Von Frederik D. Tunnat
Drohnen in Polen und Rumänien, Kampf-Jets in Estland, in Sichtweite der Hauptstadt Tallin – binnen weniger als drei Wochen, und es dauert ganze 12 Minuten, bevor Nato Jets aufsteigen, um die russischen Kampfflugzeuge zu vertreiben. Wohlgemerkt nicht an der Grenze eines Nato Staats, sondern tief innerhalb seiner Staatsgrenzen.
Das ist nicht länger akzeptabel und hinnehmbar! Was ist los mit unseren politischen Entscheidungsträgern? Wie lange wollen sie sich noch vor einem politisch Halbstarken wie Putin klein machen, kleiner als sie sind?
Das Problem ist doch, wenn Putin weiß und sich darauf verlassen kann, dass die Nato sich fast eine Viertelstunde Zeit lässt, bevor sie auf einen potenziellen Angriff regiert, können sämtliche Nato Jets im Baltikum längst ausgeschaltet sein und russische Truppen durch den Suwalki Korridor gefahren sein, ein Teil von Belarus, der andere von Kaliningrad aus. Und schon war es das mit der Nato im Baltikum. Wenn Russland weiß, dass die NATO nur verzögert reagiert, könnte ein Überraschungsangriff – etwa über den Suwałki-Korridor zwischen Kaliningrad und Belarus – enorme Risiken für die Allianz darstellen. Militärexperten sind sich einig, dass die russisch-belarussischen Manöver wie „Sapad 2025“ gezielt die Reaktionsfähigkeit der NATO testen – die kürzlichen Luftraumverletzungen sowie Drohnenvorfälle in Polen, Rumänien und Estland waren aus Sicht vieler Analysten klare Provokationen und dienen als Fingerübung für den möglichen Ernstfall.
Probleme einer langsamen NATO-Reaktion
- Im Ernstfall könnten russische Truppen tatsächlich versuchen, mit Luftüberlegenheit rasch den Suwałki-Korridor zu durchbrechen – und damit die Landverbindung zwischen dem Baltikum und dem Rest der NATO blockieren.
- Wenn die Reaktion der NATO auf Grenzverletzungen 10–15 Minuten dauert, besteht die Gefahr, dass viele verbündete Kampfflugzeuge und Kommunikationszentralen schon am Boden zerstört sind, bevor überhaupt Gegenwehr geleistet werden kann.
- Das Zeitfenster beim Verteidigen der Ostflanke ist extrem eng – ein groß angelegter russischer Überraschungsangriff könnte die Lage schnell kippen, deshalb warnen Experten seit Jahren vor der besonderen strategischen Verwundbarkeit im Baltikum.
- Viele fordern deshalb noch höhere Bereitschaft, bessere Redundanzen und teilweise eine Änderung der Einsatzregeln, um rascher und entschlossener auf russische Provokationen zu reagieren.
Als Putins Kampfjets in Syrien den Türken zu nah kamen, ließ Erdogan einen Jet abschießen. Erst wenn die Nato russische Kampfflugzeuge und Drohnen über Natogebiet konsequent abschießt, wird Putin mit seinen Provokationen aufhören. Das Beispiel von Erdogan zeigt deutlich, dass ein gezielter Abschuss eines russischen Kampfjets bei einer Grenzverletzung eine starke und klare Abschreckung darstellt – seitdem war Russland gegenüber der Türkei in Syrien deutlich vorsichtiger. Viele Militärexperten sind überzeugt, dass erst eine gezielte militärische Antwort, etwa der Abschuss von russischen Flugzeugen oder Drohnen über NATO-Gebiet, die russische Risikobereitschaft wirkungsvoll bremsen wird.
Die NATO verfügt über hochmoderne militärische Ausrüstung, vielfältige Abschreckungswaffen und Tausende Soldaten – technisch und materiell ist sie Russland klar überlegen. Dennoch sehen viele Experten das eigentliche Problem nicht in der Qualität des Materials, sondern in der politischen Entschlossenheit der Nato, dieses unter echten Bedrohungslagen auch sichtbar und effektiv einzusetzen.
Unsere Politiker scheinen die Lektionen der letzten 200 Jahre weder verstanden noch verinnerlicht zu haben. Nie haben sich europäische Politiker und Länder ohne Skrupel gegen Diktatoren und Unterdrücker gewandt. Dennoch war immer klar: 1813-15, 1914-18 und 1939-45: erst muss man kämpfen, bevor es Sinn macht, sich gemeinsam mit einem Aggressor an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln. Putin hat seit 2014 unmissverständlich deutlich gemacht: ohne Krieg ist er nicht bereit zu verhandeln.
Der historische Vergleich wird von zahlreichen Historikern, Militärs und politischen Analysten geteilt: Im Angesicht aggressiver Diktatoren hat konsequenter Widerstand – militärisch und politisch – immer erst den nötigen Druck erzeugt, damit die Gegenseite überhaupt zu echten Verhandlungen bereit war. Der Wiener Kongress nach den Befreiungskriegen, die Pariser Vorortverträge, Jalta und Potsdam – all diese Friedensabkommen waren nur möglich, weil vorher Krieg und Niederlage den Aggressor kompromissbereit gemacht haben.
- Seit 2014 ist offensichtlich, dass Putin nur dann an Verhandlungen interessiert ist, wenn er daraus einen strategischen, meist militärisch abgesicherten Vorteil erwartet.
- Mehrfach hat er durchgesetzt, dass nur ein Krieg, nicht aber Diplomatie oder internationale Normen, neue Fakten in Osteuropa schafft – gerade die Krim-Annexion und die militärisch erzwungenen „Volksrepubliken“ zeigen das deutlich.
- Die aktuellen Gesprächsangebote aus Moskau sind stets an Bedingungen geknüpft, die für die Ukraine und den Westen unannehmbar sind (Gebietsabtretungen, Einschränkungen der Souveränität, Neutralitätsstatus), was zeigt: Putin will einen Diktatfrieden, keinen fairen Interessenausgleich.
- Westliche Regierungen haben nach 1945 oft versucht, Konflikte einzudämmen und lange auf Diplomatie gesetzt – genau dieses Muster der Beschwichtigung nutzt Moskau gezielt für strategische Gewinne aus.
Viele Beobachter warnen mit mir: Eine zu späte oder schwache Antwort auf Putins Aggression könnte Europa noch härter treffen – Lehren aus der Geschichte zeigen, dass Freiheit und Sicherheit am Ende immer mit Stärke verteidigt und durchgesetzt werden müssen, bevor eine echte Verhandlungslösung möglich ist. Ohne entschlossenen, auch militärisch unterlegten Widerstand werden Aggressoren wie Putin keine Konzessionen machen. Der Wunsch nach Frieden ist berechtigt – wird aber erst dann realistisch, wenn Europas politische Führer dies versteht und gemeinsam mit Entschlossenheit handeln.
Die Notwendigkeit einer harten Reaktion
- Die bisherige Zurückhaltung westlicher Regierungen – geprägt von Friedensappellen und vorsichtiger Diplomatie – wird zunehmend zum Risiko für das Sicherheitsinteresse Europas.
- Viele Experten sind mittlerweile überzeugt, dass erst eine sichtbare und konsequente Reaktion – politisch, wirtschaftlich oder militärisch – die Lage stabilisiert und den Kreml von weitergehenden Aggressionen abhält.
- Die Hoffnung, dass staatstragende Appelle, eine geschlossene Haltung und entschlossene Führungsfiguren die „Zauderer“ und Friedensapostel wachrütteln, wird im politischen und gesellschaftlichen Diskurs lauter und zwingender.
Es ist angesichts dieser Lage kaum noch nachvollziehbar, warum einige Regierungen und politische Lager weiterhin am Kurs der maximalen Zurückhaltung festhalten, obwohl die Zeichen eines möglichen europaweiten Kriegs immer deutlicher werden. Nur echte Führungsstärke und eine entschlossene, geeinte Reaktion können jetzt noch Schlimmeres verhindern.
Nun wollen uns Friedensapostel weismachen, harte Reaktionen würden zweifellos einen Krieg auslösen und damit zwangsläufig zum Atomdesaster führen. Mit dieser Propagandakeule dreschen Putin und sein Adlatus Medwedjew nahezu täglich auf die Europäer ein.
Dabei ist klar, dass die etwas mehr als 500 europäischen Atomwaffen (England und Frankreich zusammen) locker ausreichen, falls Russland einen Atomschlag ausführt, bei einem Vergeltungsschlag Russland ebenfalls vollständig zu zerstören. Unter Nuklearexperten ist diese Gewissheit weit verbreitet – das Prinzip der „gegenseitigen gesicherten Vernichtung“ (Mutual Assured Destruction) gilt auch ohne das Atomarsenal des wankelmütigen Trump einzubeziehen. Obwohl Russland ein Vielfaches an Sprengköpfen besitzt, würde die zweite (Vergeltungs-)Welle aus französischen und britischen Atomwaffen katastrophale Schäden anrichten – an russischen Großstädten und militärischer Infrastruktur, was einen rational agierenden Kreml bzw. Putin abschreckt, mit seinen Atomwaffen herumzuspielen, sprich sie als Erster einzusetzen.
Abschreckungskraft Europas auch ohne USA
- Die 515 französischen und britischen Sprengköpfe reichen aus, große Teile Russlands unbewohnbar zu machen und die Führung zu eliminieren.
- Nach wie vor ist dies die Basis der nuklearen Abschreckung: Auch mit kleinerem Arsenal verfügt Europa über die Fähigkeit zum „second strike“, also zur Vergeltung – weshalb ein russischer Angriff höchst unwahrscheinlich bleibt, solange die politische Entschlossenheit zur Gegenwehr deutlich ist.
Aktuelle nukleare Bedrohungen und Szenarien
- Russland stationiert zwar immer mehr Nuklearwaffen an der EU-Grenze und in Belarus, das Risiko eines Ersteinsatzes bleibt jedoch wegen der drohenden totalen Vernichtung Russlands durch einen Gegenschlag extrem hoch.
- Militärexperten weisen sogar darauf hin, dass Russlands strategische Interkontinentalraketen (ICBM) teils veraltet und in schlechterem technischen Zustand sind als in westlichen Medien oft dargestellt, was die westliche Zweitschlagsfähigkeit weiter absichert.
Putin wird einen Atomschlag auf europäische NATO-Staaten deshalb nicht leichtfertig riskieren – trotz all seiner und Medwedjews Drohungen, denn auch ohne US-Atomwaffen bleibt das Risiko für Russland existenziell und die Fähigkeit zur vollständigen Zerstörung Moskaus nur durch französische und britische Atomwaffen gesichert. Zumal sich Putin ebenso wenig sicher sein kann, wie ein erratischer Trump im Ernstfall reagieren wird, wie die Europäer.
Darum: so klein das englisch-französische Atomwaffenpotential im Verhältnis zum russischen auch rechnerisch ist; es ist allemal mehr als ausreichend, Putins Diktatur und ihn selbst ins Jenseits zu befördern. Doch ein Mann, der 150 Jahre alt werden möchte und die Früchte seiner finanziellen Raubzüge genießen will, wird nicht einem Adolf Hitler nacheifern. Putin will leben, herrschen und seinen Reichtum genießen. Das kann er in einem atomverseuchten Russland nicht. Deshalb wird er nicht der Erste sein, der Atomwaffen einsetzt, auch wenn er täglich das Gegenteil behauptet.
Dies alles ist unseren Regierungsgewaltigen natürlich bestens bekannt, aus den Berichten ihrer gut informierten Geheimdienste. Weshalb sie dennoch die Zaghaften und Ängstlichen gegenüber Putin geben, anstatt sich auf Churchill zu besinnen, bleibt ein Rätsel. Es ist an der Zeit, den Europäern und Natomitgliedern eine Blut-Schweiß-und Tränenrede zu halten. Und anschließend endlich bereit sein, das überlegene Militärpotential wenigstens dann einzusetzen, wenn Natogebiet von Russland aus angegriffen wird. Ich bin sicher, abgeschossene Drohnen und Kampfjets werden ihre deeskalierende Wirkung auf Putin nicht verfehlen.
Titelbild: Michael Kuhn CC BY 2.0 DEED via FlickR
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