Es ist wohl die älteste Menschenrechtsorganisation in der Ukraine: Die Charkiwer Menschenrechtsgruppe. Ihre Wurzeln reichen bis in die späten 1980er Jahre zurück: Bereits 1988 entstand in Charkiw im Umfeld der Memorial-Bewegung eine Menschenrechtsgruppe, aus der die 1992 offiziell gegründete und registrierte Charkiwer Menschenrechtsgruppe hervorging. Mittlerweile gibt es die Charkiwer Menschenrechtsgruppe in mehreren Städten der Ukraine.
Im Juni 2024 hatte die Organisation den nach Lew Kopelew benannten „Preis für Frieden und Menschenrechte 2023/2024“ erhalten.
Kürzlich besuchte Bernhard Clasen das Charkiwer Büro der Organisation und sprach mit dessen Leiterin, Tamila Bespala. Hier seine Erzählung.
Von Bernhard Clasen
Ein Büro mitten im Krieg
Die Tür fällt leise ins Schloss. Draußen liegt Charkiw, eine Stadt im Ausnahmezustand, in der Sirenen zum Alltag gehören. Drinnen sitzt die Rechtsanwältin Tamila Bespala an einem schlichten Schreibtisch. Bespala ist die Chefin des Charkiwer Büros der Charkiwer Menschenrechtsgruppe. Angefangen hatte die Charkiwer Menschenrechtsgruppe in Charkiw. Inzwischen hat sie auch in anderen Städten der Ukraine Büros.
Direkt neben ihr ein Schrank voller Ordner und Akten. Hier verbergen sich viele menschliche Schicksale, Aussagen von Opfern der russischen Besatzung im Gebiet Charkiw. Da findet sich viel von Gewalt, Vergewaltigungen und Morden durch die russischen Besatzer, war doch ein großer Teil des Gebietes Charkow von russischen Truppen besetzt.
Und nur ein paar Meter weiter und immer im Blickfeld von Tamila Bespala spielt ein kleiner Junge mit Spielsachen. Ihr Sohn Timur.
Stadt ohne Männer
„Charkiws Straßen sind so leer“ berichtet sie. Männer seien aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden: an der Front, geflohen, versteckt. Zurück bleiben vor allem Frauen, Kinder und Alte. Selbst im Kindergarten ihres Sohnes seien bei einer Elternversammlung unter fünfzig Eltern nur fünf Männer gewesen. „Das sagt doch alles.“
Ein zentrales Thema ist die fortschreitende Mobilisierung. Auf der Straße werde Jagd auf junge Männer gemacht. Und wer von der Wehrbehörde TZK aufgegriffen werde, wird sich wenige Wochen später, nach einer kurzen Grundausbildung, im Schützengraben wiederfinden. Es sei sogar vorgekommen, dass auch Männer, die vom Kriegsdienst befreit sind, so Bespala, von der Wehrbehörde TZK mitgenommen worden sind. Besorgniserregend sei, dass immer häufiger auch gesundheitlich ungeeignete Personen eingezogen werden – darunter Schwerkranke oder Menschen mit chronischen Erkrankungen. Immer wieder kommt es zu Misshandlungen durch die Wehrbehörde TZK, berichtet sie.
Männer zwischen 25 und 60 Jahren sind im Straßenbild von Charkow kaum zu sehen. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft sind massiv. In vielen öffentlichen Räumen dominieren Frauen – etwa in Schulen oder im öffentlichen Nahverkehr. Männer sind entweder an der Front, im Ausland oder verstecken sich.
Vor diesem Hintergrund geraten Unternehmen zunehmend unter Druck, da qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.
Vom Beratungsbüro zum Servicezentrum
Das Menschenrechtsbüro in Charkiw, so Bespala, war vor 2022 einmal eine reine Beratungsstelle. Heute ist es weit mehr: Anlaufpunkt für alle, die in Not sind. Längst gehe die Arbeit der Menschenrechtsgruppe über eine reine Rechtsberatung hinaus, berichtet sie.“ Inzwischen sind wir eine Art Servicezentrum geworden, bieten auch psychologische, materielle und medizinische Hilfe an.“
Die Menschen, die hier Hilfe suchen, bringen die ganze Bandbreite des Krieges mit: Angehörige von Gefallenen, Familien von Vermissten, ehemalige Kriegsgefangene, Zivilisten, die Folter erlebt haben. Jeder Fall ist anders – und doch ähneln sich die Probleme: komplizierte Verfahren, überforderte Behörden, fehlende Informationen.
Das Büro hilft bei Anträgen, organisiert medizinische Gutachten, vermittelt psychologische Betreuung und finanziert in vielen Fällen notwendige Untersuchungen. Ein zentrales Dokument ist etwa das forensische Gutachten, das bestätigt, dass eine Verletzung kriegsbedingt ist. Ohne diesen Nachweis gibt es oft keine angemessene Rente oder Unterstützung.
„Allein schaffen die Menschen das nicht“, sagt Bespala. „Sie kommen zu uns, weil sie sonst im System verloren gehen.“
Familien zwischen Bürokratie und Verzweiflung
Gleichzeitig wächst die Zahl der Hilfesuchenden stetig – während Geld und Personal knapper werden. „Wir wissen oft selbst nicht mehr, wie wir das alles schaffen sollen.“
Besonders belastend ist die Situation für Angehörige von Gefallenen oder Vermissten. Zwar stehen ihnen staatliche Leistungen zu, doch der Weg dorthin ist lang und widersprüchlich.
Unterschiedliche Behörden verlangen unterschiedliche Dokumente, Verfahren ziehen sich über Monate oder Jahre. Selbst identische Fälle werden unterschiedlich behandelt. „Es hängt oft davon ab, an wen man gerät“, sagt Bespala.
Viele Familien brauchen Anwälte, um überhaupt zu ihrem Recht zu kommen.
Hinzu kommen tragische Fehler im System: Menschen werden für tot erklärt und kehren später aus der Gefangenschaft zurück. Dann stehen sie vor einer absurden Realität – offiziell existieren sie nicht mehr.
Die Dokumentation von Folter
Ein besonders erschütternder Teil der Arbeit des Menschenrechtsbüros ist die Dokumentation von Folter und Misshandlungen in den russisch besetzten Gebieten und in Gefangenschaft.
Die Berichte, die hier zusammengetragen werden, zeichnen ein Bild systematischer Gewalt an Männern, Frauen, jungen Menschen, die diese in russischer Haft, Besatzung oder Kriegsgefangenschaft erlebt hatten. Manche Foltermethoden, so Bespala, wirkten wie aus Handbüchern von Geheimdiensten: gezielte Fesseltechniken, die die Durchblutung unterbrechen, Elektroschocks, sexuelle Gewalt. Die Folgen sind oft lebenslang – körperlich und psychisch.
Besonders erschreckend ist, was nach der Rückkehr passiert. Viele ehemalige Gefangene zerbrechen an dem Erlebten. „Die Zahl der Suizide ist hoch“, sagt sie. „Manche halten es nicht aus, sobald sie wieder in Sicherheit sind.“
Auch diejenigen, die überleben, tragen schwere Schäden davon: chronische Schmerzen, Kreislaufprobleme, Traumata. Ein normales Leben ist für viele nicht mehr möglich.
Kollaboration und moralische Grauzonen
Immer wieder wenden sich Menschen an das Büro der Menschenrechtsgruppe Charkiw, deren Verwandte der Kollaboration mit dem Feind angeklagt sind. „Ich bin da sehr gespalten in dieser Frage“, so Tamila Bespala. „Wer als Polizist beispielsweise mit den russischen Besatzern zusammengearbeitet hat und dabei ukrainische Gefangene misshandelt hat, muss eine hohe Strafe bekommen. Doch was ist mit Lehrern, Bäckern, Feuerwehrleuten? Wir können nicht von allen Heldentum erwarten.“
Der schwierige Blick in die Zukunft
Der Blick in die Zukunft ist für Bespala nicht weniger beunruhigend als die Gegenwart. Bespala blickt pessimistisch in die Zukunft. „Wenn der Krieg zu Ende ist, werden schwer traumatisierte Männer zurückkehren. Und sie werden bewaffnet sein.“ Schon jetzt gebe es eine Polarisierung in der Gesellschaft zwischen denen, deren Angehörige an der Front seien und denen, deren Männer sich zu Hause verstecken. Zu Menschenrechtsarbeit gehöre auch, die Polarisierung etwas zu glätten. Und so wird Menschenrechtsarbeit auch nach dem Krieg bitter notwendig sein.
Titelbild: Tamila Bespala; © Bernhard Clasen
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