kann und will ich nicht bestreiten. Daher haben wir uns einvernehmlich dafür entschieden, keinen Beitrag zu veröffentlichen. Das hat mir aber die Gelegenheit geboten, darüber nachzudenken, was IAMA wirklich will. Und mir ist eines sehr klar geworden: IAMA will wissen, was hinter Produkten, Methoden, Praktiken, Denkweisen, Initiativen etc. steckt, welche mit Tieren zu tun haben. Indem ich selbst Dinge in Erfahrung bringe und dazu lerne, kann ich meine Informationen auch mit Ihnen teilen. Auf diese Weise können Sie dann entscheiden, was Sie mit diesem neu dazu gewonnenen Wissen machen möchten. Etwas ändern, alles gleich belassen oder radikal einen Unterschied machen. Das ist also auch das Ziel dieses Beitrages zu Jahresbeginn.

Es geht um eine recht interessante Initiative, die vor ein paar Jahren in Frankreich entstanden ist und nun in verschiedenen Ländern repliziert wird. „Du bist der Chef“ – „C’est qui le patron?“ – „Chi é il padrone?“ – „Wie is de baas?“

In wenigen Worten geht es um faire landwirtschaftliche Produkte. Wie wir alle wissen, durchlebt die Agri-Branche eine Krise, denn es ist für die Bauern sehr schwierig, Preise zu erlangen, die ihre Arbeit wirklich entgelten und ihnen noch ermöglichen, ein „Leben“ zu führen. Dies gilt ganz besonders für kleine Landwirte. Oft können leider nur große industrielle Betriebe profitabel arbeiten, wo aber meist das Tierwohl links liegen bleibt. Aus der Sicht der Konsumenten ist es darüber hinaus auch gar nicht klar, in wessen Taschen das Geld, welches sie für einen Liter Milch bezahlen, schließlich landet. Wir wissen zwar, wieviel wir für einen Karton Milch oder für eine 6-Eierschachtel bezahlen. Doch sind wir uns eigentlich darüber im Klaren, wieviel davon zum Beispiel an die Bauern geht? Es sind ja noch viele andere Stakeholder an diesem Kreislauf beteiligt: Genossenschaften, Einzelhändler, Transporteure, Handelsketten, Werbeagenturen, etc. alle wollen ihren Profit rausschlagen.

Aus diesem Grunde ist also in Frankreich diese Initiative ins Leben gerufen worden. Sie hatte einen unerwartet großen Erfolg. Dort haben mittlerweile Produkte „La marque du consommateur“ wie Butter, Milch, Apfelsaft, Mehl etc. einen sehr bedeutenden Platz im Regal eingenommen. Nicolas Barthelmé – Franzose und seit über 20 Jahren in Deutschland – hat 2019 diese Erfahrung nach Hessen gebracht. Hier ein Podcast mit ihm über seine Erinnerung daran.

Gerade in diesen Zeiten, wo EU-weit der Green Deal als die „Hiobs-Botschaft“ gefeiert wird und die „Farm to Fork-Strategie“ die Lösung für eine hoffnungsvolle und nachhaltige Zukunft für alle gilt, müsste solch eine Aktion mit offenen Armen aufgenommen werden. Doch man liest auch sehr saftige Kritik darüber. Kann es nicht sein, dass die Gegner recht haben und dass es sich lediglich um einen Betrug und um „Augenauswischerei“ handelt? Dass die Konsumenten hinters Licht geführt werden? Oft wird angezweifelt, dass es sich um eine seriöse Aktion handelt, da beispielsweise Bio leider oft mit Skandalen verbunden wurde usw. Doch, die Aktion feiert ihren Erfolg und wird nun auch in andere Länder exportiert: Deutschland, Belgien, Italien zum Beispiel. Wie funktioniert das aber im Detail?

Anhand eines Formulars werden den interessierten Verbrauchern Fragen gestellt, welche die Herstellung des entsprechenden Produktes betreffen. Man geht von einem empfohlenen Basispreis aus und dem können dann X Cents hinzugefügt werden, wenn man zum Beispiel gewillt ist, mehr zu zahlen: damit der Bauer nicht nur „überlebt“ sondern auch in seinen Betrieb investieren kann, damit die Kühe länger auf der Weide bleiben können, damit sie ein besseres Futter verabreicht bekommen, damit die Eierschachtel recycled ist und nicht nur aus Karton, etc. Jede Option kostet natürlich etwas und somit ist man sich als Konsument in Sekundenschnelle bewusst, wieviel man eigentlich mehr bezahlen muss, um ein nachhaltigeres Produkt zu erwerben. Vor allem entdeckt man, ob man wirklich so enorm viel mehr bezahlen muss, oder aber ob der Mehrpreis vertretbar ist. Mit anderen Worten, der Verbraucher entscheidet über das Produkt, welches sie/er dann im Supermarkt wiederfindet. Natürlich müssen die Handelsketten gewillt sein, diesen Versuch zu starten. Die Werbekosten werden meist amortisiert, denn die Promotion läuft über die Social Media und das Packaging ist auch extrem einfach gestaltet. Das erste Produkt, welches auf diese Weise hergestellt wurde, ist die Milch. Nun will man das Ei als nächstes unter die Lupe nehmen. Anschließend stehen Mehl, Butter, Sahne, usw. auf dem Programm. Gruppen von Konsumenten machen anschließend Stichproben und besuchen die Betriebe, die sich zu dieser Herstellung zum angegebenen Preis verpflichtet haben. In Deutschland findet man diese Produkte mittlerweile in Supermärkten wie Rewe, tegut, Wasgau, Hit und einigen Edeka Märkten – und seit kurzem auch bei Alnatura und Hit. Die Milch, welche pro Liter 1,45 Euro kostet, beruht auf folgende Grundsätze:

  • Die Milch ist bio.
  • Die Kühe verbringen mindestens vier Monate auf der Weide, damit zählt die Milch als Weidemilch.
  • Im Stall werden die Kühe Großteils mit Frischgras gefüttert, die Futtermittel sind aus der Region.
  • Die Tiere bekommen kein gentechnisch verändertes Futter.
  • In den teilnehmenden Betrieben wird der Tiergerechtigkeitsindex eingesetzt. Hier ist eine Mindestpunktzahl Voraussetzung.
  • Die Landwirte erhalten 0,58 Euro pro Liter Milch.

Zum Nachlesen hier ein Artikel von Öko-Test.

Hier einiges mehr zum Hintergrund dieser Aktion.

Nun gibt es Webseiten und Fora, wo diese Initiative als Betrug verschrien wird. Ich schreibe darüber, weil mich ein Bekannter darauf aufmerksam gemacht hat und ich fand die Idee interessant. Jeder kann sich dann Seines dazu denken. Doch das Prinzip, dass wir als Konsumenten die Verantwortung übernehmen, zu einem gewissen Grad die Produkte der Zukunft zu bestimmen, finde ich faszinierend. Erschreckend finde ich hingegen die Tatsache, dass man mit einem Mehrpreis von ein paar Cents einen gewaltigen Unterschied bewirken kann. In dem Moment, wo uns dies bewusst ist, können wir nicht mehr die Arme hängen lassen und sagen, „das System überrollt uns und wir sind der Wirtschaft ausgeliefert“. Nein, wir können – wenn wir wollen – sehr wohl einen Unterschied herbeiführen.

Das wollte ich gerne mit Ihnen teilen, danke – IAMA

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Titelbild: A faire Milch-Kuh in rot-weiß-rot | Foto: Monika Bargmann CC BY-SA 2.0 via FlickR

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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