Ein Mediensturm, der sich in Italien unter Premierministerin Giorgia Meloni entfacht hat – und in dessen Verlauf Ilja Leonard Pfeijffers Autorenkollege Antonio Scurati, Autor des dreiteiligen Mussolini-Romans M., zur Zielscheibe der extremen Rechten geworden ist –, zeigt unmissverständlich, wie die Hüter Italiens wirklich über das Erbe des einstigen faschistischen Führers denken.

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 29. April 2024

Vor elf Monaten erschien mein historischer Roman „Alkibiades” über den Niedergang der Demokratie im antiken Athen, und während eines Großteils der letzten elf Monate bin ich wie ein Roadie eines Rockstars im Schlepptau von Alkibiades, keuchend hinter seinem Vierergespann, von Amsterdam nach Antwerpen, von Groningen nach Gent, von Bredevoort nach Beveren, durch die Niederlande gereist, um seine spektakulären Auftritte vor einem massenhaft herbeigeströmten Publikum zu ermöglichen.

Während er glänzte, sprach ich bei diesen Gelegenheiten über den drohenden Niedergang der Demokratie in Europa und in den letzten Monaten immer häufiger auch über Italien. Als ich erklärte, wie die italienische Regierung unter Giorgia Meloni langsam aber zielstrebig den demokratischen Rechtsstaat zerbröckeln lässt, merkte ich, dass das Publikum schockiert war. Es passiert. Es passiert offenbar gerade, und die Menschen wussten es nicht.

Unbequemes Datum

Ich habe einen italienischen Kollegen namens Antonio Scurati. Er und ich haben viel gemeinsam. Wir sind ungefähr gleich alt, und auch er hat einen viel zu dicken historischen Roman geschrieben, der vor dem Untergang der Demokratie warnen will, indem er die Leser einlädt, in den Spiegel der Geschichte zu blicken und sich in eine Epoche zu versetzen, in der dieselben Symptome dieselbe Gefahr ankündigten. Sein Roman heißt M, handelt von Mussolini und ist zwischen 2018 und 2022 in drei dicken Bänden erschienen. Dieser Artikel handelt von ihm.

Am 25. April 1945 rief der italienische Widerstand zum Aufstand gegen das faschistische Regime und die Besatzer aus Nazideutschland auf. Am 28. April wurde Mussolini liquidiert, am 29. April ergaben sich die faschistischen Befehlshaber und am 2. Mai war Italien offiziell befreit. Im ersten Jahr nach dem Krieg wurde der 25. April als das Datum bestimmt, an dem des Sieges über den Faschismus gedacht werden soll. Seit 1949 ist dieser Tag der Befreiung offiziell ein nationaler Feiertag.

Weil der italienische Befreiungstag, anders als vergleichbare Feiertage in den meisten anderen Ländern Europas, ein Gedenken an einen antifaschistischen Aufstand ist, ist der 25. April ein unbequemes Datum für Premierministerin Meloni, ihre Partei und ihre Anhänger. Ihre Partei, Fratelli d’Italia, ist eine Abspaltung von Popolo della Libertà und präsentiert sich als Erbe der Ideen der Alleanza Nazionale, die aus der neofaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano hervorgegangen ist.

Die Partei Fratelli d’Italia verwendet bis heute das neofaschistische Symbol des Movimento Sociale Italiano: eine Flamme in den Farben der italienischen Flagge, die die ewig brennende Flamme auf Mussolinis Grab symbolisiert.

Mehrere Familienmitglieder Mussolinis bekleiden Positionen in der Partei. Ein prominentes Parteimitglied wie Ignazio La Russa, der seit Melonis Wahlsieg im Oktober 2022 Präsident des italienischen Senats und damit stellvertretender Staatschef ist, präsentiert offen und voller Stolz seine Sammlung faschistischer Erinnerungsstücke und Büsten Mussolinis. Er hat kürzlich zwar bestritten, ein Faschist zu sein, aber ausdrücklich hinzugefügt, dass er ganz sicher kein Antifaschist ist.

Der harte Kern von Melonis Anhängerschaft besteht aus neofaschistischen Gruppierungen, die den 25. April nicht als Feiertag anerkennen, und Meloni wird diese treuen Verbündeten auf keinen Fall enttäuschen. Im Jahr 2020 haben vier prominente Mitglieder von Melonis Partei bisher vergeblich vorgeschlagen, den 25. April in einen Gedenktag für alle Opfer aller Kriege und der Pandemie umzuwandeln.

Bei verschiedenen Gelegenheiten haben mehrere Parteikollegen von ihr den antifaschistischen Aufstand mit dem Argument verurteilt, dass sie jede Form von Gewalt ablehnen, ohne dabei die extreme Gewalt zu erwähnen, der sich das faschistische Regime von Mussolini schuldig gemacht hat.

Meloni selbst hat sich nie ausdrücklich vom Faschismus distanziert, auch nicht seit sie als Ministerpräsidentin aller Italiener ein institutionelles Amt bekleidet, und sie hat nie den antifaschistischen Aufstand als solchen würdigen wollen.

Und Antonio Scurati hatte genau darüber geschrieben. Er war von der Fernsehsendung Chesarà auf Rai 3, dem dritten Kanal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eingeladen worden, einen Text anlässlich der Feierlichkeiten zum 25. April dieses Jahres zu verfassen. In diesem Text erinnert er an einige Gräueltaten des faschistischen Regimes von Mussolini und stellt sich dann die Frage: „Werden die Erben dieser Geschichtsepoche diese systematische politische Gewalt nun endlich anerkennen?“

Er selbst gibt die Antwort: „Leider deutet alles darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Die postfaschistische Partei, die seit dem Wahlsieg vom Oktober 2022 Regierungsverantwortung trägt, hatte zwei Möglichkeiten zur Auswahl: ihre neofaschistische Vergangenheit abzulegen oder zu versuchen, die Geschichte umzuschreiben. Es besteht kein Zweifel, dass sie sich für die letztgenannte Option entschieden hat.

Nachdem sie während ihres Wahlkampfs diesem Thema aus dem Weg gegangen war, hielt die Ministerpräsidentin jedes Mal, wenn die Gedenkfeiern sie zwangen, Stellung zu beziehen, hartnäckig an der ideologischen Linie der neofaschistischen Kultur fest, in der ihre Partei verwurzelt ist.

Sie hat sich von den nicht zu rechtfertigenden Gräueltaten des Regimes (der Judenverfolgung) distanziert, ohne den Faschismus zu verurteilen. Sie hat die Schuld für die Massaker, an denen die Faschisten mitschuldig waren, vollständig und ausschließlich den Nazis angelastet. Schließlich hat sie sich geweigert, die grundlegende Rolle des Widerstands bei der Wiedergeburt Italiens anzuerkennen. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 25. April 2023 hat sie sich sogar geweigert, das Wort „Antifaschismus“ in den Mund zu nehmen.“

Honorar

Am 20. April dieses Jahres sollte Antonio Scurati diesen Text live in der Sendung vorlesen. Doch dazu kam es nicht. Meloni hat Freunde und Vertraute als Direktoren des Rai eingesetzt, und diese haben entschieden, Scuratis Auftritt abzusagen.

Sie selbst bestritten, dass es sich um Zensur handelte. Ihrer Meinung nach wurde Scuratis Beitrag zur Fernsehsendung aufgrund von Uneinigkeiten über das Honorar von 1.800 Euro gestrichen, das der Autor gewagt hatte, für seinen 400 Wörter langen Text zu verlangen.

Laut Scurati war dies eine Lüge. Um zu zeigen, dass die Vergütung für ihn kein Problem darstellte, stellte er seinen Beitrag der Moderatorin der Sendung kostenlos zur Verfügung, die so mutig war, den Text dann tatsächlich in der Sendung vorzulesen.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits ein internes Memo an die Öffentlichkeit gelangt, in dem der Direktor der Rai den Programmverantwortlichen mitteilte, dass Scuratis Beitrag aus inhaltlichen Gründen gestrichen werden müsse.

Meloni war clever. Da die Vorwürfe der Zensur unvermeidlich auf sie zurückfielen, veröffentlichte sie den Text von Scurati selbst vollständig auf ihrer Facebook-Seite. „Während Italien unter zahlreichen Problemen leidet“, schrieb sie in der Einleitung zu Scuratis Worten, „muss die Linke auch jetzt wieder unbedingt einen Aufstand machen. Diesmal geht es um sogenannte Zensur. Die Linke schreit Zeter und Mordio und spricht von Diktatur, aber Rai antwortet, dass er sich lediglich geweigert haben, 1.800 Euro (ein Monatsgehalt für viele Arbeitnehmer) für einen einminütigen Monolog zu zahlen.

„Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist, aber ich habe kein Problem damit, diesen Text zu veröffentlichen. Ich hoffe nur, dass ich dafür nicht bezahlen muss. Wer wie ich immer von den öffentlich-rechtlichen Medien boykottiert und zensiert wurde, wird niemals verlangen, irgendjemanden zu zensieren, nicht einmal jemanden, der glaubt, dass er sich mit dem Geld der normalen Bürger für seine Propaganda gegen die Regierung bezahlen lassen muss.“

„Das ist Gewalt“, sagte Scurati. „Mit diesen Worten auf ihrer Facebook-Seite, die von fast drei Millionen Menschen verfolgt wird, hat Premierministerin Meloni mir eine Zielscheibe auf den Rücken gezeichnet. Ich traue mich nicht mehr aus dem Haus, ohne mich umzusehen. Ich habe Angst.“

Scheiße

Der beanstandete Text von Scurati wurde inzwischen weit verbreitet, von verschiedenen Zeitungen veröffentlicht und in mehreren Radio- und Fernsehsendungen vorgelesen. Ausländische Zeitungen berichten ausführlich über die Affäre. Doch er selbst ist unfreiwillig zum Mittelpunkt einer Kontroverse geworden und zu einem Symbol reduziert worden, wodurch er für viele zum Helden und für andere zum neuen Erzfeind geworden ist.

Die rechtsgerichtete, Meloni-freundliche Zeitung Libero veröffentlichte am 22. April ein Foto von Scurati auf der Titelseite mit der Überschrift „Uomo di M.“. Die beabsichtigte Zweideutigkeit, die darauf basiert, dass „m.” eine gängige Abkürzung für „merda” (Scheiße) ist, sodass die Überschrift nicht nur als „der Mann von M.” in Anspielung auf den Titel seiner Trilogie gelesen werden kann, sondern ebenso als „Scheißkerl, Arschloch” gelesen werden kann, wurde durch den etwas kleiner gedruckten Untertitel „der Prinz der Zähneknirscher” fast wieder neutralisiert, wobei ich das vulgäre italienische Wort „rosiconi” bewusst milde übersetze.

Als ich während meiner Tournee durch Belgien und die Niederlande im Windschatten von Alkibiades über die Art und Weise sprach, wie die Regierung von Giorgia Meloni versucht, die Pressefreiheit einzuschränken, über die Angriffe auf den Rechtsstaat und über den Abbau der Demokratie in Italien, wurde ich mehr als einmal aus dem Publikum gefragt, ob mein Roman Alkibiades ins Italienische übersetzt werde. Und als ich wahrheitsgemäß antwortete, dass dies der Fall sei, wurde mir mehrfach die Folgefrage gestellt, ob ich keine Angst habe.

Meine Antwort darauf war ein klares Nein. Wenn Alkibiades in Italien erscheint und ich die Gelegenheit bekomme, mich in Italien, genauso wie in Belgien und den Niederlanden, mit Lesern über mein Buch und den drohenden Untergang der Demokratie auszutauschen, würde ich mich nicht scheuen, genau dasselbe über die derzeitige italienische Regierung zu sagen wie in den Sälen und Theatern der Niederlande.

Das habe ich geantwortet, und das waren keine leeren Worte. Ich hoffe wirklich, dass mein Buch in Italien so viel Aufmerksamkeit erhält, dass ich meine Sorgen und Warnungen auch dort viele Male wiederholen darf. Ich kann mir das gut vorstellen, und das Traurige daran ist, dass ich mir vorstelle, dass ein Teil der italienischen Öffentlichkeit genauso schockiert reagieren wird wie meine fassungslosen Leser in Belgien und den Niederlanden.

Die Pressefreiheit ist bereits so stark eingeschränkt, dass man sich anstrengen muss, um zu wissen zu bekommen, was man wissen muss. Es geschieht. Es geschieht gerade jetzt. Und obwohl es keine leeren Worte waren und obwohl ich hoffe, dass mir das Privileg vergönnt sein wird, die Bürger meiner zweiten Heimat wachzurütteln, zeigte ich mich entschiedener, als ich es in Wirklichkeit bin, als ich sagte, ich habe keine Angst.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 27. April 2024 unter dem Titel „Hoe de regering-Meloni een schrijver tot publieke vijand nummer één uitriep“ (https://www.demorgen.be/nieuws/hoe-de-regering-meloni-een-schrijver-tot-publieke-vijand-nummer-een-uitriep~b0a824ae/ ) in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild: Commemorazioni 25 aprile 2012 by Comune di Reggio Nell’Emilia CC BY-NC-ND 2.0 DEED via FlickR

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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