In unseren Städten gibt es genau null Häuser zu kaufen, die sich jemand mit einem mittleren Einkommen noch leisten kann, schreibt Ilja Leonard Pfeijffer. Die Reichsten besteuern? Das ist wie eine Paracetamol-Tablette, die das Fieber senkt. Es ist der Kapitalismus selbst, der auf den Prüfstand gehört.

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 18. November 2025

Ende September 2003 verbrachte ich zusammen mit einigen Schriftstellerkollegen und einem Kamerateam des niederländischen Fernsehens einige Tage in Moskau für ein Projekt für das Groninger Museum. Es war mein erster und bislang einziger Besuch in dieser Stadt. An diesen Besuch erinnere ich mich noch lebhaft, denn er hat mich sehr beeindruckt.

Was mich damals am meisten schockierte, war die unverkennbare Allgegenwart der sichtbaren Auswüchse des Raubkapitalismus, der das Land in kurzer Zeit in Besitz genommen hatte und der in allen Straßen, Alleen und Avenues und auf allen Plätzen des Zentrums mit geschmackloser und schamloser Machtdemonstration seinen Sieg über den Kommunismus feierte. Casinos, Striptease Clubs und doppelt geparkte Rolls-Royces beherrschten das Straßenbild, während monumentale Marmor-„Flaggschiff-Geschäfte” aller westlichen Luxusmarken mit ihren glänzend vergoldeten Namen unnahbar auf das Volk herabblickten.

Unserer Kulturdelegation aus den Niederlanden stand eine Dolmetscherin zur Verfügung. Sie war Russin, Akademikerin und Dozentin für niederländische Sprache und Literatur an der Universität Moskau. Man könnte daraus schließen, dass sie zur wohlhabenden Mittelschicht gehörte, aber sie lebte notgedrungen in einer beengten Wohnung in einem Vorort, eine Stunde Fahrtzeit vom Zentrum entfernt. Sie selbst sagte, dass es im gesamten Zentrum ihrer Stadt, in der sie geboren wurde, lebte und arbeitete, keinen Laden, kein Restaurant und keine Bar mehr gab, wo sie sich mit ihrem Gehalt etwas kaufen oder leisten konnte.

Unsere Dolmetscherin sagte, dass es im gesamten Zentrum von Moskau, wo sie geboren wurde, lebte und arbeitete, keinen Laden, kein Restaurant und keine Bar mehr gab, wo sie sich mit ihrem Gehalt etwas leisten konnte

Als wir dann nach und nach die Außenbezirke Moskaus hinter uns ließen und ins Hinterland in Städte wie Pljos und Tarusa fuhren, wo sich die Bevölkerung in den offenen Abwasserkanälen der unbefestigten Straßen mit Spiritus aus rostigen Farbdosen bis zum Vergessen betrank, erschienen mir sogar die Außenbezirke Moskaus rückwirkend wie ein Luxusresort.

Diese extreme wirtschaftliche Ungleichheit, die selbst meinem oberflächlichen Blick nicht entgehen konnte, schockierte mich damals, wie gesagt, denn ich hatte noch nie zuvor solche perversen Kontraste gesehen, aber ich fürchte, dass ich heute höchstens noch resigniert darüber seufzen würde.

Wenn man mich damals gefragt hätte, hätte ich gesagt, dass diese extremen Auswirkungen des Kapitalismus eine Anomalie darstellten, die dem abrupten und unkontrollierten Übergang vom Kommunismus zur freien Marktwirtschaft zuzuschreiben war, und ich hätte die Erwartung geäußert, dass sich die offensichtlich unhaltbare Ungleichheit mit der Zeit nach westlichem Vorbild abschwächen würde. Damit hätte ich völlig falsch gelegen.

Denn in Wirklichkeit sind sie nicht uns ähnlich geworden, sondern wir haben uns ihnen angeglichen. Ich kenne Orte in Italien, die nicht weit von meinem Wohnort entfernt sind, wie Portofino, Cortina und Como, wo es genau wie damals im Zentrum von Moskau nichts zu kaufen gibt, was sich ein Vertreter der begüterten Mittelschicht leisten könnte.

Ich kenne Städte wie Amsterdam, Mailand und London, wo sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in dem verzweifelten Versuch, weiterhin zur Stadt gehören zu dürfen, wie an einen Rettungsring klammert und sich an immer unerschwinglicher werdende Wohnadressen in der Peripherie festhält.

Perverse Auswüchse

In meinem ganzen Heimatland, von der Provinz Zeeland-Flandern bis zum Emshaven, gibt es genau null Häuser zu verkaufen, die sich jemand mit einem durchschnittlichen Einkommen leisten könnte. Was ich damals in Moskau als perverse Auswüchse betrachtete, ist heute Normalität.

Laut Statistik sind wir in den letzten Jahrzehnten kollektiv reicher geworden. In unseren Ländern hat sich das inflationsbereinigte reale Durchschnittseinkommen pro Kopf der Bevölkerung seit 1960 fast verdoppelt (Italien) bis fast verdreifacht (Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland). Wenn man jedoch die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung nicht in den Durchschnitt einbezieht, flacht die Kurve auf einen Anstieg von 85 Prozent gegenüber 1960 ab, der fast vollständig in dem Zeitraum bis zum Jahr 2000 erfolgte.

Der Anteil der reichsten 10 Prozent der Bevölkerung am Nationaleinkommen ist von etwas mehr als 25 Prozent im Jahr 1980 auf fast 40 Prozent heute gestiegen. Das reale Monatsgehalt von Lehrern, Polizisten und Krankenschwestern ist zwischen 1980 und 2010 um etwa 1.000 Euro gesunken. In den letzten fünfzehn Jahren ist es vor allem aufgrund der Knappheit auf dem Arbeitsmarkt wieder gestiegen, liegt aber immer noch unter dem Niveau von 1980.

Wie Piketty gezeigt hat, ist zunehmende Ungleichheit ein inhärentes Merkmal des Kapitalismus. (…) Wer reich ist, wird reicher als derjenige, der arbeitet

Der weltweite Einkommensanteil der reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung ist im gleichen Zeitraum von 6 auf 9 Prozent gestiegen. Die obersten 0,1 Prozent besitzen heute schätzungsweise mehr als ein Viertel des gesamten Vermögens der Welt. Im Jahr 1980 waren es noch etwa 15 Prozent. Ihr Vermögen wächst schneller als das Bruttoinlandsprodukt vieler souveräner Staaten. Heute gibt es mehr Milliardäre als je zuvor, und zusammen sind sie reicher als die ärmsten 60 Prozent der Menschheit.

Thomas Piketty hat aufgezeigt, dass zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit ein inhärentes Merkmal des Kapitalismus ist, da die Kapitalrendite strukturell schneller wächst als die Wirtschaft selbst. Wer reich ist, wird reicher als diejenigen, die arbeiten.

Wie der Ökonom Gary Stevenson argumentiert, wird der Preis für den zunehmenden exorbitanten Reichtum der Allerreichsten vom Rest der Bevölkerung bezahlt. Die Reichen haben viel mehr Geld, als sie jemals ausgeben können, sodass mit zunehmendem Einkommen der Reichsten weniger Geld in der Realwirtschaft zirkuliert, was zu einer Stagnation von Nachfrage und Produktion führt. Da sie ihr Geld aber irgendwie ausgeben müssen, kaufen sie die halbe Welt auf, ohne wirklich etwas damit zu machen.

Verfallende Städte

Stella organisiert zur Zeit eine Ausstellung in Monastero Bormida, einer Gemeinde mit 825 Einwohnern in der Provinz Asti im Piemont. Vor kurzem hatten wir eine Delegation der Gemeinde unter der Leitung des Bürgermeisters zu Besuch bei uns zu Hause. Sie beklagten sich über die Situation in der benachbarten Ortschaft Acqui Terme. Die heißen Quellen von Acqui üben seit Menschengedenken eine große Anziehungskraft auf Kurgäste und Touristen aus, wovon die gesamte Umgebung profitiert.

Im Jahr 2016 wurden die Thermen und das ikonische Grand Hotel aus der Belle Époque, das 1891 seine Pforten öffnete und seitdem ein Symbol der Stadt war, an einen vermögenden privaten Investor verkauft, der den Komplex geschlossen hat und ausdrücklich erklärt, nicht an weiteren Investitionen interessiert zu sein, die eine Wiedereröffnung möglich machen könnten. Aber er ist auch nicht an einem Verkauf interessiert. Die Folge dieses Desinteresses ist, dass die Stadt Acqui Terme verfallen ist und die gesamte Umgebung an Attraktivität verloren hat.

Da die Allerreichsten mit ihrem überschüssigen Geld nichts anderes tun können, als Vermögenswerte zu kaufen, und da sie keinen Nutzen aus einem Verkauf ziehen, treiben sie die Preise in die Höhe. Für den Rest der Bevölkerung wird das tägliche Leben allmählich unerschwinglich. In Städten wie Amsterdam, Paris und Berlin ist die Kaufkraft von Erstkäufern auf dem Wohnungsmarkt in zwanzig Jahren um 30 bis 40 Prozent gesunken, während das Vermögen der Hausbesitzer exponentiell gewachsen ist.

„Wenn man einer kleinen Gruppe von Menschen erlaubt, unglaublich viel Reichtum und Macht anzuhäufen”, sagt Gary Stevenson, „werden sie diese unweigerlich nutzen, um sich auch den Rest des Reichtums und der Macht anzueignen. So einfach ist das. Wenn wir es nicht schaffen, den Reichtum umzuverteilen, wird die Mittelschicht untergehen, werden unsere Regierungen an Einfluss verlieren und werden wir am Ende nichts mehr haben. Es ist wie bei einer Schachpartie, bei der du deinem Gegner erlaubst, bei jedem Zug eine deiner Figuren vom Brett zu nehmen.“

Unlängst am Samstagabend, dem 8. November, hatte ich die Ehre, beim Festival Crossing Border in einem vollbesetzten Festzelt auf der „Lange Voorhout“ [eine bekannten Straße; Anm.d.Ü.] in Den Haag zusammen mit der jungen, sehr engagierten niederländischen Punksängerin Sophie Straat auf der Bühne interviewt zu werden.

Der Interviewer zitierte aus dem Text des Liedes „Interlude“ von ihrem aktuellen Album „Wie de fak is Sophie Straat“ [„Wer zum Teufel ist Sophie Straak“]: „Die Geschichte ist eigentlich schon längst geschrieben, denn wir wissen bereits, wer die Gewinner und wer die Verlierer sind, wer am Ende Macht und Geld hat und wer Pech und Elend. Wer das Opfer und wer der Täter ist, ist eigentlich schon längst ausgedacht und niedergeschrieben.“

Er bat mich, dazu etwas zu sagen. Ich antwortete ehrlich, dass ich selten eine treffendere Analyse des Kapitalismus gehört hätte, wobei immer weniger der heutigen Gewinner die endgültigen Gewinner von morgen sein werden, auf Kosten von immer mehr Verlierern. „Und alle hier“, sagte ich zum Publikum, „alle in diesem überfüllten Festzelt werden zu den Verlierern gehören, darüber besteht kein Zweifel. Das ist längst durchdacht und niedergeschrieben.“

Sündenböcke

Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, besteht laut Gary Stevenson darin, Steuern auf die Einkommen und Vermögen der Reichsten zu erheben. Zohran Mamdani wurde am 4. November 2025 zum Bürgermeister von New York gewählt auf der Grundlage eines Programms, das genau das anstrebt. Aber Präsident Donald Trump hat bereits zuvor eine gegenteilige Entwicklung in Gang gesetzt, in dem er Kürzungen bei den Sozialleistungen für die Armen vorgenommen hat, um den Reichsten Steuervorteile zu gewähren.

Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erklärte am 8. November ausdrücklich, dass sie niemals der Idee der Gewerkschaften zustimmen werde, die Reichsten zusätzlich zu besteuern. Für Trump, Meloni und ihre vielen Gleichgesinnten in anderen Teilen der Welt ist es attraktiver, Sündenböcke für die Verarmung der Mittelschicht zu benennen, als etwas dagegen zu unternehmen.

Für Trump, Meloni und ihre Gleichgesinnten in anderen Teilen der Welt ist es attraktiver, Sündenböcke für die Verarmung der Mittelschicht zu benennen, als etwas dagegen zu unternehmen

Die Besteuerung der Reichsten, die aus unverständlichen Gründen allgemein als unrealistische Utopie angesehen wird, wäre nur ein erster, notwendiger Schritt in Richtung Umverteilung und Gerechtigkeit.

Wie Piketty aufgezeigt hat, ist zunehmende Ungleichheit ein fester Bestandteil des Spiels, das Kapitalismus heißt. Steuern sind eine willkommene Form der Symptombekämpfung, wie eine Paracetamol-Tablette, die das Fieber senkt, aber um die Ursachen der Ungleichheit zu bekämpfen, muss der Kapitalismus als solcher auf den Prüfstand gestellt werden.

Solange wir das unterlassen, müssen immer mehr Sündenböcke gefunden werden, in einem von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, die ständig wachsende Wut und Frustration in der Bevölkerung zu kontrollieren, bis auch der letzte Rest unserer unglaubwürdig gewordenen Demokratie ausgemerzt ist.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 15. November 2025 unter dem Titel „Waarom ook u, beste middenklasser, tot de verliezers zal behoren“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild:  © Hanna Penzer (2025)

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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