Vor einer Woche sah es schlecht aus für die Demokraten: Joe Biden stolperte und versprach sich so oft, dass er in den Umfragen abstürzte. Der Republikaner Trump bekam dann wieder ein großartiges Geschenk, als sein Ohrläppchen unter Feuer genommen wurde. Kommt die Rettung für die Demokraten nun von einer farbigen Frau, die zuvor eher wie ein Klotz am Bein wirkte?

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 29. Juli 2024

Am Montag, dem 26. September 1960, veränderte sich die Welt, wie sie sich schon zuvor viele Male verändert hatte und sich danach noch viele Male verändern sollte. An diesem Tag wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Debatte zwischen den beiden Kandidaten für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen live im Fernsehen gesendet. Der republikanische Kandidat Richard Nixon trat im Studio von WBBM-TV in Chicago gegen seinen demokratischen Herausforderer John F. Kennedy an.

Der erfahrene Nixon wurde vor den Augen der Kameras neben seinem jungen Gegner zu einem unattraktiven Mann mittleren Alters degradiert. Nixon hatte es nicht für nötig gehalten, sich schminken zu lassen, sodass seine Nachmittagsstoppeln auf den Schwarz-Weiß-Bildern deutlich zu sehen waren. Es war warm im Studio. Nixon litt darunter mehr als Kennedy. Er begann zu schwitzen. Sein hellgrauer Anzug verblasste vor dem hellgrauen Hintergrund und schien denselben Farbton wie seine Haut anzunehmen.

Es heißt, dass Nixon anschließend einen Anruf von seiner Mutter erhielt, die besorgt fragte, ob er krank sei. Eine Umfrage ergab, dass diejenigen, die die Debatte auf altmodische Weise im Radio verfolgt hatten, mehrheitlich Nixon zum Sieger erklärten, aber dass die Fernsehzuschauer überwiegend dem Charme und Charisma Kennedys erlegen waren.

Dieser Montag im September 1960 könnte als symbolischer Beginn einer Ära gelten, in der es zunehmend sinnlos wurde, Wahlkämpfe in den Vereinigten Staaten und anderswo auf der Grundlage von Inhalten und Argumenten zu analysieren, und in der Image, Wahrnehmung und Bilder zunehmend ausschlaggebend für den Verlauf und den Ausgang der Kampagnen wurden.

Olympiasieger

Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, an Alkibiades zu denken. Die Tatsache, dass viele seiner Zeitgenossen genau dieselbe Schwäche zeigten, war ein wichtiger Grund für seine politischen Erfolge. Obwohl er meiner festen Überzeugung nach im Frühjahr 415 v. Chr. durchaus gute inhaltliche Argumente für seine ebenso riskante wie brillante Strategie hatte, eine Invasion Siziliens zu unternehmen, waren es weniger diese Argumente, die die Volksversammlung von Athen davon überzeugten, diesem Plan zuzustimmen, als vielmehr Alkibiades selbst, der jung und unwiderstehlich war, der schönste Mann der Stadt, um nicht zu sagen ganz Griechenlands, Olympiasieger im Vierergespann, eine extravagante Erscheinung, Publikumsliebling, täglich dankbarer Gegenstand der Tagesgespräche. Hätte es damals schon Fernsehen gegeben, wäre Alkibiades mit Leichtigkeit Präsident von Amerika geworden

Es wäre unsinnig, die spektakulären Entwicklungen, die sich in den letzten Wochen in Amerika ereignet haben und die der Präsidentschaftswahlkampagne ein neues Gesicht gegeben haben, auf der Grundlage ihres Inhalts zu analysieren. Es gibt keinen Inhalt. Niemand hört heute noch Radio. Das Bild ist alles bestimmend geworden, in dem Sinne, dass es zu 100 Prozent ausschlaggebend ist und nichts anderes mehr zählt.

Wenn es um den Inhalt gegangen wäre, wäre es um die Verdienste von Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten gegangen, die zweifellos nachweisbar sind, aber es gab zu viele Bilder von Joe Biden, die zeigen, wie er stolpert und Treppen hinunterfällt. Wenn es um den Inhalt gegangen wäre, wäre es um die Misswirtschaft von Donald Trump als 45. Präsident und um den verkappten Staatsstreich gegangen, den er am 6. Januar 2021 angezettelt hat, aber es gab zu viele Videos von Joe Biden, der stottert und sich verspricht. Biden konnte mit seinem Image nichts mehr gewinnen. Er wirkte wie ein alter, seniler Mann, und was als wahr erscheint, ist wahrer als die Wahrheit.

Und dann gab es noch das Gottesgeschenk für Donald Trump, dass er am 13. Juli während seiner Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Nähe von Butler, Pennsylvania, von Thomas Matthew Crooks in sein rechtes Ohrenläppchen geschossen wurde. Der unfehlbare politische Instinkt, den Trump in diesem Moment bewies, war nichts anderes als sein Instinkt, den gescheiterten Mordanschlag innerhalb weniger Sekunden in ein ikonisches Bild zu verwandeln.

Held und Märtyrer

Als dieses Foto gemacht wurde, auf dem er mit geballter Faust vor dem Hintergrund einer amerikanischen Flagge stand, mit Blutspuren im Gesicht und dem Aufruf zum Kampf auf den Lippen, hatte Biden die Wahl verloren. In diesem Moment hatte sich der Kampf von einem Duell zwischen einem alten, senilen Mann und einem vier Jahre jüngeren, etwas weniger senilen Mann zu einem Duell zwischen mitleiderregendem Verfall und heroischer Unsterblichkeit gewandelt.

Natürlich hatte Bidens Wahlkampfteam alles daran gesetzt, Trump als Bedrohung für die Demokratie darzustellen, aber was auf diesem Foto zu sehen war, war ein amerikanischer Held und Märtyrer. „Sie haben mich als Gefahr für die Demokratie bezeichnet“, sagte Trump kurz darauf. „Ich habe eine Kugel abgefangen für die Demokratie.“ Das konnte er so nicht sagen, aber er sagte es, und es wurde wahr, weil es mit dem Bild auf dem Foto übereinstimmte.

Das Einzige, was Trump noch von einem Wahlsieg abhalten konnte, war eine spektakuläre Wendung, ein „Deus ex machina“, ein mitreißender Handlungsumschwung, der so sehr das Tagesgespräch bestimmen würde, dass der Angriff auf Trump zu einer Nachricht von gestern werden würde. So geschah es tatsächlich. Am Sonntag, dem 21. Juli, beschloss Joe Biden unter großem Druck, sich als Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahlen im November zurückzuziehen, und noch am selben Tag wurde seine Vizepräsidentin Kamala Harris als neue Kandidatin vorgeschlagen. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit schlossen die Demokraten ihre Reihen und stellten sich hinter ihre Kandidatur, die auf dem Parteitag im August offiziell bestätigt werden soll.

Ich halte es für wichtig festzustellen, dass Kamala Harris objektiv gesehen eine der am wenigsten wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidatinnen ist, die denkbar waren. Wenn alles normal verlaufen wäre, hätte sie niemals die Nominierung der Demokraten erhalten. Das sagt nichts über ihre Qualitäten aus, denn Inhalt ist irrelevant. Es geht um das Bild, und jedes Bild von ihr zeigt unbestreitbar, dass sie eine schwarze Frau ist. Unter normalen Umständen wäre es undenkbar, dass unter den Parteibonzen der Demokraten eine Mehrheit für die Idee hätte gefunden werden können, dass Amerika reif für eine schwarze Frau als Präsidentin ist.

Biden hatte sie vor vier Jahren genau wegen dieses Bildes als seine Mitstreiterin und zukünftige Vizepräsidentin ausgewählt. Als schwarze Frau durfte sie schwarze und weibliche Wähler für ihn gewinnen. Nachdem er gewählt worden war, wurde Kamala Harris in den Hintergrund gedrängt. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt und wurde nicht weiter gebraucht. Durch Bidens Zutun war sie in den letzten vier Jahren so unsichtbar, dass sie von Analysten und Strategen der Demokratischen Partei bis letzte Woche noch als Risikofaktor und Schwachstelle in Bidens Wahlkampf angesehen wurde.

Aber Biden musste gehen, und sie war nun einmal die Vizepräsidentin. Hätte man sie übergangen, hätte dies zu unverzeihlichen Anschuldigungen wegen Rassismus und Sexismus geführt. Das hätte nicht nur die schwarzen und weiblichen Wähler vergrault, sondern alle, die progressiv und aufgeklärt sind oder so erscheinen wollen. Weil sie sie vor vier Jahren für ihre Zwecke instrumentalisiert hatten, konnten sie nun nicht an ihr vorbei.

Panik unter den Republikanern

Aber es wirkt. Ihre unwahrscheinliche Kandidatur erweist sich als genau die spektakuläre Wendung, die die Demokraten brauchten. Zunächst einmal hat sie die Gunst der Stunde genutzt. Das Getue um Trumps Ohr ist mit einem Schlag zu einer albernen alten Nachricht geworden. Noch wichtiger ist, dass sie Trump sein jugendliches Image genommen hat. Früher wirkte er im Vergleich zu Biden noch jung und energiegeladen, doch nun ist er plötzlich zum alten Mann geworden. Von seiner Unsterblichkeit ist nichts mehr übrig.

Und plötzlich tauchen wieder alle alten Videos und Memes von ihr auf, die zeigen, wie cool sie ist. Es gibt ein rührend authentisches Video, in dem sie zwischen Telefonaten aus dem Weißen Haus und einem Fernsehinterview begeistert gestikulierend ihr Rezept für Truthahn aus dem Ofen erklärt („lather that baby up“). Es gibt ein Video, in dem sie gerade aus einem Plattenladen kommt und sich herausstellt, dass sie Vinyl-LPs von genau den Jazzmusikern gekauft hat, die man haben muss. Es gibt ein Video, in dem sie als Einzige lacht, als sie eine lustige Äußerung ihrer Mutter über eine Kokosnuss zitiert. Ihr Wahlkampfteam hat am vergangenen Sonntag den Header ihres X-Accounts im Stil des beliebten Albums Brat der Sängerin Charli XCX gestalten lassen. All dies sind fatale Schläge für Trumps Wahlkampf.

Nachdem Trump vor wenigen Tagen noch unbesiegbar schien, ist das Wahlkampfteam der Republikaner nun in Panik geraten. Es ist durchgesickert, dass sie sich zwar auf diese Wendung vorbereitet hatten, aber gehofft und erwartet hatten, dass Biden der Kandidat der Gegenpartei bleiben würde. In ihrer Nervosität haben sie nun sogar Schadenersatz von den Demokraten gefordert. Sie hatten Dutzende von Videos vorbereitet, in denen Biden lächerlich gemacht wurde, und jetzt wollen sie für all die Millionen Dollar, die sie dafür ausgegeben haben, entschädigt werden. Es dürfte bezeichnend für ihre Ratlosigkeit sein, dass sie nun auf die Idee gekommen sind, zu sagen, Kamala Harris sei eine Gefahr für die Demokratie, weil sie keine einzige demokratische Vorwahl gewonnen hat.

Die niederländische Satire-Website „De Speld“ („Die Nadel“) glaubte, aus Trumps Mund erfahren zu haben, dass Harris mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit leicht zu besiegen sei. Ihre Stärke liegt darin, dass sie in jeder Hinsicht das Gegenteil von Trump ist. Sie verkörpert das, was er hasst und bekämpft. Sie ist eine ehemalige Staatsanwältin und er ein verurteilter Verbrecher. Zweifellos ist sie um ein Vielfaches kompetenter als er, aber noch wichtiger ist, dass sie den Eindruck vermittelt, kompetent zu sein, ohne dabei ihre unbezahlbar entwaffnende und authentisch wirkende Unbeholfenheit zu opfern.

Wahr ist, was wahr zu sein scheint, und es scheint, dass Kamala Harris durch ihre authentische Art eine Chance hat, zu gewinnen und versehentlich Geschichte zu schreiben.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 27. Juli 2024 unter dem Titel „Omdat de Democraten ­Harris vier jaar geleden voor hun karretje hadden gespannen, zaten ze nu met haar opgescheept. Maar het werkt“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild: Rick Obst CC BY 2.0 DEED via FlickR

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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