In Trumps zweiter Amtszeit wird deutlich, dass die Umdetung der Wahrheit die erklärte Politik eines schlagkräftigen Regimes ist, schreibt Ilja Leonard Pfeijffer. Und er sieht, wie Europa größte Schwierigkeiten hat, damit umzugehen.
Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 11. August 2025
Stella hatte Fieber. Davon war sie selbst jedenfalls überzeugt. Liebevoll, wie ich manchmal sein kann, legte ich eine Hand auf ihre Stirn, ihre Nase, ihre Wangen, und ich konnte sie beruhigen. Meiner Wahrnehmung nach hatte sie nicht einmal erhöhte Temperatur. Aber sie vertraute ihrer eigenen Überzeugung mehr als meinen Händen und schickte mich zur Apotheke, um ein Fieberthermometer zu kaufen. Ich kam ihrer Bitte nach, selbstverständlich kam ich ihrer Bitte nach.
Als ich wieder zu Hause war, maßen wir ihr nach allen Regeln der Kunst die Temperatur. Das Thermometer zeigte eine normale, gesunde Körpertemperatur an. Ihrer Meinung nach lag ein Messfehler vor. Ich schüttelte das Thermometer und wiederholte die Messung. Wieder zeigte es kein Fieber oder erhöhte Temperatur an. Ein dritter Versuch führte zum gleichen Ergebnis.
„Siehst du“, sagte ich. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“
Stella kam jedoch zu dem Schluss, dass das Thermometer defekt war. Sie schickte mich zurück in die Apotheke, um ein neues zu holen. Ich kam ihrer Bitte nach, selbstverständlich kam ich ihrer Bitte nach. Auch das neue Thermometer weigerte sich bei wiederholten Messungen, eine erhöhte Körpertemperatur anzuzeigen.
Auf die Gefahr hin, dass ich mich als nachgiebiger und fürsorglicher darstelle, als es meinem Ruf zuträglich wäre, gebe ich zu, dass ich auf ihr Drängen hin in einer anderen Apotheke ein drittes Thermometer gekauft habe, das identische Messergebnisse lieferte. Die Schlussfolgerung, die sie aus dieser Übung gezogen hat, ist, dass sie bis heute davon überzeugt ist, dass sie an diesem Tag Fieber hatte und dass wir drei defekte Fieberthermometer zu Hause haben.
Weil dies ihre Schlussfolgerung ist, ist dies in unserem Haushalt die offizielle Version der Wahrheit.
Bittere Medizin
Der Gedankensprung von Stella zu Donald Trump, dem 47. und derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist größer als die Entfernung zwischen dem Morgenstern und dem Prinzen der äußersten Finsternis, aber ich folge dem Beispiel von Lucretius, der erklärt, dass er in wohlklingenden Versen schreibt, verschönert mit charmanten Metaphern, weil er die Strategie eines Arztes verfolgt, der den Rand des Bechers mit Honig bestreicht, um den Patienten dazu zu verleiten, die bittere Medizin zu trinken.
Obwohl Trump sich in jeder Hinsicht als „ein äußerst beständiges Genie” und als der führende Experte in allen Politikbereichen betrachtet – „People don’t explain to me, I explain to them!” („Die Leute erklären mir nichts, ich erkläre ihnen die Dinge!“ A.d.Ü.), schrieb er kürzlich mit einem Ausrufezeichen in den sozialen Medien –, rühmt er sich als selbsternannter erfolgreicher Geschäftsmann vor allem seiner brillanten wirtschaftlichen Einsichten.
Am vergangenen Freitag, dem 1. August, veröffentlichte das renommierte „Bureau of Labor Statistics“ (Amt für Arbeitsstatistik“) die Beschäftigungszahlen für den Vormonat, die ein Wachstum zeigten, das deutlich unter dem Durchschnitt der letzten Jahre lag. Darüber hinaus wurden die Beschäftigungszahlen für Mai und Juni nach unten korrigiert. Trumps Reaktion auf diese objektiven Anzeichen für sein Scheitern in der Wirtschaftspolitik war, dass er Erika McEntarfer, die Direktorin des Statistikamtes, stehenden Fußes entließ.
„Lügner“
„Er hat die vertrauenswürdige und unabhängige Regierungsbehörde angewiesen, ein genauso großer Lügner zu werden wie er selbst“, schrieb Thomas Friedman in einem flammenden Artikel in der New York Times vom 4. August. Er betrachtet diesen Angriff auf die Wahrheit als das Gefährlichste, was dieser Präsident bisher unternommen hat, und das zweitgefährlichste sei seiner Meinung nach das, was danach geschah, nämlich dass alle führenden Mitarbeiter Trumps – „Menschen, die in ihrem Privatleben niemals auf die Idee kämen, einen Untergebenen zu entlassen, der ihnen enttäuschende Finanzdaten liefert“ – aus Feigheit die Reihen schlossen und Trump in seiner Entscheidung unterstützten.
Trumps Arbeitsministerin Lori Chavez-DeRemer war am Freitagmorgen bei Bloomberg TV aufgetreten, um zu erklären, dass die Beschäftigungszahlen, abgesehen von möglichen Interpretationen hinsichtlich des Durchschnitts, einen Anstieg der Zahl der Arbeitsplätze zeigten, der positiv zu werten sei, und dass dies die wichtigste Schlussfolgerung sei.
Als sie jedoch einige Stunden später von der Entlassung der Direktorin erfuhr, schrieb sie auf X, dass sie die Entscheidung des Präsidenten voll und ganz unterstütze, da die Beschäftigungszahlen jederzeit ehrlich und genau sein müssten und nicht für politische Zwecke manipuliert werden dürften. Die Statistiken, die morgens noch „positiv” waren, waren also nachmittags gefälscht.
Sharpiegate
Die Affäre lässt mich an Sharpiegate denken. Ich habe bereits ausführlicher über diese unglaubliche Geschichte geschrieben, die sich während Trumps erster Amtszeit ereignet hat, aber es ist nützlich, sie hier noch einmal in Erinnerung zu rufen.
In den letzten Augusttagen 2019 entwickelte sich über dem Atlantik ein tropischer Sturm von großer Stärke, der Dorian genannt wurde. Er nahm Kurs auf die Karibik und die Südostküste der Vereinigten Staaten. Während Meteorologen die genaue Route des Hurrikans vorhersagten, wurden Katastrophenszenarien ausgearbeitet.
Am 1. September 2019 begann Trump, sich öffentlich in die Vorbereitungen auf Dorian einzumischen. Er twitterte, dass er es für wahrscheinlich halte, dass einige US-Bundesstaaten, darunter Alabama, stärker betroffen sein würden als bisher erwartet.
Diese Warnung sorgte für Verwunderung, da kein Meteorologe, auch nicht das maßgebliche National Hurricane Center, einen Kurs für Dorian vorhergesagt hatte, der auch nur in die Nähe von Alabama kommen würde. Alle waren sich einig, dass der Sturm entlang der Atlantikküste nach Norden ziehen würde, in geraumen Abstand zu dem von Trump genannten Bundesstaat. Nicht viel später gab der Nationale Wetterdienst in Birmingham, Alabama, die offizielle Erklärung heraus, dass keine reale Gefahr bestehe, dass Dorian Alabama treffen werde.
Trump hatte sich geirrt. Aber da er sich selbst als „ein äußerst beständiges Genie” sieht, war das für ihn unmöglich. Am 2. September beschuldigte er Journalisten, die seine Vorhersage anzweifelten, Fake News zu verbreiten. Am 4. September organisierte er eine offizielle Pressekonferenz im Oval Office des Weißen Hauses mit dem Ziel zu demonstrieren, dass er Recht gehabt hatte. Er zeigte die offizielle Karte der vorhergesagten Route von Dorian, die am 29. August vom National Hurricane Center angefertigt worden war. Diese Route führte weiträumig an Alabama vorbei. Aber die Karte war mit einem Filzstift korrigiert worden, und mit der so von Hand angepassten Route des Sturms lag Alabama im Risikogebiet.
Es wurde schnell entdeckt, dass es sich um einen Filzstift der Marke Sharpie handelte, der im Bürobedarfsgeschäft für 3,91 Euro verkauft wird. Genau so ein Sharpie-Filzstift lag auf Trumps Schreibtisch im Oval Office, als er die korrigierte Karte der Welt zeigte. Der Hashtag „Sharpiegate” wurde zum Trend auf Twitter.
Der Sturm Dorian war inzwischen nach Norden weitergezogen genau wie von den Experten vorhergesagt. Alabama war verschont geblieben. Aber Präsident Trump weigerte sich weiterhin, sich der Einsicht zu beugen, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Politischer Druck
Obwohl das Weiße Haus am 5. September offiziell zugab, dass die Änderungen an der Wetterkarte tatsächlich mit Hilfe des Sharpie-Filzstifts vorgenommen worden waren, der während der Präsentation auf dem Schreibtisch des Präsidenten gelegen hatte, wiederholte Trump seine Behauptung, dass er die ganze Zeit Recht gehabt habe.
Die „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA – „Nationale Behörde für Ozeane und Atmosphäre“) erließ zweimal ein ausdrückliches Verbot für Mitarbeiter des „National Weather Service“, sich öffentlich zur Route von Dorian zu äußern und dem Präsidenten zu widersprechen. Am 1. September hatte dieselbe NOAA noch erklärt, dass Alabama nicht gefährdet sei, doch am 6. September veröffentlichte sie eine Erklärung, in der sie ihre eigene Aussage von fünf Tagen zuvor widerrief.
Am 9. September kam ans Licht, dass diese bemerkenswerte Meinungsänderung unter dem persönlichen Druck des Handelsministers zustande gekommen war. Er hatte den Direktor der NOAA angerufen und ihm aufgetragen, die frühere Erklärung zu revidieren und Trump Recht zu geben. Der Direktor weigerte sich anfangs, doch als der Minister ihm und seinen wissenschaftlichen Stab mit fristloser Entlassung drohte, knickte er ein. Der Sturm hatte die Ostküste Kanadas inzwischen bereits passiert.
Narzisstischer Geist
Vor sechs Jahren konnte Trumps krampfhaftes und verzerrtes Verhältnis zur Wahrheit noch mit etwas gutem Willen als ebenso lächerliches wie beunruhigendes Symptom eines narzisstischen Geistes interpretiert werden. Jetzt, direkt zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, ist klar, dass die Umdeutung der Wahrheit erklärte Politik eines schlagkräftigen Regimes ist.
Europa hat größte Schwierigkeiten, damit umzugehen, was beispielsweise aus den jüngsten Verhandlungen über die amerikanischen Einfuhrzölle ersichtlich ist. Obwohl diese auf der falschen Annahme beruhen, dass ein Handelsdefizit problematisch sei, und auf der Wahnvorstellung, dass sie der amerikanischen Wirtschaft zugutekommen würden, was völlig außer Acht lässt, dass letztlich die amerikanischen Verbraucher dafür aufkommen, und obwohl sie daher nur in Trumps Parallelwelt eine Rechtfertigung finden, sah sich die Europäische Union zu Unrecht gezwungen, sich auf ernsthafte Verhandlungen über diesen Wahnsinn einzulassen.
Anstatt aus der Stärke Europas heraus zu reagieren, mit schmerzhaften Gegenmaßnahmen gnadenlos zurückzuschlagen und Trump seine eigene Wirtschaft ruinieren zu lassen, erniedrigte sich Von der Leyen, indem sie sich im Land des Brexit auf dem Privatgelände von Trumps Golfclub bizarren Forderungen beugte und ein nachteiliges Abkommen schloss. Die Vorstellung, dass damit zumindest die Ruhe auf den internationalen Märkten gewährleistet sei, beruhte auf der falschen Annahme, dass ein Abkommen für Trump eine Vereinbarung ist, die eingehalten werden muss. Diese Illusion wurde jäh zerstört, als Trump das Abkommen innerhalb einer Woche in Frage stellte.
Wer aus strategischen Gründen Lügen akzeptiert, verliert die Fakten als Waffe. In der Welt, die der Lügner erschafft, gewinnt der Lügner jede Schlacht. Das einzige Mittel gegen alternative Wahrheiten ist die Wahrheit.
Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 9. August 2025 unter dem Titel „Waarom ‘uiterst stabiel genie’ Trump zich nooit vergist“ (https://www.demorgen.be/meningen/waarom-uiterst-stabiel-genie-trump-zich-nooit-vergist~b5952e9a/) in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute
Titelbild: © Hanna Penzer
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