Jeder Politiker, der den Bauern Perspektiven bietet und ihnen vorgaukelt, dass sie wie gewohnt weitermachen können, lügt, schreibt Ilja Leonard Pfeijffer in seinem fünften Essay für De Morgen. Darin wirft der Autor ein anderes Licht auf den Bauernaufstand, der Europa erschüttert.
Essay von Ilja Leonard Pfeijffer | 4. März 2024
Der Höhepunkt des Romans Serotonin von Michel Houellebecq, einem gut geschriebenen, aber schlechten Buch, das Anfang 2019 erschien, ist eine Bauerndemonstration. Normannische Viehzüchter blockieren die Kreuzung der A13 von Caen nach Paris und der A132 von Deauville. Als die Bereitschaftspolizei eintrifft, schießen sie mit einem Raketenwerfer die Kraftstofftanks eines Mähdreschers und eines Maishäckslers in Brand.
Während eine Flammensäule vor dem Hintergrund von danteskem, schwarzem Rauch aufsteigt, schießt sich der Großgrundbesitzer Aymeric in den Kopf, woraufhin die Bauern mit Jagdgewehren das Feuer auf die Bereitschaftspolizei eröffnen, die das Feuer erwidert. Neun Bauern werden auf der Stelle getötet. Ein zehnter stirbt in der Nacht im Krankenhaus von Caen, ebenso wie ein Polizist.
Auch unsympathische Schriftsteller können Visionäre sein. Derzeit, genau fünf Jahre nach Erscheinen des Romans, wird ganz Europa von Bauernunruhen erfasst. Zwar gibt es noch keine Toten, aber die Traktoren, die die Straßen blockieren, brennende Heuballen, schwarzer Rauch und die grimmige Entschlossenheit der wütenden Bauern haben immerhin die Kulisse dafür geschaffen.
Lässt man das moderne schwere Gerät, das zum Einsatz kommt, außer Acht, hat das Ganze fast etwas beschwichtigend Mittelalterliches, wütende Bauern, die mit Heugabeln auf Paläste und Residenzen zustürmen, und in dieser Hinsicht passt das Bild hervorragend zu der Gegenbewegung, die in dieser Zeit in Gang gesetzt wurde.
Empörung in Brüssel
In jedem Land sind die Bauern über etwas anderes verärgert, und auch die Bauernverbände innerhalb der einzelnen Länder sind sich nicht immer völlig einig. Dies macht eine Analyse des Problems kompliziert. In den Niederlanden und Belgien sind die Umweltanforderungen für Stickstoffemissionen der Hauptgrund für den Unmut; in Deutschland und Frankreich spielen die Subventionen für Diesel eine Rolle; in Italien geht es vor allem um die prekäre Lage kleiner Landwirte in einem globalisierten Markt und um Steuervergünstigungen, die zu Unrecht abgeschafft worden seien; in Spanien, Portugal und Griechenland wird gegen die europäischen Vorschriften protestiert; in Polen fürchten die Landwirte unlauteren Wettbewerb aus der Ukraine; und überall erkennen sich die Landwirte in den Beschwerden ihrer ausländischen Kollegen wieder, denen sie noch hinzufügen möchten, dass sie Opfer der Kapriolen einer weltfremden Elite sind, die in schicken Städten auf ihren Plüschsesseln sitzt und noch nie Lehm an den Schuhen hatte.
Die Gleichzeitigkeit der Bauernaufstände in den verschiedenen Ländern Europas legt nahe, dass sich hinter der Vielfalt der Beschwerden ein gemeinsames, übergeordnetes Problem verbirgt. Die Versuchung ist groß, zu glauben, dass Europa das Problem ist. Europa selbst würde dem als Erster zustimmen. Nirgendwo ist die Kritik an der europäischen Agrarpolitik so heftig wie in den Brüsseler Büros, wo sie ausgearbeitet wird.
Die Agrarsubventionen sind ein Erbe aus den 1960er Jahren, als die Lebensmittelversorgung auf dem Kontinent im Rahmen des Wiederaufbaus gesichert werden musste. Diese Förderpolitik wurde nie wesentlich angepasst und verfehlt schon seit Jahrzehnten ihr Ziel. Heutzutage wird nicht weniger als ein Drittel des Gesamtbudgets der Europäischen Union (ich wiederhole: nicht weniger als ein Drittel des Gesamtbudgets) für Agrarsubventionen reserviert, während der Agrarsektor nicht mehr als 1,4 Prozent des Bruttosozialprodukts der Mitgliedstaaten der Union ausmacht.
Zudem war die europäische Agrarpolitik in den Nachkriegsjahren auf Wachstum und Effizienz ausgerichtet. Angesichts der damaligen Nahrungsmittelknappheit war dies gerechtfertigt. Aber die EU-Agrarpolitik wurde nie aktualisiert. Nach wie vor wird die Höhe der Subventionen auf der Grundlage der Hektarzahl berechnet, die ein Landwirt besitzt, mit der Folge, dass die Großverdiener – die 20 Prozent aller Landwirte ausmachen – 80 Prozent der Subventionen einstreichen. Die italienische Zeitung La Repubblica hat berechnet, dass 83 Prozent aller italienischen Landwirte 5.000 Euro oder weniger an Subventionen erhalten, während die Großverdiener, die 0,03 Prozent der gesamten Landwirte in Italien ausmachen, 14 Prozent der europäischen Finanzmittel erhalten, was einem Betrag von 300.000 Euro pro Person entspricht.
De facto subventioniert Europa die Millionäre und multinationalen Konzerne der Agrarindustrie mit maßlosen Ausgleichszahlungen. Die europäischen Beamten in Brüssel sind sich dessen bewusst und darüber empört. Beinahe jährlich wird ein Bericht mit wohlüberlegten Vorschlägen zur Reform dieser Politik verfasst. Jedes Mal, wenn der Agrarhaushalt für sieben Jahre festgelegt werden muss, drängen die Brüsseler Büros auf eine grundlegende Überarbeitung der Mechanismen, die die Großverdiener begünstigen, und auf die Einführung eines Systems, das den Kleinbauern hilft, anstatt die Gewinner des kapitalistischen Wettlaufs zu belohnen.
Doch diese Vorschläge werden nie umgesetzt. Die nationalen Staats- und Regierungschefs entscheiden über den Agrarhaushalt, und sie alle stehen unter dem Druck der Lobby der Milch- und der Agrarindustrie. Obendrein ist es nicht en vogue, in die autonomen Mechanismen des freien Marktes einzugreifen, selbst wenn die negativen Auswüchse der Marktkräfte durch die Subventionierung der Gewinner in unangemessener Weise verstärkt werden.
Dies ist übrigens genau die Art und Weise, wie das Problem von Florent-Claude Labrouste, dem Ich-Erzähler in Houellebecqs Serotonin, analysiert wird. Ich zitiere die hervorragende Übersetzung von Martin de Haan: „Ich erinnerte mich, dass ich selbst fast fünfzehn Jahre lang immer Recht gehabt hatte in meinen zusammenfassenden Notizen, in denen ich den Standpunkt der lokalen Bauern verteidigte, immer realistische Zahlen angegeben, vernünftige Schutzmaßnahmen und wirtschaftlich tragfähige kurze Nahrungsmittelketten vorgeschlagen hatte, aber ich war nur ein Agronom, ein Fachexperte, und am Ende hatte ich immer den Kürzeren gezogen, alles war im letzten Moment immer zugunsten des freien Marktes, des Produktivitätswettlaufs ausgefallen, also öffnete ich noch eine Flasche Wein, die Nacht war nun über die Landschaft hereingebrochen, Nacht ohne Ende, wer war ich, dass ich glaubte, ich könnte etwas am Lauf der Welt ändern?“
All dies wirft ein anderes Licht auf den Bauernaufstand, der durch Europa rollt. Die Straßen werden nicht von den rostigen Traktoren verzweifelter Kleinbauern blockiert, die an ihren Tieren hängen, deren Namen sie in schlaflosen Nächten seufzen und die von der Brüsseler Bürokratie unterdrückt werden, sondern von Großverdienern, die ihre Privilegien nicht aufgeben wollen.
Keine Lösung
Das Geschäftsmodell der Agrarindustrie steht in zweierlei Hinsicht unter Druck.
Zum einen ist es für Umweltverschmutzer unbequem, wenn sie mit Umweltschutzanforderungen konfrontiert werden. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Nutztierhaltung, die sich gerne als Lebensmittelproduzent präsentiert, im Grunde genommen ein Lebensmittelverschwender ist. Die gesetzlich festgelegten Normen für Naturwiederherstellung und Biodiversität sowie die moralische Verpflichtung, den Hunger in ärmeren Teilen der Welt nicht noch weiter zu verschlimmern, machen eine drastische Reduzierung des Viehbestands unumgänglich.
Zum anderen ist da die verdammte Globalisierung. Nachdem die Agrargenossenschaften die Kleinbauern mit Dumpingpreisen aus dem Markt gedrängt haben, werden sie nun selbst von noch billigeren Produkten aus anderen Teilen der Welt bedrängt. Eurostat hat berechnet, dass die Preise, die europäische Landwirte 2023 für ihre Produkte erhielten, im Durchschnitt 9 Prozent niedriger waren als 2022. Marktmechanismen sind für niemanden angenehm, das hätte ich ihnen schon zuvor sagen können, aber niemand hat das Recht, sich über die Mechanismen des freien Marktes zu beschweren, wenn er jahrelang davon satt profitiert hat.
Die Lösung für dieses Problem kann nicht in einer romantischen Vorstellung vom Landleben und in der nostalgischen und naiven Vision liegen, die Liebe der blassen Stadtkinder zu den raubeinigen Bauern wiederherzustellen, indem man Schulkinder dazu verpflichtet, Gummistiefel anzuziehen und Kühe auf dem Bauernhof zu streicheln, wie Jonathan Holslag an dieser Stelle vorgeschlagen hat. Die Lösung ist eine ehrliche europäische Agrarpolitik, aber wenn diese wirklich ehrlich ist, wird sie das Ende vieler landwirtschaftlicher Betriebe bedeuten.
Die Lösung besteht darin, anzuerkennen, dass es keine Lösung gibt. Als der Präsident der italienischen Zentralbank, Fabio Panetta, bei einer Veranstaltung, die sich mit ganz anderen Themen befasste, nach seiner Meinung zu den Bauernprotesten gefragt wurde, antwortete er, dass ihn diese Proteste überraschten. „Die Landwirtschaft ist aus wirtschaftlicher Sicht keine rentable Tätigkeit”, stellte er mit der Beiläufigkeit fest, mit der man Selbstverständlichkeiten in Erinnerung ruft. „Dieser gesamte Wirtschaftszweig wird nur durch Subventionen am Leben erhalten. Aber das ist nichts Neues. Das wissen wir schon seit Jahrzehnten.”
Wir werden uns zwischen den Bauern und dem Erhalt der Natur und unseres Planeten entscheiden müssen. Wir müssen eine Entscheidung treffen zwischen dem Anbau von Futtermitteln für die intensive Viehzucht und dem Anbau von Nahrungsmitteln für Menschen. Jeder Politiker, der den Bauern Perspektiven anbietet und ihnen vorgaukelt, sie könnten so weitermachen wie bisher, lügt. Und den lieben, kleinen Biobauern, die wir so gerne unterstützen möchten, romantisch wie wir sind, können wir nur dann wirklich helfen, wenn wir uns vom heiligen Dogma der Segnungen des freien Marktes lossagen. Aber wie Fredric Jameson sagte, oder war es Slavoj Zizek: Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.
Politische Ausbeutung
Doch damit ist leider noch nicht alles gesagt. Was den Bauernaufstand so explosiv macht, ist, dass es bei den Protesten nicht nur um die Landwirtschaft geht. Die wütenden Bauern stehen symbolisch für eine konservative Offensive im Kampf um die kulturelle Hegemonie, der in unseren Ländern ausgetragen wird. Sie stehen nicht nur für bäuerliche Belange, sondern auch für Zwarte Piet*. Ihr Widerstand gegen Europa geht einher mit einer Abneigung gegen Wokeness, Asylsuchende, Umwelt, Lastenfahrräder und Vegetarier.
Ihre Verbundenheit mit ihrem Land garantiert eine gesunde, autochthone Voreingenommenheit, und ihre Treue zu Traditionen sorgt für ihr althergebrachtes Misstrauen gegenüber allen neuen kulturellen Errungenschaften. Sollte dies eine Karikatur sein, was ich aufrichtig hoffe, dann stammt sie nicht von mir, sondern von den rechten und rechtsextremen Politikern, die die rebellischen Bauern als Verbündete ihrer rachsüchtigen kulturellen Gegenreformation umarmen.
Das fast mittelalterliche Bild von wütenden Bauern, die die Eliten angehen, ist ein viel zu starkes Symbol, um nicht politisch ausgenutzt zu werden. Damit wird es unmöglich, die Frage, ob man Verständnis für die Bauernproteste hat oder nicht, noch auf der Grundlage einer rationalen Analyse zu beantworten. Die Frage wird verzerrt zu der Frage, ob man für oder gegen die Bauern ist, und die Antwort darauf ist zu einer Identitätsfrage geworden. Sie zeigt, auf welcher Seite man im kulturellen Bürgerkrieg steht.
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Ilja Leonard Pfeijffer hat den LECTIO-Lehrstuhl an der KU Leuven inne. Am Mittwoch, dem 17. April, hält er einen öffentlichen Vortrag über Alkibiades und Populismus und diskutiert über Literatur und Geschichte. Möchten Sie dabei sein? Die Anmeldung ist unter www.kuleuven.be/lectio möglich.
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* Zwarte Piet = Schwarzer Peter. In den Niederlanden entspricht diese Figur in etwa der in manchen Regionen Deutschlands bekannten Figur des Knecht Ruprecht als Begleiter des Nikolaus’. (A.d.Ü.)
Dieser Essay von Ilja Leonard Pfeijffer erschien ursprünglich am 2. März 2024 unter dem Titel „De wegen worden niet geblokkeerd door wanhopige keuterboertjes, maar door grootverdieners die hun voorrechten niet kwijt willen“ in der belgischen Zeitung „De Morgen“. Übersetzung ins Deutsche: Jürgen Klute
Titelbild: © Hanna Penzer
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