Von Frederik D. Tunnat
In den bisherigen Verhandlungen über einen Friedensvertrag zwischen der Ukraine und Russland fehlt meiner Meinung nach eine entscheidende Komponente.
Ein alter Gedanke in neuer Form
Was heute fremd klingt, hatte einst Methode: Um Frieden zu sichern, tauschten Kriegsgegner seit der Antike Geiseln aus – nicht als Strafe, sondern als Bürgschaft des erreichten Friedens. Die „Geiseln“ lebten oft Jahre im Land des ehemaligen Feindes, lernten dessen Sprache, Kultur und Lebensweise kennen, wurden dadurch später zu Botschaftern gegenseitigen Verständnisses. Dieser Gedanke ließe sich für den andauernden Krieg zwischen Russland und der Ukraine modernisieren, sprich neu denken: Erfahrung statt Isolation, persönlicher Kontakt statt Feindbildpflege.
Lernen durch Leben, nicht durch Belehrung
Mein Vorschlag für ein, den künftigen Frieden zwischen beiden Ländern absicherndes modernes „Geisel“ Austauschprogramm geht zurück auf eigene, überaus positive Erfahrungen mit Austauschprogrammen. Während ich als Kind und Jugendlicher regelmäßig Zeit bei englischen, französischen und Schweizer Familien verbrachte, kamen im Austausch junge Menschen aus England, Frankreich der Schweiz zu Gegenbesuchen, die oft die gesamten Ferien eines Jahres umfassten. Zusätzlich waren bei uns ständig junge Menschen aus ganz Europa – nicht nur West und Nord zu Besuch, zudem Menschen aus Südeuropa, Israel, dem Libanon, Asien und sogar solche von jenseits des Eisernen Vorhangs. Ich erinnere Tage, an denen saß ich mit jungen Menschen aus bis zu zwölf verschiedenen Nationen zusammen, während wir Freundschaften begründeten, oder pflegten und Netzwerke für unsere Zukunft knüpften.
Durch Begegnung begreifen
Die Idee eines breit angelegten Austauschs (moderne Form früheren Geiselaustauschs) reicht über Europa hinaus. Auch das Verhältnis zwischen Europa und seinen Einwanderungsländern leidet bis heute unter Einseitigkeit. Aktuell wandern Menschen nur in eine Richtung – physisch wie mental. Es fehlt das Gegengewicht des gemeinsamen Erfahrens und Lernens. Ein Austausch zwischen europäischen Jugendlichen und solchen aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien könnte helfen, Erwartungen hier wie dort zu erden, Klischees zu brechen und legale Austauschwege zu eröffnen. Europa würde in diesen Ländern sichtbar, nicht nur aus dem Fernsehen – und Herkunftsländer würden spüren, dass man sie ernst nimmt, sie nicht bloß als lästige Einwanderer verwaltet.
Weniger Reden, mehr Tun
Das Prinzip ist einfach: Erfahrung ersetzt Ideologie. Ein Jahr im Austausch verändert mehr als zehn Jahre Diskussion. Wer als junger Mensch einmal gesehen hat, was Krieg oder Leben unter völlig anderen Bedingungen bedeutet, wird anders beurteilen. Wer in einer fremden Familie gelebt, eine andere Religion, eine andere Armut, eine andere Disziplin erlebt hat, kann nicht mehr in Vorurteilen denken. Frieden ist dann kein moralisches Mantra mehr, sondern Ausdruck persönlicher Konsequenz.
Obwohl mein Gedanke eines umfassenden Austauschprogramms, das weit über Erasmus hinausreicht, primär im Augenblick auf einen spezifischen Austausch zwischen der Ukraine und Russland gerichtet ist, als flankierende Maßnahme eines noch zu erzielenden Friedensabkommens, könnte ein solches Programm deutlich weiter und breiter ausgerichtet werden. So kann ich mir aktuell, solange der Krieg noch tobt, einen umgekehrten Austausch zwischen Deutschen und Ukrainern vorstellen, um uns einen Eindruck von dem unbeschreiblichen Mühen des Überlebens angesichts des vornehmlich russischen Kriegs gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine zu vermitteln. Umgekehrt haben wir bereits viele Ukrainer in Deutschland. Ein derartiges Austauschprogramm würde die teilweise surreale Diskussion in Deutschland über Wehrdienst, die Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft etc. mit neuen Argumenten und realistischeren Einschätzungen bereichern.
Vergleichbares wäre sicher wünschenswert in Bezug auf die zunehmende Entfremdung zwischen einem erheblichen Teil der US Bevölkerung (Stichwort MAGA) und Deutschlands bzw. Europas Bevölkerung. Anstatt die einseitige Abschottung durch Trump und MAGA hinzunehmen, sollten wir in Erwiderung der amerikanischen Unterstützung nach dem Krieg ein motiviertes Austauschprogramm für Amerikaner in Europa auflegen, um deren isolationistisches Denken durch vor Ort Anschauung aufzubrechen und zu verändern. Es gebe unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten für moderne „Geisel-Austausch“ Programme. Aktuell möchte ich mich aus gegebenem Anlass auf jenes zwischen der Ukraine und Russland konzentrieren.
„Brücken über verbrannter Erde“ – Idee für ein bilaterales Friedens‑ und Verständigungsprogramm zwischen der Ukraine und Russland (nach Friedensabkommen)
Zielsetzung
Der russische Angriffskrieg hat nicht nur den territorialen Frieden in Europa zerstört, sondern auch das Vertrauen zwischen zwei einst eng verbundenen Völkern. Eine dauerhafte Stabilisierung Europas erfordert neben sicherheitspolitischer Abschreckung eine zivilgesellschaftliche Friedensarchitektur. Dieser Artikel schlägt daher ein phasenweises, bilaterales Verständigungsprogramm zwischen der Ukraine und Russland vor (nach Kriegsende und als flankierende Maßnahme eines Friedensvertrags), das von humanitärem Recht über kulturelle Kooperation zu gesellschaftlichem Vertrauen führt. Kernidee: Frieden durch Begegnung.
1. Voraussetzung: Humanitäre Restitution
Jedes Programm zur Verständigung zwischen diesen beiden Ländern setzt voraus, dass Russland begangenes, schwerwiegendes Unrecht korrigiert:
- Rückführung verschleppter ukrainischer Kinder und Zivilisten: vollständige Freilassung unter Aufsicht von UNICEF, IKRK und OSZE.
- Finanzielle Entschädigung und Rehabilitationsfonds für Opfer: getragen von Russland, treuhänderisch verwaltet durch internationale Staatengemeinschaft.
- Symbolische Anerkennung des Unrechts: gemeinsame humanitäre Erklärung der Ukraine und Russlands als moralischer Minimalkonsens für einen Neubeginn.
Erst nach Erfüllung dieser Vor-Bedingungen könnte das eigentliche Austausch‑ und Aufbauprogramm beginnen.
2. Aufbau und Durchführung
Phasenmodell des Programms:
- Kontakt & Wiederaufbau: humanitäre Zusammenarbeit, Fachkräfteaustausch, medizinische und infrastrukturelle Projekte.
- Lernen & Verstehen: Bildungs‑ und Kulturprogramme, dokumentarische Aufarbeitung, journalistische und akademische Kooperation.
- Verflechtung & Zukunft: Gründung von Städte‑ und Schulpartnerschaften, Handels‑ und Umweltprojekten, beruflicher Austausch.
Trägerschaft und Koordination:
- Bilateral: Ministerien für Bildung, Kultur, Wiederaufbau beider Staaten.
- International: OSZE‑Schirmherrschaft, ggf. UN / EU‑Mandat.
- Zivilgesellschaftlich: Umsetzung unter Einbeziehung multinationaler etablierter Organisationen wie Rotary, Lions, Goethe‑Institut, Stiftungen, NGOs, Religionsgemeinschaften.
- Finanzierung: EU‑ und UN‑Programme, nationale Beiträge, private Stiftungen, Diaspora‑Mittel.
3. Governance und Kontrolle
- Rotierende bilaterale Geschäftsstellen unter OSZE‑Mandat.
- Unabhängige internationale Evaluatoren sichert Transparenz.
- Keine parteipolitische oder propagandistische Einflussnahme.
- Paritätische Beteiligung ukrainischer und russischer Vertreter in allen Gremien.
4. Erwartete Wirkungen (10‑Jahres‑Perspektive)
- Humanitäre Heilung: Rückkehr und Rehabilitierung der Opfer.
- Kulturelle Entfeindung: Abbau gegenseitiger Feindbilder durch reale Begegnungen.
- Soziale Stabilität: lokale Kooperation als wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilisator.
- Politische Prävention: Aufbau dauerhafter Netzwerke von Vertrauen – besonders unter der jungen Generation.
- Europäische Sicherheitsstärkung: Integration des Programms in die OSZE‑ und EU‑Nachbarschaftspolitik; Signal gegen künftige Expansion und Gewalt.
5. Politische Tragweite
Diese Idee kann kein Ersatz für militärische Sicherheit sein, sondern nur eine mögliche zivilisatorische Ergänzung. Sie zielt darauf, den Frieden tief und anhaltend zu verankern, nicht nur zu vereinbaren – und damit die Voraussetzung zu schaffen, dass künftige Generationen Krieg nicht mehr erleben, sondern nur verstehen können.
Kernaussage: „Wahrheit vor Versöhnung, Begegnung vor Ideologie, Menschlichkeit vor Macht.“ Nur wenn Gerechtigkeit und Realitätssinn die Basis eines künftigen Friedensabkommens bilden, kann Europa bzw. die EU helfen, zwischen Russland und der Ukraine Brücken zu bauen – über verbrannte Erde und hunderttausende Tote hinweg.
Titelbild: Franklin Pi CC BY-SA 2.0 DEED via FlickR
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