Beitrag von Jürgen Klute

Es gibt viele Denkmäler in Brüssel – nicht nur Manneken Pis und Jeanneke Pis, das weiblich Pendant zum Manneken.

Eines dieser Denkmäler ist Charles Rogier (flämisch: Karel Rogier, 1800-1885) gewidmet, einem der führenden politischen Köpfe, die 1830 das heutige Belgien gründeten, indem sie es von den Niederlanden abspalteten. Geboren wurde Charles Rogier übrigens in Saint-Quentin in Nordfrankreich – zu seiner Zeit gab es noch nicht die starren nationalstaatlichen Grenzregieme und Staatszugehörigkeiten wie heute.

Charles Rogier, Place de la Liberté, Bruxelles

Das Denkmal listet an den vier Seiten seines Sockels die wichtigsten Leistungen Charles Rogiers auf (siehe Fotogalerie unten). Bei aufmerksamer Lektüre dieser Auflistungen fällt eine interessante Kleinigkeit ins Auge. Auf einer der Seiten wird daran erinnert, dass Charles Rogier in der Zeit von 1861 bis 1868 die Entwicklung des freien Handel angestoßen hat und einen Handelsvertrag mit folgenden Ländern vereinbarte: mit der Schweiz, Spanien, dem Zollverein (le Zollverein), Italien, den Niederlanden und den Vereinigen Staaten.

Gestolpert bin ich über „le Zollverein“. Diese ungewohnte und heute historisch überlebte Bezeichnung erinnert den Leser und die Leserin dieser Tafeln daran, dass es Deutschland in den 1860er Jahren noch gar nicht gab. „le Zollverein“ umfasste damals nur einen Teil des heute als Deutschland bezeichneten Territoriums und erinnert daran, dass „Deutschland“ eine sehr junge politische Konstruktion ist, die immer wieder Veränderungen unterlag. Die letzte dieser Veränderungen liegt gerade 26 Jahre zurück.

Angesichts der heute wieder populären Deutschtümelei und der neu erstarkenden rechten Phantasien über deutsche Leitkultur und deutsche Identität mag es heilsam sein, solche Randnotizen wie diese am Sockel des Denkmals für Charles Rogier zur Kenntnis zu nehmen und begreifen, dass es sich bei solchen Phantasien um heutige Konstruktionen handelt ohne historischen Tiefgang.

Eine Aufgabe von Denkmälern ist wohl, unerwartet bei einem Spaziergang durch Brüssel auch mal an solche Dinge zu erinnern.

Für die, die sich das Denkmal mal anschauen wollen: es steht auf dem Place de la liberté  in der Gemeinde Brüssel nahe der Grenze zur Gemeinde Saint-Josse-ten-Noode.

Fotogallerie

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