Wenn Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen gewinnt und Elon Musk Teil seiner Regierung wird, ist das für Musk ein spielerischer Zwischenschritt zu einer weitreichenden Machtübernahme, schreibt Ilja Leonard Pfeijffer in einem Essay. Denn Musk ist in seinen tiefsten Gedanken ein Gott.

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 26. August 2024

Vorige Woche Montag, am 12. August, fand ein Gespräch zwischen dem gefährlichsten und dem zweitgefährlichsten Mann Amerikas statt. Es wurde live übertragen.

„Die Welt ist voller Schurken”, sagte der zweitgefährlichste Mann an einer Stelle während des Gesprächs. „Wenn sie denken, dass der Präsident der Vereinigten Staaten ein Softie ist, dann werden sie tun, was sie wollen, und das ist eine Gefahr für die Welt.”

Der gefährlichste Mann stimmte dem zu, hielt es jedoch für notwendig, noch etwas deutlicher zu werden: „Ich denke, es ist gut, den Zuhörern zu verdeutlichen, wie immens wichtig es ist, dass der Präsident der Vereinigten Staaten Angst einflößt. Die globale Sicherheit hängt davon ab.“

Obwohl beide Männer auch während des restlichen Gesprächs in ihren Standpunkten übereinstimmten, war das Treffen von einem grundlegenden Missverständnis geprägt, das weder ausgesprochen noch geklärt wurde. Der zweitgefährlichste Mann war der Annahme verfallen, dass sich die ganze Show um ihn drehte, weil er sich für die Präsidentschaftswahlen beworben hatte. Der gefährlichste Mann ließ dieses Missverständnis bestehen und fügte sich in seine Rolle als dienstbarer Interviewer, wohl wissend, dass seine Zeit noch kommen würde.

„Citizen Kane“

Der Medienmagnat, der dank seines Imperiums unverhältnismäßig großen politischen Einfluss erlangt, ist ein Archetyp der modernen westlichen Mythologie. Charles Foster Kane, der Titelheld des Films „Citizen Kane“ von Orson Welles aus dem Jahr 1941, ist eine Mischung aus William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer. Rupert Murdoch kann zumindest teilweise für den Brexit, den Aufstieg Trumps und viele andere politische Entwicklungen in der angelsächsischen Welt verantwortlich gemacht werden. Murdoch, seine Familie und sein Imperium wurden durch die HBO-Serie „Succession“ von Jesse Armstrong, die zwischen Juni 2018 und Mai 2023 ausgestrahlt wurde, mythologisiert. Silvio Berlusconi hatte seine politische Macht auf den kommerziellen Fernsehsendern von Mediaset gegründet, die ihm gehörten. Die unvergessliche Eröffnungsszene des ersten Teils des Zweiteilers „Loro“ von Paolo Sorrentino aus dem Jahr 2018, in der ein Schaf in einem Raum der Villa Certosa, in dem die Klimaanlage viel zu hoch eingestellt ist, erfriert, weil es seinen Blick nicht von einem Fernsehbildschirm abwenden kann, ist eine Metapher für Berlusconis Einfluss.

Elon Musk könnte als moderne Inkarnation dieses Archetyps betrachtet werden. Anstatt in Druckmaschinen, Druckfarben und Fernsehantennen zu investieren, kaufte er 2022 die Social-Media-Plattform Twitter, die er im Juli 2023 in X umbenannte. Musk hat eine Vorliebe für den Buchstaben X. Er hat eines seiner zwölf Kinder so genannt, einen Sohn, der jetzt vier Jahre alt ist und mit vollem Namen X Æ A-Xii heißt. Aber das nur am Rande. Die Plattform X, über die Musk nun die vollständige Kontrolle hat, ist ein Machtfaktor. Sie gehört zu den fünf meistbesuchten Websites der Welt. Ich sollte hier vielleicht den steigenden Prozentsatz der Weltbürger, darunter insbesondere junge Menschen, die soziale Medien als ihre wichtigste Nachrichtenquelle betrachten, anführen, aber ich glaube, das ist nicht notwendig. Denn die kennen wir wohl alle. Entscheidend ist, dass Elon Musk die Kontrolle über einen wesentlichen Teil der globalen Nachrichtenversorgung erlangt hat.

Musk hat ein Meme geteilt, das einen Mann zeigt, der auf seinem Laptop in seinem Bett aus weißem Satin eine Rede von Javier Milei ansieht, während er von einer prototypisch heißen Frau geritten wird: So geil wird Musk von diesem neoliberalen Extremismus.

Die bedeutendste Reform, die Musk beim ehemaligen Twitter durchgeführt hat, ist die Abschaffung der Moderation von Inhalten. Früher wurden bewusste Desinformation und Hasstiraden so gut es ging blockiert, aber Musk präsentiert sich als Verfechter der Meinungsfreiheit und gestattet alles. Anstelle einer Top-down-Moderation hat er ein System der sogenannten „Community Notes” eingeführt, bei dem Nutzer selbst melden können, dass bestimmte Beiträge irreführend sind. Untersuchungen der New York Times haben jedoch gezeigt, dass diese demokratisch erscheinende Selbstregulierung eine Farce ist. Ganz abgesehen davon, dass die Nutzer so polarisiert sind, dass sie sich über nichts mehr einigen können, schaffen es nur bescheidene vier Prozent aller „Community Notes” durch die Algorithmen, und selbst für diese kleine Minderheit von Fällen steht die Warnung einer massiven Verbreitung nicht im Wege.

Wer besonders von der neuen Freiheit auf dem ehemaligen Twitter profitiert, sind rechtsextreme Agitatoren und Verschwörungstheoretiker, zumal Elon Musk ihre Beiträge regelmäßig auf seinem persönlichen Account teilt, dem mehr als 195 Millionen Menschen folgen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Nutzer mit einer linken, „woken” Signatur in der undurchsichtigen Black Box der allmächtigen Algorithmen systematisch benachteiligt werden. Mittlerweile ist klar geworden, dass die Übernahme von Twitter durch Elon Musk Teil eines dezidierten politischen Projekts ist. Seit seinem zweistündigen Interview mit Donald Trump am 12. August, das live auf X zu verfolgen war und in dem Musk seinem Interviewpartner, den er auch finanziell großzügig unterstützt, alle Freiheiten ließ, sich zu profilieren, ist das nicht einmal mehr ein Geheimnis.

Geil auf Extremismus

Der Vorteil von Musks Exhibitionismus auf seiner eigenen Plattform ist, dass seine politische Haltung keinen Spielraum für Spekulationen lässt. Er ist wirtschaftlich ultraliberal, Gegner von Steuern, Nivellierung oder jeglicher Form staatlicher Einmischung. In dieser Hinsicht ist er ein Fan des argentinischen Präsidenten Javier Milei. Er hat ein Video von sich geteilt, in dem zu sehen ist, wie er sich eine Rede von Milei auf seinem Laptop in seinem Bett aus weißem Satin ansieht, während er von einer prototypisch heißen Frau geritten wird: So geil macht ihn dieser neoliberale Extremismus. Er ist Anhänger des White Supremacy Movement, Rassist, Antisemit und ausgesprochen anti-woke. Einen seiner eigenen Söhne erkennt er nicht mehr an, seit dieser seine Tochter sein will.

Die Tatsache, dass Elon Musk rechtsextreme Propaganda verbreitet und dabei hilft, diese auf einem der meistgenutzten sozialen Medien der Welt zu verbreiten, über das allein er die Kontrolle hat, macht ihn gefährlich, aber es gibt weitere Faktoren, die ihn noch gefährlicher machen. Er ist Eigentümer von Starlink, das über Satelliten Internet in Teilen der Welt bereitstellt, in denen keine Glasfaser- oder andere Kabel verlegt sind. Wie viel Macht ihm dies verleiht, wurde 2022 deutlich, als er das Internet in der Küstenregion der Krim abschaltete, um einen ukrainischen Überraschungsangriff auf die russische Schwarzmeerflotte zu sabotieren. Obwohl es verschiedene Interpretationen dieser Vorgänge gibt, scheint es immer wahrscheinlicher, dass Musk tatsächlich persönlich an der Entscheidung beteiligt war, der Ukraine einen entscheidenden Vorteil zu verweigern. Auf dieser Grundlage kommt Jeet Heer von The Nation zu dem Schluss, dass „Musk mittlerweile so mächtig ist, dass er seine eigene Außenpolitik betreibt”.

Als EU-Kommissar Thierry Breton Musk auf seine Verantwortung hinwies, die Verbreitung unbegründeter Hassbotschaften zu unterbinden, antwortete dieser mit seiner typischen diplomatischen Raffinesse: „Go fuck your own face”

Die gefährlichste Eigenschaft von Elon Musk ist jedoch seine Haltung, die sich anhand eines aktuellen Vorfalls sehr gut veranschaulichen lässt. Während England von Rassenunruhen heimgesucht wurde, weil in Southport drei Mädchen erstochen worden waren und rechtsextreme Influencer die Falschmeldung verbreiteten, der Täter sei ein Asylbewerber und Muslim, trug Musk aktiv zum Hass gegen Muslime und Ausländer bei, auch noch, nachdem die Behörden bekannt gegeben hatten, dass der festgenommene Verdächtige ein 17-jähriger Junge aus Lancashire war, der in Cardiff geboren wurde und keinerlei Affinität zum Islam hatte. Er stimmte Berichten zu, die behaupteten, dass Masseneinwanderung und offene Grenzen die wahre Ursache für die Unruhen seien, und kommentierte diese mit der Aussage, dass ein Bürgerkrieg unvermeidlich sei. Als EU-Kommissar Thierry Breton ihn darauf ansprach und ihn auf seine Verantwortung hinwies, die Verbreitung unbegründeter Hassreden zu verhindern, antwortete er mit seiner charakteristischen diplomatischen Raffinesse: „Go fuck your own face.”

Elon Musk ist besessen von Chaos und Zerstörung und schert sich nicht um Regeln, Gesetze oder Anstand. Auch die Wahrheit interessiert ihn nicht. Bei der Führung seiner eigenen Unternehmen hat er die Angewohnheit, Gesetze mit Füßen zu treten, und oft kommt er damit durch, weil die Behörden seine Unternehmen für zu groß halten, um sie zu vertreiben. Er erkennt keine andere Autorität auf der Welt an als sein selbsternanntes Genie und seine Marotten. In seinen tiefsten Gedanken hält er sich für einen Gott. Das macht ihn gefährlich.

Ein weitreichender Griff nach der Macht

Aus Dankbarkeit gegenüber dem gefährlichsten Mann Amerikas für das angenehme Gespräch hat ihm der zweitgefährlichste Mann Amerikas gestern einen Ministerposten versprochen, für den Fall, dass er im November zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird. Musk hat geantwortet, dass er bereit sei, seinem Land zu dienen.

Aber Trump hat keine Ahnung, wer Elon Musk wirklich ist. Trump hält sich für reich, beliebt, klug und mächtig, aber Musk ist um ein Vielfaches vermögender, einflussreicher, intelligenter und mächtiger. Sollte sich das Szenario bewahrheiten, dass Trump die Wahl gewinnt und Musk in seine Regierung eintritt, dann ist das für Musk nicht die Krönung seiner Karriere, wie Trump glaubt, sondern ein spielerischer Zwischenschritt auf dem Weg zu einer wirklich gewaltigen und weitreichenden Machtübernahme.

Wir müssen begreifen, dass unser demokratischer Rechtsstaat schlecht gerüstet ist, um jemanden wie Musk zu stoppen

Wen hatte Musk wohl im Sinn, als er sagte, dass ein Präsident furchteinflößend sein muss? Das Urbild des einflussreichen Medienmagnaten täuscht uns. Musk ist nicht der Typ, der im Hintergrund beeindruckt und hinter den Kulissen manipuliert, während er auf die schonungslose Verfilmung seiner Lebensgeschichte wartet. Es ist nicht auszuschließen, dass Musk den Ehrgeiz hat, eines Tages selbst Präsident zu werden, und es ist ebenso wenig auszuschließen, dass seine Ambitionen über die Vereinigten Staaten hinausgehen und er in seinem Bett aus weißem Satin mit seinem Laptop auf dem Schoß bereits von der Weltherrschaft träumt.

Es geht nicht darum, ob das ein realistischer Traum ist. Es geht darum, dass wir unsere liberalen Gesellschaften so gestaltet haben, dass ein einzelner Mann so viel Macht anhäufen kann, dass diktatorische Träume realistisch erscheinen, und es geht darum, dass wir begreifen müssen, dass unser demokratischer Rechtsstaat schlecht gerüstet ist, um so jemanden aufzuhalten.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 24. August 2024 unter dem Titel „U dacht dat het niet erger kon dan Trump? Think again“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild: age Skidmore CC BY-SA 2.0 DEED via FlickR

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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