Der jahrhundertealte Pakt zwischen dem Volk und der Elite ist zerbrochen, und der Grund dafür ist die digitale Revolution, auch bekannt als die Erfindung des Internets. Ilja Leonard Pfeijffer erklärt, wie diese Umwälzung innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Diktatur der Massen geführt hat. Was nun?, fragt er sich in diesem Essay.

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 11. August 2024

Wir realisieren es vielleicht nicht jeden Tag, wenn wir panisch die Tretmühle unserer Sorgen am Laufen halten, indem wir versuchen, unsere To-do-Listen abzuarbeiten und wie beim siebenköpfigen Monster Hydra für jeden abgeschlagenen Kopf sieben neue nachwachsen, woraufhin wir uns am Ende des Tages auf dem Weg nach Hause und mit quengelnden Kindern in den Stau stürzen wie zermürbte Boxer in die Seile des Rings, aber wir genießen das Privileg, eine Revolution miterleben zu dürfen.

In der Geschichte der Menschheit fanden nur vier solcher Revolutionen statt, in deren Folge sich die Gesellschaft durch eine technische Innovation im Bereich der Kommunikation bis zur Unkenntlichkeit veränderte. Die erste war die Erfindung der Schrift, die den Beginn der Geschichte markierte und Verwaltung, Gesetzgebung, Chroniken und Philosophie ermöglichte. Die zweite war die Erfindung des Codex, des gebundenen Buches, das den Platz der altbekannten Schriftrolle einnahm. Da man nun blättern konnte, wurde es möglich, Dinge nachzuschlagen. Diese auf den ersten Blick belanglose Innovation schaffte die Voraussetzung für die Ordnung von Informationen, enzyklopädische Werke, Exegese, Theologie und die Gründung von Universitäten. Die dritte Umwälzung war die Erfindung der Buchdruckkunst, die die Reformation auslöste, zur Emanzipation der bürgerlichen Mittelschicht beitrug, Pamphlete und Flugschriften ermöglichte und die Französische Revolution herbeiführte. Die vierte Umwälzung ist die Folge der Erfindung des Internets. Diese Revolution hat gerade erst begonnen.

Obwohl diese digitale Revolution noch zu jung ist, um ihre Folgen überblicken zu können, ist klar, dass sie tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft verursacht. Die grundlegendste Umwälzung besteht darin, dass das Internet den Zugang zu Wissen demokratisiert hat. Das ist natürlich eine enorme Errungenschaft, die unzählige Vorteile mit sich bringt, doch wie alle Dinge hat auch sie eine Kehrseite. War Wissen jahrhundertelang das Privileg von Menschen mit Sachkenntnis, so kann heute jeder Dummkopf die Illusion hegen, dass er innerhalb weniger Sekunden alles, was es zu einem beliebigen Thema zu wissen gibt, gegoogelt hat. Obgleich das größtenteils eine Illusion ist und obgleich es ein großer Fehler wäre – ein Fehler, den leider viele begehen –, den Zugang zu Wissen mit Wissen zu verwechseln, hat die Demokratisierung des Zugangs zu Wissen zu einem Verlust des Respekts vor Menschen mit Sachkenntnis geführt. Das fundierte Urteil eines Spezialisten wird genauso viel geachtet wie die Meinung eines Laien. Damit ist alles zu einer Meinung geworden, sogar die Fakten.

Echokammern

Wir könnten feststellen, so wie der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco in seinem 2018 erschienenen Buch „The Game” behauptet, dass es jahrhundertelang einen unausgesprochenen Pakt zwischen dem Volk und der Elite gab, der darauf hinauslief, dass die Elite aufgrund ihres Wissensvorsprungs Anspruch auf bestimmte Privilegien hatte als Gegenleistung für die Verpflichtung, das Volk so gut wie möglich zu führen und das Land so kompetent wie möglich zu regieren. Die digitale Revolution hat diesen Pakt zerbrochen. Nun, da das Volk glaubt, Zugang zu all dem Wissen zu haben, das bis vor kurzem der Elite vorbehalten war, ist die Rechtfertigung für die Privilegien, die die Elite genoss, hinfällig geworden. Da die Elite aus verständlichen Gründen nicht allzu begierig ist, diese Privilegien tatsächlich aufzugeben, wird sie vom Volk misstrauisch beäugt, dämonisiert und gehasst. Mittlerweile ist das Schlimmste, was man sein kann, elitär zu sein. Man kann sozusagen lieber pädophil sein, als zuzugeben, dass man sich als Mitglied der Elite sieht, die für alles Böse in der Welt verantwortlich gemacht wird. Das ist übrigens zu Recht so. Die Elite ist tatsächlich verantwortlich für alle katastrophalen Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, ebenso wie sie verantwortlich ist für alle brillanten und heilsamen Initiativen, die das Leben von Milliarden von Menschen verbessert und verlängert haben.

Eines der Privilegien, die der Elite vorbehalten waren, war der Zugang zu Möglichkeiten, Ideen mit der Welt zu teilen. Publikationskanäle wie Bücher, Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften wurden und werden von Gatekeepern aus der Elite überwacht, die das ihnen zur Veröffentlichung vorgelegte Material verschiedenen Formen der Begutachtung unterziehen. Offensichtlicher Unsinn oder Behauptungen, die von der Elite als offensichtlicher Unsinn angesehen werden, wurden und werden aus diesen traditionellen Medien ferngehalten.

Das Internet bietet eine große Plattform, die die Gatekeeper umgeht. Im Internet kann jeder Erdenbürger theoretisch mit einem einzigen Mausklick ein Milliardenpublikum erreichen. Unsinn und böswillige Lügen werden nicht mehr herausgefiltert und finden sogar Glauben. Das Internet hat für die endgültige Emanzipation der Dummen gesorgt.

Die Folgen der Demokratisierung der Wahrheit werden durch das Geschäftsmodell des Internets noch verschärft, das uns immer mehr Häppchen von dem Gericht serviert, das wir zuvor schon einmal als lecker empfunden haben. Die Algorithmen locken uns in die Fabel-Falle, um den treffenden und klangvollen Begriff zu verwenden, den Arjen Lubach dafür geprägt hat. In den Echokammern des Internets hallt für jeden die Wahrheit wider, die er hören will. Die Tatsache, dass Widerspruch anderswo, weit außerhalb der Hörweite, stattfindet, erklärt, warum selbst die abwegigsten Verschwörungstheorien sich einer verblüffend großen Anhängerschaft erfreuen können. Die Gesellschaft verwandelt sich in eine Wolke aus Seifenblasen, die immer weiter auseinanderweht und sich polarisiert. Der Prozess der demokratischen Entscheidungsfindung wird so gut wie unmöglich gemacht durch die Tatsache, dass verschiedene Gruppen von Bürgern und die Politiker, die sie vertreten, sich oft nicht mehr über die Fakten einigen können, die einer inhaltlichen Diskussion zugrunde liegen sollten. Die Wahrheit ist unter einer überwältigenden Menge von Wahrheiten begraben.

Ausgekotzt

Eine weitere Folge der Erfindung des Internets, oder zumindest ein Phänomen, zu dem das Internet in hohem Maße beigetragen hat, ist die Globalisierung. Die klassische politische Dichotomie zwischen links und rechts ist, wie ich bereits zuvor dargelegt habe, einer Zweiteilung zwischen denen gewichen, die Angst vor der Globalisierung haben, und denen, die sie als Chance und Herausforderung betrachten.

Auch hier geht es um Privilegien. Die Globalisierung kennt Verlierer, selbst bei uns im reichen Westen, wie die einst so stolzen Arbeiter der amerikanischen Autoindustrie, die entlassen wurden, weil die Fabriken geschlossen oder in Niedriglohnländer verlagert wurden, und die gesehen haben, wie sich ihr Lebensraum in einen Rust Belt verwandelt hat, wo es keine andere Zukunft geben kann als die Gewissheit, dass übermorgen noch schlechter sein wird als morgen. Nicht zuletzt durch sie werden die Gewinner der Globalisierung mit der verdammten Elite identifiziert. Ihre Misere ist die Schuld der Elite, weil es die Schuld der Gewinner ist, dass die Verlierer verlieren.

Wer als elitär beschimpft wird, sollte diese Beschimpfung als Ehrentitel mit Stolz in seinem Banner tragen

Ein weißer Mann, der in seinem heruntergekommenen Haus verbittert seine aussichtslose Arbeitslosigkeit erträgt, muss zusätzlich zu seiner Demütigung auch noch akzeptieren, dass seine Privilegien, die einst selbstverständlich waren, weil er ein weißer Mann ist, durch kulturelle Veränderungen in der Gesellschaft in Frage gestellt werden. Während er sich von der Gesellschaft ausgekotzt fühlt, sieht er Menschen, die einst seine Untergebenen waren, wie Frauen und Schwarze, Karriere machen und in Spitzenpositionen aufsteigen. Sie schaffen es sogar bis in das höchste Amt der Vereinigten Staaten. Es ist beschämend, aber leider auch gut nachvollziehbar, dass sich der Hass der Verlierer der Globalisierung gegen Minderheiten, Frauen und die kulturelle Elite richtet, die die Emanzipation von Frauen und Minderheiten mit religiösem Eifer als neue Heilslehre verkündet.

Der Groll der Verlierer der Globalisierung und die Angst anderer, ihre Privilegien aufgrund kultureller Veränderungen zu verlieren, werden von politischen Parteien und Politikern mobilisiert, die wir meist als rechtsextrem bezeichnen und die überall in Europa und anderswo an Popularität gewinnen. Sie sind die Monster, die das Internet erschaffen hat, indem es die Globalisierung vorangetrieben, das Monopol der Elite auf wertvolles Wissen in Frage gestellt und jedem empörten Individuum in der enttäuschten Masse ein Megafon in die Hand gedrückt hat. Der rechtsextreme Populismus floriert in einer Welt, in der die Wahrheit in einer Kakophonie von Meinungen zerfallen ist, weil die extremsten Stimmen in einem solchen Klima jede Nuance mühelos übertönen.

Unglaubwürdig

Unser heutiges politisches System würde von den alten Griechen als Ochlokratie bezeichnet werden, als Diktatur der Masse, in der die öffentliche Meinung die Politik stärker beeinflusst als das langfristige Interesse des Landes. In Athen am Ende des fünften Jahrhunderts v. Chr. verwandelte sich die direkte Demokratie in eine Ochlokratie. Unsere repräsentative Demokratie durfte sich vor dieser Gefahr sicher wähnen, solange der Pakt zwischen dem Volk und der Elite Bestand hatte und sich das Volk im Parlament durch Experten vertreten ließ. Das Internet hat diesen Pakt zerbrochen, und obwohl es institutionell gesehen noch immer eine repräsentative Demokratie gibt, hat das Internet de facto dazu geführt, dass eine weltweite direkte Demokratie entstanden ist. Jeder Demagoge kann sich dank des Internets genüsslich an einer Meute von Millionen erfreuen, die darauf warten, von ihm aufgehetzt zu werden.

Das Problem, mit dem linke und traditionelle politische Parteien zu kämpfen haben, ist, dass sie sich durch ihren Widerstand gegen die anti-elitäre Rhetorik der extremen Rechten fast automatisch als elitär darstellen. Da dies, wie gesagt, das Schlimmste ist, was man sein kann, versuchen sie das mit aller Kraft zu verschleiern, indem sie so tun, als würden sie jeden Tag sehr aufmerksam auf das verärgerte Volk hören, aber es sollte nicht überraschen, dass dies wenig glaubwürdig wirkt.

Solange wir uns anti-elitären Stimmungen anbiedern, gibt es keine Hoffnung, dass wir dem Aufstieg des rechtsextremen Populismus Widerstand entgegensetzen können. Aber es ist nicht gesagt, dass wir uns notgedrungen auf die Emanzipation der Dummen einlassen müssen. Wer vom Volk oder von Demagogen als elitär beschimpft wird, sollte diese Beschimpfung als Ehrentitel stolz in seinem Banner tragen. Wir sollten uns nicht länger für unsere Liebe zur Wahrheit schämen, denn wir brauchen die Wahrheit, um den Hass zu besiegen.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 8. August 2024 unter dem Titel „Hoe het internet voor de emancipatie van de dommen heeft gezorgd“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild: Clive D CC BY-SA 2.0 DEED via FlickR

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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