Mit der nationalen Sicherheitsstrategie des Trump-Regimes ist klar geworden, dass die USA dem Faschismus in Europa zum Sieg verhelfen wollen und sich auf die Seite unserer Feinde gestellt haben, schreibt Ilja Leonard Pfeijffer in seinem vorläufig letzten Essay für diese Zeitung. Höchste Zeit für ein starkes Europa.
Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 21. Dezember 2025
Während ein Buch mit der befriedigenden Illusion einer abgeschlossenen Geschichte endet, hat die Realität das Problem, dass sie immer weiter hinzieht. In der Realität ist eine Geschichte nie zu Ende. Selbst wenn in der Geschichte zufällig ein Ereignis eintritt, das als klangvoller Schlussakkord angesehen werden könnte, was an sich schon selten ist, zeigen sich am nächsten Tag alle möglichen Entwicklungen, die daran anknüpfen, so wie man nach einem eindrucksvoll formulierten Abschied wieder in ein Gespräch hineingezogen wird. Der Realität fehlt es an Komposition. Die Geschichte ist miserabel gestaltet. Sie besteht aus ausgefransten Rändern, losen Enden und missglückten Schlusspunkten.
Wenn ich den letzten Punkt hinter diesen letzten Essay gesetzt habe, wird es Nacht und wieder Tag werden, und überall auf der Welt werden Ereignisse stattfinden, die ich hier analysieren müsste, wenn ich die Feder nicht niedergelegt hätte. Man muss kein Leberbeschauer oder Leser des Vogelflugs sein, um zu erkennen, dass die Vorzeichen ungünstig sind.
Man muss nicht die zuckenden Lappen der Organe eines Opfertieres mit bebenden Händen wiegen, um vorauszusehen, dass die konstitutionelle Demokratie mit ihren rechtsstaatlichen Garantien mehr und mehr an Boden verlieren wird zugunsten absolutistischer Interpretationen der Demokratie, die das demokratische Mandat als Rechtfertigung für die Errichtung einer revanchistischen Diktatur der Mehrheit verstehen, und man muss den weiten Bereich des Äthers nicht mit seinem Stab in imaginäre Quadranten einteilen, in die Adler von links oder rechts einfliegen, um vorherzusagen, dass Europa als letzte Bastion der Freiheit in zunehmendem Maße Gefahr läuft zerrieben zu werden durch russische Desinformation, Sabotage und Waffen sowie durch den egoistischen Zynismus des amerikanischen Regimes, das mehr Sympathie für Alleinherrscher hegt, die sich auf das Recht des Stärkeren berufen, als für Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit.
Mein Heimatland, das einst stolz auf den Ehrentitel einer Vorreiterrolle war, scheint nach dem verhängnisvollen Stillstand infolge der Misswirtschaft der extremen Rechten so gut wie unregierbar geworden zu sein
Der interne Verfall geht mit einer externen Bedrohung einher. Infolge der Tendenzen und Entwicklungen, die ich zuvor an dieser Stelle erörtert habe, verlieren die traditionellen Demokratien in Europa an Problemlösungskompetenz. Mein Heimatland, das sich einst mit dem Ehrentitel des „Vorreiterlandes” rühmte, scheint nach dem verhängnisvollen Stillstand infolge der Misswirtschaft der extremen Rechten so gut wie unregierbar geworden zu sein. Seit ich mit dieser Chronik begonnen habe, hat Frankreich fünf Premierminister verschlissen. Der letzte wurde nach seinem Rücktritt nicht einmal mehr ersetzt.
Die Krise, die durch den Populismus verursacht wird, verstärkt zugleich den Populismus, denn Populisten mit einer autoritären Agenda profitieren weniger von der Lösung von Problemen als vom Beweis, dass Probleme in einem demokratischen Gemeinwesen unlösbar sind. In Frankreich, Deutschland und Großbritannien drohen rechtsextreme Parteien die Macht zu übernehmen. Die angekündigte Abrechnung wird Realität.
Die externe Bedrohung kommt nicht mehr nur aus dem Osten, sondern auch aus dem Westen. In einem Gespräch mit Journalisten während des VTB Investment Forums in Moskau am Dienstag, dem 2. Dezember, erklärte Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, sein Land sei bereit für einen Krieg mit Europa. Obwohl Europa bereits seit Jahren in einen hybriden Krieg mit Russland verwickelt ist, war es eine Drohung, die aufgrund ihrer undiplomatischen Direktheit großen Eindruck hinterließ.
Am Donnerstag, dem 4. Dezember, veröffentlichte die Regierung von Donald Trump ihre lang erwartete nationale Sicherheitsstrategie. Was die Haltung der USA gegenüber Europa betrifft, entspricht diese „National Security Strategy of the United States of America“ im Großen und Ganzen dem zuvor veröffentlichten Strategiepapier „The Need for Civilizational Allies“ in Europe vom 27. Mai 2025, aus dem ich einen Monat später an dieser Stelle zitiert habe. Während dieser frühere Strategieentwurf jedoch von einem hohen politischen Beamten verfasst worden war, wurde das aktuelle Dokument in charakteristisch überschwänglicher Weise vom Präsidenten selbst unterzeichnet.
Darin wird Europa als ein Kontinent beschrieben, der Gefahr läuft, einer „zivilisatorischen Auslöschung“ zum Opfer zu fallen. Die Ursache für diesen drohenden Untergang der Zivilisation ist laut der amerikanischen Regierung die Europäische Union, die „die politische Freiheit und Souveränität untergräbt, den Kontinent mit ihrer Migrationspolitik umgestaltet, Zwietracht sät und für Zensur, Unterdrückung der Opposition, sinkende Geburtenraten und den Verlust der nationalen Identität und des Selbstbewusstseins sorgt”.
Die Rechtsstaatlichkeit der konstitutionellen Demokratien in Europa und der Europäischen Union wird als „erstickend” und illegitim angesehen, da sie auf „instabilen Minderheitsregierungen“ beruht, die den Willen des Volkes ignorieren, und die amerikanische Politik wird darauf abzielen, „für echte Demokratie einzutreten“, womit absolute Demokratie gemeint ist, und „den Widerstand“ gegen den europäischen Kurs von Nationalisten in verschiedenen europäischen Ländern zu unterstützen. „Der wachsende Einfluss patriotischer politischer Parteien in Europa gibt Anlass zu großem Optimismus.”
Für eine deutliche Besteuerung der Superreichen muss bereits jetzt eine Basis geschaffen werden, aber das ist nur der erste Schritt
In Bezug auf Russland und den Krieg in der Ukraine hegt Europa „unrealistische Erwartungen”. Ohne die Unrechtmäßigkeit der russischen Invasion oder der russischen Kriegsverbrechen zu erwähnen, verdeutlicht das Strategiepapier die amerikanische Absicht, den europäischen Widerstand gegen die russische Aggression zu brechen und die Beziehungen zwischen Europa und Russland zu normalisieren. Eine weitere Ausweitung der NATO wird als unerwünscht angesehen, sodass die Ukraine die Hoffnung auf Schutz durch das Bündnis aufgeben und Europa die Verantwortung für seine eigene Sicherheit selbst übernehmen muss.
Mit anderen Worten: Die Vereinigten Staaten unterstützen Russlands jahrelange Bemühungen, die europäische Einheit zu zerstören und die Union zu demontieren. Die Ukraine und die europäische Sicherheit werden dem Bestreben Trumps geopfert, die Beziehungen zu dem von ihm bewunderten russischen Diktator zu normalisieren. Der einst selbstverständliche Schutz durch den wichtigsten ehemaligen Verbündeten Europas verkommen zu Erpressung, Einschüchterung und Aggression.
Dabei steuert das amerikanische Regime aktiv einen Regimewechsel in Europa an, indem es rechtsextreme, nationalistische, fremdenfeindliche Parteien unterstützt und die konstitutionellen Demokratien durch ein absolutistisches Modell ersetzen will, in dem das demokratische Mandat als Rechtfertigung für den Abbau des Rechtsstaats interpretiert wird. Dies lässt sich auch prägnanter formulieren. Die Vereinigten Staaten streben den Sieg des Faschismus in Europa an.
Das sind die Vorzeichen. Das ist es, was der Augur und der Haruspex sehen, wenn sie in die Zukunft blicken. Die Frage ist nun, was wir tun müssen, um dieses düstere Zukunftsszenario zu vereiteln. Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, sich von den Beschränkungen zu lösen, die uns ein vermeintlicher Realismus auferlegt, und stattdessen den Mut zu fassen, um grundlegende Lösungen durchzusetzen.
Wenn wir unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat vor dem Absolutismus erhalten wollen, müssen wir uns bewusst machen, dass keine Demokratie glaubwürdig, gerecht und nachhaltig ist, die wirtschaftliche Ungleichheit zulässt und deren Zunahme toleriert. Die von der extremen Rechten mobilisierte Unzufriedenheit ist insofern begründet, als sie auf der Wahrnehmung beruht, dass die Gesellschaft ungerecht ist. Während die extreme Rechte diese Unzufriedenheit schürt, anheizt und mit Sündenböcken kontert, sollte die Politik darauf abzielen, ihre Ursachen zu beseitigen, indem sie wirtschaftliche Ungleichheit beseitigt und den Reichtum umverteilt.
Für eine stärkere Besteuerung der Superreichen muss bereits jetzt eine breite Unterstützung geschaffen werden, aber das ist nur der erste Schritt. Zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit ist dem kapitalistischen System inhärent. Um die Ursachen für die ungerechte Verteilung der Ressourcen zu beseitigen, müssen die Regeln des perversen Spiels geändert werden, das Vermögen mehr Rendite einbringt als Arbeit und immer weniger Gewinner auf Kosten von immer mehr Verlierern hervorbringt. Durch die Einführung eines Grundeinkommens, die Regulierung des freien Marktes, die Verstaatlichung von Versorgungsunternehmen, ein Verbot von Börsenspekulationen und die Umverteilung von Vermögen sollten auf demokratischem Wege die Voraussetzungen für die Verwirklichung einer Alternative zum Kapitalismus geschaffen werden.
Wir sollten keine Angst davor haben, ärmer zu werden, denn Armut macht nicht unglücklich. Alles ist relativ. Das Einzige, was unglücklich macht, ist, ärmer zu sein als andere
Bedeutende Schritte zur Bekämpfung der Klimakrise sind ausgeschlossen, solange das Gewinnstreben privater Unternehmen weiterhin Einfluss auf die Entscheidungsfindung hat. Um unseren Planeten lebenswert zu erhalten, muss eine weltweite Verringerung des Konsums anstelle von Wirtschaftswachstum angestrebt werden, aber diese Selbstverständlichkeit lässt sich unmöglich mit unreguliertem Unternehmertum in Einklang bringen. Wir sollten keine Angst davor haben, ärmer zu werden, denn Armut macht nicht unglücklich. Alles ist relativ. Das Einzige, was unglücklich macht, ist, ärmer zu sein als andere. Ungerechtigkeit macht unglücklich.
Es ist offensichtlich, dass die Einzelstaaten Europas gegen die Aggression der Weltmächte keine Chance haben und dass die Notwendigkeit einer immer engeren Union umso dringlicher geworden ist, seit sich die Vereinigten Staaten auf die Seite der Feinde Europas gestellt haben.
Unser Überleben hängt von einem starken, einig handelnden Vereinigten Staaten von Europa ab, das den Mut hat, selbstbewusst und entschlossen als globaler Hüter der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der sozialen Gerechtigkeit und des Völkerrechts aufzutreten und als solcher ein Leuchtfeuer der Hoffnung für den Rest der Welt zu sein. Ein solches Europa steht in keiner Weise hinter einer Weltmacht zurück, außer in militärischer Hinsicht. Es ist daher unsere traurige Aufgabe, diesen Rückstand so schnell wie möglich aufzuholen, wozu wir die Mittel haben, vorausgesetzt, wir zeigen den Willen dazu. Die Stimme Europas muss so überzeugend erklingen, dass wir glaubwürdig auf einen Regimewechsel in Russland und Amerika hinwirken können.
„Die Demokratie hatte uns die Freiheit gegeben”, sagt Alkibiades in meinem Roman, „und damit einen heiligen Grund, warum wir den Krieg nicht verlieren durften, aber mit Demokratie konnten wir den Krieg nicht gewinnen.” Diese Vorhersage droht in unserer Zeit wahr zu werden, so wie sie sich in Alkibiades’ Zeit bewahrheitet hat, als Folge unserer Unfähigkeit, das allgemeine Interesse über das Eigeninteresse zu stellen. Die Hoffnung ist, dass ein beispiellos ehrgeiziges gemeinsames Projekt wie der Aufbau einer tatsächlich gerechten Gesellschaft und eines mächtigen Europas, das wie Athen in seiner Blütezeit ein Vorbild für die Welt sein will, zu Verantwortung und Begeisterung für das Gemeinwohl inspiriert. Das ist die einzige Hoffnung.
Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 13. Dezember 2025 unter dem Titel „De Verenigde Staten streven naar de overwinning van het fascisme in Europa“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute
Titelbild: © Hanna Penzer (2025)
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