Heute vor 80 Jahren begann der Angriff auf Stalingrad. Daran erinnert der Spiegel mit dem Artikel „80 Jahre Schlacht von Stalingrad: Was Stalingrad mit dem Widerstand der »Weißen Rose« zu tun hatte“ vom 23. August 2022, der leider hinter der Paywall liegt. Zunächst einige wenige Zahlen: Allein am ersten Tag des Angriffes warf die deutsche Luftwaffe ca. 1 Million Bomben mit insgesamt ca. 100.000 Tonnen Sprengstoff über Stalingrad ab. Es starben insgesamt ca. 1,5 Millionen Soldaten und Zivilisten in den rund sieben Monaten, die die Schlacht dauerte. Ca. 110.000 deutsche Soldaten kamen in russische Kriegsgefangenschaft. Etwas 6.000 Soldaten überlebten die Gefangenschaft. Das sind einfach furchtbare Zahlen, hinter denen sich eben so viele grausame Einzelschicksale verbergen.

Interessant an dem Artikel ist, dass er die Schlacht um Stalingrad mit der „Weißen Rose“ um Sophie Scholl verknüpft. Ihr Freund/Verlobter war als Soldat in Stalingrad. Das, was er über das Leiden der deutschen Soldaten in der Schlacht um Stalingrad an S. Scholl schrieb, hat sie und die „Weiße Rose“ wesentlich zum Widerstand motiviert. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass S. Scholl eigentlich nicht das System des Nationalsozialismus kritisierte, sondern den rücksichtslosen Umgang Hitlers mit den deutschen Soldaten in dieser in dem Sinne sinnlosen Schlacht, dass sie für die Wehrmacht nicht mehr zu gewinnen war. Wie in dem Artikel berichtet, ordnete Hitler an, angesichts der schwierigen Versorgungslage der von der roten Armee eingeschlossenen Wehrmachtssoldaten mit Lebensmitteln, Verwundete verhungern zu lassen und Essen nur nach an kampffähige Soldaten auszugeben.

Die Kritik von S. Scholl und ihren Freunden von der „Weißen Rose“ war eine systemimmanente Kritik. Aber diese Art der Kritik erforderte in der damaligen Zeit großen Mut. Und is hat den Mitgliedern der „Weißen Rose” das Leben gekostet. Das darf mensch nicht kleinreden. Dennoch darf mensch auch nicht übersehen, dass Sophie Scholl und die „Weiße Rose“ nicht im Widerstand zum Nationalsozialismus standen, sondern dass sie Kritiker der nach ihrem Empfinden und aus ihrer Sicht sinnlosen soldatischen Opfer auf deutscher Seite in Stalingrad waren. Das war eine berechtigte Kritik, aber es war eine begrenzte Kritik, die die viel umfangreichere Brutalität des Nazi-Regimes vom Rassismus, der Ausgrenzung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen, der Vernichtung sog. lebensunwerten Lebens bis hin zu den Genoziden an Polinnen und Polen sowie an Roma und Sinti und die industriell organisierte Vernichtung der Juden ausblendete, obgleich die Nazis diese Verbrechen nicht verheimlichten. S. Scholls Freund hat den Krieg übrigens überlegt, weil er aufgrund erfrorener Hände und Füße und viel Glück noch rechtzeitig aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen wurde.

Die „Weiße Rose“ waren Kritiker der Kriegsführung Hitlers, aber keine Gegner Hitlers – in einer Zeit, in der Kritik grundsätzlich verboten war, ist auch das schon viel. Dabei gelten die Mitglieder der Weißen Rose ja mehr noch als der Kreis um Stauffenberg als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Nüchternerweise muss mensch aber sagen, dass sie – trotz der Kritik, die sie sich getraut haben auszusprechen – nicht im Widerstand zum Nationalsozialismus standen.


Nachtrag vom 19.09.2021

Erst kürzlich bin ich auf einen Gastkommentar von Felix Heinert in der taz gestoßen, der bereits am 26.07.2022 unter dem Titel “Diskussion um Kriegsprotagonisten: Stauffenberg und Bandera. Der Nationalistenführer ist in der Ukraine keineswegs unumstritten. Anders in Deutschland, wo man nichts auf die Helden kommen lässt.” erschien. Heinert, der sowohl die ukrainische als die deutsche Staatsangehörigkeit hat, setzt sich in seinem Kommentar kritisch mit der oberlehrerhaften Art der deutschen Debatte über die Rolle des ukrainischen Antisemiten Stepan Bandera, der zeitweise mit den Nazis und der Wehrmacht kooperierte, auseinander. Anders als in Deutschland, wo man ohne jede kritische Reflexion an vermeintlichen Widerstandskämpfern gegen Hitler und den Nationalsozialismus, wie z.B. Graf Stauffenberg, festhält, gebe es, so Heinert, in der Ukraine mittlerweile ein kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte und der Rolle von Bandera. Ich erwähne das an dieser Stelle, weil Heinert m.E. völlig zurecht darauf hinweist, dass letztlich alle so genannten Widerstandskäpferinnen, die in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland offiziell geehrt werden, tief in das System eingebunden und durchgehend deutschnational und antisemitisch waren. Widerstandskämpfer aus dem linken Teil der Gesellschaft spielen in der deutschen Erinnerungskultur keine Rolle. Bei einer so gestrickten verzerrenden Erinnerungskultur hält Heinert die für die innergesellschatflich-ukrainischen Prozesse Blinke deutsche Kritik nicht für glaubwürdig. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Titelbild: Soviet soldiers at Stalingrad, November 1942 by Cassowary Colorizations CC BY 2.0 via FlickR

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