Von Jürgen Klute

Am heutigen 8. Mai wird besonders auf social media wieder die Befreiung Deutschlands vom Faschismus gefeiert. Gleichzeitig zeigen fast alle Wahlumfragen die faschistische AfD als aktuell stärkste Partei in Deutschland mit 27 Prozent auf Bundesebene und in Sachsen-Anhalt mit 41 Prozent.

Wie kann das sein, wenn Deutschland am 8. Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit worden sein soll?

Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnere (ich bin Jahrgang 1953 und im ländlichen Ostwestfalen aufgewachsen), dann erinnere ich mich an niemanden, der den 8. Mai 1945 als Befreiung betrachtet hat. Man war zwar erleichtert, dass der Krieg zu Ende war. Aber das Ende des Krieges wurde nicht als Befreiung vom Nationalsozialismus gesehen.

Befreit wurde Europa vom Terror des Nationalsozialismus, vom Terror der deutschen Wehrmacht und der SS. Das ist in den Nachbarstaaten Deutschlands zurecht so erlebt und gefeiert worden und ist bis heute ein berechtigter Anlass zum Feiern.

Aber der Nationalsozialismus ist am 8. Mai 1945 nicht auf wundersame Weise aus den Köpfen der Deutschen verschwunden. Und auch die Entnazifierung hat die Nazi-Ideologie nicht vertrieben. Ab 1953 wurden die Alt-Nazis vielmehr durch die damalige CDU-Regierung unter Konrad Adenauer bewusst in die damals noch junge Bundesrepublik integriert, um möglichen offenen Widerstand der Alt-Nazis gegen die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft zu unterbinden.

In meiner Schulzeit in den 1960er Jahren waren unter den damaligen Lehrern genug Alt-Nazis. Die so genannten Vertriebenenverbände haben uns regelmäßig mit ihrer Sicht des Kriegsendes – für sie war es eine Niederlage und eine Verlustgeschichte – traktiert.

In meiner ostwestfälischen Herkunftsregion waren bei den Wahlkämpfen bis in die 1960er Jahre hinein die Straßen von Plakaten gesäumt, die eine in drei Teile aufgeteilte Deutschlandkarte mit den deutschen Grenzen von 1937 zeigten. Der Text der Plakate lautete: „Drei geteilt? Niemals! – Kuratorium unteilbares Deutschland“.

Wer so denkt, hat den 8. Mai 1945 nicht als Befreiung vom Nationalsozialismus erlebt und begriffen.

Auch in meiner Familie, in der alle Männer als Soldaten am Krieg teilgenommen hatten und teils verwundet oder versehrt und bis zu 10 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft waren, habe ich nie gehört, dass jemand von einer Befreiung vom Nationalsozialismus gesprochen hat. Auch nicht im Freundeskreis meiner Eltern oder Großeltern oder im größeren Familienkreis oder in der Nachbarschaft und im eigenen Freundeskreis oder in der Schule. Es hieß meist, Deutschland habe den Krieg verloren, manchmal war auch vom Zusammenbruch die Rede. Warum dieser Krieg geführt wurde, welche Kriegsverbrechen von deutscher Seite in dem Krieg verübt wurden, warum er – zurecht und zum Glück Europas – verloren wurde, das alles wurde nicht thematisiert.

Objektiv gesehen stimmt es zwar, dass Deutschland von der Herrschaft der NSDAP befreit wurde, da die am 8. Mai 1945 faktisch und formal endete. Doch eine lange vor 1933 entstandene und von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung getragene Ideologie (vgl. dazu u.a.: Robert Gellately, Backing Hitler: Consent and Coercion in Nazi Germany, Oxford University Press, 2001) verschwindet nicht von heute auf morgen aus den Köpfen der Menschen. Zudem gab es drei Referenden zwischen 1933 und Kriegsbeginn (1933, 1934 und 1938), mit denen die NSDAP ihre Politik hat legitimieren lassen. Die Durchführung erfolgte zwar unter fragwürdigen Bedingungen. Die hohe Teilnahmerate und die jeweils hohe Zustimmung lässt dennoch auf eine breite Unterstützung der Politik der NSDAP durch die damalige deutsche Gesellschaft schließen (vgl. Wikipedia: Liste der Plebiszite in Deutschland).

Daraus erklärt sich die Spannung zwischen der faktisch korrekten Beschreibung, dass Deutschland und Europa am 8. Mai 1945 von der NSDAP-Herrschaft bzw. Nazi-Diktatur befreit wurden und der subjektiven Wahrnehmung dieser Befreiung als Zusammenbruch und verlorenen Krieg durch die Mehrheit der damaligen Deutschen und sicher auch noch etlicher heute lebender Deutschen.

Aus meiner Sicht ist daher eine unreflektierte Rede von der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus am 8. Mai 1945, wie sie sich in Deutschland eingebürgert hat, unangemessen, denn sie verleitet dazu, die Tätergesellschaft, die als Ganze für die unfassbaren Kriegsverbrechen verantwortlich ist (Millionen von Menschen in den knapp fünf Jahren des Krieges zu ermorden erforderte eine entsprechende (verwaltungs)technische Infrastruktur und die Mitarbeit etlicher Zehntausender oder Hunderttausender Menschen, so dass diese Verbrechen nicht unbemerkt organisiert werden konnten, und wie Gellately in dem zuvor genannten Buch darlegt und belegt, haben die Nazis ihre Verbrechen auch bewusst nicht verheimlicht), mit leichter Hand rhetorisch ebenfalls in Opfer zu verwandeln mit dem Ergebnis, dass die Täter unsichtbar gemacht werden, in dem man sie unter die Opfer mischt. So wird auf eine scheinbar elegante Weise eine seriöse Auseinandersetzung mit der eigenen und kollektiven Schuld verhindert sowie mit der Frage, wie es zu diesen Verbrechen gekommen ist, die bei genauerem Hinsehen aufgrund der Zahl der ermordeten Menschen und auf Grund der für deren Ermordung nötige Infrastruktur eben keineswegs unbemerkt geblieben sind.

Wäre Deutschland am 8. Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit worden, dann gäbe es nicht die anfangs genannten Erfolge der auch gerichtlich als faschistisch eingestuften AfD in Deutschland. Daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass in der deutschen Erinnerungskultur seit langem etwas falsch läuft – und nicht minder in der aktuellen Politik.

Eine Aufarbeitung der Nazi-Diktatur und der deutschen Kriegsverbrechen muss bei dieser Spannung ansetzen und die eigene Schuld ernst nehmen und sie nicht relativieren, indem sich die Täterseite rhetorisch unter die Opfer mischt, um die Täter und die eigenen und kollektive Schuld unsichtbar zu machen.

(Ergänzt am 17. Mai 2026)

Titelbild:  Don Graham CC BY-SA 2.0 DEED via FlickR

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