Frederik D. Tunnat

Einer der großen, bedeutenden amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart ist tot: Paul Auster.

Er verstarb an Lungenkrebs. “Drei Tage habe ich nicht geraucht – und wurde zu einem Monster. Aber ich wollte nicht so einer sein, der irgendwann Menschen ins Gesicht schlägt oder Schaufenster eintritt. Und so habe ich beschlossen, lieber ein kürzeres Leben zu führen, als ein schlechter Mensch zu sein – und wieder angefangen“, sagte er dem ZEIT-Magazin 2009, also vor 15 Jahren.

Auster stand nicht nur dazu, Raucher zu sein, ein nach seinem Drehbuch von Wayne Wang verfilmter Kinostreifen hieß bezeichnenderweise „Smoke“ und spielt nicht zufällig vor Austers Haustür in seinem geliebten Stadtteil Brooklyn. Im Film geht es ums Rauchen und um das Leben überzeugter Raucher. Nicht grundlos mimt Harvey Keitel eine der Hauptrollen, raucht gemeinsam mit den anderen Schaupielern um die Wette. Wenn man so will, eine verspätete Hommage ans Rauchen, zelebriert vom Oberraucher Auster, als Drehbuchautor.

Politisch war Auster linksliberal verortet, was ihn mir zusätzlich sympathisch machte, fernab davon, ein guter Romancier gewesen zu sein. Auster selbst bezeichnete sich als „far to the left of the Democratic Party“. Das will für US-amerikanische Verhältnisse schon etwas heißen. Dennoch war Auster nie das, was in Europa einen explizit politischen Autor ausmacht.

Ich kenne nicht nur starke Raucher, wie Paul Auster einer war, sondern gehörte für 30 lange Jahre selbst zum Klub. Verführt zum Rauchen wurde ich – wie könnte es anders sein? – von dem stärksten Raucher, den ich kannte: meinem Stiefvater. Obwohl der sonst fast nur aus Verboten und Restriktionen bestand, die er anderen Menschen, mit Vorliebe mir, seinem Stiefsohn, auferlegte, war er beim Rauchen die Toleranz in Person. Zunächst hatte er sich damit begnügt, meine Mutter zum Mitrauchen anzustiften. Doch kaum kam meine Pubertät voll in Fahrt und mein Körper wie meine Physiognomie nahmen erwachsene Züge an, unternahm er täglich Versuche, mir das Rauchen schmackhaft zu machen. Obwohl ich zunächst wenig Neigung zeigte und oft entsetzlich husten musste, wenn ich einen Zug nahm, ließ ich mich schließlich doch verführen. Rauchen hatte damals, in den Swinging Sixties, ja auch noch dieses coole Image von Freiheit und Abenteuer, kunstvoll zelebriert von der Werbung der Tabakindustrie. Mit 15 begann ich regelmäßig, allerdings nicht annähernd so viel wie mein Stiefvater zu rauchen, dessen damalige tägliche Ration 60 Zigaretten pro Tag betrug. Ein paar Jahre später waren es 80 am Tag! Insofern kann ich ausgesprochen gut nachvollziehen, was Auster 2009, in der Zeit, in Bezug auf seine Rauchsucht, äußerte, wie sie ihn im Griff hatte.

Während mein Stiefvater im Alter von 73 Jahren seiner Nikotinsucht wegen einer völlig verteerten Lunge erlag, wurde Auster, trotz seines Tabakkonsums, immerhin 77 Jahre alt. Ich selbst habe vor 25 Jahren mit dem Rauchen aufgehört – von einem Tag auf den anderen, in der Silvesternacht 1998 auf 1999 im Londoner Stadtteil Wimbledon, während einer feucht-fröhlichen Party, umgeben von Rauchschwaden und massenhaft angetrunkenen, rauchenden Menschen. Seitdem habe ich nie wieder geraucht, keine Zigarette, kein Zigarillo, keine Zigarre, keine Pfeife, kein gar nichts. Um das umzusetzen, und nicht, wie Paul Auster wegen Nikotinentzugs zum Monster zu mutieren, bedarf es eines unbändig starken Willens sowie einer mächtigen Motivation. Obwohl ich beides hatte und erfolgreich einbrachte, vergisst der Körper nie – nicht einen einzigen Zug, noch das passive Mitrauchen von bis zu 80 Zigaretten täglich, über mehr als zehn Jahre. Insofern ereilte nicht nur Paul Auster vor ungefähr fünf Jahren seine Diagnose. Mir wurde sie letztes Jahr beigebracht, zufällig entdeckt, sozusagen ein Abfallprodukt einer eher harmlosen Untersuchung.

Jenseits des uns für ein paar Jahrzehnte verbindenden „Rauchgenusses“, gehört Paul Auster für mich zu der Handvoll US-amerikanischer Gegenwartsautoren, die ich aufmerksam, begeistert, mich inspirieren lassend las, deren Werke ich intim kenne, mag, teilweise als herausragend verehre. Vor etwas über einem Jahrzehnt begegnete mir einer aus dieser Autorenclique persönlich. Er hatte soeben mal wieder einen Preis abgeräumt, war auf Einladung einer Uni in Europa, nahm, wie ich, an einem internationalen Autoren-Kongress teil, hielt selbst einen Vortrag, und beteiligte sich rege an den Diskussionen. Zufällig wählten wir, während einer Veranstaltungspause, dasselbe Café, schräg visavis des Veranstaltungsorts, kamen bei einem Milchkaffee ins Gespräch, und tauschten uns u.a. über Paul Auster und dessen New-York-Trilogie aus. Da er Auster persönlich kannte, steuerte er mir bis dahin unbekannte Details und Informationen bei, die mir anlässlich einer neuerlichen Lektüre der Trilogie diverse Aha-Erlebnisse bescherten.

In Bezug auf Paul Austers Bücher wird stets hervorgehoben, dass eines seiner Leitmotive wie Themen der ZUFALL war. Viele Jahre lang habe ich meine besondere Sympathie wie mein gesteigertes Interesse an Austers Romanen nicht einordnen können. Doch vor einiger Zeit fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Obwohl Auster und ich unterschiedliche Genres als Autoren bedienen, teilten wir eine gemeinsame Antriebsfeder und Motivation fürs Schreiben. Was bei Auster als Zufall bezeichnet wird, bezeichne ich als Schicksal; ein Begriff, der ohne Zweifel den Zufall beinhaltet. Schicksal kann auf unterschiedliche Weise interpretiert werden. War es für antike Menschen, antike Autoren Griechenlands und Roms, ein uns Menschen von göttlicher Gewalt auferlegter Zustand, wird Schicksal in der Gegenwart weniger auf göttliche Fügung, denn auf zufällige Ereignisse zurückgeführt. An diesem Punkt treffen sich Austers und meine Sicht der Dinge: wir verwenden zwei miteinander verwobene Begriffe, um ein und dasselbe zu beschreiben wie zu meinen.

Überaus bedauerlich, dass wir uns nun auf keine weiteren inspirierenden, anregenden Romane Paul Austers mehr freuen können. Ein Großer der amerikanischen Gegenwarts-Belletristik hat uns für immer verlassen. Friede seiner hoffentlich nicht allzu verteerten Seele.

Für mich ist sein bedauerlicher Tod Anlass, seine Romane erneut zu lesen. Ich bin sicher, beim Lesen Neues, bisher Übersehenes wahrzunehmen, wie ich das von der wiederholten Lektüre von Max Frischs Büchern kenne, die mich schon mein ganzes Leben begleiten. Mit zunehmendem Alter und eigener, erweiterter Lebenserfahrung weitet sich der Horizont beim Lesen, so meine persönliche Erfahrung. Deshalb macht es Sinn, für einen selbst wichtige Bücher alle 5 bis 10 Jahre erneut zur Hand zu nehmen und wieder zu lesen. Jeder neue Lesevorgang fördert bisher nicht Erkanntes zutage, lässt den Leser den Autor besser, manchmal intimer, verstehen. Insofern freue ich mich, trotz meiner aufrichtigen Trauer um einen bedeutenden, begnadeten Autor, auf die erneute Lektüre seiner Bücher. Ich bin gespannt, was Paul Austers Romane mir dieses Mal an zusätzlichen Eindrücken und Informationen vermitteln.

Titelbild: Paul-Auster 2014 by Embajada de EEUU en Argentina CC BY 2.0 DEED via FlickR

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