Von Frederik D. Tunnat

Einen Monat, bevor ich zehn Jahre alt wurde, um genau zu sein am 2. Juli 1963, trat mit dem, vom damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle initiierten Élysée-Vertrag die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft in Kraft.

Nur 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen, krachenden Niederlage Nazi-Deutschlands, reichte Frankreich dem ehemaligen „Erbfeind“ Deutschland die Hand, bot ihm Freundschaft, sowie regelmäßige Konsultationen in Fragen der Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik an, um durch diese gemeinsamen Anstrengungen beider Regierungen zukünftig sicherzustellen, dass sich die von der deutsch-französischen Rivalität ausgegangenen Kriege in Europa nie wiederholen sollten. Der Vertrag wurde am 22. Januar 1963 von Bundeskanzler Konrad Adenauer und von Staatspräsident Charles de Gaulle im Pariser Élysée-Palast unterzeichnet und trat, wie oben erwähnt, am 2. Juli 1963 in Kraft.

Ich bin ein Kind, das im besten Sinn des Vertrags, d.h. im Geist deutsch-französischer Freundschaft, aufwuchs. Insofern schmerzt mich die aktuell zu Tage tretende, rapid zunehmende Entfremdung zwischen den Menschen beider Länder, wie sie durch die rein symbolische, jedoch lieblose, unengagierte Politik von Kanzlerin Merkel und ihres Nachfolgers Scholz deutlich wird. Völlig emotionslos nahm bereits Merkel die vertraglich vereinbarten Termine aus dem Vertrag wahr, ließ ihren Partner, den deutschfreundlichen Präsidenten Macron permanent auflaufen, da sie ausschließlich Wert auf die illusionäre deutsch-russische Freundschaft legte, deren Nichtexistenz spätestens am 24. Februar 2022 durch den völkerrechtswidrigen Einmarsch von Putins diktatorischem Russland in der Ukraine für alle Welt sichtbar wurde.

Dennoch hielt und hält der aktuelle Kanzler Olaf Scholz samt seiner realitätsfernen, entrückten SPD, an den durch Putin beerdigten, angeblich besonderen deutsch-russischen Beziehungen fest. Bereits in den Wochen nach Kriegsausbruch habe ich in meinen Artikeln und Tweeds deutlich darauf hingewiesen, aus welch illusorischer Quelle sich Scholzens Russlandnostalgie speist, die ihn zu Putins bestem und eifrigsten Erfüllungsgehilfen gegen die Ukraine, Europa, die Nato macht. Erst gestern [20. Januar 2023; Anm.d.R.] hat Scholz in Ramstein erneut bewiesen, wem seine Loyalität tatsächlich gilt, wessen völkerrechtswidrige Sache er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln subversiv aber verbissen unterstützt: die des Kriegsverbrechers und Diktators Putin. Für einen erwiesenen Kriegsverbrecher, Diktator, millionenfachen Mörder, setzt Scholz nicht nur die bewährte deutsch-französische Freundschaft aufs Spiel; er macht die Bundesrepublik zum neuerlichen Paria innerhalb der EU, der Nato und gegenüber unserem wichtigsten Verbündeten, Grant unserer Freiheit und Demokratie: den USA. Mir scheint, das alles gehört zu Scholz perfidem Plan, Deutschland leisetretend aber dennoch stetig aus seiner Westverankerung zu lösen, um uns Putins imperialistischen Sowjetphantasien auszuliefern. Hier ist kein vorsichtig agierender Politiker am Werk, wie Scholz vorgibt, sondern ein raffinierter, Rückratloser Erfüllungsgehilfe, der seiner kruden, in jungen Jahren gewählten, längst ad absurdum geführten Idee einer kommunistischen Weltrevolution nachhängt und sich dafür dem größten Betrüger und Vernichter der kommunistischen Idee und Ideale, Putin, mit Leib und Seele verschreiben hat.

Für mich ist und war das gelebte Projekt deutsch-französischer Freundschaft von Kindesbeinen an eine Herzensangelegenheit. Kaum war der Élysée-Vertrag 1963 in trockenen Tüchern, gingen u.a. die drei Stuttgarter Rotary-Klubs daran, ihn mit Leben zu erfüllen. Man etablierte ein Art klubinternes Freundschaftsabkommen zwischen einem im französischen Elsass ansässigen Klub und den drei Stuttgarter Klubs. Ebenso, wie zwischen den Regierungen, wurde vereinbart, sich regelmäßig zwei Mal jährlich zu treffen. Abwechselnd in Deutschland und Frankreich. Um die Treffen mit Leben zu erfüllen, fanden diese Treffen nicht, wie üblich nur zwischen den Klubmitgliedern statt, sondern im Kreis ihrer Familien.

So trafen ab Herbst 1963 alle sechs Monate zwischen 100 bis 200 Deutsche und dieselbe Anzahl Franzosen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene – zusammen, um sich sowohl persönlich kennenzulernen und näher zu kommen, wie durch ein abwechslungsreiches Programm dafür zu sorgen, die seinerzeit noch bestehenden Vorbehalte und Vorurteile zwischen Franzosen und Deutschen abzubauen.

Rasch freundeten sich meine Eltern mit einer französischen Familie an, die drei Kinder umfasste. Bereits im Frühjahr 1964, anschließend ein bis zweimal jährlich, führten wir mit dieser Familie einen individuellen Schüleraustausch durch, flankiert von den zwei offiziellen Treffen pro Jahr. Das bedeutete in der Praxis, dass ich ab 1964 im Schnitt 2-3 Wochen in Frankreich bzw. der französischen Schweiz verbrachte, während wir für ebenfalls 3-4 Wochen die französischen Kinder zu Gast hatten. Flankiert wurden diese privaten Kontakte von den vier bis sechstägigen offiziellen Jahres-Treffen. Das bedeutete für mich als Jugendlichen, jährlich rund 9 Wochen in der Gesellschaft französischer Schüler und Erwachsener verbracht zu haben.

Schnell kristallisierte sich heraus, dass der gleichaltrige Sohn der französischen Familie, Jean, mit mir die höchste Überschneidung hatte, so dass wir uns anfreundeten. Während Jean in seinem Internat Deutsch als Fremdsprache lernte, wählte ich Französisch als 2. Fremdsprache, da Englisch als erste obligatorisch war. Jean überflügelte mich – er war ein Sprachgenie – binnen ein, zwei Jahren im Erlernen der Fremdsprache, was bedauerlicherweise dazu führte, dass wir, wann immer wir zusammen waren, Deutsch statt Französisch sprachen, was meine Fortschritte unzweideutig bremste.

Peu à peu lernte ich französische Gebräuche und die kleinen, aber feinen Unterschiede des Alltagslebens kennen. Anlässlich einer Geburtstagsparty bei einem Freund Jeans, wurde mir französische Freizügigkeit vor Augen geführt. Obwohl sämtliche Partygäste erst zwischen 13 bis 15 Jahre alt waren, ging es zu wie bei Erwachsenen. Es wurde geraucht was das Zeug hielt, der Alkohol floss in Strömen, und Sex wurde zwanglos aber intensiv praktiziert. Die Party fand in einer relativ großen Villa statt. Nachdem sich im Lauf des Abends, schon wegen meiner noch mäßigen Französischkenntnisse, sowie meiner auffälligen Zurückhaltung, herumgesprochen hatte, dass ich Deutscher war, änderte sich das Verhalten eines Großteils der versammelten Jugendlichen. Es wurde auffällig über mich getuschelt, nach und nach ging ein Teil der Anwesenden dazu über, wenn sie an mir vorbei gingen, mich als „Tu boche“ zu bezeichnen, also als deutsches Schwein. Das kam sehr überraschend, ja völlig unerwartet für mich. Nie und nimmer hätte ich in diesem großbürgerlichen Umfeld, bei Kindern aus akademischen Kreisen, Familienmitgliedern von Rotary-Klub-Mitgliedern etwas Derartiges erwartet.

Dass sich derartige fremdenfeindliche Stereotype selbst in gebildeten, wohlhabenden Kreisen Frankreichs, im Rahmen von Familien, die offiziell die deutsch-französische Freundschaft zelebrierten, halten konnten, erschütterte mich damals nachhaltig. Selbstverständlich hat mich das nie davon abgehalten, weiterhin regelmäßig Frankreich zu besuchen, und den persönlichen Kontakt zu seinen Einwohnern zu suchen und zu halten.

Wie anders hatten in diesem Zusammenhang Engländer reagiert, denen ich anlässlich meiner Sprachferien in denselben Jahren begegnete. Der Zugschaffner, der bei der Kartenkontrolle angesichts meiner Wortwahl und Aussprache erkannte, einen Ausländer vor sich zu haben, hatte mich in ein freundliches Gespräch verwickelt. Als ich mich als Deutscher zu erkennen gab, sagte dieser einfache, arbeitende Mann aus dem Volk etwas, das mich nachhaltig beeindruckte. Er, der wochenlang in Nordfrankreich und Norddeutschland gegen Hitlers Reichswehr gekämpft hatte, äußerte uneingeschränkten Respekt vor dem Mut und der Kampfkraft seiner Weltkriegsgegner. Er nahm den Krieg wie ein gewaltiges Spiel, bei dem letztlich die bessere Mannschaft, also die Engländer und Amerikaner gewannen, doch zollte er seinen besiegten, unterlegenen Gegnern von damals uneingeschränkt Respekt, wie es sportsmen eben tun. Ihm, dem einfachen Schaffner, der nach dem Krieg zurück in sein bescheidenes bürgerliches Leben gekehrt war, kam mitnichten der adäquate englische Begriff für uns Deutsche: „Krauts“ über die Lippen, ja nicht einmal in den Sinn.

Es zeigt einmal mehr, dass sich im Lauf der Jahrhunderte zwischen Franzosen und Deutschen eine Menge unguter Ressentiments aufgebaut haben. Speziell durch die Kriege Napoleons, seine Niederlage mit Hilfe der Preußen, später der deutsch-französische Krieg von 1870/71, der das Revanchedenken in Frankreich auslöste und unseligerweise im Ersten Weltkrieg mündete, an dessen Ende die unnötige Demütigung von Versailles stand, die kaum zwanzig Jahre später im von Hitler losgetretenen Zweiten Weltkrieg bestand, während dem Frankreich besetzt war und seinerseits in Versailles gedemütigt wurde. Da scheint viel unterirdischer Frust zurück geblieben zu sein, in allen Schichten des französischen Volkes. Insofern war es eine geniale Idee de Gaulles, Deutschland 1963 die Hand zu reichen, und für anhaltende Aussöhnung zu sorgen.

Was bis zum Ende von Kohls Kanzlerschaft gut bis hervorragend funktionierte, kam unter den nachfolgenden Kanzlern Schröder, Merkel und nun Scholz unter die Räder. Alle drei Kanzler einigt mangelnde persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit der deutsch-französischen Aussöhnung. Keiner der drei Kanzler besuchte von Jugend an Frankreich und engagierte sich für die Aussöhnung zwischen den früheren Erzfeinden. Stattdessen begann unter Schröder die idealistische Hinwendung gen Russland, unter Langzeitkanzlerin Merkel intensiviert und fortgeschrieben, so dass Scholz nun vor einem Scherbenhaufen steht, der ihn, als Putin-Verehrer und Russlandfreund bzw. nostalgischer Anhänger der untergegangenen Sowjetideologie nicht im Geringsten interessiert.

Deutschland ist unter seinen Nachwendekanzlern auf dem besten Weg, das kostbare Gut der deutsch-französischen Aussöhnung und Freundschaft gegen russisches Gas und Unterwerfung unter ein diktatorisches Regime Putins aufzugeben. Daran kann auch der heutige Pflichttermin von Scholz in Paris nicht hinwegtäuschen. Wo das gegenseitige Verständnis abhandenkommt, gedeihen Ressentiments und Vorurteile. Eine Abwendung von Frankreich, von den USA, dem Westen, hin gen Osten – wobei für Scholz und seine SPD Europas Osten nicht zählt und existiert, sondern erst mit Russland beginnt – wäre verhängnisvoll, denn es machte Deutschland binnen Kurzem zum Spielball Russlands, wenn nicht erneut zu dessen Satelliten.

Wenn ich lese, dass immer weniger Deutsche Französisch lernen, immer weniger Partnerschaften zwischen Deutschen und Franzosen gelebt werden, dann erfüllt mich das mit großer Sorge. Wann immer Deutschland seinen politischen Kompass falsch ausrichtete, folgte für Europa und Deutschland ein Desaster. Unser Kompass sollte, wie seit 60 Jahren auf Frankreich, und wie seit fast 75 Jahren auf die Freundschaft mit den USA ausgerichtet sein. Das hat nicht Feindschaft gegenüber Russland zu bedeuten, doch wie sehr Vorsicht angebracht ist, hat Putin seit 2014 und speziell seit Februar 2022 bewiesen. Dies zu ignorieren oder schön und klein zu reden, wie es Kanzler Scholz und die SPD tun, ist gefährlich und verwerflich. Es zeigt mangelndes politisches Gespür und ein falsches, weil überholtes Weltbild.

Es lebe die deutsch-französische Freundschaft. Bonne chance!

Titelbild: Charles De Gaulle. Denkmal für den Elysée-Vertrag, Berlin-Tiergarten. By stoha CC_BY-NC 2.0 via FlickR

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