Von Frederik D. Tunnat
Immer deutlicher wird mir bewusst, dass die alte Bundesrepublik Deutschland, die von 1949 bis 1990, nicht mehr existiert, dass sie untergegangen ist; ersetzt von einem namensgleichen Nachfolgestaat, eine Art Avatar namens wiedervereinigter Bundesrepublik Deutschland.
Das gegenwärtige Deutschland, mit maroder Infrastruktur, besonders im ehemaligen Westdeutschland, ist mittlerweile vor allen Dingen ein Land mit unpünktlicher Bahn und überfordertem öffentlichen Verkehr, wachsender sozialer Kluft, wirtschaftlich abgehängten neuen Bundesländern, in denen stattdessen zwei Dinge boomen: die Putin-Verehrung und die wiederauferstandenen Nazis. Das ehemalige Westdeutschland, einschließlich der alt-neuen Hauptstadt Berlin, wird mittlerweile von knapp einem Drittel Eingewanderter bevölkert, darunter eine wachsende Anzahl schlecht bis gar nicht integrierte Menschen, auf dem Weg zur größer werdenden Parallelgesellschaft innerhalb Deutschlands.
Solange man im Land bleibt und lebt, bemerkt man die schleichende Veränderung nur schattenhaft:
- die um sich greifende gesellschaftlich-soziale Krise,
- die allmächtige, wie Mehltau auf dem Land lastende Bürokratie, die sich durch Fortschrittsfeindlichkeit, Bewahrung von Traditionen, Hervorbringung immer neuer Vorschriften und Gesetze, höchste Krankenstände, aberwitzig hohe Pensionen und Besitzstandswahrung als Staat im Staat etabliert hat, sich jeglichem technischen wie demokratischem Fortschritt verweigernd, eiskalt und effektiv ihre Pfründe und Privilegien verteidigend, sich permanent ausweitend, das Gemeinwesen erstickend.
Wer jedoch wie ich, seit 1998 zunehmend, inzwischen seit mehr als einem Jahrzehnt vorwiegend im Ausland lebt, dem fällt es angesichts der gelebten Vergleiche zwischen der inzwischen disfunktionalen neuen Bundesrepublik und ihren europäischen Nachbarn in Nord und Ost leicht, zu vergleichen. Dieses Jahr verbrachte ich viel Zeit in Schweden, wie letztes Jahr in Dänemark, und generell, seit über einem Jahrzehnt, in Litauen, aber auch immer mal wieder in England und den USA.
Gerade Schweden erinnert mich schmerzlich und umfassend an die 1990 untergegangene Bundesrepublik. Nicht nur, dass hier alle Straßen blitzblank und frisch asphaltiert sind, wie im früheren Westdeutschland; die gesamte Infrastruktur macht in Schweden, trotz seiner Größe und Weite, seiner verstreut liegenden wenigen Großstädte und zahllosen kleinen Städte und Dörfer, einen rundum gutem Eindruck, wie er für die untergegangene West-Republik bis 1990 an der Tagesordnung war.
Die Behörden in Schweden agieren zwar ähnlich weit und umfassend in das Leben ihrer Bürger hinein, wie die frühere, effiziente Bürokratie Westdeutschlands, doch sind die schwedischen Behörden digital hoch gerüstet, bestens ausgestattet, allem technischen Fortschritt aufgeschlossen gegenüber, was es den verstreut lebenden Bürgern erleichtert, ihre Behördengänge und Kontakte weitgehend online und somit zeitsparend und kostengünstig abzuhandeln.
Obwohl die Lebenshaltungskosten in Schweden generell ein wenig höher zu veranschlagen sind, als in Deutschland, wobei es Bereiche wie ökologische Lebensmittel gibt, die im Vergleich zu Deutschland billiger und besser angeboten werden. Das Gros der Lebenshaltungskosten liegt auf vergleichbarem Niveau. Teurer in Schweden ist Alkohol, Süßes, also das, was eh der Gesundheit abträglich ist. Obst und Gemüse, das überwiegend eingeführt werden muss, ist frisch teurer, seltsamerweise als Tiefkühlkost günstiger als in Deutschland. Telefon, Internet, viele Dienstleistungen sind ebenso teuer wie in Deutschland, doch sowohl hinsichtlich landesweiter Abdeckung und technischem Standard zum gleichen Preis deutlich besser als im heruntergekommenen Deutschland. Dafür ist Strom, den die zahlreichen Elektroautos und Wärmepumpen Schwedens konsumieren, deutlich günstiger als in Deutschland, und wird zu höherem Anteil als dort aus erneuerbaren Quellen gewonnen, als da sind: Solar, Wind und Wasser. Selbst in vielen ländlichen Bereichen, wie in den Städten, ist Fernwärme als ökologisch sinnvolle Energie verfügbar, vielfach bereits bis zu 2/3 aus Wind und Solar oder Wasser gewonnen. Alternativ auch aus Biomasse.
Was die Jobs und das Einkommen betrifft, so hat Schweden gegenüber der verharzten und verbürgergeldeten Bundesrepublik unzweideutig und haushoch die Nase vorn! Hier wird nicht nur jede Tätigkeit auskömmlich honoriert, sprich bezahlt; die Bezahlung fällt so üppig aus, selbst für sogenannte einfache Tätigkeiten und Dienstleistungen, dass die Schweden davon mühelos ihr umfassendes, aber teures Sozialsystem finanzieren können. Es bleibt noch genug, um in der Regel zwei schöne Autos, meist aus schwedischer Produktion, also von Volvo oder vom insolventen Saab, vor der Tür stehen zu haben. Auf dem Land lebt das Gros der Menschen in eigenen vier Wänden. Zwar sind die Häuser in Schweden generell kleiner, oftmals einfacher erbaut als gemäß übertriebener deutscher Bürokratie und DIN Normen. Dennoch trotzen sie besser als die weit teureren, größeren Häuser Deutschlands der Kälte, dem Regen und dem Wind. Nur in den großen Städten lebt etwa die Hälfte der Menschen in Mehrfamilienhäusern, auch zur Miete, doch sind rund 60% der Wohnungen in privatem Eigentum.
Schweden legen großen Wert auf Familie und auf Life-Work-Balance. Erstaunlich viele Schweden üben, neben den Eingewanderten, auch einfache Tätigkeiten aus, die jedoch, anders als im Nachwende-Deutschland nicht prekär, sondern angemessen honoriert werden. Selbst einfache Handwerker, Müllmänner und LKW-Fahrer – Jobs, die in Deutschland fast nur noch Einwanderer machen – können sich hier ein eigenes Häuschen leisten, wobei die Häuser wie erwähnt, überwiegend deutlich kleiner und weniger üppig daherkommen als in Deutschland.
Selbst das Kulturelle kommt in Schweden auf dem Dorf und im Ländlichen nicht zu kurz. Noch Dörfer mit um die 1000 Einwohnern leisten sich eigene Bibliotheken, oft ein Kultur- und oder Begegnungshaus, verfügen über ein kleines Medizinzentrum, besitzen einen Supermarkt und oft sogar noch diverse kleine Läden, Dienstleister und Handwerker.
Die Rentner Schwedens können sich auf drei Säulen der Altersversorgung stützen: eine staatliche Grundrente, die deutsche Armutsrenten jämmerlich und als das aussehen lässt, was sie sind: soziale Folter. Daneben fließt Geld aus einer betrieblichen Rente und aus einer aktienfinanzierten Zusatz-Rente. Die schwedischen Renten liegen daher zwischen 1800 bis 2400 Euro. Davon ist ungefähr ein Viertel steuerfrei, der Rest zu versteuern. Da schwedische Rentner zu 66 bis 75% in abbezahlten Wohnungen oder Häusern leben, also Miete wegfällt, haben sie, verglichen mit der steigenden Anzahl deutscher Armutsrentner, ein sorgenfreies Auskommen, was sich nicht nur am tadellosen Haus und dem perfekt gestutzten englischen Rasen zeigt, sondern auch an den zwei schönen PKWs vor dem Haus, oft noch ein Campinganhänger oder Campingmobil, da schwedische Rentner, anders als deutsche, selten das eigene Land verlassen, sondern ihre Heimat im Sommer ausgiebig und gern bereisen. Den Rasen mähen inzwischen Mähroboter, um die teils hoch betagten schwedischen Hausbesitzer zu entlasten.
Da ich bereits seit den 1960er Jahren Skandinavien immer wieder bereiste, habe ich den unmittelbaren Vergleich zwischen der alten wie neuen Bundesrepublik und den nordischen Ländern über den Zeitraum von 50 bis 60 Jahren. Während es Dänen und Schweden vor einem halben Jahrhundert augenscheinlich noch deutlich schlechter ging, als den Nachkriegs-Wohlstandsdeutschen, gemessen an Straßenbau, Autos, Häusern, Infrastruktur, hat sich das Blatt seitdem um 180 Grad gewendet. Heute sind es Dänemark und Schweden, wo die Infrastruktur in einem Zustand ist, in dem sie in einem wohlhabenden Land sein sollte, während ich anlässlich von Besuchen in Deutschland nur noch den Kopf schütteln kann, ob der teils Dritteweltland-Zustände. Dass ich zunehmend bei Besuchen in Deutschland auf öffentliche Verkehrsmittel verzichte, also Bahn und Flugzeug meide, hat mit den sich jedes Jahr ausweitenden Verspätungen und chaotischen Zuständen auf Flughäfen und Bahnhöfen zu tun.
Es war eine fatale Fehlentscheidung, die Ex-DDR und ihre Bürger und maroden Betriebe samt maroder Infrastruktur sofort ins kapitalistische Haifischbecken zu werfen, statt ihr Zeit zur Anpassung und allmählichen Angleichung zu geben. Die aberwitzig hohe Summe, die in den Aufbau Ost floss, um dort eine nicht benötigte und fehl geplante Infrastruktur aufzubauen, um den Preis, den Westen verkommen zu lassen, erweist sich als gigantischer Fehler vornehmlich der CDU/CSU und Helmut Kohls. Statt versprochener blühender Landschaften im Osten, dürfen wir uns heute an Neonazis dort ohne Ende, und einem kaputt gewirtschafteten Staat im Westen erfreuen.
Die durch eine völlig fehlgeleitete Idee in den Sand gesetzte Wende brachte Deutschland nicht nur Massenarbeitslosigkeit ohne Ende, sondern eine völlig falsche Reaktion darauf, in Form der Hartz Gesetzgebung. Vor deren gewaltigen Zerstörungen und Trümmern stehen wir aktuell: massenhaft verarmte und armutsgefährdete Arbeitnehmer und Rentner. Massenhaft prekäre, nicht existenzsichernde Einkommen für zu viele arbeitende Menschen, was nicht nur die Kosten des Sozialstaats in die Höhe treibt (Aufstocker), sondern wie am Fließband neue Generationen von Armutsrentnern und Arbeitnehmer produziert, von denen schon heute klar ist, dass sie zukünftig vom Steuerzahler alimentiert werden müssen.
Demgegenüber haben die EU Partner in Nord und Ost weit effizienter und klüger agiert. Während Litauen und das Baltikum Jahr für Jahr sichtbar und statistisch nachweisbar aufholen und zum immer ärmer und kaputter werdenden Deutschland aufschließen, haben uns die einst ärmeren Gesellschaften Dänemarks und Schwedens deklassiert, überholt und gezeigt, wie man trotz hoher Steuern und Abgaben – vermutlich gerade deshalb? – das soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft im Rahmen hält, und es dennoch schafft, permanent in Infrastruktur, Bildung, Klimawandel, Kultur und Altersvorsorge zu investieren.
Wenn ich mich in Dänemark oder Schweden aufhalte, habe ich das Gefühl, wieder zurück in der untergegangenen Republik meiner Kindheit und Jugend zu sein. Vieles erinnert mich daran: so Kinder, die noch ohne Chauffeurdienste der Eltern selbst zur Schule gehen oder radeln. Eltern, die gemeinsam Zeit mit ihren Kindern verbringen, weil sie familienverträgliche Arbeitszeiten haben. Kinder, die nicht permanent vor TV, PC oder Handy sitzen, sondern noch auf der Straße oder im Garten miteinander spielen. Die gemeinsam zum Angeln gehen, oder Fahrrad fahren, oder sogar zu Fuß durch die Straßen schlendern.
Auch wenn – dank eingewanderter Kriminalität – die Banden in den Großstädten Schwedens ihr Unwesen treiben, im überwiegend ländlichen Schweden geht es noch zu wie in Pippi Langstrumpf Land. Man verschließt, wenn man spazieren geht oder mal kurz einkauft, nicht die Haustür. Zwar haben fast alle Schweden Alarmanlagen, um Einbrecher abzuschrecken, doch generell geht es hier noch zu wie im Nachkriegsdeutschland: man lebt entspannt, ohne Furcht vor Kriminalität, pflegt die Nachbarschaft. Jeder kennt jeden. Man grüßt und wird gegrüßt, selbst als Urlauber.
Trotz all der digitalen Technik, trotz Internet und Handy, in Skandinavien habe ich nicht den Eindruck wie in Deutschland, dass Kinder kaum noch eine Kindheit kennen: überbehütet, abgeschirmt, überfordert und verwöhnt werden, wie im Nachwende-Deutschland. In Skandinavien wachsen Kinder noch relativ normal auf, selbst wenn ihre Familien bunter geworden sind, patchworkiger, wie in Deutschland. Sie können und müssen sich noch selbst einbringen und beweisen, und sei es, allein den Weg zur Schule und zurück zu gehen. Sie pflegen noch ihr lokales und nationales Brauchtum, singen ihre alten Lieder, begehen des Königs Geburtstag oder den Midsommertag mit ihren Familien und Nachbarn. Hier können Kinder noch ihre Phantasie und Persönlichkeit entfalten, statt in vorgeplante Schablonen aus Sozialmedia-Vorgaben gepresst zu werden.
Wie auch immer: was mir in Schweden begegnet, macht auf mich in Summe einen weitaus normaleren, gesünderen Eindruck, als das, was ich aktuell in Deutschland sehe und erlebe. Das dürfte sicher auch an einer geringeren Verstädterung Schwedens liegen, aber eben auch an den sozialen Basics, die dort noch denen entsprechen, wie sie in der untergegangenen Bundesrepublik Standard sozialer Marktwirtschaft waren:
- Auskömmliches Einkommen und hinreichende Renten.
- Möglichkeiten Vermögen zu bilden, ein Haus zu bauen oder zu erwerben.
Und all das ist dort ohne Problem unter einen Hut zu bringen: life – work – balance eben.
Mir will nicht in den Kopf, weshalb wir – wofür eigentlich und für wen? – das bewährte von der Mehrheit der Gesellschaft akzeptierte Modell der sozialen Marktwirtschaft über den Haufen geworfen haben.
Das, was wir nun, nach mehr als 30 Jahren Nachwendezeit in Deutschland als Resultat der veränderten, deutlich verschlechterten Rahmenbedingungen sehen, wird in Schweden konterkariert, trotz hoher Steuern und Abgaben, durch sehr hohe Löhne, dank denen die Skandinavier nicht nur noch immer existieren, sondern deutlich besser als wir Deutsche, für ihre Bürger allemal überzeugender und zufriedenstellender, als unser inzwischen ad absurdum geführtes System sozialer Kälte in der Nachwende-Bundesrepublik.
Leider sieht es so aus, als ob CDU/CSU nicht willens oder in der Lage sind, zu erkennen, welch verhängnisvolle Fehler sie als Regierungspartei gemeinsam mit FDP und SPD da in 35 Jahren verzapft haben. Aktuell, mit den gewaltigen neuen Schulden, einer neuen Regierung und einem neuen Kanzler bestünde die Möglichkeit, das Ruder herumzureißen, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Statt dessen sieht es so aus, als wolle Kanzler Merz nicht mehr und nicht weniger, als ein weiter so, einen erwiesenen Irrweg fortsetzen.
Der Abgrund ist näher als es scheint. Die AfD als Stellvertreter all der enttäuschten und verarmten Bürger Deutschlands steht ante portas. Höchste Zeit, den Blick gen Norden schweifen zu lassen, sich wieder auf das Soziale und die Marktwirtschaft, statt auf den Raubtier-Kapitalismus zu verlassen. Skandinavien hat bewiesen – immerhin mit vier Ländern – dass es keinen Widerspruch bedeutet, das Soziale, Ausgewogene in der Wirtschaft, in Gesellschaft und Staat aufrecht und hoch zu halten. Auch mit höheren Löhnen und Renten kann man erfolgreich, erfolgreicher als die fehlgeleitete Bundesrepublik, die Anforderungen des digitalen Zeitalters, des Klimawandels und der sozialen, gesellschaftlichen Balance bewältigen.
Sich als Deutscher in Dänemark oder Schweden, Norwegen oder Finnland wohler zu fühlen, als im Land seiner Geburt, empfinde ich als bedenklich. Würden mehr Deutsche den Norden bereisen, ihnen würde es ähnlich mir ergehen, ihnen würde es wie Schuppen von den Augen fallen.
Titelbild: Karlheinz Klingbeil CC BY-NC-SA 2.0 DEED via FlickR
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