Was wäre, wenn Geschichte sich nicht in klaren Episoden vollzieht, sondern in einem chaotischen, simultanen Strom von Ereignissen? Laut Ilja Leonard Pfeijffer symbolisieren drei Tage im September 2025, wie sehr die Demokratie unter Druck steht. In diesem eindrucksvollen Dreiteiler legt er die Zusammenhänge zwischen Konflikt, Propaganda und Polarisierung offen.

Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 22. September 2025

In einem Zeitraum von drei Tagen, Dienstag, 9., Mittwoch, 10. und Donnerstag, 11. September 2025, ereigneten sich an verschiedenen Orten der Welt Dinge, die jedes für sich genommen bedeutend waren und die in ihrer Gesamtheit das unheilvolle Gefühl auslösten, dass wir Zeugen der Geschichte waren.

Jedes dieser Ereignisse hätte mit Sicherheit die Titelseiten der Zeitungen auf der ganzen Welt erreicht, wenn es nicht von den anderen Ereignissen verdrängt worden wäre, die fast gleichzeitig stattfanden und unsere Aufmerksamkeit noch dringender erforderten. Es war keinen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen erkennbar, außer für diejenigen, die aufmerksam verfolgen, in welche Richtung sich Geschichte bewegt. Für sie war offensichtlich, daß sie eng miteinander verbunden waren.

Offener Konflikt

Am Morgen des 9. September 2025 trat der französische Premierminister François Bayrou nach einer verlorenen Vertrauensabstimmung vom Vortag zurück. Später am selben Tag führte die israelische Luftwaffe um 15:46 Uhr Ortszeit einen Angriff auf einen Gebäudekomplex in Doha, der Hauptstadt von Katar, aus, in dem sich angeblich Hamas-Führer versammelt hatten. Dies wurde als erneuter eklatanter Verstoß Israels gegen das Völkerrecht angesehen. Gegen 20 Uhr desselben Abends gab Präsident Macron von Frankreich bekannt, dass er Sébastien Lecornu als vierten neuen Premierminister in zwanzig Monaten vorschlagen werde.

Von der letzten halben Stunde vor Mitternacht am Dienstag, dem 9. September, bis in die frühen Morgenstunden des Mittwochs, dem 10. September, wurde der polnische Luftraum von mindestens neunzehn russischen Drohnen verletzt. Aufgrund der Anzahl und des genauen Kurses der Drohnen konnte ausgeschlossen werden, dass es sich bei der Verletzung des Territoriums der EU und der NATO um einen Fehler handelte. Einige dieser Gerbera-Drohnen, die jeweils etwa 8.000 Euro kosten, wurden durch „Advanced Medium Range Air-to-Air Missiles“ im Wert von jeweils 1,5 Millionen Euro abgeschossen, die von unbezahlbar teuren F-35-Kampfflugzeugen der NATO abgefeuert wurden. Die Geschichte zeigt, dass Krieg ausbricht, wenn Angreifen billiger ist als Verteidigung.

Wenn man den Vorfall vom 24. November 2015 mit der Suchoi Su-24 an der türkisch-syrischen Grenze nicht mitzählt, war dies das erste Mal seit dem Kalten Krieg, dass NATO-Kampfflugzeuge auf russische Ziele geschossen haben. Am Morgen des 10. September rief der polnische Ministerpräsident Donald Tusk Artikel 4 der NATO-Charta auf: „Polen befindet sich nicht im Krieg“, sagte er, „aber aufgrund dieses Vorfalls sind wir einem offenen Konflikt näher als jemals zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Unabhängiges Europa

Um neun Uhr morgens am Mittwoch, dem 10. September, begann die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, ihre jährliche Rede zur Lage der Union im Europäischen Parlament in Straßburg.

„Europa ist in einen Kampf verwickelt“, lauteten ihre ersten Worte.

„Ein Kampf um einen vereinten und friedlichen Kontinent, um ein freies und unabhängiges Europa, ein Kampf um unsere Werte und unsere Demokratien, ein Kampf um unsere Freiheit und unsere Fähigkeit, unser Schicksal selbst zu bestimmen. Machen Sie sich nichts vor: Dies ist ein Kampf um unsere Zukunft. Es ist eine Tatsache, dass die Welt von heute rücksichtslos ist. Es ist nicht die Zeit für Nostalgie. Die Frontlinien für eine neue Weltordnung, die auf Macht basiert, werden gerade gezogen. Deshalb muss Europa um seinen Platz in einer Welt kämpfen, in der mehrere Großmächte Europa ambivalent oder offen feindselig gegenüberstehen.“

Später am selben Tag, um 12:20 Uhr Ortszeit, wurde der rechtsextreme Influencer Charlie Kirk auf dem Gelände der Utah Valley University in Orem, Utah, angeschossen. Etwa vierzig Minuten später wurde bekannt gegeben, dass er seinen Verletzungen erlegen war. Der Mord an Charlie Kirk wurde sowohl von seinen Bewunderern als auch von seinen Gegnern sofort als ein Ereignis von historischer Bedeutung angesehen, das einen Wendepunkt markiert und als beängstigendes Vorzeichen für eine gewalttätige Polarisierung gilt. „Amerika tritt in ein neues Zeitalter politischer Gewalt ein”, titelte die Washington Post am 11. September.

Charlie Kirk war nicht allein ein kompromissloser Verfechter rechtsextremer Ideale, sondern auch ein Verbreiter von Desinformation und Fake News. Er verkündete, dass Antibabypillen das weibliche Gehirn schädigen, dass der Klimawandel Unsinn sei, dass das palästinensische Volk nicht existiere, dass Einwanderung Teil eines vorab festgelegten Plans zur „Umvolkung“ Amerikas sei und dass die jüdische Lobby diesen Plan ausgeheckt habe, um die Vorherrschaft der weißen Rasse zu bekämpfen.

Desinformation und Propaganda

Während der Rede von Von der Leyen zur Lage der Union kam es zu einem bemerkenswerten Moment. An einem Punkt wurde sie von Buhrufen aus den Reihen der rechtsextremen Fraktionen übertönt. „Die Schreier auf dieser Seite des Hauses täten gut daran, jetzt zuzuhören”, sagte sie und kündigte anschließend die Einrichtung eines europäischen Zentrums gegen Desinformation an. Die rechtsextremen Abgeordneten begannen erneut zu johlen. „Es ist offensichtlich, dass Sie Angst vor einem solchen Zentrum haben”, sagte die Präsidentin. Der Rest des Saals bekundete lautstark seine Zustimmung.

Weil Europa Desinformation bekämpfen und soziale Medien regulieren will, wurde es von US-Vizepräsident JD Vance in seiner berüchtigten Rede in München am Freitag, dem 14. Februar, beschuldigt, die Meinungsfreiheit zu beschneiden. In einem Strategiepapier des „Bureau for Democracy, Human Rights, and Labor“ (DRL) des US-Außenministeriums vom 27. Mai ist zu lesen, dass die Trump-Regierung es als eine Frage der nationalen Sicherheit der USA ansieht, dass digitale Desinformation und Propaganda in Europa nicht eingedämmt werden, und dass sie beabsichtigt, aktiv zu einem Regimewechsel in Europa beizutragen, um den demokratischen Absolutismus in europäischen Gesetzen und nationalen Verfassungen zu bekämpfen.

Kirks Leichnam war noch warm, als er von rechtsextremen Gruppen zum Märtyrer ausgerufen wurde. Die Tatsache, dass er während einer politischen Diskussion erschossen wurde, macht ihn zum idealen Blutzeugen der freien Meinungsäußerung. Die Zeiten, in denen Regierungschefs es als ihre Pflicht ansahen, die nationale Einheit zu gewährleisten, das aufgebrachte Volk zu beruhigen und zu deeskalieren, liegen weit hinter uns in einer Vergangenheit, die wir uns mittlerweile nicht mehr vorstellen können.

Am selben Tag, an dem Charlie Kirk ermordet wurde, als der Täter noch nicht identifiziert war und nichts über seine Motive bekannt war, erklärte Präsident Trump: „Die radikale Linke vergleicht seit Jahren fantastische Amerikaner wie Charlie mit Nazis. Diese Rhetorik ist direkt verantwortlich für den Terrorismus, von dem unser Land heute Zeuge geworden ist.“

„In unserem Land gibt es linke Idioten“, sagte Trump einen Tag später, als der Mörder noch immer nicht gefasst war. „Aber dieses Problem werden wir lösen.“ Die Befürchtung ist berechtigt, dass Trump, seine Regierung und seine Anhänger den Mord an Kirk zum Anlass nehmen werden, um im Namen der freien Meinungsäußerung rücksichtslos gegen politische Gegner vorzugehen. Es ist noch immer unklar, ob Tyler Robinson, der am Freitag als mutmaßlicher Täter festgenommen wurde, aus politischen Motiven zu seiner Tat getrieben wurde, aber nach einem Sprichwort, das Hannah Arendt zugeschrieben wird, sagt ein Faschist nicht, was er tatsächlich für wahr hält, sondern was wahr sein müsste, um seine Agenda zu rechtfertigen.

Hexenjagd

Am Donnerstag, dem 11. September, kurz nach 19 Uhr Ortszeit wurde der ehemalige rechtspopulistische Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, zu einer Freiheitsstrafe von 27 Jahren und drei Monaten verurteilt, weil das Bundesgericht in Brasilia ihn wegen versuchten Staatsstreichs und Beihilfe zu einem Komplott zur Ermordung seines Nachfolgers für schuldig befunden hatte. Bei den Wahlen im Oktober 2022 hatte er gegen Luiz Inácio Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei verloren. Er weigerte sich, seine Niederlage anzuerkennen, und am 8. Januar 2023, eine Woche nach der Machtübergabe, stürmten seine Anhänger auf seine Veranlassung hin die wichtigsten Regierungsgebäude in der Hauptstadt. Der Putsch wurde vereitelt, ebenso wie Trumps Putschversuch am 6. Januar 2021 im Keim erstickt worden war.

Trump, der Bolsonaro nicht ohne Grund als Seelenverwandten betrachtet und Brasilien bereits drakonische Einfuhrzölle auferlegt hatte, um das Land für seine Verfolgung zu bestrafen, reagierte verärgert. Sein Außenminister Marco Rubio erklärte, dass Amerika „angemessen auf diese Hexenjagd reagieren werde”. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt schloss eine militärische Intervention nicht aus. „Die Vereinigten Staaten werden ihre wirtschaftliche und militärische Macht einsetzen, um die Meinungsfreiheit zu schützen”, sagte sie.

Nach den Regeln der absoluten Demokratie, die festlegen, dass der Führer das demokratische Mandat hat, den Rechtsstaat zu ignorieren und zu demontieren und eine Diktatur der Mehrheit zu errichten, ist Meinungsfreiheit gleichbedeutend mit der Freiheit, die demokratisch sanktionierte Position des Führers zu teilen. Ansichten, die vom Standpunkt der Mehrheit abweichen, werden in einer absoluten Demokratie als undemokratisch disqualifiziert, verboten und bekämpft.

Europa ist an einem Punkt in der Geschichte angelangt, an dem es nicht nur seine territoriale Integrität und seine Sicherheit vor den imperialistischen Ambitionen Russlands schützen muss, das sich ebenso wie Israel durch Trumps Unwilligkeit, das Völkerrecht als vorrangig zu betrachten, gestärkt fühlt, sondern an dem es auch die Rechtsstaatlichkeit, die konstitutionelle Demokratie und die Wahrheit gegen den Absolutismus des amerikanischen Regimes und einiger seiner eigenen Politiker verteidigen muss. Das ist der Kampf, den wir führen müssen.

Weil Europa keine andere Wahl hat, als sich für Glaubwürdigkeit zu entscheiden, die auf nichts anderem als Gerechtigkeit beruhen kann, hat Europa die Pflicht, sich endlich auf das Entschiedenste von Israel zu distanzieren. Aber die anhaltende Krise in der französischen Politik erinnert uns überdeutlich an unsere Schwäche. Unsere konstitutionellen Demokratien, die das heilige Ziel unseres Kampfes sind, sind gleichzeitig die Wurzel unserer Lähmung. Vielleicht sind wir im Inneren bereits zu sehr polarisiert, um den Kampf gemeinsam zu führen, den wir führen müssen.

Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 21. September 2025 unter dem Titel „De geschiedenis wijst uit dat oorlog uitbreekt wanneer aanvallen goedkoper is dan verdedigen“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute

Titelbild:  Ferdinand Feys CC BY-NC-SA 2.0 DEED via FlickR

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Ilja Leonard Pfeijffer

Foto: Stephan Vanfleteren

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