Warum die belgische Supermarktkette Colruyt massiv in Offshore Windparks investiert

Beitrag von Monika Högen, Brüssel

Dass ein, wenn auch großer, Einzelhändler – abseits des internationalen Polit-Spektrums – die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs)  nicht nur kennt und sie auf seiner Website publik macht, sondern auch sein Geschäftsgebaren vor dem Hintergrund von mindestens sieben dieser Ziele überprüft (darunter Ziel Nummer 7: Bezahlbare und saubere Energie für alle) – das ist immer noch ungewöhnlich. Denn drei Jahre nach Verabschiedung der SDGs ist es keineswegs überall in der Wirtschaftswelt angekommen, dass es sich hier um ein globales Nachhaltigkeitskonzept handelt. Eines, das Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen in die Pflicht nimmt. Spricht man Wim Colruyt, Vorstandsmitglied der gleichnamigen belgischen Supermarktkette, überrascht darauf an, schaut er meist ebenso überrascht zurück. „Nachhaltigkeit ist doch schon lange in unseren Genen“, so Colruyt. „Im Zentrum unseres Handelns stehen die Begriffe: ‚People’, ‚Planet’, ‚Profit’.“ Und das sind bei dem belgischen Unternehmen mit seinen 29.000 Mitarbeitern offenbar nicht nur leere Worte. Seit 2009 engagiert sich Colruyt in einem Bereich, der mit der Supermarktbranche auf den ersten Blick nur wenig zu tun hat – nämlich im Ausbau der Offshore Windenergie vor Belgiens Küste.

Auf den zweiten Blick werde jedoch schon deutlicher, was das Unternehmen zu diesem Engagement treibt, sagt Wim Colruyt: „Wir setzen seit über 40 Jahren auf Effizienz und intelligente Einsparungen. So können wir die niedrigen Preise für unsere Kunden garantieren.“ Und was als eine Art ökonomische Notwendigkeit begann, sei inzwischen zum Leitbild des Unternehmens geworden – auch und gerade im Bereich der Energie. Mobile Kühlboxen für den Warentransport in den Lastwagen anstelle eines fixen Kühlsystems in den Autos, Energiesparlampen in den Filialen und Lagern, energieeffiziente IT und Computeranlagen – durch derlei Maßnahmen wurden seit 2009 10,5 Prozent an Energieverbrauch eingespart, heißt es im jetzt erstmals veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht von Colruyt. Bis zum Jahr 2020 soll der Verbrauch um weitere vier Prozent reduziert werden.

Zum Einsparen von Energie kommt bei Colruyt über die Konzerntochter Eoly die eigene Produktion „grüner Energie“ hinzu – seit 2009 mit Hilfe von Windenergie. Damals bot sich die Gelegenheit, eine Offshore-Windanlage von einer holländischen Firma zu kaufen. „Das war ein ganz neues Feld für uns“, erinnert sich Wim Colruyt. „Wir haben uns aber schnell entschieden, es zu machen, weil wir darin ein großes Potenzial gesehen haben.“ Inzwischen ist Colruyt als Investor der Parkwind Gruppe an den drei Windparks Nobelwind, Belwind und Northwind, beteiligt. Ein vierter Windpark, Nordwester 2, soll ab 2020 funktionsfähig sein und 224 Megawatt Strom liefern. Damit avanciert die Parkwind-Gruppe, die derzeit bereits 1,8 Gigawattstunden (546 Megawatt) jährlich produziert, zum größten Offshore-Windenergie Player in Belgien.

Und es geht noch weiter. Parkwind streckt jetzt auch immer mehr die Fühler in Richtung anderer europäischer Gewässer aus. Erst kürzlich gewannen die Belgier zusammen mit der WV Energie AG die Betreiber-Konzession von Arcadis Ost 1, einem 247 Megawatt Windenergie Projekt in der Ostsee, rund 19 Kilometer nordöstlich von Rügen. Arcadis Ost 1 soll künftig 290.000 Haushalte mit grünem Strom versorgen. Francois Van Leeuw, Geschäftsführer von Parkwind, ist „sehr stolz“ über diesen ersten Schritt hinein in den deutschen Markt – „ein Markt, der extrem konkurrenzfähig ist“. Auch in Irland konnte sich Parkwind behaupten: Dort soll ab 2020 die Anlage Oriel betrieben werden – mit einer Leistung von 330 Megawatt. Diese Erfolge machen offenbar noch Appetit auf mehr: So werden derzeit mögliche Expansionen in Asien und den USA geprüft. Und für eine französische Ausschreibung zur Errichtung eines Windparks in Dunkerque, ist Parkwind bereits unter den Finalisten. Die Entscheidung soll Ende des Jahres fallen. „Das alles hatten wir so ursprünglich nicht vor. Wir waren von dem Erfolg selbst überrascht“, so Van Leeuw. Doch nach und nach habe Parkwind, gestartet als kleines Team, Expertise und Personalstärke aufgebaut. Derzeit sind es 85 Angestellte. „Und wir haben ein Programm zur Anwerbung weiterer Fachkräfte aufgelegt“, so Van Leeuw.

Die Colruyt Gruppe, beziehungsweise sein Stromproduzent Eoly, bleibt dabei einer der größten Kunden von Parkwind – seit 2010 versorgt sich Colruyt in Belgien komplett mit grüner Energie. Seit 2016 gilt das auch für die Filialen in Frankreich. 30,6 Prozent werden dabei von Eoly über Parkwind bezogen, darüber hinaus kauft die Colruyt Gruppe Strom aus Erneuerbaren Energien ein, der mit so genannten Herkunftsgarantien abgesichert ist. Als nächstes will man bei Colruyt jetzt auf Wasserstoff setzen – als „den idealen Brennstoff für die Zukunft“ und besonders für den Schwertransport geeignet, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht. Der Wasserstoff soll ebenfalls aus eigenen grünen Quellen, Wind- und Sonnenergie, gewonnen werden. 200 eigene Fahrzeuge will man so künftig versorgen. Und im Oktober 2018 soll die erste Wasserstoff-Zapfstelle für die allgemeine Öffentlichkeit errichtet werden. Schon jetzt bietet Colruyt über DATS24 an verschiedenen Tankstellen komprimiertes Erdgas und Auftanksäulen für Elektro-Autos an.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit, im eigenen Hause als die richtige Lösung erachtet, soll so auch den Kunden näher gebracht werden. Hierzu dient auch „Eoly Cooperative“: Private Anleger können sich hier an Aufbau und Betrieb von Windturbinen beteiligen. 1200 Investoren haben sich schon gefunden – sie alle wollen zu einer besseren Umwelt beitragen und hoffen zugleich auf gute Gewinnausschüttungen zwischen vier und sechs Prozent. Dass Offshore-Windanlagen für den Natur- und Meeresschutz selbst ein Problem darstellen könnten, sieht man bei Colruyt nicht so. Messungen hätten ergeben, dass die Fischbestände in der Umgebung von Windparks sogar noch weiter gestiegen seien. Dass der Anspruch, niedrige Preise zu halten und dennoch nachhaltig zu wirtschaften zuweilen „ein Dilemma“ sei, räumt Wim Colruyt auf mehrmaliges Nachfragen zwar ein. Schließlich muss auch in die Nachhaltigkeit erst einmal investiert werden, bevor sie Einsparungen nach sich zieht. So hat das Energieeffizienz-Programm in 234 Colruyt-Läden rund 35 Millionen Euro gekostet. Doch durch „intelligente und kreative Lösungen“ ließe sich dieses Dilemma lösen, meint Wim Colruyt – und bleibt dabei: Discount und Nachhaltigkeit müssen keine Gegensätze sein.

Der richtige Energiemix spiele dabei eine entscheidende Rolle, meint Francois Van Leeuw von Parkwind. Und da gebühre der Offshore-Windenergie in Zukunft noch ein viel größerer Part. Denn, so Van Leeuw, „es gibt so viel Meer und Küste, Land hingegen ist begrenzt“. Immerhin, der politische Wille, für mehr Offshore-Windenergie, so Van Leeuw weiter, „der wächst derzeit erheblich.“

Titelbild: Nuon | NL Foto: CC BY-NC 2.0

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