Beitrag von Vesna Caminades

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es schreibt heute die Wut in mir. Ich lasse meinen Erinnerungen freien Lauf; getragen von einer endlosen Scham zu denjenigen zu gehören, die man „Menschen“ nennt. Gestern habe ich einen Dokumentarfilm gesehen, auf einem französischen Sender. Doch das ist eigentlich irrelevant, denn das kann sich überall in Europa abspielen. Es ging darum, was hinter dem abgepackten Schinken steckt, den wir in allen möglichen Formen im Supermarkt vorgelegt bekommen. „Superior“ Qualität, geräuchert, fein geschnitten, weniger fein geschnitten, mit Kräutern, mager, fett, hin und her. Diese rosa Scheibe, die es uns (mir eigentlich nicht mehr) so sehr angetan hat. Dieses wunderbar schmeckende ovale rosa Dingsda, das wohl aus purem Schweinefleisch besteht. Oder so ungefähr. Ja, denn genau um das geht es. Wir (eigentlich Ihr) glauben, dass eine Scheibe von einem bestimmten Schwein stammt. Na, da irren wir uns wohl. Denn in einem Stückchen einer Scheibe, wurden mehrere Schweine wieder gefunden. „Wie zum Kuckuck ist das denn möglich?“ fragen Sie sich wohl. Magie? Nein, keine Zauberei, eher Reinleger würde ich sagen.

Also hören Sie gut zu, dann wissen Sie beim nächsten Mal, was in Ihrer Plastiktüte wirklich drin steckt. Es gibt da einen Ort in Spanien, der heißt Lerida. Entlang der Straße gibt es zahlreiche Hangars. Darin werden Schweine intensiv gezüchtet. Keine frische Luft, kein Gras, kein gar nichts. Sie liegen träge auf dem Boden, etwas Stroh ausgelegt, fast ein Tier auf dem anderen. Künstliches Licht. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Einen gelben Knopf am Ohr, der einen Chip enthält. Damit werden die Schweine von A bis Z kontrolliert. Wann, was, wieviel sie essen. Ob sie geimpft sind, entwurmt, trächtig oder krank. Nennt man das nicht auch „digitalisierte Landwirtschaft“? High Computer Farming? Nur eine einzige Person hat Zugang zum Riesenstall. Der Tierarzt. Denn so wird die Ansteckungsgefahr für die Tiere minimal gehalten. Welch eine umsichtige Zuchtmethode. Tierwohl an erster Stelle. Selbst die Fütterung ist dirigiert. Sie können sich nichts darunter vorstellen? Dann erkläre ich Ihnen das: das Tier wird elektronisch in einen Tunnel geführt, wo es innerhalb kürzester Zeit die eigene personalisierte Ration verzehren kann/muss. Und diese hoch entwickelte und extrem wirtschaftliche Methode wurde von wem ausgeklügelt? Von einem Tierarzt, der vor fünf Jahren beschlossen hat, Schweine auf Hochtouren zu züchten. Das ist aber nur der erste Teil des Leidens. Dann kommt es zum Transport, der natürlich nicht ins nächste Schlachthaus führt, sondern über Hunderte und Hunderte von Kilometern quer durch Europa und weiter. Futter und Wasser sind optional, denn das Vieh muss eh bald darauf sterben. Und dann endlich der Schlachtbetrieb. Und dieses Bild werde ich wohl nie wieder vergessen: die Schweine – lebende Tiere – hängen an den Füßen gebunden, Kopf über und werden am Fließband zur Todeszelle transportiert. Können Sie sich vorstellen, mit dem enormen Gewicht, an den Füßen hängend herum gegondelt zu werden? Selbst der Moderator musste hinzufügen „man hört die Tiere schon von weitem schreien“. Lesen Sie bitte weiter.

Dann hätten wir endlich die Zelle erreicht, wo die Tiere vergast werden, damit sie dann anschließend nichts mehr mitbekommen sollen. Nun ja, im Prinzip. Aber in Wirklichkeit gibt es da ein kleines Problem. Der Verbraucher will so billig wie möglich einkaufen. Also muss man irgendwo diesen „Gewinnverlust“ wohl ausgleichen. Was bietet sich am einfachsten? Die Reduzierung – sprich nicht Einhaltung der vorgeschriebenen Kontrollen. Vor allem jene, die vor Ort sicherstellen sollten, dass das Tier nicht leidet und entsprechend den EU-Richtlinien und Verordnungen, die ja ganz strenge Maßnahmen vorsehen, geschlachtet wird. Blablabla. Nein, keine Kontrollen. Daher war es möglich, dass ein Skandal (endlich) wie jener in Frankreich, in Alés an den Tag tritt. Die Tierschutzorganisation L214 hat diese Wirklichkeit öffentlich gemacht. Hier der Link. In einem Video sieht man, wie der Metzger herum hantiert und total gleichgültig ist, selbst wenn einige der 5-6 Schweine, wovon jedes an einem Fuß hängt, noch zappeln. Er macht weiter, um ihnen die Kehle aufzuschlitzen, um sie zu „entbluten“. Gibt es dieses Wort nicht? Nun, dann gibt es dieses ab jetzt. Denn das ist genau das, was da passiert. Die Tiere leben noch, in Agonie. Doch selbst, wenn dieses Schlachthaus geschlossen wurde, um Untersuchungen anzustellen, wurde es vor Kurzem wieder eröffnet.

L214 hatte im Oktober 2015 bereits auf skandalöse Umstände hingewiesen. Hier ein Ausschnitt:

Im Oktober 2015 enthüllte L214 unerträgliche Bilder, die im regionalen Schlachthof von Alès im Département Gard gefilmt wurden: bei lebendigem Leib aufgeschnittene Kehlen, hängende Kühe, die noch bei Bewusstsein waren, Rinder und Schafe, die vor den Augen ihrer Artgenossen ausbluteten, Pferde, die schlecht betäubt wurden … Die Situation der Tiere ist bereits tragisch, wenn die Vorschriften eingehalten werden: sie ist noch schlimmer, wenn Verstöße begangen werden.

Und dann – wir haben es gleich geschafft – liegt das zappelnde Schwein endlich auf dem Schlachtertisch, wo es in Stücke geschlagen wird. Und siehe da: Frau und Herr Konsument lieben kein Fleisch mit Haut, Nerven, Sehnen und Fett. Na dann: weg damit. Doch nur zeitweise, denn diese Reste werden zu leckeren Knackis verarbeitet! Sie wissen schon, die kleinen Würstchen, die ja so beliebt sind. Vor allem auch bei Kindern …

Doch wir warten immer noch auf die Erklärung, wie kann ein Stück Schinken aus mehreren Schweinen bestehen? Nun ja, es gibt mehrere Teile des Tieres, die für die Herstellung von Schinken verwendet werden können. Diese werden Stück für Stück in lange Plastiktaschen verpackt, luftdicht natürlich. Da liegen dann halt mehrere Schweine neben und über einander. So, das Rätsel wurde also gelüftet. Diese Riesenwurst wird dann gekocht. Was alles in der Brühe steckt, damit das Fleisch rosa ausschaut und auf jeden Fall viel Wasser zurückbehält, heißt auf dem Etikett z.B. E452, Nitrat, etc. Nun, sobald die Wurst gekocht ist, wird sie gleichmäßig in Scheiben geschnitten und siehe da: so entstehen unsere Packungen mit den vier Schinkenscheiben. Lecker nicht wahr? Und wenn es ganz billig hergehen soll, dann gibt es noch eine ganz raffinierte Zubereitungsmethode. Mit Hilfe von Nadeln wird eine bestimmte geschmacklich abgerundete Wassermenge ins Fleisch gespritzt. Je nach zukünftiger Preislage, von dem, was man da noch Schinken nennen will, mehr oder weniger Wasser. Nun, das wäre also unser heiß geliebter Aufschnitt, den wir in Sandwiches wieder finden, auf der Pizza, auf dem Gratin, usw. Läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen, wenn Sie an Ihre Schinkenpackung im Kühlschrank denken? Wahrscheinlich schon, denn Wasser ist ja genug darin enthalten. Ganz ehrlich gesagt, wenn ich nicht Vegan wäre und ich so etwas erfahren würde, dann würde ich vor solchen Produkten einen regelrechten Graus empfinden. Wie kann man so etwas noch konsumieren? Nicht nur, dass es vor Tiermisshandlung nur so strotzt. Aber vor allem, weil wir Sachen und Substanzen in unseren Körper stecken, die nicht nur ohne Ernährungswert sind, sondern auch schädlich. Doch ob das für ein Umdenken reicht?

Und wie so oft, alles dreht sich um den Preis. Der Verbraucher will soviel wie möglich, zu einem möglichst geringen Preis. Was erwarten wir da aber? Klar, dass Tierwohl, Gesundheit des Verbrauchers, Ethik etc. links liegen bleiben. Dafür haben wir einen Schinken, der nur wenige Euro pro Kilo kostet. Denn das ist wohl das Wichtigste, nicht wahr? Und das Schlimmste: diese Zustände gibt es in jedem Land, wir dürfen die Augen nicht vor der grausamen Realität schließen. Nur, weil wir in der EU sind, heißt das nicht automatisch, dass wir vor solchen bitteren Zuständen immun sind. Bitte reden Sie mit Freunden und Bekannten darüber. Danke – IAMA

Titelbild: Dinner dish by JaBB CC BY-NC-ND 2.0 via FlickR

Wer Fragen oder Anregungen zu diesem Thema an Vesna Caminades hat, kann sich unter dieser E-Mail-Adresse an sie wenden: iama4iwannaknow |et| gmail.com oder Mobile Phone +32488617321.

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