Von Frederik D. Tunnat

Während der letzten vier Jahre gab ich mich, wie vermutlich Millionen anderer Menschen weltweit, der Illusion hin, Donald Trump als Präsident sei ein „Betriebsunfall“ US-amerikanischer Politik und westlich geprägter Demokratien.

Das noch immer nicht vollständig feststehende Ergebnis der diesjährigen Präsidentschafts-, Senats-, und Kongresswahlen zeigt hingegen, dass es sich mitnichten um einen Betriebsunfall handelte, als das amerikanische Wahlvolk 2016 Donald Trump ins Weiße Haus wählte. Wie wäre sonst erklärbar, dass trotz all dessen was vorfiel, trotz all des Abbaus von demokratischen Rechten und Tugenden durch Präsident Trump, trotz der Umwandlung der einstigen Führungsnation westlicher Demokratien in eine autoritär-diktatorische Bananen-Republik, erneut von knapp der Hälfte der Wähler im Amt bestätigt worden wäre, hätten nicht ein paar zehn- oder hunderttausend Stimmen und das durch und durch ungerechte Wahlsystem der USA dafür gesorgt, dass allem Anschein nach Joe Biden mit hauchdünner Mehrheit Trump im Weißen Haus beerbt.

Mehr und mehr zeigt sich, dass die nun erneut sichtbar gewordene gesellschaftliche, politische wie soziale Spaltung der US-Gesellschaft, wie sie sich in diesem fatalen Wahlergebnis manifestiert, kein einmaliger Ausrutscher, kein Betriebsunfall war, sondern mindestens 20 bis 40 Jahre zurückreicht.

Die grauenhafte Entwicklung, die beispielsweise die Republikanische Partei seit der Präsidentschaft Ronald Reagans in den Achtziger Jahren nahm, über die Tea-Party-Bewegung hin zur Trump-Erfüllungsgehilfen-Partei, ist atemberaubend wie beschämend zugleich. Zu lange hat man (ich schließe mich da ein) das für kurzfristige, vergehende Symptome oder Auswüchse gehalten, und die Zusammenhänge wie Auswirkungen einer ultra-liberalen Wirtschafts- und Währungspolitik, wie sie für die Präsidentschaften Reagans, der beiden Bushs und nun Trumps typisch waren, auf die Einkommens- und Lebenssituation der Bevölkerung ausgeblendet oder schlicht verkannt.

Die Veränderung der Währungspolitik der westlichen Länder, allen voran der USA, fort von einer Gold gedeckten Währung, die sog. Liberalisierung der Aktienmärkte, die sog. Globalisierung, die statt Wohlstand für alle bittere Armut in weite Teile der Mittelschicht brachte, all dies hat, in Verbindung mit einer fortschreitenden Korrumpierung der Politik, dazu geführt, dass sich die seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, herausgebildete bürgerliche Gesellschaft – bestehend aus einer überschaubaren Unterschicht, einer breiten, große Teile der Gesellschaft umfassenden Mittelschicht, sowie einer kleinen, reichen Oberschicht – zu einer von sozialen Spannungen und zunehmenden Verteilungskämpfen unsozialen Gesellschaft verändert hat, in welcher die Mitte immer schneller und stärker erodiert, die Unterschicht stark und überproportional zunimmt, und die reiche Oberschicht allen Reichtum aus der durch die Globalisierung und die freien Märkte generierten, exorbitant gesteigerten Wertschöpfung für sich allen behält.

Wie stets anlässlich politischer Umbruchsituationen, denen fast immer gesellschaftliche wie soziale Ungerechtigkeiten zu Grunde liegen, man denke nur an den Aufstieg des Faschismus während der Zwanziger und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Europa: der Nazis in Deutschland, der Faschisten um Mussolini in Italien, sowie des Faschismus um Franco in Spanien. Vorausgegangen war ein entsetzlicher Weltkrieg, die Vernichtung und Zerstörung eines über hundert Jahre aufgebauten Wohlstands breiter Schichten, dem Börsenkrach von 1929, der die soziale Verelendung hunderter von Millionen Menschen weltweit beschleunigte und die Hungernden und Arbeitslosen, Perspektivlosen zu hunderten von Millionen in die Hände und Arme politischer Scharlatane wie Hitler, Mussolini und Franco trieb. Dass die Große Depression in den USA nicht in einem faschistischem Fiasko endete, wie in Europa, verdankt das Land seinem damaligen Präsidenten, Franklin D. Roosevelt – übrigens und bezeichnenderweise kein Republikaner, sondern ein waschechter Demokrat – dessen NEW DEAL darauf abhob, die breite Masse der Bevölkerung wieder zu bescheidenem Wohlstand zu verhelfen. Er war – trotz des vom Faschisten Hitler angezettelten Weltkrieg – damit sehr erfolgreich: jenes Amerika, das uns nach 1945 als großes Vorbild diente, waren jene USA, die Roosevelt nach 1932 schuf. Jenes Amerika, in dem ein Donald Trump aufwuchs, und das er angeblich zurückhaben und bringen will. Bei Trumps unterentwickelter Bildung dürfte ihm kaum klar sein, dass er nach einer Zeit und Idealen zurück greifen will, die demokratisch gemanagt wurde. Doch Trumps Lügen von einem „Amerika first“, einem Stop der Globalisierung, der Re-Etablierung einer gesunden, breiten Mittelschicht sind und bleiben eben nur Lügen. Denn genauso, wie er keine Vorstellung davon besitzt, was seinerzeit den New Deal ausmachte, wie Politik damals systematisch für den Wohlstand möglichst aller Amerikaner agierte, geht es Trump einzig und allein um sich, seinen persönlichen Wohlstand, wie den der kleinen, schmarotzenden Schar Superreicher, die ihn ins Amt gesponsert haben, und die er mit Milliarden Steuererlassen und Pöstchen in Übersee, wo sie fleißig diplomatisches Porzellan zerschlagen halfen, bei Laune hielt.

Es ist die Ironie des Schicksals, dass die in den USA vollkommen Verarmten, vollkommen Entrechteten, vollkommen Unterprivilegierten das Monster wählen, dass mit aller Kraft daran arbeitet, möglichst viele von ihnen noch weiter zu entrechten und zu verarmen, oder gleich ins Grab zu bringen. In der Natur kennt man das von den Lemmingen, aber auch von in Panik verfallenen Herden, die sich sehenden Auges, ihrem verrückt gewordenen Leittier folgend, von hohen Klippen in den Tod stürzen.

Mehrmals habe ich die USA bereist, zwei Mal von Küste zu Küste. Dabei habe ich bis auf 12 Staaten sämtliche Bundesstaaten bereist und kennen gelernt. Wenn man mit offenen Augen und Ohren reist, nimmt man auch als durchreisender Ausländer eine Menge von den Problemen der dort lebenden Menschen wahr. Immer wieder unglaublich wirkte auf mich die augenfällig sichtbare soziale Spreizung der US-Gesellschaft. Signalisiert beispielsweise auf dem platten Land, d.h. z.B. in den Staaten des Mittleren Westens, ein privater kleiner Autoschrottplatz die Anwesenheit dort lebender äußerst armer Menschen, sind es in den großen Städten die Außenbezirke und teilweise, speziell im Süden der USA, die dort unübersehbaren Slums. Was ich während meiner Reisen durch die USA landesweit an sozialer Ungleichheit und Armut sah, kam auf Europa übertragen nur gewissen Stadtteilen Londons oder Paris, bzw. gewisser entindustrieller Gegenden in England und Frankreich gleich.

Niemals hätte ich geglaubt, vergleichbare Zustände und ähnliche soziale Ungleichheit und Armut nur 15 bis 20 Jahre später in meiner Heimat Deutschland sehen zu müssen. Inzwischen habe ich verstanden, dass die globalisierte Welt ALLES viel schneller und stärker weltweit verteilt, als die frühere, mit ihren Grenzen und nationalen Eigenheiten. Mit einer zeitlichen Verzögerung von rund 15 Jahren, stellte ich fest, finden ähnliche Entwicklungen, wie ich sie zuvor im England nach Thatcher oder den USA Bill Clintons und George W. Bushs erlebte, auch bei uns statt. Das bedeutet, bezogen auf einen politischen Clown wie Donald Trump, sowie auf eine deformierte Partei wie die Republikaner, dass wir uns in Europa wie Deutschland bereits mehr als warm anziehen sollten, denn das, was wir heute mit ungutem Gefühl in den USA beobachten, wird mit der zeitlichen Verzögerung von einem bis anderthalb Jahrzehnten auch bei uns Realität sein: ein deutscher „Trump“, europäische Möchtegern-Diktatoren, soziales Elend wie in der vormals Dritten Welt. Parteien, die nur noch willfährige Erfüllungsgehilfen für autoritär veranlagte, narzisstisch-schizophren verformte Politiker sind, die Klimakatastrophe, Pandemien, soziale Ungleichheit leugnen.

So schrecklich es klingen mag. Meine Erfahrungen, die sich mit den Einschätzungen und Wahrnehmungen vieler Menschen decken, die von Berufs wegen das Ganze zusätzlich beruflich-wissenschaftlich erforschen, stehen bedauerlicherweise als Menetekel an der imaginären Wand. Angesichts der aktuellen Entwicklung innerhalb der europäischen Gesellschaft, ihren politischen Ausnahmeerscheinungen, den gesellschaftlich-sozialen Verwerfungen, der Unfähigkeit der EU und ihrer Politiker gegenzusteuern, EU-weit wie national – man schaue nur nach Bulgarien, nach Ungarn, nach Tschechien, nach Polen, aber auch nach Finnland, nach Schweden, nach Dänemark, nach Italien, nach Frankreich – und ganz besonders nach Deutschland!

Überall ähnliche Auflösungserscheinungen, wie sie Trump in den USA vorausgingen. Es bedarf wenig Prophetie um vorauszusagen, dass wir in Kürze Politiker vom Schlag eines Trump in Italien und Frankreich an der Macht sehen. In England ist bereits ein solcher Politiker an der Spitze. Es könnte Deutschland folgen, die Niederlande, Belgien, Dänemark, eventuell Finnland und Schweden. Wie werden dann die führenden Köpfe in Polen und Ungarn oder Bulgarien jubeln? Wie mag sich dann Putin seine Hände reiben, oder der chinesische Führer? Von Leuten des Schlags eines Kim Jong-un oder den Ayatollahs ganz zu schweigen.

Allein die Reaktion und das lautstarke, geradezu lärmende Schweigen unserer ach so beliebten Kanzlerin Merkel ist verstörend und hässlich zugleich. Die gerade von mehreren angelsächsischen Medien zur moralischen „Führerin“ der westlichen Welt hoch stilisierte Merkel besitzt nicht den Mut und die Weisheit, sich zur „rechten Zeit“ zu äußern, statt abzuwarten, bis es opportun erscheint. Es sind solche moralisch fragwürdigen Handlungen bzw. das Nichthandeln, die Parteien wie der AfD in die Hände spielen und die die vermutlich in Deutschland bereits existente „schweigende Mehrheit“ von annähernd 50% aller Wähler noch gründlicher und nachhaltiger Bauernfängern wie der AfD in die Arme treiben.

Titelbild: Womens March Oct 2020 | Foto: Mobilus In Mobili CC BY-SA 2.0 via FlickR

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