Nie zuvor gab es so etwas: Ein US-Botschafter, der die Regierung unter Druck setzt, eine gerichtliche Untersuchung ritueller jüdischer Beschneidungen einzustellen. Nicht nur Vooruit-Vorsitzender Conner Rousseau befindet sich auf Kollisionskurs mit Bill White, auch Rabbiner Moshe Friedman (54), der den Fall bereits 2023 vor Gericht gebracht hat, wird ins Visier genommen. „Man redet über mich, um nicht über den Inhalt sprechen zu müssen.“
Von Montasser AlDe’emeh*
Rabbi Moshe Friedman hat an vielen Orten gelebt und gearbeitet, aber selten verlief das harmonisch. Das ist auch nicht verwunderlich: Er stammt aus einer orthodoxen Familie, die immer hartnäckig gegen den Strom gerudert ist.
Moshe Friedman: „Ich wurde in Brooklyn, New York, als Spross der Sattmarer geboren, einer ultraorthodoxen, chassidischen und antizionistischen Gemeinschaft mit ungarischen und rumänischen Wurzeln, die von meiner Familie gegründet wurde. Wir haben uns immer gegen die Gründung Israels auf palästinensischem Gebiet gewehrt, weil die Thora dies verbietet.
Bis zu meinem 13. Lebensjahr habe ich in Brooklyn gelebt. Danach bin ich auf Umwegen über London und die Schweiz nach Österreich gekommen, wo ich geheiratet habe. Meine Frau ist halb Österreicherin, halb Belgierin. Wir haben acht Kinder: vier sind in Österreich geboren, vier in Belgien. Meine Schwiegereltern betrieben in Salzburg das einzige koschere jüdische Hotel Europas.”
Nach Ansicht einiger Juden sind Sie kein Rabbiner.
Friedman: „Das ist Unsinn. In Österreich war ich offiziell als Rabbiner und Oberrabbiner anerkannt. Vor einigen Jahren habe ich beschlossen, zwar Rabbiner zu bleiben, aber keine leitende Funktion mehr in der Synagoge zu übernehmen. Ich habe meinen Titel noch, stehe nur nicht mehr an der Spitze einer Gemeinde. Die Gerüchte, die darüber kursieren, sollen mir schaden.“
„Die jüdische Gemeinde in Antwerpen steht unter der Herrschaft eines diktatorischen Systems, und niemand wagt es, sich dagegen zu wehren.“
Es bleibt nicht bei Gerüchten, Sie wurden auch körperlich angegriffen.
Friedman (nickt): „In Polen wurde ich von Yehuda Meshi-Zahav angegriffen, einem israelischen Aktivisten, der später wegen schwerwiegender Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in die Kritik geraten ist. Das war besonders heikel in Israel, weil er dort eine einflussreiche Persönlichkeit war, die Kontakte zu internationalen Politikern hatte. Nach den Anschuldigungen unternahm er einen Selbstmordversuch, fiel ins Koma und starb 2022.
„Als ich noch Rabbiner in Wien war, hat mich ein Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad mit einem Gewehr bedroht. Ich wurde aus meiner Synagoge vertrieben und die Schlösser wurden ausgetauscht. Erst einige Monate später habe ich die Schlüssel zurückbekommen. Die Täter wurden schließlich für diese Taten schwer verurteilt. Einige Jahre später wurde ich Opfer eines Entführungsversuchs in Italien, der glücklicherweise gescheitert ist.
„Dass ich heute hier vor Ihnen sitze, ist ein göttliches Wunder. Gott hat meine Familie und mich immer beschützt, und dafür bin ich dankbar.“
Sie sind nicht die einzige kritische Stimme. Warum sind dann gerade Sie so ein prominentes Ziel?
Friedman: „Für Zionisten bin ich ein Worst-Case-Szenario: ein Jude, der selbstständig denkt und seine Meinung sagt. Ich wehre mich gegen Missstände in meiner Gemeinschaft, aber auch gegen die Art und Weise, wie die Zionisten die Palästinenser behandeln. Deshalb wollen sie mich fertigmachen. Sie nehmen mich als Person ins Visier, um die inhaltliche Diskussion zu vermeiden. Das zeigt, wie wenig sie von Meinungsfreiheit, Demokratie und Freiheit verstehen.
„Viele jüdische Familien aus Antwerpen unterstützen mich, sie sind mir dankbar für das, was ich tue. Aber es gibt großen sozialen Druck in der Gemeinschaft. Nicht jeder traut sich, sich offen zu äußern, aus Angst vor Konsequenzen.“
Diese Konsequenzen sind weitreichend, auch Ihre Kinder sind davon betroffen.
Friedman: „Eine ausgesprochen pro-israelische Schule hat ihre Aufnahme aufgrund meiner politischen Ansichten abgelehnt. Das war feige und völlig inakzeptabel, also habe ich alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, um diese Entscheidung anzufechten. Letztendlich hat das Antwerpener Berufungsgericht in einem Grundsatzurteil entschieden, dass die Schule meine Kinder doch aufnehmen muss.
Ich sehe vielleicht jung aus, aber ich habe in meinem Leben schon viel ertragen müssen: Ich wurde beleidigt, bedroht, angegriffen, um nur einige Beispiele zu nennen. Ich nehme das alles hin, aber ich akzeptiere nicht, dass meine Kinder ins Visier genommen werden. Sie dürfen nicht unter meinen Überzeugungen leiden. Heute sind sie übrigens sehr gut in der Schule.“
SCHLÄCHTER UND METZGER
Jetzt werden Sie erneut heftig von jüdischer Seite kritisiert, weil Sie sich gegen rituelle Beschneidungen aussprechen.
Friedman: „Um es ganz deutlich zu sagen: Es geht mir nicht um die Beschneidung an sich, sondern um Beschneidungen, die von Personen ohne anerkannte medizinische Ausbildung durchgeführt werden. Wir sprechen hier von Menschen, die im Alltag als Schlachter oder Metzger tätig sind und nebenbei auch Neugeborene beschneiden. Sie haben vielleicht eine religiöse oder spirituelle Ausbildung genossen, aber ihre Kenntnisse über Hygiene, Infektionsprävention und Chirurgie sind nicht vorhanden. Das macht diese Praxis zu einem schweren Straftatbestand, man fügt Neugeborenen vorsätzlich Schmerzen und Verletzungen zu. Damit sind natürlich ernsthafte Risiken verbunden. Es sind bereits Kinder gestorben, auch in unserem Land.”
Was sind die konkreten Risiken?
Friedman: „Es sind Fälle bekannt, in denen Neugeborene während des oralen Saugens nach der Beschneidung mit HIV oder Herpes infiziert wurden.“
Orales Saugen?
Friedman: „Bei der Metzitzah b’peh, einem jüdischen Beschneidungsritual, saugt der Mohel (die Person, die die Beschneidung durchführt, Anm. d. Red.) nach dem Eingriff das Blut aus der Wunde. Das ist abscheulich und völlig inakzeptabel, insbesondere bei Neugeborenen.“
In De Standaard sagte Regina Sluszny, die Vorsitzende des Forums der jüdischen Organisationen: „Dies ist eines der wichtigsten Gesetze des jüdischen Volkes, und wir ändern unsere Gesetze nicht. Was wollen sie denn tun, die Bibel umschreiben? Es ist Sache eines jeden Juden, zu entscheiden, ob er sich daran hält oder nicht.“
Friedman: „Diese abscheulichen Praktiken haben nichts mit den Gesetzen zu tun. Es ist irreführend, das orale Absaugen als Tradition zu bezeichnen, denn das ist es keineswegs. Das zweite der 613 Gebote befasst sich mit der Beschneidung, und darin gibt es keine Vorschrift zum oralen Absaugen. Im Talmud ist zwar davon die Rede, eine Beschneidungswunde „sauber zu saugen”, aber nirgendwo wird festgelegt, dass dies mit dem Mund geschehen muss: Das haben radikale Elemente später daraus gemacht.
„Bereits im 19. Jahrhundert starben in Wien jüdische Kinder nach Infektionen, die sie sich während dBr eschneidungen zuzogen, die von einem Mohel durchgeführt wurden, der auch Tiere schlachtete. Die österreichische Regierung, die ernsthaft über die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit besorgt war, sandte einen Brief an Moshe Sofer, den Oberrabbiner in Bratislava, der daraufhin die sofortige Einstellung dieser Praxis anordnete. Später wurde das orale Saugen per Gesetz verboten – in Österreich, aber auch in Deutschland und Frankreich.”
Aber in Antwerpen wird sie bis heute immer noch praktiziert.
Friedman: Schlimmer noch: In Antwerpen ist die orale Absaugung die Norm. Die jüdische Gemeinde in Antwerpen ist eine der radikalsten der Welt, nirgendwo ist die Situation so schlimm wie hier: Keine einzige rituelle Beschneidung wird ohne diese abscheuliche Praxis durchgeführt.
Keine einzige?
Friedman: „Keine einzige. Es wird behauptet, dass es in Antwerpen Alternativen gibt, aber das stimmt nicht. Weder bei den orthodoxen Juden noch bei den modern-orthodoxen oder säkularen Juden. Viele ultraorthodoxe Synagogen haben im Keller eine Mikwe, ein rituelles jüdisches Bad, in dem sich Hunderte von Menschen unter unhygienischen Bedingungen waschen – mit demselben Wasser, entgegen allen gesetzlichen Hygienevorschriften. Es ist sogar verboten, nach der Benutzung zu duschen. Und genau dort finden diese oralen Absaugungen statt, durchgeführt von Moheels, die im Alltag Tiere schlachten.“
Gibt es denn keine jüdischen Ärzte, die das Beschneidungsritual durchführen können?
Friedman: „Ja sicher, aber seit dem Zweiten Weltkrieg ist das nicht mehr vorgekommen. Die jüdischen Ärzte in Antwerpen weigern sich, dies zu tun, aus deontologischen[**] Gründen und weil sie Angst vor Drohungen radikaler Elemente haben. Die grausame Praxis der Beschneidung mit oraler Absaugung wird von Gangstern aufgezwungen, die die biblischen Vorschriften missbrauchen, um viel Geld zu verdienen, und niemand wagt es, dagegen vorzugehen. Die jüdische Gemeinde in Antwerpen befindet sich im Griff eines diktatorischen Systems.
„Im Jahr 2024 hat mich eine Familie kontaktiert. Sie wollten ein Beschneidungsritual in Antwerpen organisieren, aber ohne orale Absaugung. Ich habe mich auf die Suche gemacht: In ganz Antwerpen habe ich nur einen Rabbiner gefunden, der auf diese Weise arbeitete, aber er hat sich geweigert. Die einzige Möglichkeit war, nach Brüssel zu gehen, wo zwei Rabbiner als Beschneider arbeiten – aber dort wurde uns mitgeteilt, dass es verboten sei, ein Kind aus Antwerpen in Brüssel beschneiden zu lassen. Ich habe mich dann an das Zentrale Israelitische Konsistorium Belgiens gewandt, das vermittelt hat, sodass die Beschneidung schließlich doch stattfinden konnte.
„Welche Mutter würde ihr Baby nicht nach Brüssel bringen wollen, wenn dies die einzige Möglichkeit ist, Gesundheitsrisiken zu vermeiden? Die Möglichkeiten der jüdischen Familien in Antwerpen werden absichtlich beschränkt, damit sie auf die dort tätigen Sekten angewiesen bleiben.“
Auch Ihre Familie?
Friedman: „Auch meine Familie. Ich selbst bin Opfer dieser schädlichen Praxis geworden, ebenso wie meine drei Söhne. Deshalb habe ich den Kampf für ein Verbot zu meinem Lebenswerk gemacht.“
„Neugeborene Babys, die in großer Zahl mit Herpes und HIV infiziert werden. Darum geht es in dieser Angelegenheit, mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.“
Warum haben Sie so lange gewartet, um eine Klage einzureichen?
Friedman: „Weil ich die Sache richtig angehen wollte. Es ging mir nicht nur um die Klage, sondern auch um die praktische Umsetzung: Ich wollte, dass sich vor Ort wirklich etwas ändert. Deshalb habe ich 2023 zunächst ein Netzwerk aufgebaut und Lobbyarbeit betrieben, um einen breiten Konsens zu schaffen. Ich war angenehm überrascht von der Reaktion der flämischen und föderalen Politiker, vor allem als mir gesagt wurde, dass keine Gesetzesänderung erforderlich sei: Die belgische Gesetzgebung im Bereich der Beschneidung ist ausgezeichnet, viel besser als in anderen Ländern. Das war für mich ein wichtiger Anstoß, weiterzumachen.
„Im November 2023 reichte ich in Antwerpen und ein halbes Jahr später in Brüssel Zivilklagen ein. Gegen die beteiligten Beschneider, gegen die gemeinnützigen Vereine und gegen das Gesundheitsministerium. Es handelte sich um schwerwiegende Vorfälle: vorsätzliche Körperverletzung und Verletzungen von Neugeborenen, Kindesmisshandlung, illegale Ausübung medizinischer Tätigkeiten, willkürliche medizinische Eingriffe, versuchter Totschlag, gefährliche und unhygienische Badepraktiken in den Kellern von Synagogen, mutmaßlicher Amtsmissbrauch und Verschleierung von Informationen durch einige Ärzte und Krankenhäuser.“
Wurden diese Klagen zügig bearbeitet?
Friedman: „Alles hat sich beschleunigt, als der damalige Justizminister Vincent Van Quickenborne (Anders, damals noch Open VLD, Anm. d. Red.) selbst eine Beschwerde bei der Brüsseler Staatsanwaltschaft eingereicht hatte, nachdem ich ihm eine E-Mail geschickt hatte.
„Wenn ein Justizminister beschließt, persönlich einzugreifen, sagt das viel über den Ernst der Lage aus. Im Mai 2025 führte die Polizei Razzien bei einigen prominenten Moheels und bei David Rosenberg durch, einem Antwerpener Bezirksrat des Vlaams Belang und bekannt aus der Play-Sendung Shalom allemaal! Es wurden wichtige Beweismittel beschlagnahmt: Messer, Listen von kürzlich beschnittenen Kindern, alles, was für die Ermittlungen notwendig war.”
IRANISCHE JUDEN
Der amerikanische Botschafter Bill White hat diese Untersuchung als „lächerliche und antisemitische Verfolgung von drei jüdischen Beschneidern in Antwerpen” bezeichnet.
Friedman: „Dies ist kein Angriff auf die Religion, hier geht es um den Schutz von Kindern. Neugeborene, Babys aus jüdischen Familien, die in großer Zahl mit Herpes und HIV infiziert werden, gefährliche Infektionen, die bereits Todesopfer gefordert haben. Das ist es, worum es in diesem Fall geht, mit Antisemitismus hat das nichts zu tun.
Bevor er amerikanischer Botschafter in Belgien wurde, lebte Bill White viele Jahre in New York. Um 2012 wurden dort acht jüdische Kinder während einer Beschneidungszeremonie mit Herpes infiziert, einige von ihnen sind tatsächlich gestorben. Es kam zu Verhaftungen, und einige der Beteiligten mussten sich vor Gericht verantworten. Michael Bloomberg, der damalige Bürgermeister von New York, hat ein Verbot erlassen, das jedoch nie vollständig umgesetzt und/oder durchgesetzt wurde.
„Jetzt, fast fünfzehn Jahre später, kommt Bill White aus New York nach Belgien und behauptet ungeniert, dass Juden in diesem Land nicht korrekt behandelt werden, dass sie nicht ausreichend geschützt sind. Also versucht er, Politiker unter Druck zu setzen, darunter Justizministerin Annelies Verlinden (cd&v). Das ist ein schwerwiegender Angriff auf Belgien, auf die belgische Justiz und auf die Souveränität des Landes.“
Hatten Sie diesen Angriff erwartet?
Friedman: „Nein. Ich glaube übrigens nicht, dass es eine echte Reaktion war, sondern eher ein Ablenkungsmanöver. Als die VRT-Journalistin Annelies Beck den Botschafter in der Sendung „Terzake“ fragte, ob er über das Blutsaugen während der Metzitzah b’peh informiert sei, begann er sofort, über mich zu sprechen.“
Der Botschafter bezeichnete Sie als umstrittene Person, die in mehreren Ländern für Aufruhr sorgt.
Friedman: „Das stimmt nicht. Ich bin nur im Bereich des Dialogs tätig, genauer gesagt im interreligiösen Dialog. Meine Aktivitäten zum Schutz jüdischer Kinder sind keineswegs radikal. Ich bin jedoch mit radikalen und gefährlichen jüdischen Sekten konfrontiert, von denen einige so mächtig sind, dass sie sogar versuchen, Präsident Trump zu beeinflussen. Ich habe nur eine einfache Frage: Lässt der Rechtsstaat zu, dass Kinder geschützt werden und dafür zu sorgen, dass Kinder gesund aufwachsen?“
Bill White behauptet, Sie seien „eine äußerst radikale Person“, die „Verbindungen zum iranischen Präsidenten“ habe. Masoud Pezeshkian, der derzeitige Präsident?
Friedman: „Ich habe keinerlei Kontakt mit ihm.“
2006 haben Sie jedoch an einer internationalen Konferenz in der iranischen Hauptstadt Teheran teilgenommen, die vom damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad organisiert wurde: der „International Conference to Review the Global Vision of the Holocaust“. Dieser Name klingt nach Revisionismus, vielleicht sogar nach Negationismus.
Friedman: „Einer der Gründe, warum ich diese Einladung angenommen habe, war, dass ich als Rabbiner in Wien viele iranische Juden unterstützt habe. Aus diesem Grund bin ich in dieser Zeit auch in den Iran gereist – einzig und allein, um Familien in Not zu helfen. Ich unterhielt in Österreich gute Beziehungen zu vielen Menschen: in meiner eigenen Gemeinde, in der iranisch-jüdischen Gemeinde und in der palästinensischen Gemeinde. Ich kannte George Nicola, den Ehrenvorsitzenden der österreichisch-palästinensischen Gemeinde, gut und war mit Zuheir Elwazer, dem palästinensischen Botschafter in Österreich, befreundet.
„Übrigens, darf ich als jüdischer Rabbiner nicht meine Meinung zum Holocaust äußern? Meine Leidenschaft ist der interreligiöse Dialog, es ist mein Recht, an Konferenzen teilzunehmen und meine Meinung zu äußern. Man versucht nur, mir einen Maulkorb zu verpassen und mich unter Druck zu setzen, weil ich mich gegen Kindesmisshandlung bei Beschneidungen ausspreche. Darum geht es hier.“
Sind die Äußerungen von Bill White nun ein Grund, ihn des Landes zu verweisen?
Friedman: „Auf jeden Fall. Gemäß dem Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 kann ein Gastland einen Botschafter zur persona non grata erklären und ausweisen, wenn dessen Verhalten als inakzeptabel oder aggressiv eingestuft wird. Aus meiner Sicht ist diese Bedingung hier erfüllt. Was White gesagt und getan hat, ist keine geringfügige Unfreundlichkeit, sondern ein schwerwiegender Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Meiner Meinung nach geschieht dies im Auftrag einflussreicher Personen aus den USA gegen Belgien, gegen unsere Justiz und gegen die Souveränität unseres Landes. Jede Verzögerung ist schädlich für Belgien, für Europa und für die ganze Welt. Ein solcher Angriff durch einen Diplomaten im Auftrag eines Präsidenten ist beispiellos.
„Ich weiß, dass bestimmte Regierungsmitglieder bereit sind, eine Ausweisung vorzunehmen. Es ist nur eine Frage des Mutes.“
Die Frage ist, ob es klug ist, einen Botschafter von Präsident Trump zur persona non grata zu erklären.
Friedman: „Donald Trump hat uns keine moralischen Lektionen zu erteilen, ebenso wenig Bill White. Aus den Epstein-Akten geht eindeutig hervor, dass das Wohlergehen von Minderjährigen für Trump keine Priorität hat, aber ich werde angegriffen und des Antisemitismus beschuldigt, weil ich mich für die Rechte und die Gesundheit jüdischer Babys einsetze. Das ist doch eine verkehrte Welt, oder?
„Es war zuallererst eine falsche Entscheidung von Trump, jemanden mit einem solchen Profil aus New York hierher zu schicken. Er denkt, er könne die Belgier schikanieren, dass wir ein unbedeutendes Land sind, das unter Druck gesetzt werden kann, um nach seiner Pfeife zu tanzen.
Das steht im Widerspruch zu den Werten der Vereinigten Staaten und zu den amerikanischen Interessen: Strategisch gesehen ist es eine Katastrophe, sich mit allen zu streiten, um Konflikte zu provozieren mit Europa und anderen traditionellen Verbündeten. Die Art und Weise, wie der Botschafter sich aufgeführt hat, war auf allen Ebenen kontraproduktiv.”
Es wird gemunkelt, dass auch im Weißen Haus Uneinigkeit über diese Frage herrscht.
Friedman: „Glauben Sie mir: Was Trump hier tut, tut er aus eigenem Antrieb, entgegen dem Rat seiner Juristen und Berater. Er hat sich aber von bestimmten Netzwerken beeinflussen lassen, die von Antwerpen aus Lobbyarbeit betrieben haben. Michael Freilich hat zum Beispiel keinen Hehl daraus gemacht.“
Welche Rolle hat der N-VA-Abgeordnete genau gespielt?
Friedman: „Als Freilich noch Chefredakteur der Zeitschrift „Joods actueel” war, wurden mehrere persönliche Angriffe gegen mich veröffentlicht. Ich habe es immer vermieden, mit Freilich in Konflikt zu geraten, aber jetzt kann ich nicht länger schweigen. Ich spreche nicht aus Eigeninteresse, sondern im allgemeinen Interesse. Diese Angelegenheit ist zu ernst, diese Leute sind zu weit gegangen.
Freilich ist ein glühender Zionist. Er selbst gehört nicht unmittelbar zu den radikalen kriminellen Sekten, von denen ich bereits gesprochen habe, aber seine Wählerschaft in Antwerpen größtenteils schon. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die in direktem Kontakt mit Trump steht und ihn dazu benutzt, jüdische Kriminelle – Schwerverbrecher, darunter auch Vergewaltiger – in Amerika durch eine Begnadigung durch den Präsidenten freizubekommen. Trump begnadigt diese Kriminellen hinter dem Rücken der amerikanischen Justiz.
„Um es klar zu sagen: Es handelt sich um Menschen mit viel Geld und viel Einfluss. Und es sind diese Menschen, die dafür gesorgt haben, dass Michael Freilich bei den föderalen Wahlen 2019 auf den fünften Platz der Antwerpener Liste der N-VA gesetzt wurde, was bedeutete, dass er automatisch gewählt wurde. Es muss eine deontologische Untersuchung** gegen Freilich eingeleitet werden. Es ist sehr verdächtig, dass jemand ohne echte Verbindung zur N-VA plötzlich eine solche Position erhalten hat. Ich kenne fast jeden in der Partei, und das widerspricht völlig der internen Logik.”
Ja, Sie lassen sich gerne mit N-VA-Mitgliedern fotografieren.
Friedman: „Wie ich bereits sagte: Ich kenne die Partei gut. Aber bleiben wir bei den Fakten: Ich habe noch nie jemanden positiv über Freilich sprechen hören. Jetzt sitzt er im föderalen Parlament, ohne jemals gründlich überprüft worden zu sein, und er befasst sich mit Cyberangelegenheiten und anderen sensiblen Themen. Welcher Agenda dient er: einer belgischen, einer amerikanischen oder einer israelischen?
„Michael Adler, der ehemalige US-Botschafter in unserem Land, hat Freilich mehrmals getroffen. Vor einigen Monaten reiste Freilich nach Washington, um die engsten Berater von Trump zu treffen. Er selbst sagte, er sei dort gewesen, um die Amerikaner davon zu überzeugen, Belgien unter Druck zu setzen, damit die gerichtlichen Ermittlungen zu den Beschneidungspraktiken eingestellt würden. Aber wer bezahlt all diese Reisen? Und was treibt Freilich noch alles in Amerika?”
War es ein Fehler der N-VA, Michael Freilich an Bord zu holen?
Friedman: „Bart De Wever hat das getan, als er noch Vorsitzender der N-VA und Bürgermeister [von Antwerpen; A.d.Ü.] war, in der Hoffnung, die jüdische Gemeinde in Antwerpen auf seine Seite zu ziehen. De Wever ist ein kluger Mann, aber in diesem Fall hat er sich verschätzt. Gleichzeitig denke ich, dass er keine große Wahl hatte: Hätte er Freilich nicht auf die Liste gesetzt, wäre die Partei vielleicht in Konflikt geraten. Mit der jüdischen Gemeinde in Antwerpen, aber auch mit den Amerikanern und mit Israel.”
Haben die Israelis ihre Finger im Spiel in Antwerpen?
Friedman: „Antwerpen ist die finanzielle Basis von Benjamin Netanjahu. Vor zwanzig Jahren war er in Antwerpen, ich weiß, wo er untergebracht war und was er dort gemacht hat. Meinen Informationen zufolge ist Bart De Wever übrigens heimlich nach Israel gereist, um Netanjahu zu treffen, weil er begriffen hatte, dass er ohne diesen Kontakt nicht Bürgermeister geworden wäre.“
Wollen Sie irgendwann selbst in die Politik gehen?
Friedman: „Wenn ich etwas bewirken kann, dann ja. Aber das tue ich eigentlich schon jetzt, und ich möchte vermeiden, dass mir die Hände gebunden sind. Das war vermutlich einer der Gründe, warum die N-VA Michael Freilich aufgenommen hat: „Wenn er Mitglied der Partei wird, können wir ihn kontrollieren.“ Doch das hat sich als keine gute Idee erwiesen.“
GENOCIDE
2014 wurden wir gemeinsam von Knack interviewt. Damals hatten Sie einen Bart. Der ist weg, aber die Kampfeslust ist offensichtlich geblieben.
Friedman (lacht): „In der Vergangenheit gab es unter anderem in Polen sehr orthodoxe Juden, die keinen Bart trugen. Die chassidischen Juden, die ursprünglich aus Russland, der Ukraine und Ungarn stammen, haben ab einem bestimmten Zeitpunkt begonnen, lange Bärte und Locken zu tragen, aber das bedeutet nicht, dass dies überall Tradition ist.“
Haben Sie sich für eine modernere Auslegung des orthodoxen Judentums entschieden?
Friedman: „Genau. Aber wie man seinen Glauben auslebt, ist weniger wichtig, solange man ihn nicht missbraucht, um kriminelle und gefährliche Praktiken zu rechtfertigen, wie es hier in Antwerpen mit den rituellen Beschneidungen geschieht.”
Im Knack-Interview sprachen Sie bereits von einem Völkermord an den Palästinensern. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, findet tatsächlich ein Völkermord statt. Wie blicken Sie auf diese Zeit und auf Ihre damaligen Äußerungen zurück?
Friedman: „Israel, wie wir es heute kennen, wird früher oder später aufhören zu existieren. Alle Anzeichen deuten darauf hin, einschließlich der Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen. Das erklärt auch das extreme, fast rücksichtslose Vorgehen. Das sieht man auch bei Trump: Sie versuchen, Zeit zu gewinnen, aber ihr Untergang ist nahe. Netanjahu wird Israel mit in den Abgrund reißen.“
„Israel bringt die Juden weltweit in Gefahr, auch die kommenden Generationen“, sagten Sie in diesem Interview.
Friedman: „Die einzige Möglichkeit, Antisemitismus zu bekämpfen, besteht darin, deutlich zu machen, dass nicht alle Juden hinter Israel stehen. Das ist nicht einfach, denn in den Medien sehen wir vor allem Israelis, die den Völkermord bejubeln. Und wenn in Tel Aviv gegen die Regierung Netanjahu demonstriert wurde, dann geschah das nicht unbedingt aus Liebe zu den Palästinensern: Es waren vor allem Bürger, die einen Gefangenenaustausch mit der Hamas forderten oder den Premierminister loswerden wollten. Das erweckt den Eindruck, wir seien ein Volk von Zionisten, und das ist überhaupt nicht der Fall.“
Abschließend: Vor kurzem hat Tel Aviv Zahlen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass mehr als vierhundert Personen mit belgischer Staatsangehörigkeit in der israelischen Armee aktiv waren. Auch darüber haben Sie bereits 2014 gesprochen.
Friedman: „Das stimmt, aber leider wurde seitdem niemand festgenommen. Solche Personen sollten wie Syrien-Kämpfer behandelt werden. Belgische Juden, die nach Gaza ziehen, um dort zu kämpfen und sich an einem Völkermord zu beteiligen, sind Kriegsverbrecher: Bei ihrer Rückkehr sollten sie sofort festgenommen und strafrechtlich verfolgt werden.“
Anmerkungen der Redaktion
* Montasser AlDe’emeh (* 1989 in Jordanien) ist ein belgisch-palästinensischer Autor, Wissenschaftler, Arabist, Islamwissenschaftler (Katholische Universität Löwen) und freiberuflicher Journalist, unter anderem für die Zeitungen Humo, De Morgen, De Groene Amsterdammer und Vrij Nederland.
** Deontologische Kommissionen im politischen Bereich in Belgien entsprechen in etwa den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Deutschland.
Übersetzung: Jürgen Klute
Die dieser deutschsprachigen Version zugrunde liegende niederländischsprachige Version des Interviews wurde erstmals am 21.02.2026 in der belgischen Wochenzeitschrift HUMO unter dem Titel “Rabbijn Moshe Friedman over de besnijdenisrel en Bill White: ‘In Antwerpen wordt geen enkele joodse rituele besnijdenis uitgevoerd zónder orale zuiging’“ veröffentlich. Die Übersetzung und Wiedergabe des Interviews auf EuropaBlog erfolgt mit Zustimmung des Autors Montasser AlDe’emeh. Die Wiedergabe der Fotos erfolgt mit Zustimmung der Fotografin Aurélie Geurts.
Das © für das Titelbild und alle anderen im Rahmen dieses Textes gezeigten Fotos von Moshe A Friedman liegt bei Aurélie Geurts.
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