Von Jürgen Klute und Dirk Tölke
Hans Niehus hat mit seinen Zeichnungen und Aquarellen auch den EuropaBlog bereichert. Am 10. Mai ist er im Alter von 72 Jahren nach kurzer Krankheit verstorben.
Wir sind uns das erste Mal in 1971 auf dem gymnasialen Zweig der Höheren Handelsschule der Friedrich-List-Schule in Herford begegnet. Hans kam aus Löhne, ich aus der Nachbarstadt Bünde. Seitdem waren wir uns freundschaftlich verbunden. Die letzten zwei Schuljahre bis zum Abitur haben wir gemeinsam erlebt. Im Sommer nach dem Abitur waren wir einige Male im „Bunker Ulmenwall“ zu Jazzkonzerten, u.a. von Champion Jack Dupree, der seine am Klavier begleiteten Songs gerne und oft mit dem Satz „wait a minute“ unterbrach, um noch einen Schluck Bier zu trinken. Sonst haben wir uns den Sommer mit Leonard Cohn oder Chick Corea und Rotwein oder Lambrusco die Zeit vertrieben, bis uns Zivildienst und Studium zunächst in unterschiedliche Richtungen brachten.
Ich erinnere mich, dass ich eine Langspielplatte (ich erinnere nicht ob sie von Dupree, Cohen oder Corea war) von Hans ausgeliehen, aber vergessen hatte, sie zurück zu geben. Und während ich in Marburg studierte, meldete Hans sich nach ein paar Jahren bei mir, da er in Marburg zu tun hatte, und fragte, ob ich seine Schallplatte noch hätte. Das war dann ein willkommener Anlass uns wieder zu sehen. Danach haben wir uns einige Jahre aus den Augen verloren. Als ich 2009 als Abgeordneter ins Europäische Parlament kam, erreichte mich eines Tages eine Mail von Hans, der mittlerweile mit Annette in Vaals, einem Grenzort bei Aachen auf niederländischer Seite, lebte. Von da an waren wir im regelmäßigen Kontakt. Im Frühjahr 2014 haben wir eine Ausstellung seiner Bilder im Europäischen Parlament und im PressClub Brussels Europe organisiert.
Über Jahre – bis wenige Tage vor seinem Tod – kamen regelmäßig Fotos seiner Zeichnungen und Aquarelle auf meinen Signal-Messanger. Ich werde sie schmerzlich vermissen.
Am 20. Juni 2026 fand auf dem Friedhof an der Seffenter Straße in Vaals, nur wenige Meter von seinem und Annettes Haus, die Beisetzung seiner Urne statt. Dirk Tölke, ebenfalls ein Weggefährte von Hans, hat in seiner Beerdigungsrede mit sehr treffenden Worten die im Februar 1954 in Löhne begonnene und im Mai 2026 in Vaals zu Ende gegangene Lebenslinie von Hans Niehus nachgezeichnet. Ich veröffentliche seine Rede hier mit der Zustimmung von Annettes und der des Autors.
Liebe Annette, Liebe Nora, Philipp, Jonathan und Leonard, liebe Verwandte, Freundinnen und Freunde, liebe Nachbarn, die nach dem Tod von Hans Niehus so tröstlich für Annette Beistand geleistet haben, werte Trauernde Hans Niehus ist am 10. Mai seinem Krebsleiden zu Hause erlegen. Das passt, denn er war ein häuslicher Mensch, während der Arbeitstätigkeit von Annette phasenweise und mit Wochenplänen für den Haushalt zuständig, ansonsten ein Hausvater, der Tagesabläufe bestimmte und auf 20 Grad Innentemperatur in der Küche pochte.
Wirtschaftlich in der Initiative für Ausflüge gehemmt, lebte er seine Neugier und Weltoffenheit eher in Bildträumen, Klangräumen, Geschichten und Literatur aus.
Seine Reisen fanden im Kopf statt. Medien und Fotobände und zuletzt Instagram holten ihm die Welt nach Hause, speziell in sein Gehäuse, einen Atelierraum, zu dem nur er den Schlüssel verwahrte und den er meist zwischen 12 und 5 Uhr nachts zum Arbeiten, Musikhören und Lesen betrat. In diesem Hortus conclusus entstanden seit den 90er Jahren seine Gedankenkonglomerate, Analysen und Bildcollagen. Den Hauskauf ermöglichte die Mutter Ulla, die später bis zu ihrem Tod 2013 im ehemaligen Kinderzimmer von Nora wohnte, die sich nicht erinnern kann, je mit ihrem Vater gestritten zu haben, der immer hinter ihr gestanden hat. Die Urne von Ulla Niehus wird heute ebenfalls in die Grabstelle gesenkt.
Hans ist 1954 in Löhne geboren, blieb Einzelkind und hielt besonders mit seinem Cousin noch Kontakt, der in Aachen einen Bioladen betrieb. Zu seinen Freunden gehörten auch Studienkollegen der Düsseldorfer Kunstakademie. Dort studierte er 1974-82, während Annette dies in Bonn tat. Er schloss mit dem ersten Staatsexamen ab, entschied sich aber nach 6 Monaten als Kunstlehrer dann für die freie Malerei.
Seine Abschlussarbeit war ein ganz unavantgardistisches eher didaktisches schwarzes Bild, aus dem ein Regenbogen und Regentropfen heraustraten. Pädagogik, aber auch Philosophie, Literatur, Musik als Hörvergnügen und die Zeitgeschichte interessierten ihn. Er blieb Beobachter der in seiner Jugend bestimmenden Beat- und Popwelt sowie von Werbung, Glamour, Erotik und ikonischen Celebritywelten, die so faszinierend, wie verlogen und abstoßend erschienen.
Zunächst fand er in Kinderbuchillustrationen Bildthemen voller Komplexität und anspielungsreichem Allzumenschlichen, die als Freiraum des Denkens für ihn vielleicht ein Ersatz für pädagogischen Drang waren. Schulerfahrungen und Elefanten hatten es ihm früh angetan, die bald zu anderen Tieren als Fabelwesen sich ausweiteten. Nach ersten Ausstellungen in Vaals ab 1984 lernte er in Siegburg ein Museum für Bilderbücher kennen, die einen Bibliothekar suchten. Das kam ihm nah, so dass er 1992-95 an der Fachschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln studierte, aber dann doch keine Anstellung fand. So blieb er mit freundlicher Sturheit der ins Private abgeschottete Beobachter, aber bei aller liebenswerten und zurückhaltenden Präsenz, zeigten seine Werke eine präzise und in Serien phantasievoll erarbeitete oder abgearbeitete Haltung zur Zeitgeschichte, die er empört, sarkastisch, schelmisch, ironisch und enttäuscht in ihrer medialen Verlogenheit und Widersprüchlichkeit vorführt, indem er die Bildikonen der Zeit aus Journalen und Plattencovern aus dem Off zu komplexen neuen Sinnkonstellationen verknüpfte. Kritik an der frivolen Selbstinszenierung der Stars und Sternchen aus Kultur und Politik werden zerlegt, entthront, banalisiert und achtsam entwertet.
Hochachtung und Bedeutungshöhe werden in komplexen Collagen umgedeutet und in der langsamen Umsetzung als Aquarell aus ihrer Schnelllebigkeit gerissen und durch kenntnisreiche und kluge Kontextverschiebung und -verdichtung entzaubert.
Mit dem Zeitgeist verschob sich im Laufe der Zeit die Skandalszene von Zappa und RAF zu Fake News und Trump. Das wurde auch von anderen wahrgenommen.
Ausstellungen, Ankäufe durch Wilhelm Schürmann und die Deutsche Bank, weitere Sammler, Galeristen wie Adamski und Tedden und eine Präsentation im Europaparlament ließen seine Schöpfungen das stille Kämmerlein verlassen und zu Recht Breitenwirkung entfalten.
Die gereifte Spätphase spiegelte sich in einer fast 500 Blätter umfassenden
Bildgeschichte wider, die er seit Corona für die Enkel begann und die immer
zeitkritischer geriet mit einem Extrastrang zu Joseph Beuys, bei dem er nicht studiert, aber dessen Auftritte er mitbekommen hat. Hier bündelt sich die Erfahrung aus den hintersinnigen und subversiven mittelformatigen Aquarellcollagen und den ironischen Geschichten zu Geburtstagen, Ostern oder Nikolaus. Er blieb nicht politisch korrekt und eigenständig im Denken und holte weiter mit seiner akkuraten Aquarelltechnik mit feinsten Pinseln Idole vom Sockel. Diese Sprengkraft des Kleinformats verdient Überlieferung und Beachtung.
Hans hat sich vom Sammler von Sportabzeichen zum Raucher entwickelt. Ein Bildtitel lautet 2006: „Harald meint, daß, wenn Annette nicht dabei wäre, ich die ganze Zeit über nur rauchen würde.“ Er hat sich zuletzt auf wenige Zigaretten zurückgefahren und er hat sich vom analogen Zeichner und Maler und Hausvater zum Opa entwickelt, der neue Medien nutzte und begeistert Tipkick spielte und Spaß hatte, dem Pädagogischen doch auch wieder zugewandt mit seinen tierischen Figurenwelten.
Nun raucht Annette aber auch, denn sie hat diesen Künstler und Ehemann getragen, medial unterstützt und ihm die Freiheiten ermöglicht und Geräte eingerichtet. Nicht nur seine Werke hatten Ecken und Kanten, auch er. Aber es gab auch die weiche Seite, wenn er auf seinen kurzen Rauchgängen die Straße entlang Bilder von Kirschblüten aufnahm und die Blütenbeute nach Hause brachte. Aber jede Blüte geht zu Ende und man muss mit dem Verlust leben lernen. Das schmälert aber nicht die Verdienste zu Lebzeiten und es bleiben die in Bildern fixierten Gedanken und Sichtweisen, denen noch weiterer Einfluss beschieden sein möge. Anregende und eindrucksvolle, irritierende und herausfordernde, spielerische und freie, komplexe und präzise ausgeführte Werke, für die ich stellvertretend Danke sagen möchte.
Dirk Tölke
Titelbild: Jürgen Klute
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