Von Frederik D. Tunnat

Meine Großmutter verfügte über einen enormen Schatz an sog. Volks-Weisheit. Eine dieser Weisheiten lautete: „Wer einmal lügt dem glaubt man nicht, auch wenn er hundertmal die Wahrheit spricht“.

Nun wurde, im Lauf der letzten Tage, der serbische Tennisspieler Djoković mindestens drei Mal bei einer Lüge ertappt. Gemäß des Weisheitspruchs könnte er nun hundert oder gar dreihundert Mal die Wahrheit sagen; man könnte bzw. würde ihm nicht mehr glauben. Zu normalen Zeiten könnte man einen solchen Vorgang unter „übergroßes Ego“ und „Ich stehe über dem Gesetz“ verbuchen, nach dem Motto, folglich habe ich als Tennisspieler Anspruch darauf, dass mir eine Extrawurst gebraten wird. Doch die Zeiten sind seit zwei Jahren nicht mehr normal: es herrscht pandemischer Ausnahmezustand, eine spezielle Variante davon im australischen Down-under.

Dort hat die Regierung versucht eine Null-Toleranz-Strategie gegen das Virus zu fahren, sprich bei Ausbruch der Pandemie einen langen, vollständigen lockdown verhängt. Der war so heftig, dass australische Staatsbürger, die sich in anderen Teilen der Welt aufhielten, gezwungen waren für Wochen, oft gar Monate, der eigenen Heimat fern zu bleiben, weil man sie, aus Angst vor dem Virus, nicht einreisen ließ. (Damals existierte von kein Impfstoff, den der Serbe nicht will)

Das vorausgeschickt, um die Dimension dessen, was der Zampano Djoković den Australiern aktuell mit seiner One-Man-Show – Ich, ungeimpft, kann und werde, wo immer ich will, zu meinen eigenen, Tennislegende-Bedingungen spielen – zumutet, ein wenig verstehen zu können.

Dass den wackeren Einreisebeamten vor diesem Hintergrund gar keine andere Wahl blieb, als das Visum Djokovićs zu kassieren, und ihn für die Ausreise zu präparieren, dürfte eigentlich verständlich sein. Doch ein Tennisstar verfügt über viel Geld und gute Anwälte, die das Recht zu biegen wissen. Im Fall Djoković jedoch, eines Serben, bei dessen Volk deren gesamtes Selbstbewusstsein durch einen überdimensionalen Nationalismus verschroben ist, ließ durch seine nationalistisch aufgeblasenen Eltern gleich die ganze Nation auf dem Balkan instrumentalisieren, ganz so, wie vor 108 Jahren, als wegen ein paar nationalistischer, serbischer Hitzköpfe der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde. Gottlob verfügt Serbien, dessen Schutzmacht nach wie vor Russland ist, dessen Nationalheiliger aktuell Wladimir Putin heißt, über keine See-Streitkräfte, noch über ballistische, interkontinentale Raketen, sonst hätten wir wohlmöglich dieser Tage mit dem Kriegsausbruch zwischen Serbien und Australien den vorgezogenen Ausbruch des Dritten Weltkriegs erlebt. Da dies dem Kreml-Herrn, der inzwischen eher ein Sotschi-Herr ist, nicht in den Kram gepasst hätte, schließlich lässt der seit Wochen seine Armeen rund um die Ukraine aufmarschieren, verlegt Landungsboote in die Ostsee, stellt den USA, der NATO und der EU Ultimaten, ließ von seinen Cyber-Kriegern vorsorglich schon mal das gesamte Militärwissen Polens absaugen, ließ vorsorglich das eine oder andere Gefängnis und E-Werk in den USA von seinen Cyber-Kriegern lahmlegen, stationierte im ehemals deutschen Ostpreußen Raketen, die locker alles bis an die französische Grenze dem Erdboden gleich machen können, lässt seine Hybrid-Krieger in die Ukraine einsickern, um dort per Sabotage einen Grund für seine heiß ersehnte Invasion herbei zu bomben und zu hybriden, verzichtete Serbien erst mal darauf, Australien wegen seines Corona-Impfgegners, der übrigens, wie herauskam, auch massenhaft gegen Pandemieauflagen seiner nationalistisch verseuchten Heimat verstieß – etwas, was ihm die eigenen Nationalisten, wie die nationalistische Internationale auf der ganzen Welt selbstredend verzieh – den Krieg zu erklären, sondern stufte das Ganze auf eine massive diplomatische Verstimmung herab.

Da ein tapferer australischer Richter die politisch brisante Situation für einige Tage entschärfte, indem er wegen ein paar Formfehlern der Einreisebeamten – was mal wieder beweist, wie miserabel Beamte auf der ganzen Welt mit ihren eigenen Verordnungen und Gesetzen umzugehen verstehen – den Delinquenten aus dem Ausweisungshotel entließ, erhielten die serbischen Nationalisten das Gefühl, den noch gar nicht erklärten Krieg gegen Australien bereits gewonnen zu haben.

Doch hatten sowohl die Serben, als die ganze Welt, die Rechnung ohne das australische Volk und deren verletztes Gleichbehandlungsgefühl gemacht. Man nahm sich die Dokumente des Herrn Djoković nochmals gründlich vor, schon wegen der Formfehler, die der eigene Richter gefunden hatte. Dabei kamen äußerst merkwürdige Unstimmigkeiten ans Tageslicht, die sich schließlich, nachdem investigative Journalisten die Arbeit der australischen Behörden gemacht hatten, als mindestens drei Lügen des Tennisstars entpuppten: der hatte angeblich einen positiven PCR-Test absolviert, sprich eine Virus-Erkrankung attestiert bekommen, just auf den allerletzten Drücker, den das Zeitfenster für eine Ausnahme-Einreise-Genehmigung nach Australien zulässt. Dumm nur, dass die digitale Verifizierung dieses Tests, der angeblich am 16. Dezember stattfand, erst am 26. Dezember, also als ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, gemacht wurde. Hoppla!

Dann fanden die erwähnten Journalisten heraus – was nicht schwer war, da ein ordentlicher Tennisstar natürlich auf sämtlichen Kanälen der sozialen Medien omnipotent präsent ist – dass der Superstar und Nationalheilige der serbischen Nationalisten, Djoković, trotz nachgewiesener Viruserkrankung, die selbst nach den Gesetzen des nationalistischen Serbiens Quarantäne erzwingt, erst mal eine flotte Autogrammstunde gab, anschließend französischen Journalisten ein Interview, dann sich in seinen Privatjet setzte, das Land, in dem er zur Quarantäne verpflichtet war, verließ, um in seinem Zweitwohnsitz im Süden Spaniens munter Tennis zu spielen, Autogramme zu geben, und trotz angeblich nachgewiesener Infektion mit dem Virus, ohne Maske mit Menschen sprach und vielerlei Kontakt hatte, sprich sich als Super-Spreader des Corona-Virus betätigte.

Dem Ganzen setzte er dadurch die Krone auf, indem er in den Papieren, die er auszufüllen hatte, um möglicherweise in Australien einreisen zu dürfen, derlei unwichtige Dinge, obwohl sie abgefragt wurden, schlicht wegließ, sprich Urkundenbetrug betrieb. Lüge Nummer zwei.

Als sich das Ganze, schon wegen der eigenen Fotos und Posts in den sozialen Medien nicht länger leugnen ließ, machte der inzwischen zum Pinocchio mutierte Tenniscrack das, was sogenannte hochgestellte Personen seit Jahrhunderten machen, wenn sie beim Betrügen und Lügen ertappt werden: sie beschuldigen Andere. Vorzugsweise solche Menschen, die in bezahltem Abhängigkeitsverhältnis zum hohen Leugner stehen, somit schon aus existentieller Selbsterhaltung lieber ihre weißen Westen durch den Boss beschmutzen lassen, als des gut bezahlten Jobs für immer verlustig zu gehen.

Nachdem all das aktenkundig geworden war, blieb dem australischen Minister gar keine andere Wahl, als dem überführten Lügner das, wegen der Formfehler rück erstattete Visum erneut zu entziehen. Natürlich kann und will ein Tennisstar, Gewinner der Australian Open, ein serbischer Nationalist, der seine Nation trotz seiner Lügen und Trickserei weiter geschlossen hinter sich weiß, eine ihm nicht genehme Entscheidung nicht akzeptieren, trotz der auf dem Tisch liegenden Beweise für sein Fehlverhalten. Also lässt er erneut seine anwaltlichen Kettenhunde von der Leine, und erneut müssen die hohen Richter Australiens wegen des Serben ein Wochenende dranhängen, auf ihr entspanntes Golfspiel im Kreis der geimpften Familie verzichten, um die Entscheidung des Ministers auf neue Formfehler abzusuchen.

Bleibt zu hoffen, dass keine allzugroßen Schecks vor der Verhandlung die Seiten wechseln, und ein weiteres Mal das Gesetz, das für Alle gleich sein soll, sich nicht als das erweist, zu was es vielfach heute verkommen ist: einer Frage des Geldbeutels. Wie formulierte meine Großmutter doch die andere Volksweisheit so treffend: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“. Schaun wir mal, was die Richter morgen entscheiden. Falls es den Serben, wie es laut Gesetz sein muss, ausweist, bekommt Serbien eventuell doch noch seinen Krieg mit Australien. Da Putin, wie der US Geheimdienst meldet, ohnehin an mehreren Fronten gleichzeitig gegen die USA und Nato zuschlagen will, wäre doch ein Krieg mit Australien eventuell, stellvertretend für die Serben, für das Recht Djokovićs, ungeimpft in Australien zu spielen, um als serbischer Nationalheld möglichst viele Australier und Tennisgegner zu infizieren, drin, oder?

Die Impfgegner der ganzen Welt, alle Querdenker, Nationalisten und Demokratiegegner haben Djoković ohnehin längst adoptiert und ihn für sich vereinnahmt. Vom Tennisstar zur Ikone der Diktatoren, Nationalisten und Impfgegner. Mensch, Djoković, wenn das nicht den Gewinn der Australien Open aufwiegt! Millionen neuer Fans, neue Werbeverträge, trotz all der Lügen. Ja, so funktioniert sie, die schöne neue Welt des Pandemie-Kapitalismus, hurra. Und Putin sitzt in Sotschi, am Schwarzen Meer, in jenem Palast, der keinem gehört, den im Grunde genommen keiner kennt, der praktisch nicht von der russischen Marine und dem Geheimdienst rund um die Uhr bewacht wird, reibt sich die Hände, im nachgebauten Kremlbüro, über eine für ihn hervorragend gelaufene Woche.

Titelbild: Tennisball by Tim Reckmann CC BY 2.0 via FlickR

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