Von Frederik D. Tunnat
Es ist erst ein Jahr her, seit Donald Trump mit dem Versprechen in das Oval Office zurückkehrte, die Weltwirtschaft nach seinem Gusto umzukrempeln. Sein Werkzeugkasten war extrem überschaubar, er enthielt im Grunde nur ein einziges Instrument: den Zollhammer. Mit der ihm eigenen Subtilität eines Abrissunternehmers feuerte er diese vermeintliche Wunderwaffe in alle Himmelsrichtungen ab. Freund wie Feind wurden mit Aufschlägen zwischen 10 und 150 Prozent belegt – mal als Hebel für Handelszugeständnisse, mal als bloße politische Erpressung.
Für Trump war die Welt seit jeher ein Nullsummenspiel. Damit er selbst gewinnt, muss der andere bluten. Doch während er bei den Chinesen auf einen Gegner stieß, der die Kunst des asymmetrischen Widerstands besser beherrscht als er, knickten viele andere Staaten zunächst ein. Sie lieferten ihm die Schlagzeilen, die er herbeisehnt: den Anschein eines Sieges. Doch seit letztem Freitag ist der Lack ab. Der Supreme Court hat Trumps Zollstrategie faktisch in sich zusammen fallen lassen, wie ein misslungenes Soufflee.
Ein Urteil als geopolitische Zäsur
Die Entscheidung der obersten Richter, Trumps wichtigstes Machtinstrument für illegal zu erklären, raubt Donald Allmächtig die Glaubwürdigkeit seiner Drohkulisse. Wer nicht mehr schießen kann zwingt niemanden mehr in die Knie. In den Hauptstädten der Welt – von London über Brüssel bis Berlin und Peking – wird dies genau registriert. Man wittert Morgenluft. John Springford vom Centre for European Reform bringt es auf den Punkt: Die Verbündeten werden nun beginnen, die Ratifizierung einseitiger Knebelverträge zu verweigern oder deren Umsetzung im bürokratischen Dickicht versickern zu lassen – wie es bereits clevere EU Abgeordnete und einzelne Kommissionsmitglieder andeuten. Für Trump geht es dabei um weit mehr als nur um seine existentielle Ego-Pflege. Es geht um knallharte Zahlen: Über 130 Milliarden Dollar an kalkulierten Zolleinnahmen drohen sich in Luft aufzulösen. Damit wackelt sein gesamtes, ohnehin auf Sand gebautes Kartenhaus aus Steuersenkungen und massiven Ausgabenerhöhungen.
Das Ende der Unantastbarkeit
Was Trump schmerzhaft lernen muss, obwohl er dazu nicht in der Lage ist: Rohe Gewalt ist nicht identisch mit machtvoller Hebelwirkung. Das deutsche Institut für Makrofinanzierung hat es treffend analysiert: Echte Hebelwirkung entsteht nur durch asymmetrische Abhängigkeiten. Als Peking die US-Abhängigkeit von chinesischen Seltenen Erden offenlegte, musste der „Great Dealmaker“ ausgesprochen klein und kleinlaut beigeben.
Doch anstatt seine vergeigte Strategie zu überdenken, reagiert Trump, wie er immer reagiert: mit wütenden Breitseiten auf Truth Social. Er droht mit „Schlimmerem“ für jene, die nun versuchen „Spielchen mit ihm zu treiben“. Doch Trumps Drohungen wirken hohl. Sein neuer, eilig zusammengeschusterter Zollsatz von 15 Prozent ist gesetzlich gedeckelt und befristet. Ohne den Kongress – der eifersüchtig über seine eigenen Steuer-Vorrechte wacht – geht ab Sommer nichts mehr in Trumps Tarriff-Wonderland. Zudem ist in Washington die Begeisterung für Trumps erratische Handelskriege, insbesondere den, der USA Nachbarn Kanada vor den Kopf stößt, merklich abgekühlt.
Die Geburtsstunde der neuen Souveränität?
Vielleicht ist das nachhaltigste Erbe dieser erratischen Zoll-Episode jedoch der vollständige Vertrauensverlust. Wenn Trump im Vorbeigehen die Annexion Grönlands fordert, zeitigt das Konsequenzen, die weit über bisher übliche diplomatische Verstimmungen hinausgehen. Britische und europäische Banken arbeiten bereits mit Hochdruck an Alternativen zu US dominierten Zahlsystemen wie Mastercard und Visa. Man will nicht länger am Tropf eines Washingtoner Totschläger-Aus-Schalters hängen. Sogar US-Tech-Giganten müssen mittlerweile in Europa und London Überzeugungsarbeit leisten, damit ihre einträglichen Cloud-Dienste nicht in geopolitische Geiselhaft genommen werden. Das Streben nach „wirtschaftlicher Souveränität“, das man in Brüssel lange Zeit primär als Schutzschild gegen China verstand, richtet sich nun zunehmend auch und gerade gegen den vermeintlichen, bisherigen Partner jenseits des Atlantiks.
Ein Präsident in der Defensive
Trump steht im Inland mächtig unter Druck. Die Wall Street stagniert, die Lebenshaltungskosten fressen die Kaufkraft von Trumps ureigenster Wählerschaft auf, die Umfragewerte für die Midterms im November sind auf bestem Weg, sich für die Republikaner in ein veritables Desaster zu verwandeln. 59 Prozent der US-Bürger lehnen Trumps unausgegorene Wirtschaftspolitik inzwischen grundsätzlich ab. Zwar haben die USA im letzten Jahr eindrucksvoll bewiesen, wie unverzichtbar sie für die Aufrechterhaltung der globalen Ordnung selbst unter Trump sind – aber sie haben auch unfreiwillig bewiesen, dass sie alles andere als autark sind. Trump spielt das geopolitische Spiel weiterhin so, wie er es vom autoritären Vater Fred gelernt hat. Doch die Welt des Jahres 2026 ist eine völlig andere. Wer nur den Hammer des Immobilien-Abrissunternehmers kennt, sieht in jedem Problem nur einen einzuschlagenden Nagel. Aber wenn der Hammer beim heutigen Nageln versagt, steht man plötzlich ziemlich schutz- und hilflos da.
Der „Merz-Faktor“
Während Trump im Weißen Haus gegen seinen eigenen Supreme Court wütet, steht man im Berliner Kanzleramt vor den Trümmern der industriellen Gewissheiten der Nachkriegs-Transatlantik-Freundschaft. Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich liebend gern als Mann für die großen transatlantischen Deals inszeniert, musste schmerzhaft feststellen, dass ein freundliches Telefonat unter „Alpha-Tieren“ bei der aktuellen Trump-Handelspolitik wenig bis nichts ausrichtet. Für die deutsche Automobilindustrie ist die Lage existenziell bedrohlich. Die goldenen Zeiten, in denen man sich in Deutschlands Autokonzernen darauf verlassen konnte, dass der US-Markt ihr sicherer Hafen für Premium-SUVs aus Stuttgart und München war, gehören der Vergangenheit an. Trumps Zoll-Drohungen – auch wenn sie nun juristisch an der kurzen Leine des Kongresses liegen – haben eine tiefe Verunsicherung nicht nur in die Lieferketten der Welt, sondern auch in die Büros der deutschen Autokonzern-CEOs gefräst.
Merz versucht sich in einem ihn überfordernden Spagat: Einerseits betont er die Notwendigkeit einer starken NATO und einer gemeinsamen Front gegenüber Peking, andererseits muss er zusehen, wie VW und BMW ihre Investitionen massiv in Richtung USA verlagern, um den „Made in America“-Daumenschrauben Trumps zu entkommen. Es ist eine schleichende Deindustrialisierung der Deutschland AG im Gange, unter dem Deckmantel internationaler Diversifizierung. Die Analyse der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist deshalb auch so treffend wie ernüchternd: „Die deutsche Abhängigkeit vom US-Konsum ist die Achillesferse der Regierung Merz. Wenn Washington hustet, bekommen Wolfsburg und München Lungenentzündung.“
Doch Merz wäre nicht Anti-Merkel-Merz, wenn er nicht versuchen würde, die Krise als Hebel seiner eigenen Ego-Agenda zu nutzen. Berlin drängt nun in Brüssel massiv auf einen „European Preference Act“. Was früher als Protektionismus in CDU Kreisen verpönt war, wird unter dem Eindruck von Trumps Zoll-Zockerei zu deutscher Staatsräson a la Merz. Es ist die Geburtsstunde einer neudeutschen Realpolitik: Man redet in Berlin zwar noch von „Freihandel“, errichtet aber im Hintergrund einen europäischen Schutzwall, der auch vor Washingtons grenzenlosen Ambitionen nicht haltmachen wird. Die ein wenig verklausulierte Botschaft an Trump ist klar: Wer die globale Ordnung als Casino missversteht, darf sich nicht wundern, wenn die Mitspieler den Tisch verlassen und ihr eigenes Casino eröffnen: Die Rückkehr einer Handelspolitik des 19. Jahrhunderts also, in welcher das Casino in Baden-Baden, mit seinem goldenen Zeitalterglanz, die ganze damalige Welt anzulocken und einzulullen verstand. Rien ne va plus.
Titelbild: Trump’s Tarriffs by Trong Khiem Nguyen CC PDM 1.0 DEED via FlickR
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